Über Walter Benjamins Aufsatz: Das Kunstwerk im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit


Hausarbeit, 2009
19 Seiten, Note: 1.0

Leseprobe

Gliederung

1. Einleitung

2. Hauptteil
2.1. Die Geschichte der Reproduzierbarkeit
2.2. Echtheit des Kunstwerks
2.3. Die Aura des Kunstwerks
2.4. Die Einmaligkeit des Kunstwerks
2.5. Veränderte Rezeption der Aura - Ausstellungswert und Kultwert
2.6.Die Auswirkungen der technischen Reproduzierbarkeit anhand des Beispiels Film
2.7.Benjamins Nachwort: Die Ästhetisierung der Politik

3. Schluss

Walter Benjamin wurde 1892 als Sohn einer deutsch-jüdischen Familie in Berlin geboren, lebte seit der Machtübernahme Hitlers 1933 im französischen Exil und studierte nach dem Abitur in Freiburg, Berlin, München und Bern Philosophie, Germanistik und Kunstgeschichte, später arbeitete er als freier Schriftsteller und Publizist. Er nahm sich 1940 auf der Flucht vor den Nationalsozialisten das Leben.

Sein Aufsatz „Das Kunstwerk im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit“ erschien erstmals 1936 in der Zeitschrift für Sozialforschung. Sowohl in diesem Aufsatz als auch in zwei anderen („Kleine Geschichte der Photographie“, 1931, „Über einige Motive bei Baudelaire“, 1939) ist die wesentliche Thematik die Auswirkung der technischen Entwicklung auf die Kunst.

In dieser Hausarbeit soll insbesondere der Kunstwerk-Aufsatz in Betracht gezogen werden. Benjamin formulierte ihn in den ersten Jahren des nationalsozialistischen Regimes in Deutschland. Das Land befand sich in einem fatalen gesellschaftspolitischen Umbruch und die neue Regierung bediente sich der Massen.

Der Aufsatz besteht aus einem Vorwort, den in 15 Kapitel eingeteilten Thesen, und einem Nachwort. Expliziten Bezug zu Karl Marx stellt Benjamin in seinem Vorwort her; er geht, wie Marx, von den Grundverhältnissen der Produktionsbedingungen aus, um durch sie auf prognostische Weise die weitere Entwicklung darstellen zu können. Marx hatte auf diese Weise, die kapitalistischen Produktionsverhältnisse als Ausgangspunkt nehmend, prognostiziert, wie die weitere Entwicklung des Kapitalismus aussehen könnte.

Benjamin reflektiert analytisch den Strukturwandel in der Kunst im Zeitalter der Massenmedien und konstatiert, inwiefern die technischen Medien Film und Fotografie die gesellschaftliche Bedeutung der Kunst verändern. Er war der Meinung, der Wandel der Wahrnehmung der Kunst sei eine Folge der Veränderungen der Arbeitswelt durch Kapitalisierung und Automatisierung, welche sich mit zeitlicher Verzögerung auch im Bereich der Kunst bemerkbar machten. Die Kunst verändert sich insofern, als sie durch die Massenmedialisierung, die durch die technische Reproduktion möglich gemacht wird, öffentlich wird. Die Prozesse der Reproduktion werden in Genres wie Film und Fotografie selbst zu Kunst erklärt.

Im Folgenden soll der Kunstwerk-Aufsatz Benjamins widergegeben und untersucht werden. Benjamins Thesen zur Veränderung der Kunst durch die Möglichkeit der Massenproduktion und seine Schlüsselbegriffe sollen herausgearbeitet und in Zusammenhang gebracht werden. Dann soll die Wirkung der technischen Reproduktion auf Film und Fotografie widergegeben werden.

Benjamin behauptet, Kunst sei schon immer reproduzierbar gewesen. Bilder konnten nachgezeichnet oder Statuen nachgemeißelt werden. Wenn ein Mensch in der Lage war, ein Kunstwerk zu schaffen, war auch immer ein anderer Mensch fähig, es ihm nachzumachen. Benjamin sieht drei Gründe für die Reproduktion: Erstens vermochten Schüler so von ihren Meistern zu lernen, zweitens konnte man Kunstwerke vervielfältigen (z.B. Münzen), und zum dritten konnte man durch die Vervielfältigung Gewinn schlagen, indem man die reproduzierten Kunstwerke verkaufte.

Die verschiedenen Schritte der technischen Reproduktion entwickelten sich allerdings schleppend und in großen Abständen. Zunächst einmal hatten die Griechen die Möglichkeit durch Guss und Prägung Kunstwerke massenhaft zu produzieren. Später kamen der Holzschnitt, Kupferstiche und Radierungen hinzu, die es ermöglichten, Graphiken zu reproduzieren. Schließlich hatte mit der Einführung des Films und der Fotografie „die technische Reproduktion einen Standard erreicht, auf dem sie nicht nur die Gesamtheit der überkommenen Kunstwerke zu ihrem Objekt zu machen und deren Wirkung den tiefsten Veränderungen zu unterwerfen begann, sondern sich einen eigenen Platz unter den künstlerischen Verfahrungsweisen eroberte.“[1] Das Kunstwerk wurde somit Objekt der Reproduktion, die daraufhin gleichermaßen eine eigene Form der künstlerischen Verfahrungsweise darstellte. Erst die technische Reproduktion machte Genres wie Film und Fotografie möglich; sie gingen aus ihr hervor.

Es gilt nun zu klären, welche Auswirkung die technische Reproduktion auf das Kunstwerk hat und welche Veränderungen sie hervorruft.

Die Originalität, d.h. die „Echtheit“ eines Kunstwerks ist bei Benjamin dessen „Hier und Jetzt“[2], d.h. sein „einmaliges Dasein an dem Orte, an dem es sich befindet.“[3] Diese Eigenschaft geht durch die Reproduktion verloren. Die Originalität wird bestimmt durch die Einmaligkeit eines Kunstwerkes und seiner Einzigartigkeit in der Produktion. Jedes originale Kunstwerk hat demnach eine eigene Tradition oder entspringt einem Ritual; das macht seine Einzigartigkeit aus: „Der einzigartige Wert des „echten“ Kunstwerks hat seine Fundierung im Ritual, in dem es seinen originären und ersten Gebrauchswert hatte.“[4] Dieses eine Kunstwerk hat eine einmalige und unverwechselbare Entstehungs- und Lebensgeschichte, die nur ihm eigen ist.

Die „Echtheit“ eines Kunstwerks definiert sich also durch dessen Ursprung und Geschichte, den eventuellen physischen Verfall und die lokalen Veränderungen, die es erfahren haben mag. Das Kunstwerk ist somit in seiner Entstehung noch nicht „echt“, es wird echt durch das Durchleben dieser ihm eigenen Geschichte. „“Echt“ war ein mittelalterliches Madonnenbild zur Zeit seiner Anfertigung noch nicht; das wurde es im Laufe der Jahrhunderte und am üppigsten vielleicht in dem vorigen.“[5] Es gibt also Abstufungen der „Echtheit“, abhängig vom Kultwert des Kunstwerkes, der ihm im Laufe seiner Geschichte angehaftet wird. „Die Echtheit einer Sache ist der Inbegriff alles von Ursprung her an ihr Tradierbaren, von ihrer materiellen Dauer bis zu ihrer geschichtlichen Zeugenschaft.“[6]

Die technische Reproduktion vermag vielleicht ein Kunstwerk eins zu eins wiederzugeben, aber sie hat gegenüber der manuellen Reproduktion einen großen Nachteil: Sie erhält nicht die Autorität eines Kunstwerkes. Die technische Reproduktion ist in der Lage, andere Aspekte des Kunstwerkes hervorzuheben, sie ist somit selbständiger als die manuelle und macht es möglich, dem Betrachter entgegenzukommen. Hinzu kommt die Fähigkeit, dem Original sein Hier und Jetzt zu nehmen. Wenn sie dem Kunstwerk seine materielle Dauer nimmt, so nimmt sie ihm auch die geschichtliche Zeugenschaft. Dadurch aber ist die Autorität des Kunstwerks verschwunden. Die Reproduktion nimmt dem Kunstwerk seine Tradition, seine Einmaligkeit. Das Kunstwerk ist nun in der Lage, massenhaft produziert und aktualisiert zu werden.

An dieser Stelle führt Benjamin seine zentrale These ein: „Man kann, was hier ausfällt, im Begriff der Aura zusammenfassen und sagen: was im Zeitalter der technischen Reproduzierbarkeit des Kunstwerks verkümmert, das ist seine Aura.“[7]

Zum Verständnis der Benjaminschen These des Verfalls der Aura ist es unabdingbar, zunächst die Bedeutung des Begriffs zu klären und in ihn einzudringen.

Die Aura bedeutet hier die Eigenschaft originaler Kunstwerke. Gemeint ist die Eigenschaft der Einzigkeit des Kunstwerkes. Diese ist seine Aura. Durch den Ursprung des Kunstwerkes in der Tradition durch ein Ritual erhält es einen Kultwert; das Kunstwerk hat oder hatte eine Ritualfunktion inne. „Es ist nun von entscheidender Bedeutung, dass diese auratische Daseinsweise des Kunstwerks niemals durchaus von seiner Ritualfunktion sich löst.“[8]

Die Aura wird folgendermaßen explizit definiert, als „einmalige Erscheinung einer Ferne, so nah sie sein mag.“[9] Ferne und Nähe sind in diesem Satz nicht räumlich zu verstehen, sonst erschiene der Satz sinnwidrig. Hervorzuheben ist in dieser Definition der Begriff der ‚Erscheinung’, die weniger als eine faktische Erscheinung zu verstehen ist als eine Erfahrung. Durch diesen Zusatz wird das Paradoxe der Definition aufgehoben; die Erfahrung von der Ferne des Objekts ist nicht eine räumliche, sondern eine emotionale. Die Ferne wird gegenwärtig, indem sie durch etwas anderes erscheint. Die Wahrnehmung der Ferne eines Kunstwerks meint vielmehr eine „unaufhebbare Distanz“[10], eine emotional empfundene Erfahrung einer Ferne des Kunstwerks, d.i. dessen Unnahbarkeit. „Das wesentlich Ferne ist das Unnahbare. In der Tat ist Unnahbarkeit eine Hauptqualität des Kultbildes.“[11] Trotz der möglichen räumlichen Überbrückung der Distanz, d.h. trotz der Nähe des Betrachters zum betrachteten Objekt, vermag er diese dem Kunstwerk eigene Unerreichbarkeit, seine Ferne nicht zu überwinden.

Wie im obigen Abschnitt deutlich wurde, ist die Aura also, da sie eng mit der Echtheit des Kunstwerks verknüpft ist, eine Eigenschaft des Wesens des Kunstwerks. Sie ist somit etwas, das dem Kunstwerk anhaftet oder nicht. Ist ein Kunstwerk echt, ist also sein Hier und Jetzt gewährleistet, so hat das Kunstwerk auch eine Aura.

[...]


[1] Walter Benjamin, Das Kunstwerk im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit, S. 139

[2] Walter Benjamin, ebd.

[3] Walter Benjamin, ebd.

[4] Walter Benjamin, S. 142 f.

[5] Walter Benjamin, S. 139 Anm. 3

[6] Walter Benjamin, S. 140

[7] Walter Benjamin, S. 141

[8] Walter Benjamin, S. 143

[9] Walter Benjamin, S.142

[10] Birgit Recki, Aura und Autonomie, S. 16

[11] Walter Benjamin, S. 143 Anm. 7

Ende der Leseprobe aus 19 Seiten

Details

Titel
Über Walter Benjamins Aufsatz: Das Kunstwerk im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit
Hochschule
Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg
Note
1.0
Autor
Jahr
2009
Seiten
19
Katalognummer
V138570
ISBN (eBook)
9783640710232
ISBN (Buch)
9783640710386
Dateigröße
479 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Walter Benjamin, Aura, Das Kunstwerk im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit
Arbeit zitieren
Cana Nurtsch (Autor), 2009, Über Walter Benjamins Aufsatz: Das Kunstwerk im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/138570

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