Nach der Wiedervereinigung und mit dem Ende des Kalten Krieges ist das Verhältnis zwischen Bundesrepublik und USA ambivalenter geworden, wie sich vor allem im Vorfeld des Irak-Krieges von 2003 zeigte. Gregor Schöllgen spricht vom Ende der „transatlantischen Epoche“ und fordert eine neu begründete Partnerschaft zwischen Europa und den USA. Helga Haftendorn plädiert für „gleichgewichtige und stabile […] Beziehung[en]“ zwischen Deutschland und den USA im Rahmen eines stärkeren Europa. Haftendorn betont die insgesamt bemerkenswerte „Kontinuität der deutschen Außenpolitik“ , die jedoch jetzt vor ganz neuen Bedingungen stehe als zu Zeiten des Kalten Krieges. Auch Christian Hacke mahnt ein neues außenpolitisches Selbstverständnis von „transatlantischer Gemeinsamkeit“ an. All diese Meinungen wurden unter dem Eindruck des Irak-Krieges und einer tiefgehenden Krise der Beziehungen geäußert. Jedoch stellt sich die Frage, wie es zu dieser in der Forschung beschriebenen Entfremdung zwischen den USA und der Bundesrepublik kommen konnte. Das 60. Jubiläum der Gründung der Bundesrepublik bietet sich an, um den Stand der Beziehungen zwischen der Bundesrepublik und den USA zu untersuchen.
Wie war die Ausgangslage der deutsch-amerikanischen Beziehungen, welche dauerhaften Konstanten bildeten sich heraus, wo gab es Brüche oder Verschiebungen? Wie wird die heutige Lage beurteilt und welche Perspektiven zeichnen sich ab? Hierzu sollen in dieser Arbeit vor allem bereits vorliegende Forschungsergebnisse gesammelt und verglichen werden. Aus dieser Zusammenstellung sollen Schlussfolgerungen zum Stand der Beziehungen und zu möglichen Entwicklungsperspektiven gezogen werden. Der Schwerpunkt soll hierbei auf den direkten bilateralen Beziehungen der beiden Staaten liegen, ohne jedoch die vielfältigen Vernetzungen beider Staaten in internationalen Organisationen auszuklammern. Diese sollen dabei nur soweit beachtet werden, wie sie das direkte Verhältnis beider Staaten berühren. Weiterhin sollen vor allem die außen- und sicherheitspolitischen Verbindungen beider Staaten betrachtet werden und kulturelle und wirtschaftliche Verbindungen aus Platzgründen ausgeklammert bleiben. Ziel der Untersuchung ist es, Entwicklungslinien und Perspektiven aufzuzeigen.
Inhaltsverzeichnis
Einleitung
I. Die deutsch-amerikanischen Beziehungen in der Adenauer-Zeit 1949-1963
a) Entwicklung der Beziehungen 1949-1955 – Parallelität der Interessen
b) Die Rolle Konrad Adenauers für die Entwicklung der Beziehungen
c) Spannungen im deutsch-amerikanischen Verhältnis 1955-1963
d) Zwischenfazit
II. Entwicklung der Beziehungen in der Zeit des Ost-West-Konfliktes 1963-1969
a) Ausgangslage zum Ende der Regierungszeit Konrad Adenauers
b) Die Annäherung an Frankreich und deutsch-amerikanische Irritationen
c) Zwischenfazit
III. Entwicklung der Beziehungen in der Zeit des Ost-West-Konfliktes 1969-1982
a) Parallelität der Entspannung und wirtschaftliche Differenzen
b) Sicherheitspolitische Aspekte der deutsch-amerikanischen Beziehungen
c) Zwischenfazit
IV. Entwicklung der Beziehungen in der Zeit des Ost-West-Konfliktes 1982-1990
a) Grundpositionen und Entwicklung bis zur Wiedervereinigung
b) Die Wiedervereinigung und die deutsch-amerikanischen Beziehungen
c) Zwischenfazit
V. Das wiedervereinigte Deutschland und die Beziehungen zu den USA 1991-2001
a) Deutschland und die Sicherheitspolitik 1991-1995
b) Die europäische Sicherheit, die USA und die NATO
c) Zwischenfazit
VI. Außenpolitik in Zeiten des Terrorismus und globaler Neuorientierung 2002-2009
a) Der Irak Krieg und eine deutsche außenpolitische Revolution 2002-2004
b) Deutsche Außenpolitik zwischen Kontinuität und Wandel 2005-2009
VII. Fazit
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht den Wandel und die Kontinuitäten der deutsch-amerikanischen Beziehungen zwischen 1949 und 2009, wobei die zentrale Forschungsfrage darauf abzielt, wie sich das bilaterale Verhältnis vor dem Hintergrund globaler sicherheitspolitischer Rahmenbedingungen und nationaler Interessenentwicklungen über sechs Jahrzehnte transformiert hat.
- Analyse der außenpolitischen Strategien von der Ära Adenauer bis zur Ära Merkel.
- Untersuchung der sicherheitspolitischen Abhängigkeit und Interdependenz im Kalten Krieg.
- Beurteilung der Auswirkungen des Wiedervereinigungsprozesses auf das transatlantische Vertrauensverhältnis.
- Evaluation der deutsch-amerikanischen Entfremdungsprozesse, insbesondere im Kontext der Irak-Krise 2003.
Auszug aus dem Buch
Die Rolle Konrad Adenauers für die Entwicklung der Beziehungen
Die Forschung betont mehrheitlich Bundeskanzler Konrad Adenauers zentrale Rolle in der Formierungsphase der Republik. Er setzte sich gegen alternative außenpolitische Optionen wie Jakob Kaisers Brückentheorie oder die Magnettheorie Kurt Schumachers durch und betrieb eine realistische, auf die Analyse der Lage begründete Politik. Bereits vor seiner Amtsübernahme legte Adenauer den Fokus auf die Beziehungen zu den USA und die Integration in Europa als Ziele einer zukünftigen Außenpolitik. Die Außenpolitik der Bundesrepublik wurde nach der Errichtung einer „Dienststelle für auswärtige Angelegenheiten“ im März 1951, erst ab 1955 im „Auswärtigen Amt“ unter Heinrich v. Brentano gemacht. Adenauer der bis dahin „nebenbei“ das Amt des Außenministers innehatte, versuchte auch danach, die Beziehungen zu den Alliierten und den USA unter seiner persönlichen Kontrolle zu halten.
Der Kanzler wollte unbedingt auf dem „Teppich der Alliierten zu bleiben, auf den er am ersten Tag getreten war“ und knüpfte dazu gute Kontakte zum US-Personal, z.B. zum US-Hochkommissar John McCloy. Nach Klaus Larres gelang es Adenauer, in der Amtszeit Präsident Eisenhowers ab Januar 1953 durch die enge Zusammenarbeit mit dem US-Außenminister John Foster Dulles sogar zunehmend die Politik der USA zu beeinflussen. Adenauer war für die USA ein Garant der deutschen Verlässlichkeit im Inneren wie im Äußeren. Durch die wichtige strategische Rolle der Bundesrepublik, zunehmende Uneinigkeit unter den Westalliierten und das spezielle Talent und das politische Gewicht des Kanzlers wurde die Bundesrepublik während der frühen 50er Jahre zum zentralen Partner für die „amerikanische Westeuropapolitik“.
Zusammenfassung der Kapitel
I. Die deutsch-amerikanischen Beziehungen in der Adenauer-Zeit 1949-1963: Dieses Kapitel thematisiert den schnellen Aufstieg der Bundesrepublik vom besetzten Staat zum Verbündeten unter der strategischen Führung Konrad Adenauers.
II. Entwicklung der Beziehungen in der Zeit des Ost-West-Konfliktes 1963-1969: Hier werden die zunehmenden Irritationen beleuchtet, die durch die amerikanische Entspannungspolitik und die französische Annäherung entstanden.
III. Entwicklung der Beziehungen in der Zeit des Ost-West-Konfliktes 1969-1982: Fokus auf die sozialliberale Ära unter Brandt, die geprägt war von einer eigenständigeren Ostpolitik bei gleichzeitiger sicherheitspolitischer Bindung an die USA.
IV. Entwicklung der Beziehungen in der Zeit des Ost-West-Konfliktes 1982-1990: Analyse der komplexen 80er Jahre, die schließlich in der entscheidenden Unterstützung der USA für die deutsche Wiedervereinigung gipfelten.
V. Das wiedervereinigte Deutschland und die Beziehungen zu den USA 1991-2001: Betrachtung der Herausforderungen des neuen Deutschlands bei der Übernahme globaler Verantwortung und der sicherheitspolitischen Neuausrichtung nach dem Ende des Kalten Krieges.
VI. Außenpolitik in Zeiten des Terrorismus und globaler Neuorientierung 2002-2009: Untersuchung der Belastungsprobe durch die Irak-Krise und die anschließende Konsolidierung unter der Regierung Merkel.
Schlüsselwörter
Deutsch-amerikanische Beziehungen, Westbindung, Außenpolitik, Kalter Krieg, Sicherheitspolitik, Wiedervereinigung, Irak-Krieg, Konrad Adenauer, Atlantische Partnerschaft, Souveränität, Multilateralismus, NATO, Entspannungspolitik, transatlantische Krise, deutsche Interessen.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert die wechselvolle Entwicklung der deutsch-amerikanischen Beziehungen im Zeitraum von 1949 bis 2009 unter besonderer Berücksichtigung der Kontinuitäten und Brüche.
Was sind die zentralen Themenfelder der Arbeit?
Zentrale Themen sind die sicherheitspolitische Abhängigkeit im Kalten Krieg, der Prozess der europäischen Integration, die Wiedervereinigung sowie die Transformation der Außenpolitik nach dem 11. September 2001.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist es, die Entwicklungslinien und zukünftigen Perspektiven der deutsch-amerikanischen Partnerschaft vor dem Hintergrund einer sich wandelnden globalen Weltordnung aufzuzeigen.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit basiert auf einer vergleichenden Analyse bereits vorliegender wissenschaftlicher Forschungsliteratur, Monographien und primärer Dokumente zur Außenpolitik.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich chronologisch in sieben Kapitel, die die politischen Beziehungen von der Adenauer-Ära bis zur Ära Obama analysieren und dabei die jeweilige sicherheitspolitische Lage bewerten.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Schlüsselbegriffe sind transatlantische Partnerschaft, Sicherheitspolitik, Souveränitätsgewinn, Westbindung und der Wandel von der Bonner Republik zum wiedervereinigten Deutschland.
Warum war die Ära Adenauer so prägend für das Verhältnis?
Adenauers Politik der strikten Westbindung schuf das Fundament der Sicherheit und Verlässlichkeit, welches die Bundesrepublik für die USA zum zentralen Partner im europäischen Kontext machte.
Welche Rolle spielte die Irak-Krise 2003 für die Beziehungen?
Die Irak-Krise stellte eine Zäsur dar, da die explizite Ablehnung des amerikanischen Kurses durch die Bundesregierung zu einer tiefgehenden Störung des diplomatischen Verhältnisses führte.
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- Christoph Chapman (Author), 2009, 60 Jahre außenpolitische Beziehungen zwischen Bundesrepublik und USA 1949-2009, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/138455