In wellenartigen Strömungen erreichten antike Ideen – natürlich auch im Platon´schen Sinn zu verstehen – Europa und erfreuten oder erfreuen sich großer Beliebtheit. Schon von den Römern wurde die griechische Kultur zum Ideal erklärt, in der Renaissance wurde das Altertum sprichwörtlich wiederbelebt. Humanismus gilt heute als epochaler Weltanschauungsentwurf, und die Bezeichnungen Klassik und Klassizismus sprechen ebenfalls für in der Antike verwurzelte Ideen. Antike ist omnipräsent und in vielfältiger Weise in den (Bildungs)Kanon unserer Zeit eingeflossen.
In dieser Seminararbeit soll anhand von Beispielen gezeigt werden, dass antikes Erbe in unserer Tradition weiterlebt und zum Kanon geworden ist. Opernstoffe sind längst nicht alles, was geblieben ist.
Inhaltsverzeichnis
1. Allgemein
2. Mythologie
2.1. Orpheus
2.2. Dionysos – Apollon
3. Musiktheorie
3.1. Pythagoras
3.2. Aristoxenos
4. Septem artes liberales
5. Ode, Pastorale und Oper
6. Schlussgedanke
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Seminararbeit untersucht den Einfluss antiker Ideen auf die europäische Musikgeschichte und deren Entwicklung zu einem festen kulturellen Kanon. Dabei wird analysiert, wie antike Konzepte in der Musiktheorie, Mythologie und den Künsten über Jahrhunderte rezipiert, transformiert und für ästhetische sowie philosophische Diskurse instrumentalisiert wurden.
- Wirkungsgeschichte antiker Mythen und Gottheiten (Orpheus, Apollon, Dionysos)
- Transformation musiktheoretischer Konzepte von Pythagoras bis zur Moderne
- Bedeutung der Septem artes liberales für das mittelalterliche Bildungsideal
- Verbindung von antiken Stoffen und musikalischen Gattungen wie Oper, Ode und Pastorale
- Die Rolle der Antike als ideeller Bezugspunkt in der Musikästhetik
Auszug aus dem Buch
3.1. Pythagoras
Pythagoras (570 – 497) und seine Schule stehen für die Idee der Sphärenmusik. Diese vereinigt auf besondere Weise die Ideen der Musik, des Himmels und der Zahl. Irdische Musik wäre demnach eine Imitation der himmlischen Sphärenharmonie, die durch die Bewegung der Sterne entstehe. Die Sterne wiederum bewegten sich nach dem Prinzip der Zahlen. Die Einheit von Himmel, Harmonie und Zahl wäre somit gegeben.
Konkreter befassten sich die Pythagoreer mit der Intervalllehre, den Verhältnissen von Quarte, Quinte und Oktave: 4:3, 3:2, 2:1 (später auch mit dem Ganzton 9:8). Zusätzlich zu diesen symphonen (reinen) Klängen wurden emmelische (gut zusammenklingende) und ekmelische (nicht gut zusammenklingende) definiert. Dies soll durch zahlreiche physikalische Versuche erkannt und bewiesen worden sein. Die Frage nach dem Zeitpunkt, zu welchem das Monochord tatsächlich erfunden wurde, oder die Frage nach den Klangexperimenten mit Metallkörpern und gewichteten Saiten, die sich als physikalisch falsch herausgestellt haben und zum Teile erst rund 2000 Jahre später aufgeklärt und bewiesen wurden, muss weiterhin offen bleiben.
In Platons Schaffen spielt der Weltklang im Gegensatz zur Weltseele keine besonders relevante Rolle. Er beschreibt diesen als einen „Wohllaut“, gesungen von Sirenen, die auf Sternenkreisen platziert sind. Dennoch zählen für ihn Astronomie und Musik zu den verschwisterten Wissenschaften mathemata, die für die Wächter in seinen (Platons) Staatstheorien wichtig sind.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Allgemein: Einführung in die omnipräsente Wirkung antiker Ideen auf die europäische Kulturgeschichte, Religion und Philosophie.
2. Mythologie: Untersuchung der Bedeutung mythologischer Figuren wie Orpheus, Apollon und Dionysos für die musikalische Rezeption.
3. Musiktheorie: Analyse der einflussreichen mathematischen Theorien des Pythagoras sowie des Gegenentwurfs von Aristoxenos.
4. Septem artes liberales: Erläuterung der Systematisierung des antiken Wissens in das Trivium und Quadrivium als Grundlage des Bildungswesens.
5. Ode, Pastorale und Oper: Darstellung der historisch-ästhetischen Entwicklung von antiken Gattungen bis hin zum Musiktheater der Neuzeit.
6. Schlussgedanke: Resümee über das fortwährende Wirken antiker Formprinzipien und die Bedeutung des antiken Erbes in der zeitgenössischen Musikpraxis.
Schlüsselwörter
Antike, Musikgeschichte, Kanon, Pythagoreismus, Aristoxenos, Sphärenmusik, Mythologie, Oper, Orpheus, Septem artes liberales, Musiktheorie, Humanismus, Musikästhetik, Kulturgeschichte, Formprinzipien.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Seminararbeit grundsätzlich?
Die Arbeit behandelt die langanhaltende und tiefgreifende Wirkung antiker philosophischer, mythologischer und musiktheoretischer Ideen auf die europäische Musikgeschichte.
Was sind die zentralen Themenfelder der Arbeit?
Zentrale Themen sind die griechische Mythologie, antike Musiktheorie, das Bildungswesen der artes liberales sowie die Entwicklung spezifischer Gattungen wie Oper und Pastorale.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Ziel ist es aufzuzeigen, wie antike Konzepte als Fundament für die europäische Repertoirebildung dienten und bis heute als kultureller Kanon fortwirken.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es handelt sich um eine geisteswissenschaftliche Arbeit, die historische Quellen und musikwissenschaftliche Literatur analysiert, um Zusammenhänge zwischen Antike und späterer Musiktradition darzulegen.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in eine Untersuchung mythischer Figuren, einen Vergleich mathematischer vs. phänomenologischer Musiktheorie sowie die Analyse von Bildungsidealen und Gattungsentwicklungen.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit am besten?
Antike, Kanon, Musiktheorie, Pythagoreismus, Musikgeschichte und Mythologie sind die zentralen Begriffe der Arbeit.
Wie unterscheidet sich die Musikauffassung des Pythagoras von der des Aristoxenos?
Pythagoras vertrat die mathematische Proportionstheorie und die Idee der Sphärenharmonie, während Aristoxenos Musik primär als ein durch das Gehör wahrnehmbares, phänomenologisches Ereignis betrachtete.
Welche Rolle spielt die Oper in der Rezeption antiker Stoffe?
Die Oper griff bereits in ihren Anfängen auf antike Mythen zurück, wobei antike Ideale wie das Primat des Textes oder die Einheit der Künste die Entwicklung und Reformen des Musiktheaters nachhaltig beeinflussten.
Warum ist das "Y" im Wort "Bayern" ein Beispiel für die Wirkung der Antike?
Es illustriert die bewusste, oft idealisierende Rückbesinnung auf die griechische Antike (Philhellenismus) im 19. Jahrhundert, die sich sogar in der Sprache niederschlug.
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- Mag. Art; Mag. Phil Heike Sauer (Author), 2006, Antike „Ideen“ der Musik im Kanon, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/138476