Antike „Ideen“ der Musik im Kanon

Seminararbeit aus Repertoirebildung und Kanon in der europäischen Musikgeschichte


Seminararbeit, 2006

16 Seiten, Note: sehr gut


Leseprobe

Gliederung:

1. Allgemein

2. Mythologie
2.1. Orpheus
2.2. Dionysos – Apollon

3. Musiktheorie
3.1. Pythagoras
3.2. Aristoxenos

4. Septem artes liberales

5. Ode, Pastorale und Oper

6. Schlussgedanke

7. Literaturauswahl

1. Allgemein

In wellenartigen Strömungen erreichten antike Ideen – natürlich auch im Platon´schen Sinn zu verstehen – Europa und erfreuten oder erfreuen sich großer Beliebtheit. Schon von den Römern wurde die griechische Kultur zum Ideal erklärt, in der Renaissance wurde das Altertum sprichwörtlich wiederbelebt. Humanismus[1] gilt heute als epochaler Weltanschauungsentwurf, und die Bezeichnungen Klassik und Klassizismus sprechen ebenfalls für in der Antike verwurzelte Ideen. Deutliche Einflüsse lassen sich ebenfalls im Denken der deutschen Dichter[2] und Philosophen im 19. Jahrhundert nachweisen.

Antike ist omnipräsent: Sei es in der christlichen Religion, im Rechtssystem oder in der Sprache. Lange Zeit wurden diese antiken Traditionen von Kirche und Aristokratie getragen. Inzwischen zählt antikes Gedankengut zum Allgemeinwissen, und nicht mehr ausschließlich zu dem gewisser Eliten. Die griechischen Heldensagen sind bekannter als die germanischen. Nicht nur in gut bürgerlichen Kreisen hat sich nunmehr eine Art Kanon antiker Themen etabliert. Durchgehende, Jahrhunderte überdauernde Existenz der antiken Spuren ist dabei keinesfalls Vorraussetzung für deren Erhalt, wie man an der Geschichte des „Y“ im Wort „Bayern“ sehen kann, das der graecophile König Ludwig I. eingeführt hat.[3]

Zu kurz gegriffen wäre allerdings, musikalische Fachbegriffe wie Harmonie, Enharmonik oder Chromatik einfach zu übernehmen, da diese im Laufe der Jahrhunderte Bedeutungswandel erfahren haben.

2. Mythologie

2.1. Orpheus

Zwischen der Antike[4] und der Zeit der Aufklärung verbreitete und erweiterte sich die weltanschauliche Lehre Orphik, die auf dem mythischen Sänger Orpheus begründet ist. Besonderes Interesse an Orpheus entstand mit den musikalischen Neuerungen um 1600. Symptomatisch ist die Entstehung der Oper dafür, und besonders bezeichnend ist, dass einige der ersten Opern überhaupt den Titel Euridice[5] oder Orfeo[6] tragen. Reinhard Kapp erreicht in seinem Chronologischem Verzeichnis auf Orpheus zurück gehender Texte, Opern oder Theater- oder Musikstücke von den Anfängen bis zur Gegenwart die beachtliche Seitenzahl von 65.[7] Und so gilt bis heute Orpheus sowohl als Patron der Oper, als auch als Patron der absoluten Musik. In der Antike glaubte man sogar, er habe neben der Musik auch die Schrift und den Hexameter erfunden.[8] Die Vielschichtigkeit des Mythos, der in verschiedenen Versionen überliefert ist, lässt dabei unterschiedliche Interpretationen zu. Allen gemein ist jedoch der Glaube an die Magie der Musik, mit der eine Einflussnahme auf die Umwelt möglich sein kann. Schließlich führt sich die Kultgemeinde auf den sagengestaltigen Sänger Orpheus zurück, der mit seinem Gesang die Grenzen zwischen Tod und Leben überwinden konnte.

Neben der Musik steht oder stand vor allem eine Religiosität im Vordergrund, die der christlichen Glaubenslehre sehr nahe kommt. Gemeinsamkeiten sind beispielsweise der Monotheismus (mit erbprinzlichem Sohn Dionysos), die Jenseitslehre als zentraler Punkt, das Totengericht, die unsterbliche Seele und die Wiedergeburt. Ebenso zählen Einehe und Keuschheit neben einer asketischen Lebensweise zu den erklärten Zielen und Idealen.

2.2. Dionysos – Apollon

Diese zwei antiken Gottheiten stehen auch noch in der Neuzeit für verbindliche, polare Kunstprinzipien.[9] Nietzsche arbeitet in Die Geburt der Tragödie aus dem Geiste der Musik mit dem Begriffspaar dionysisch-apollinisch und machte es nachhaltig bekannt. Die anschauliche Duplizität der Begriffe und die vermeintlichen Einfachheit öffne(te)n dabei allerdings jeglicher Simplifizierung Tür und Tor. Grob gesprochen steht Apoll für Licht, Reinheit, Maß, Ruhe (aber auch Sprache und Kithara). Dionysos hingegen symbolisiert Rausch, Formlosigkeit (aber auch Musik und Aulos). Zusammen wären nach Nietzsche diese konträren ästhetischen Prinzipien für die Entstehung des Theaters ausschlaggebend, denn in der attischen Tragödie wäre die Vereinigung dieser Kräfte gelungen. Erst im Opernschaffen Wagners glückte – nach Nietzsche – diese Verbindung wieder. In der Folgezeit jedoch überwarf Nietzsche sich mit Wagner – nicht zuletzt wegen dessen erstarkender christlicher Religiosität („Wagnerei = Idiotie“)[10] und rückte von ihm ab. Mit antiken Themen und dem „Dionysischem“ beschäftigte sich Nietzsche aber bis zum Schluss seines Lebens (Dionysos-Dithyramben).

Von Philologen wurden aber all diese Thesen zu jeder Zeit als unwissenschaftlich abgelehnt. Wahrscheinlich wollte Nietzsche sein Gegensatzpaar dionysisch-apollinisch durch den etwas verklärten Vergangenheitsbezug idealisieren und transferierte seine Ideale der differierenden Prinzipien deshalb in die Antike.

3. Musiktheorie

3.1. Pythagoras

Pythagoras (570 – 497) und seine Schule stehen für die Idee der Sphärenmusik. Diese vereinigt auf besondere Weise die Ideen der Musik, des Himmels und der Zahl. Irdische Musik wäre demnach eine Imitation der himmlischen Sphärenharmonie, die durch die Bewegung der Sterne entstehe. Die Sterne wiederum bewegten sich nach dem Prinzip der Zahlen. Die Einheit von Himmel, Harmonie und Zahl wäre somit gegeben.

Konkreter befassten sich die Pythagoreer mit der Intervalllehre, den Verhältnissen von Quarte, Quinte und Oktave: 4:3, 3:2, 2:1 (später auch mit dem Ganzton 9:8). Zusätzlich zu diesen symphonen (reinen) Klängen wurden emmelische (gut zusammenklingende) und ekmelische (nicht gut zusammenklingende) definiert. Dies soll durch zahlreiche physikalische Versuche erkannt und bewiesen worden sein. Die Frage nach dem Zeitpunkt, zu welchem das Monochord tatsächlich erfunden wurde, oder die Frage nach den Klangexperimenten mit Metallkörpern und gewichteten Saiten, die sich als physikalisch falsch herausgestellt haben und zum Teile erst rund 2000 Jahre später aufgeklärt und bewiesen wurden, muss weiterhin offen bleiben.

In Platons Schaffen spielt der Weltklang im Gegensatz zur Weltseele keine besonders relevante Rolle. Er beschreibt diesen als einen „Wohllaut“, gesungen von Sirenen, die auf Sternenkreisen platziert sind.[11] Dennoch zählen für ihn Astronomie und Musik zu den verschwisterten Wissenschaften mathemata, die für die Wächter in seinen (Platons) Staatstheorien wichtig sind.[12]

Als Brückenbauer zwischen der Antike und dem Mittelalter gilt Boethius (ca. 480 – ca. 524). Direkt anschließend an Institutio arithmetica bildet die Schrift De institutione musicae libri quinque den Ausgangspunkt der mathematischen Musiktheorie oder auch der Musikwissenschaft der Spätantike, des Mittelalters und der folgenden Zeit.[13] Die Sphärenharmonie taucht bei ihm als musica mundana auf; die harmonische Vereinigung des menschlichen Körpers und dessen Seele beschreibt er als musica humana, und als drittes Element führt er die Instrumentalmusik musica instrumentalis an. Die pythagoreischen Lehren dominieren das ganze Werk. Der Liber III kann sogar als Gegenschrift zur Auffassung Aristoxenos’ betrachtet werden, der ein Intervall als unendlich teilbaren Raum beschreibt. Boethius verwendet Philolaos’ (5. Jh. v.Chr.) Argumente, wonach ein Ganzton in zwei unterschiedlich große Hälften, 13 von 27 Einheiten für den kleineren Halbton und 14 von 27 für den größeren,[14] geteilt wird. Das Herzstück der Musikschrift ist aber das vierte Buch, das die Monochordteilung abhandelt und die Modi ableitet. Boethius’ Werk wurde von vielen Theoretikern aufgenommen und kopiert, und fand vor allem ab dem 9. Jh. weite Verbreitung.[15] Bedeutend war darüber hinaus auch Boethius’ Einfluss (und indirekt Pythagoras’ Einfluss) auf die Musica enchiriadis und auf Erweiterung des Tetrachords zu Hexachorden durch Guido von Arezzo; die pythagoreische Stimmung und Skalenberechnung war bis ins 16. Jh. maßgebend.[16] Erst danach drangen auch andere (antike) Musiktheorien und Stimmungsmöglichkeiten durch und verringerten das Gewicht pythagoreischer Theorien.

In der Renaissance wurden Astronomen wieder durch pythagoreische Ideen beeinflusst. Durch Beschäftigung mit der Antike entwickelte Kopernikus (1473 – 1543) das heliozentrische System, und Johannes Kepler (1571 – 1630) versuchte sogar in seinem Hauptwerk Harmonices mundi libri V die Weltharmonie nachzuweisen.[17]

Die Linie von Galileo, Kopernikus und Kepler setzt sich bei Leibnitz fort, für den in seiner Monadologie der Harmoniebegriff eine wichtige Rolle gespielt hat. Vorherbestimmte Harmonie verbinde demnach die unendlichen, individuellen, seelischen Kraftzentren der Welt. Für viele andere Philosophen der Folgezeit wie zum Beispiel Schopenhauer (1788 – 1860)[18] war die pythagoreische Zahlenlehre nun ein Fixpunkt der Metaphysik (der Musik). Albert Freiherr von Thimus (1806 – 1878) ebnete mit seiner Schrift Harmonikale Symbolik des Alterthums[19] dann den Weg zum „Harmonikalen Pythagoreismus“ des 20.Jh., wonach Zahlenverhältnisse zum Beispiel in der Obertonreihe wichtig für die psycho-physische Disposition des Menschen aber auch wichtig für das seelische Erleben der Musik u.a. sind.[20] Hans Kayser (1891 – 1964) etablierte den Pythagoreismus und schuf das Standardwerk Akroasis.[21] Darauf aufbauend wird noch bis zum heutigen Zeitpunkt am „Hans-Kayser-Institut für harmonikale Grundlagenforschung“ an der Universität für Musik und darstellende Kunst in Wien nach Pythagoras’ Prinzipien geforscht und gelehrt.

Die Vorstellung, dass „Zahl“, „Harmonie“ und „Kosmos“ zusammen gehören, spielte auch für Paul Hindemith eine entscheidende Rolle. Er widmete diesem Thema nicht nur die Oper Die Harmonie der Welt, sondern schrieb auch in der Einleitung zu Unterweisung im Tonsatz:

Die Intervalle waren Zeugnisse aus den Urtagen der Weltschöpfung; geheimnisvoll wie die Zahl, gleichen Wesens mit den Grundbegriffen der Fläche und des Raumes, Richtmaß gleicherweise für die hörbare wie die sichtbare Welt; Teile des Universums, das in gleichen Verhältnissen sich ausbreitet wie die Abstände der Obertonreihe, so daß [sic!] Maß, Musik und Weltall in eins verschmolzen.

Paul Hindemith, 1940[22]

3.2. Aristoxenos

Schon in der Antike war Pythagoras’ Musiktheorie nicht die alleinig vorherrschende. Es existierten zahlreiche andere nicht-pythagoreische Musiktheoretiker, die häufig mit praktischer Musikausübung in Verbindung standen.[23] Als deren Hauptvertreter gilt Aristoxenos von Tarent (365 – 322 v.Chr.). Für ihn ist Melodie nur als hörbares Phänomen relevant. Musik besitze eine eigene, über das Gehör wahrnehmbare Natur. Harmonik und Rhythmik seien nicht nur abstrakte Gebilde sondern Werkzeuge zum Verständnis der tatsächlich existenten Musik. Töne seien nur musikalische Punkte innerhalb einer akustischen Dimension. In seinen Werken Harmonika stoicheia und Rhythmika stocheia, die hauptsächlich durch Plutarchs Peri musikes und Athenaios’ Deipnosophistai überliefert worden sind, vertritt Aristoxenos nicht nur diese theoretische These, sondern teilt die Oktave auch ganz praktisch in sechs gleiche Ganztöne und widerspricht damit Pythagoras: denn (9/8)6 ≠ 2. Berechnete Pythagoras seine Intervalle nach der Proportionstheorie, so verwendete Aristoxenos die Streckenlehre und erfand somit eigentlich die Stimmung mit temperierten Halbtönen.[24]

Aristoxenos übernahm auch von seinem Lehrer Aristoteles (384 – 322) die Skepsis an der Existenz der Weltharmonie. Aristoteles nämlich glaubte nicht an dieses Phänomen und schloss deshalb auch aus, dass Pythagoras in der Lage gewesen sein könnte, diese gehört zu haben.[25] Dass die Zahl hingegen die Substanz aller Dinge sei, bejahte Aristoteles in der Metaphysik.[26]

[...]


[1] Vgl.: Haar, Humanismus, 1996.

[2] Aulich, Orphische Weltanschauung der Antike und ihr Erbe bei den Dichtern Nietzsche, Hölderlin, Novalis und Rilke, 1998.

[3] Im Zuge der Wahl von Otto I. zum König von Griechenland wurde zu Beginn des 19. Jahrhunderts das „I“ im Wort „Bayern“ durch das „Y“ ersetzt. Allerdings nur im Zusammenhang mit dem Staatswesen. (Philhellenismus)

[4] Im siebten Jahrhundert breitete sich der Kult von Thrakien aus und erfasste bald den ganzen griechisch-kleinasiatischen Raum.

[5] Peri (1600) und Caccini (1600).

[6] Monteverdi (1607).

[7] www.erg.at/iatgm/kapp-orpheus.pdf

[8] Aulich, Orphische Weltanschauung der Antike und ihr Erbe, 1998, Seite 27.

[9] Vogel, Apollinisch und Dionysisch, 1966, Seite 8.

[10] Hemetsberger, Appolinisch und dionysisch, 1975, Seite 29.

[11] Plat. Politeia 617 b.

[12] Plat. Politeia 530 d – 531 c.

[13] Sie beinhaltet größtenteils Übertragungen antiker Quellen: Z. B. Teile der verlorenen Schriften des Nikomachos (2. Jh. n.Chr.) Arithmetike eisagoge (Einführung in die Zahlenlehre), Katatome kanonos (Einteilung des musikalischen Kanons) von Eukleides (um 300 v.Chr.) und Ptolemaeus’ (2. Jh. n.Chr.) Harmonike.

[14] Caldwell, Boethius, 2000, Spalte 222; Heller, Boethius im Lichte der frühmittelalterlichen Musiktheorie, 1939, Seite 63 ff.

[15] z.B. in Isidorus’ (ca. 570 – 636) Origium sive e tymologiarum libri XX, in Regino von Prüms (um 900 n.Chr.) De harmonica institutione, bei Aurelianus Reomensis’ (9. Jh.) Musica disciplina und bei Hucbalds (um 900) De harmonica institutione.

[16] Z.B. Thomas Morley, A Plaine and Easy Introduction to Practical Musicke, 1596.

[17] Riedweg, Pythagoras, 2002, Seite 171 f.

[18] Arthur Schopenhauer, Parega und Paralipomena, 1851.

[19] Albert Freiherr von Thimus, Harmonikale Symbolik des Alterthums, 1868 und 1876.

[20] Riedweg, Pythagoras, 2002, Seite 173.

[21] Hans Kayser, Akroasis, 1947.

[22] Paul Hindemith, Unterweisung im Tonsatz, 1940, Seite 27 ff; in: Cahn, Pythagoras, MGG, 2005 Spalte 1090.

[23] Burkert, Weisheit und Wissenschaft, 1962, Seite 351 (Lasos von Hermione, Pindars Lehrer; Epigonos; Philochoros etc.).

[24] Burkert, Weisheit und Wissenschaft, 1962, Seite 349.

[25] Aristoteles, Peri uranu B9, 290 b 12.

[26] Aristoteles, Ta meta ta physika 1.5.

Ende der Leseprobe aus 16 Seiten

Details

Titel
Antike „Ideen“ der Musik im Kanon
Untertitel
Seminararbeit aus Repertoirebildung und Kanon in der europäischen Musikgeschichte
Hochschule
Universität Wien  (Institut für Musikwissenschaft)
Veranstaltung
Repertoirebildung und Kanon in der europäischen Musikgeschichte
Note
sehr gut
Autor
Jahr
2006
Seiten
16
Katalognummer
V138476
ISBN (eBook)
9783640468461
ISBN (Buch)
9783640468225
Dateigröße
508 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Antike, Kanon, Bildung, Humanismus, Orpheus, Pythagoras
Arbeit zitieren
Mag. Art; Mag. Phil Heike Sauer (Autor), 2006, Antike „Ideen“ der Musik im Kanon, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/138476

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