Techniken der Inszenierung im Nibelungenlied am Beispiel der 7. Aventiure


Hausarbeit, 2008

20 Seiten, Note: gut


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

I. Einleitung

II. Hauptteil

1. Die Handlung der Aventiure
1.1. Brautwerbung als Schema

2. Technik der Inszenierung
2.1. Die Ankunftsszene
2.2. Die Begrüßungsszene
2. 3. Die Wettkampfsszene

3. Die Faszination der 7. Aventuire

4. Schlusswort

Literaturverzeichnis

„Jede alte Dichtkunst ist gleichzeitig und in einem:

Kult, Festbelustigung, Gesellschaftsspiel,

Kunstfertigkeit, Probestück- oder Rätselaufgabe, weise Belehrung, Überredung, Bezauberung, Wahrsagen, Prophetie und Wettkampf.“[1]

I. Einleitung

Kaum ein anderes mittelalterliches Werk zieht so viel Aufmerksamkeit auf sich wie das Nibelungenlied, sei es die der Mediävisten oder die des breiten Publikums. Was für die zweite Gruppe eine unerschöpfliche Quelle für Spekulationen und Faszination darbietet, ist für die Mediävistik ein fast unendliches Forschungsfeld. Die Unzugänglichkeit der Textkorpora (kein Original vorhanden) erschwert die Interpretation des Epos und schränkt sie ein. Vieles über diese bekannteste deutsche Dichtung des Mittelalters liegt immer noch im Dunkeln. Es ist fast unmöglich, von einer allgemeinen ,,Meinung der Wissenschaft" zu sprechen.

Um einen wirklich objektiven Überblick über die Thematik zu erhalten, musste ich viele Publikationen zum Thema Nibelungenlied lesen und habe mich letztendlich entschlossen, die Thematik grundsätzlich auf die Textquelle bezogen, zu untersuchen und mit der Forschungsliteratur kritisch umzugehen.

Gegenstand der Untersuchung dieser Arbeit ist die 7. Aventiure des Nibelungenliedes. Ich werde ihre Rolle in dem Epos behandeln und thematisieren, wie die in ihr vorkommenden Handlungen seinen Fortgang beeinflussen. Mein Hauptaugenmerk werde ich auf die Inszenierung des Geschehens richten.

Was die formale Gliederung dieser Arbeit betrifft, werde ich mich in dem ersten Kapitel mit der Handlung der 7. Aventiure befassen. In dem folgenden Kapitel, das sich mit der Technik der Inszenierung beschäftigt, werde ich den Schwerpunkt meiner Arbeit setzen. Besonders widmet sich das zweite Kapitel der Bildhaftigkeit in den drei Szenen – Ankunft, Begrüßung und Wettkampf. In dem dritten Kapitel werde ich kurz über die Multivalenz und die Rätselhaftigkeit der Aventiure referieren und damit ein Beispiel für die andauernde Faszination des Nibelungenliedes am Beispiel der 7. Aventiure liefern.

II. Hauptteil

1. Die Handlung der Aventiure

Die Werbung um Brünhild bildet das thematische Zentrum der 7. Aventiure. Die Brautwerbung stellt ein festes Schema dar. Gunther, ein mächtiger und ehrenvoller König, sucht nach einer Frau um seine Macht und Ansehen zu steigern, seine Machtpositionen zu etablieren. Er erfährt von Brünhilds Schönheit und außergewöhnlicher Kraft:

Ez was ein küneginne gesezzen über sê,
ir gelîche enheine man wesse ninder mê.
diu was unmâzen scoene, vil michel was ir kraft.
(326,1-3)

Ohne dazu aufgefordert zu sein, entschließt er sich zur Werbung. Es ist sein Entschluss und er lässt sich davon nicht abbringen. Die Vorbereitung für die Brautwerbung, in der 6. Aventiure geschildert, erlaubt uns einige Informationen über Gunthers und Siegfrieds Motivation aus dem Text zu entnehmen. In sechs Strophen (361-366) beschreibt der Dichter allein das Fertigstellen der Kleidung, die glänzend und prächtig ist. So wird die Macht und der hohe Rang der Burgunden zur Geltung gebracht und den Wunsch Gunthers, das Ansehen seines Hofes zu bewahren, hervorgehoben.

Eine Heerfahrt wird von Siegfried verworfen. Seinem Vorschlag nach sollen sie in recken wise (341, 1) nach Island fahren. Der Werbungszug – Siegfried, Gunther, Hagen und Dankwart macht sich bereit. Nach der zwölftägigen Schifffahrt stromabwärts kommt der prachtvolle Aufzug der Werber in Isenstein an.

Die Handlung verläuft in einer Ereigniskette, welche die Beziehung zwischen den an der Brautwerbung beteiligten schildert und einen Konflikt einführt. Später erweist sich die Werbung um Brünhild als ein schicksalhaftes Ereignis. Genauso wie in dem ganzen Epos[2], bleibt der Bezug zur Mündlichkeit bewahrt. So kollidieren in der 7. Aventiure die zwei unvereinbaren Welten des Höfischen und des Mythischen und diese Kollision kulminiert in Siegfrieds Ermordung.

Allen ist klar, dass Gunther ohne Hilfe die Werbung nicht zur Vollendung bringen kann. Es muss nicht einfach die Braut gewonnen werden, sondern auch der von ihr inszenierte Kampf. So fallen nach Cadalbert privater und öffentlicher Bereich zusammen, denn die Braut ist ihre eigene Hüterin.[3]

Siegfried ist kein Außenstehender mehr in Worms. Er ist schon auf dem Hof der Burgunden aufgenommen worden und übernimmt wieder die Rolle eines Helfers, indem er seine Hilfe bei der Brautwerbung verspricht. Dabei zeigt er Eigenschaften, die außerhalb seines höfischen Wesen liegen. Es ist keinen „Freundesdienst, sondern [...] eine zweckgerichtete Handlung“.[4] Tatjana Rollnik – Manke sieht darin nicht eine Intensivierung der Beziehung zwischen ihm und den Burgunden, sondern „die gemeinsame Verfolgung desselben Zieles“.[5] Siegfried gewinnt nicht nur die Frau für Gunther, er rettet auch sein Leben (452, 1-2).

Auf den ersten Blick drängt sich der Eindruck auf, dass Siegfried fast unüberlegt und ohne zu zögern seine Vasallen-Rolle übernimmt und später überzeugend in der Rolle eines listigen Brautwerbungshelfers erscheint. Seine Motivation wird in der 6. Aventiure geklärt. Kriemhild wagt vergeblich einen letzten Versuch, ihren Bruder von einer Werbung um Brünhild abzubringen. Dann bittet sie Siegfried auf ihren Bruder aufzupassen, was er in froun Kriemhilde hant (374, 4) auch verspricht. Damit wird seine Hilfe bei der Brautwerbung als Teil seines Minnedienstes definiert. Als einzige Möglichkeit sein Versprechen zu halten, bietet sich einen Betrug an, der in zwei Stufen verläuft – erstens täuscht Siegfried Unterordnung dem Gunther gegenüber vor, zweitens – kämpft er tatsächlich gegen die Königin, Gunther führt nur die Gebärden aus. Zum Einsatz kommt die Tarnkappe, ein Attribut aus den früheren Abenteuern Siegfrieds.

Somit zeigt der Text zwei Bilder von Siegfried. Er tritt einerseits als starker und unbesiegbarer Held auf, dessen Hilfe für Gunther in dieser Angelegenheit unverzichtbar ist, und andererseits als Ritter, der seinen Minnedienst zu erfüllen pflegt. Die sonst sich ständig verschiebende Motivation im Nibelungenlied bleibt in diesem Fall beständig.

Siegfried hat als Helfer zwei wichtige Aufgaben zu erfüllen. Einerseits soll er Brünhild von der Ebenbürtigkeit Gunthers überzeugen und andererseits sie bei den Wettkämpfen besiegen. Das Erste erreicht er durch die Standeslüge. Er leistet Gunther das officium stratoris et strepae, eine Rechtshandlung, die nicht nur im Sachsenspiegel kodifiziert war, sondern deren Bedeutung als Vasallenpflicht allen bekannt war.[6] Die Wettkämpfen sind ihrerseits nur durch den Einsatz Siegfrieds Tarnkappe zu gewinnen.

Der Mensch im Mittelalter lebte nach einigen Grundwerten. Die Wertbegriffe der höfischen Ethik waren nicht nur auf die innere Gesinnung, sondern auch auf die äußere Gebärde gerichtet. Innen und Außen sollten, wie in der Antike, als eine harmonische Einheit auftreten. Die höfische Kultur strebte nach einer Entsprechung von Form und Inhalt. Das Resultat war ein Komplex sinnlich wahrnehmbarer Zeichen, welches in formalisierter Sprache, Geste und Gebärdensprache, Körperhaltung, Kleidung und Zuordnung der Personen im Raum konkretisiert wurde.[7]

Durch die öffentliche Geste des Steigbügeldienstes soll also für alle sichtbar gemacht werden, dass Gunther Siegfrieds Herr ist. Dies soll als Erklärung dienen, warum Siegfried nicht als Werber in Frage kommt.

Trotz der klaren Botschaft dieser Szene, läuft ihre Bedeutung ins Leere. Gleich nach der Pantomime kommt es zu einem Widerspruch zwischen Inhalt und Form - Siegfried trägt die gleiche Kleidung wie Gunther. Während Dankwart und Hagen in rabenswarzer varwe (402, 3) gekleidet sind, erscheinen beide in weiß. Die äußere Erscheinung widerspricht der kurz davor vorgetäuschten Hierarchie. Dann ist es kein Wunder, dass Brünhild zuerst Siegfried begrüßt (419, 3-4) und von ihm „mit deutlichen Worten zurechtgewiesen“[8] wird in einer der vielleicht bekanntesten Strophen des Nibelungenliedes:

Vil micheliuwer gen âde, mîn vrou Prünhilt,

daz ir mich ruochet grüezen, fürsten tohter milt,

vor disem edelen recken, der hie vor mir stât,

wand’er ist mîn herre: der êren het ich gerne rât.(420,1-4)

Diese Aussage Siegfrieds löst keine Reaktion der Verwunderung oder Enttäuschung ihrerseits aus. Sie nimmt es ihm ab, versucht aber nicht ihren ‚Fehler’ auszubügeln und spricht weiter mit Siegfried, als ob sie Gunthers Anwesenheit überhaupt nicht wahrnimmt. Weder enttäuscht noch überrascht, hält sie sich einfach an die von ihr aufgestellten Bedingungen und akzeptiert Gunther als ihren Gegner bei dem Wettkampf und anschließend als ihren Mann.

Mit dieser Szene, die etwas unverständlich in der Brautwerbung wirkt, ist die Grundlage für den späteren Streit der Königinnen geschaffen worden. Es ist ein Betrug, der sich letztendlich als Hauptgrund für Siegfrieds Ermordung und daran folgenden Burgunden-Untergang aufweist.

Eine Verbindung zu den alten Sagen ist hier nicht nur unübersehbar, sondern auch wichtigste Voraussetzung für die Textinterpretation an dieser Stelle. In dem Text sind viele Indizien eingeflochten worden, die aufklärungsbedürftig sind. Es gibt jedoch nur eine Kette von Hinweisen. Siegfried kennt sich aus, weiß wie man im Brünhildsland gekleidet ist (344). Der Seefahrtweg ist ihm auch bekannt (378, 382). Er kennt Brünhild (393) und die Sitten in der Burg (407). Es ist offensichtlich, dass eine ‚Vorgeschichte’ zwischen Siegfried und Brünhild im Spiel ist. Der Dichter schiebt sie aber weg, obwohl es gar nicht so einfach ist sie aus der Erzählung herauszuhalten. Es findet ein Medium-Wechseln statt und der Dichter ist etwas überfordert an der Stelle. Man kann davon ausgehen, dass er mit dem Sagenwissen des Hörers rechnet und nur das erzählt, was für den weiteren Verlauf der Geschichte relevant ist. Er sagt nicht alles und steuert so die Aufmerksamkeit der Hörer. Die alten Sagen sind bekannt, ihr Inhalt wird nur neugewichtet und interpretiert, was zwei Funktionen erfüllt. Erstens – verleiht dem Epos einen höfischen Charakter und zweitens dient dem literarischen Vorhaben des Verfassers über den Burgunden-Untergang zu berichten. Dies hat zur Folge, dass das Siegfried–Brünhild-Verhältnis extern für die Handlung der Geschichte bleiben muss. In diesem Zusammenhang kommt Heinzle zu der Feststellung, „dass es offenbar nicht möglich gewesen ist, die divergente Sagentradition bruchlos in einer Motivationsstruktur zusammenzubinden, wie sie das neue, schriftliche Medium erforderte. Der Autor hat sich darum bemüht, eine solche Struktur von der Unterordnungsfiktion her zu organisieren, und ist damit gescheitert“.[9] Es ist ihm nicht gelungen die Motivationsstruktur nach den Voraussetzungen des neuen, schriftlichen Mediums umzuformulieren, zu einer überzeugenden Darstellung ist der Erzähler nicht gekommen.

Im weiteren Verlauf der Handlung verändert sich das Bild von Brünhild. Ihre ungeheuere Stärke steht im Vordergrund der folgenden Strophen. Obwohl sie bei den Kampfspielen prächtig gekleidet ist und in ihrem vollen Glanz erscheint (429, 1-3), erwecken die in ihr steckenden Kräfte mehr Furcht als Verehrung in den Brautwerber. Nur die Erwähnung ir minneclîchiu varwe, (434, 4) erinnert daran, dass der Dichter eine Frauengestalt schildert. Kleidung und Kampfausrüstung stehen im Einklang und zeigen die junge Königin, genau so wie Siegfried, in einer doppelschichtigen Rolle als höfische Dame und ein Wesen, das über magische Kräfte verfügt.

[...]


[1] Huizinga, S. 134.

[2] Vgl., Dorothea Klein, S. 14.

[3] Vgl., Cadalbert, S. 63.

[4] Tatjana Rollnik – Manke, S. 17.

[5] Ebd., S. 19.

[6] Vgl., Heinzle, Einführung, S. 70.

[7] Vgl., Wenzel, Höfische Repräsentation, S. 109.

[8] Heinzle, Lied und Sage, S. 84.

[9] Heinzle, Einführung, S. 74.

Ende der Leseprobe aus 20 Seiten

Details

Titel
Techniken der Inszenierung im Nibelungenlied am Beispiel der 7. Aventiure
Hochschule
Philipps-Universität Marburg  (Ältere deutsche Literatur)
Veranstaltung
Hauptseminar Nibelungenlied und Sage
Note
gut
Autor
Jahr
2008
Seiten
20
Katalognummer
V138540
ISBN (eBook)
9783640470402
ISBN (Buch)
9783640470280
Dateigröße
486 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Laut Prof. sollte man ausführlicher sagengeschichtliche Aspekte im Bezug auf Siegfried-Brühnhild's-Vorgeschichte analysieren. Sonst eine gute Arbeit.
Schlagworte
Techniken, Inszenierung, Nibelungenlied, Beispiel, Aventiure
Arbeit zitieren
Genka Yankova-Brust (Autor), 2008, Techniken der Inszenierung im Nibelungenlied am Beispiel der 7. Aventiure, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/138540

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