Die Perzeption des Opfers bei Zarathustra


Hausarbeit (Hauptseminar), 2009

19 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Verschiedene Opfervorstellungen und Opferformen
2.1 Das Blutopfer
2.2 Das nicht-materielle Opfer

3 Die Lehren des Zarathustra
3.1 Das Avesta
3.2 Der Prophet Zarathustra
3.3 Die religiöse Lehre Zarathustras

4 Die Perzeption des Opfers bei Zarathustra
4.1 Das materielle Opfer
4.2 Das nicht-materielle Opfer

5 Schluss

6 Bibliographie

1 Einleitung

Von vielen modernen Religionsforschern wird das Opfer als die heilige Handlung schlechthin, als Wesenselement der Religion angesehen.[1] Dementsprechend gibt es so gut wie keine Religion, die nicht Opfer in irgendeiner erdenklichen Form kennt. So unterschiedlich jedoch die Religionen sind, so unterschiedlich ist auch die Perzeption vom Opfer. Während die altiranischen Religionen, die der des Propheten und Religionsstifters Zarathustra vorausgingen, sehr ritualträchtig waren und speziell das Opferritual eine wichtige Bedeutung innehatte, attestieren viele Autoren Zarathustras Lehre eine gewisse „Reinheit“, die vor allem der inneren Haltung eine besondere Wichtigkeit einräumte.

Ich möchte mich in dieser wissenschaftlichen Arbeit der Fragestellung widmen, wie das Opfer in Zarathustras Schriften thematisiert wird.

Diese Frage ist insofern von Belang als der Aspekt des Blutopfers bei Zarathustra in der Wissenschaft hoch umstritten ist: Einige Autoren lesen aus den Gāthās eine strikte Ablehnung des Opferrituals heraus, andere argumentieren, in den zoroastrischen Gemeinden der nachzarathustrischen Periode seien sehr wohl Formen des Opfers – auch des Blutopfers – praktiziert worden. Hierbei ist auch anzumerken, dass die Übersetzungen der Primärtexte teilweise stark divergieren, was eine zusätzliche Schwierigkeit für die Interpretation darstellt.

Deswegen dient diese Arbeit natürlich weder der definitiven Klärung dieser Problematik noch der Suche nach endgültigen Antworten, sondern soll vor allem einen Überblick liefern. Dazu sollen zunächst allgemein die verschiedenen Formen des Opfers und die entsprechenden Opfervorstellungen dargelegt werden. Anschließend sollen Zarathustras wichtigste religiöse Prinzipien und deren Vereinbarkeit mit dem Opferritual untersucht werden, wobei ein besonderes Augenmerk auf die Perzeption des Blutopfers und des Haomaopfers gelegt wird. Als Primärtexte werde ich dabei ausschließlich die Gāthās berücksichtigen, da diese bei den meisten wissenschaftlichen Autoren als originäre Schriften Zarathustras gelten und da eine Untersuchung des gesamten Textkorpus des Avesta den inhaltlichen Rahmen sprengen würde.

Schließlich sollen die Gāthās auf mögliche „alternative“ Formen des Opfers – beispielsweise in Gestalt des nicht-materiellen Opfers – untersucht werden.

2 Verschiedene Opfervorstellungen und Opferformen

Das Opfer ist für Max Ten Hompel „die intensive Zusammenfassung aller Grundbestrebungen und Grundelemente der Religion“.[2] Doch trotz der Bedeutung, die dem Opfer in vielen Religionen zukommt, divergieren die Formen des Opfers wie auch die Motive für das Opfer je nach Religion. Ein gemeinsames Grundmerkmal des Opfers ist jedoch nach Friedrich Heil[3] die Hingabe, der Verzicht um des Heiligen willen.

Der französische Philosoph Alfred Loisy grenzt Sacrifice von der einfachen Gabendarbringung (offrande) ab. Für ihn nimmt das Opfer vielmehr den Status einer heiligen Handlung (sacrificium) ein.[4] Diese Auffassung des prädeistischen Ursprungs des Opfers räumt dem geopferten Objekt – beispielsweise in Form eines Mensches, eines Tieres oder einer Pflanze – eine größere Bedeutung ein als dem Gott, dem geopfert wird. Das Opfer wird vor allem als heilige Handlung angesehen. Diese Auffassung von Opfer kann mit dem lateinischen Begriff operari („ausführen“) umschrieben werden. Heil bezeichnet diesen Vorgang des Opferns als „Zauberhandlung“, bei der ein Objekt vernichtet wird. Das römische robigalia -Opfer etwa übte die Funktion eines Ähnlichkeitszaubers aus: Das geopferte Tier – meistens ein Schaf oder ein Hund – wurde als Symbol für den Schaden gesehen, der die Ernte befallen konnte. Die dazugehörige Gottheit Robigus wurde erst später konstruiert.

Das Gabenopfer dagegen beruht auf einem anthropomorphistischen Gottesbild. Dem Gabenopfer liegt die Annahme zugrunde, dass das Opfer der Gottheit gefällt bzw. dass sie einen direkten Nutzen vom Opfer hat. Diese Vorstellung von Opfer kann am treffendsten mit dem lateinischen Verb offerre („darbringen“, „überreichen“) beschrieben werden.

Im zweiten Buch Mose gebietet Jahwe: „Ihr sollt nicht mit leeren Händen vor mir erscheinen“ (2. Mos. 23, 15). Durch das Opfer wird also erst die Anerkennung Gottes geltend gemacht. Im Gegenzug erhält der Opfernde die Gnade und das Wohlwollen Gottes.[5]

Hubert und Mauss vergleichen das Opfer mit einer Art Vertrag. Das Opfer stelle in erster Linie einen Verzicht dar. Dieser sei jedoch nicht immer freiwilliger Art, sondern komme in gewisser Weise auch einer Pflicht gleich. Im Gegenzug sei sich der Opferer dafür der göttlichen Gnade sicher: „The sacrifier gives […] partly in order to receive. Thus sacrifice shows itself in a dual light; it is a useful act and it is an obligation. Disinterestedness is mingled with self-interest. That is why it has so frequently been conceived of as a form of contract.”[6] Das Gabenopfer beruht also auf dem Grundsatz des Do ut des („ich gebe, damit du gibst“). Der Gottheit wird all das überreicht, was für den Menschen wertvoll ist und von dem angenommen wird, dass es einen Nutzen für die Gottheit darstellt: Tiere, Schmuck, Früchte, Gebäck, Blumen. In ägyptischen und hinduistischen Tempeln wird den Göttern eine regelrechte Verpflegung mit mehreren Mahlzeiten täglich dargebracht.

Gleichzeitig beruht jedoch auch das Gabenopfer nicht ausschließlich auf einem anthropomorphistischen Motiv: In den Brāhmana dehi me dadāmi te wird der Sinn des Do ut des eher als Do ut possis dare („ich gebe, damit du geben kannst“) verstanden – der Opferer schenkt dem Gott Mana („Macht“), damit dieser ihm wieder Mana zukommen lassen kann.

Der Akt des Opferns schafft gewissermaßen eine Verbindung zwischen Schenker und Beschenktem, beide haben Teil an der Mächtigkeit des Geschenkten.

2.1 Das Blutopfer

Eine spezielle Form des Opfers ist das Blutopfer. Das Blutopfer steht in engem Zusammenhang mit den Reinigungsriten, denn das Blutopfer dient zur Bereinigung der Sünden und zur Milderung des göttlichen Zorns.

Dabei verbinden sich zauberhafte und anthropomorphistische Ansätze, denn das tiefer liegende Motiv beim Blutopfer besteht in der Ladung eines heiligen Gegenstandes durch die Kraft- und Seelensubstanz des Blutes. Geopfert werden meist Tiere, jedoch bisweilen auch Menschen. Die Tieropfer begründen sich mit der Idee einer Stellvertretung des Menschen. Aber auch Menschenopfer waren in vielen Religionen verbreitet – vor allem in der antiken Welt, bei den Griechen, Römern, Germanen und Kelten. Die Menschenopfer sind in besonderer Weise als Sühneopfer, durch die der Zorn der Gottheit gestillt werden soll, zu begreifen.

Beim Menschenopfer kommen in besonderer Weise zauberhafte Motive zur Geltung: Das Fleisch bestimmter Menschen wurde verzehrt, weil es Mana enthielt; vor allem dem Herz und dem Schädel schrieb man eine besondere Lebenskraft zu.

Bei den Azteken nahmen diese Menschenopfer enorme Ausmaße an: Bei der Weihe des Haupttempels in Mexiko 1487 wurden in vier Tagen zwischen 20 000 und 80 000 Menschen geopfert.[7]

2.2 Das nicht-materielle Opfer

Besonders in den höheren Religionen und der Philosophie wurde jedoch häufig Kritik am materiellen Opfer geübt.Dem lagen sowohl metaphysische wie auch ethische Einwände zu Grunde. So lässt der israelitische Psalmist Jahwe sprechen: „Ich will nicht aus deinem Hause Farren nehmen noch Böcke aus deinen Ställen. Denn alle Tiere des Waldes sind mein wie das Vieh auf den Bergen… Wo mich hungerte, wollte ich dir nicht davon sagen, denn der Erdboden ist mein und alles, was drin ist. Meinst du, dass ich Ochsenfleisch äße und Bocksblut tränke?“ (Ps, 50, 9. 12 f.) Der Prophet Samuel fordert das Einnehmen einer inneren Haltung statt das Ausführen des Opfers: „Gehorsam ist besser denn Opfer und Aufmerkung besser denn das Fett von Widdern“. (1. Sam. 15, 22)

Die Propheten Amos, Micha, Jesaja und Jeremia sehen das äußere Opfer geradezu als Frevel und Gräuel an und verkünden, dass Jahwe stattdessen ethische Gesinnung und Tat fordere. In den höheren Religionen wird das Opfer dementsprechend häufig auf eine geistig-sittliche Ebene übertragen. Im Römerbrief (12, 1) werden diese als „geistliche Opfer“ bezeichnet. Als wahres Opfer gilt beispielsweise das Lob- und Dankgebet. Der Psalmist schreibt dazu: „Opfere Gott Dank und bezahle dem Höchsten deine Gelübde“ (Ps. 50, 14). Im talmudischen Judentum gilt neben dem Gebet auch das Schriftstudium als Opfer: „Reine Opfergabe, das ist das Torastudium in Reinheit; wer sich mit der Tora beschäftigt, ist wie einer, der ein Brandopfer und ein Speiseopfer, ein Sühneopfer und ein Schuldopfer darbringt“ (Baba mes. 110 a). Im Judentum und im Frühchristentum wird auch die Buße als geistliches Opfer aufgefasst.

Darüber hinaus wird jede sittliche Gesinnung und Tat als Opfer begriffen. In der vedischen Bhagavadgītā werden Selbstbeherrschung, Yoga und Erkenntnis als Opfer bezeichnet. Auch im Christentum wird die Beherrschung der leiblichen Triebe als Opfer angesehen, genauso wie auch die Nächstenliebe: „Wohlzutun und mitzuteilen vergesset nicht, denn solche Opfer gefallen Gott wohl“ (Hebr. 13, 16). Eine weitere Form des nicht-materiellen Opfers ist die mystische Selbsthingabe an Gott, die beispielsweise im Gebet vollzogen wird, wie sie unter anderem die islamischen Mystiker beschreiben. Ğelāl ed-dīn Rūmī besingt die Selbstopferung im Gebet:

[...]


[1] Heil, Friedrich, Erscheinungsformen und Wesen der Religion, Stuttgart 1979, S. 204.

[2] Ten Hompel, Max, Das Opfer als Selbsthingabe und seine ideale Verwirklichung im Opfer Christi, Freiburg 1920.

[3] Heil, S. 204 ff.

[4] Loisy, Alfred, Essai historique sur le sacrifice, Paris 1920.

[5] Heil, S. 205 ff.

[6] Hubert, Henri, und Mauss, Marcel, Sacrifice: its nature and function, London 1964, S. 100.

[7] Heil, S. 210 f.

Ende der Leseprobe aus 19 Seiten

Details

Titel
Die Perzeption des Opfers bei Zarathustra
Hochschule
Universität zu Köln
Veranstaltung
Religiöse Erfahrung und Repräsentation
Note
1,0
Autor
Jahr
2009
Seiten
19
Katalognummer
V138413
ISBN (eBook)
9783640476411
ISBN (Buch)
9783640476510
Dateigröße
523 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Perzeption, Opfers, Zarathustra
Arbeit zitieren
Lisa Rauschenberger (Autor), 2009, Die Perzeption des Opfers bei Zarathustra, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/138413

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