Voltaire - Begründer des französischen Newtonianismus und die Initiierung eines mechanistischen Weltbildes


Seminararbeit, 2009

21 Seiten, Note: 1,7


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einführung und zentrale Fragestellung

2 Aktuelle Problematik der Wissenschaft
2.1 Wissenschaft und Wahrheit
2.2 Fehlbarkeit der Vernunft

3 Voltaire als Initiator des mechanistischen Verständnisses der klassischen Mechanik
3.1 Die Mechanisierung der Mechanik
3.2 Voltaires Interpretation der Mechanik

4 Elemente der Philosophie Newtons

5 Schlussbetrachtung

6 Literaturverzeichnis

1 Einführung und zentrale Fragestellung

Computerlogbuch Nummer 1 der USS Enterprise, Sternzeit 1329,8, Captain Kirk: „Wir schreiben das Erdenjahr 2009 und befinden uns nach einer Zeitreise in die Vergangenheit auf dem Weg zurück zum Heimatplaneten der Menschheit …“ So oder so ähnlich begann jede Folge der Fernsehserie Raumschiff Enterprise: Das nächste Jahrhundert mit einem Logbucheintrag des Captains, der darin u. a. die Sternzeit vermerkte und in die Handlung einführte.[1]

In den 80ger und 90ger Jahren symbolisierte diese Serie den menschlichen Fortschritt und menschliche Entwicklung im Zeichen der Wissenschaft. Die meisten Bürger abendländischer Kulturen sehen sich im menschlichen Zeitalter der Wissenschaften. Vieles was unser tägliches Leben bestimmt wird durch Wissenschaft begründet. Die Anwendungsmöglichkeiten von Technologie, bemerkenswerte Entdeckungen und bisweilen Lebensinhalt definieren sich durch Wissenschaft.[2] In gesellschaftlichen Diskursen oder politischen Diskussionen dienen wissenschaftliche Erkenntnisse ebenfalls oft als Letztbegründung. Viele Menschen verwenden wissenschaftliche Begriffe, Definitionen und Erkenntnisse zusammen mit dem Geltungsanspruch der Vernunft, um Interessen durchzusetzen oder den (ihrer Ansicht nach) fundamentalen Bedeutungsgehalt ihres Standpunktes zu artikulieren. Populärwissenschaftliche Lektüre dient dabei allzu oft als Referenz.[3] Die zu differenzierende Bedeutung und die Interpretationsschwierigkeiten wissenschaftlicher Erkenntnis werden nicht mehr wahrgenommen und sind aus dem Bewusstsein vieler Menschen völlig verschwunden, falls sie jemals dort angekommen waren. Richard P. Feynman äußerte sich während eines Vortrages 1963 an der Universität Washington dazu anhand eines aus dem alltäglichen Leben aufgegriffenen Beispieles: „[…] Nicht jeder, der Zeitung liest braucht jeden einzelnen Artikel zu verstehen, der abgedruckt ist. Manche Leute interessieren sich nicht für Wissenschaft. Andere schon. Zumindest könnten sie auf diese Weise herausfinden, was das alles bedeutete, anstatt darüber aufgeklärt zu werden, man habe ein atomares Teilchen verwendet, das aus einer Maschine abgefeuert worden sei, die sieben Tonnen wiege. Ich kann diese Artikel in der Zeitung einfach nicht lesen. Ich weiß nicht, was das bedeuten soll, was da drinsteht. Nur weil sie sieben Tonnen wiegt, ist mir noch lange nicht klar, um was für eine Art Maschine es sich handelt. Man kennt mittlerweile zweiundsechzig Teilchenarten, und ich würde ganz gerne wissen, von welchen er spricht.“[4]

Die Schwierigkeit liegt nicht darin möglichst alle Details eines Sachverhaltes darzulegen, sondern Zusammenhänge zu erklären, die einem das Verstehen ermöglichen. Sonst begreift man die Natur nur noch über physikalische Definitionen (Natur = Physik), doch ist die Physik ausschließlich ein Hilfsmittel zum Verstehen.

Die großen Entdecker und Forscher der Menschheit haben oft ihr ganzes Leben gebraucht um ein Naturgesetz zu formulieren. Ihre damalige Gedankenwelt bleibt einem heute oft verborgen und man reduziert das Lebenswerk großer Entdecker nur noch auf eine Formel.[5] Doch so besteht die Natur nicht aus dieser Formel, sondern versucht die Natur zu beschreiben. Die physikalische Theorie ist eben nicht von Natur aus gegeben, sondern vom Menschen formuliert.[6] Wie konnte es soweit kommen, dass man Physik und Natur nur noch als mathematisches Konstrukt identifiziert? Wie entwickelte sich die mechanistische Interpretation der Newtonschen Mechanik? Diese und andere Fragen möchte ich versuchen mit Hilfe von Renate Wahsners und Horst-Heino v. Borzeskowskis Werk „Voltaire, Elemente der Philosophie Newtons, Verteidigung des Newtonianismus, Metaphysik des Neuton“ auf den folgenden Seiten zu beantworten.

2 Aktuelle Problematik der Wissenschaft

2.1 Wissenschaft und Wahrheit

Im Folgenden wird die Kenntnis von philosophischen Kerngebieten und Grunddisziplinen mit Ihren Begriffen und Definitionen vorausgesetzt. Es ist möglich, das im Unterpunkt genannte Problem philosophisch aufzuzeigen.

Menschen bilden ideologische Fundamente, an denen sie sich orientieren. Aus der Orientierung heraus folgt wiederum die Legitimation ihrer Standpunkte bzw. der Geltungsanspruch ihrer Handlungen.[7] So werden beispielsweise religiöse Ideologien mit den mannigfaltigsten Wahrheiten gefüllt. Ethik und Moral werden ebenfalls aus einem fundamentalen Wertegerüst formuliert und begründen oft über die Vernunft ihren Anspruch auf Geltung.[8] Aber auch im Bereich der Wissenschaft gibt es, abhängig von der praktizierten Methode, Tendenzen gewonnene Erkenntnisse als sicheres, unumstößliches und unbezweifelbares Wissen darzustellen.[9] Daraus ergibt sich unweigerlich, dass man, obwohl es zu zweifeln lohnt, an ideologischen Standpunkten festhält. In Medien und wissenschaftlichen Einrichtungen, allen voran derer, die sich populärwissenschaftlicher Methoden bedienen, hat sich der tiefe Glaube an unmittelbare Gewissheiten gefestigt, „[…] als ob hier das Erkennen rein und nackt seinen Gegenstand zu fassen bekäme, als „Ding an Sich“, und weder von Seiten des Subjekts noch von Seiten des Objekts eine Fälschung stattfände.“[10]. Die Verbindung von Wahrheit und Gewissheit wiederum ist bereits von René Descartes im 17. Jahrhundert betont wurden und findet ihr Zuhause im klassischen Rationalismus.[11]

Nun behaupten viele Philosophen und Naturwissenschaftler, dass man eine Basis braucht und eine Letztbegründung von Normen gerade aus moralischen Gründen von großer Bedeutung sei.[12] Aber auch hier hat beispielsweise John Leslie Mackie eindrucksvoll gezeigt, dass Moral und Ethik sich nicht aus Prinzipien ableiten lassen müssen und es keine Handlung auf dieser Welt gibt, der der objektive Wert "moralisch gut" oder "moralisch falsch" zukommt. Letzteres begründet er mit seiner Irrtumstheorie der Moralität.[13]

Laut Hans Albert sind wir nun nicht dazu gezwungen uns bei der Erkenntnissuche in klassische Denkrichtungen einordnen zu müssen.[14] Sei es der Realismus, Skeptizismus oder der Relativismus. Für Ihn wäre dabei ein konsequenter Fallibilismus, die Auffassung, dass die menschliche Vernunft in allen Bereichen fehlbar ist, denkbar. Dabei müsse man nicht zwangsweise die kritisch-rationale Methode, welche die Wissenschaften kennzeichnet, opfern.[15]

Die gezeigte Problematik bei der Bildung allgemeingültiger wissenschaftlicher Erkenntnis ist Gegenstand intensiver philosophischer Diskurse und wissenschaftlicher Auseinandersetzungen. Dabei werden unterschiedliche Standpunkte vertreten, die sich an Plausibilität oft nur weinig unterscheiden.

2.2 Fehlbarkeit der Vernunft

Dem Begriff der Vernunft werden unterschiedliche Bedeutungen, sowohl umgangssprachlicher, als auch philosophischer Art beigemessen. Im Unterpunkt 2.2 wird der Vernunftbegriff, wie er in philosophischen Diskursen als Grundlage für Erkenntnis und Erkenntnisgewinn bestritten wird, verwendet.[16] Die Begründung normativer Ethik wird dabei als unmittelbare Folge des Geltungsanspruches der Vernunft abgeleitet.

Eine grundlegende Schwäche der Vernunft ist die Auffassung, dass Erkenntnis sich ohne Hilfsmittel der Erfahrung aus allgemeinen Prämissen, also gesetzartigen Prinzipien, bilden kann.[17] Was Kant als „transzendental“ bezeichnetet, wird heute in der Analyse der Bedingungen der Möglichkeit von Erfahrung als erkenntnistheoretische Fragestellung charakterisiert.[18] Doch wird gerade im Hinblick auf ethische Normen von Gewissheit gesprochen. Dabei wird das Wissen einmal durch „Beweise (durch logischen Schluss aus wahren Prämissen), wobei die obersten Prämissen unbewiesene und unbeweisbare Prinzipien seien; zum anderen durch unmittelbare Einsicht, denn diese Prinzipien könne man unmittelbar einsehen und daher mit unbedingter Sicherheit wissen“, definiert.[19] Kants „transzendentale Deduktion“ läuft dann unmittelbar Gefahr als höchstes Prinzip in die Idee des Universums bzw. einer Gottheit transformiert zu werden.[20] Kurz: Vernunft als Gottesersatz. Kant definierte seine Prinzipien vor aller empirischen Erfahrung als Erkenntnis a priori oder als apriorische Erkenntnismöglichkeit.[21]

Nun ist aber ganz offensichtlich eine Geistestätigkeit ohne Geistesvermögen nicht möglich und ein Geistesvermögen a priori nicht jedem Menschen gegeben. Bonsiepen stellt fest: „Nicht jeder kann mit gleicher Deutlichkeit das Merkmal eines Gegenstandes vom Schema zum Begriff erheben.“[22] Erkenntnis, unabhängig von Methodologie, ist somit rein subjektiv und offenbart sich bei jedem auf verschiedene Weise.

Ein weiteres Problem der Vernunft ist ihre Abhängigkeit von den Grundvorstellungen des klassischen Rationalismus.[23] Gemeint ist hier konkret, dass Kausalprinzipien nicht in Frage gestellt werden. Beweisführungen arten dabei in eine Kunst aus, „ […] vorgegebene Aussagen durch demonstrative Herleitung aus schon gesicherten Aussagen als wahr zu erweisen.“.[24] Hier offenbart sich ein Widerspruch, der zwangsweise in einem logischen Zirkel endet: Wie kann man weitere Erkenntnis erlangen, ohne bereits Gesicherte in Frage zu stellen? Albert Einsteins unvernünftige, aber dann doch geniale Idee, den Absoluten Raum & die Absolute Zeit und ihre Bedingtheit mit der Geschwindigkeit relativistisch zu beschreiben, ist ein prominentes Beispiel. Aktuell begegnet man ähnlichen Problemen in der Formulierung und Weiterentwicklung der Quantenphysik.

Die hier dargestellten Herausforderungen bei Beziehungen zwischen Wahrheit und Vernunft in den Wissenschaften stellen lediglich einen Bruchteil im Bereich philosophischer Diskurse zu der Problematik dar. Dennoch bilden sie einen zentralen Aspekt ab, mit einer langen geschichtlichen Entwicklung, von Aristoteles bis Kant. Als weiterführende Lektüre sei hier auf Hans Albert verwiesen, der sich in seinem Buch „Die Wissenschaft und die Fehlbarkeit der Vernunft“ intensiv mit dem Thema auseinandersetzt.

[...]


[1] Fernsehlexikon

[2] vgl. Was soll das alles? S. 111

[3] vgl. ebenda

[4] Was soll das alles? S. 111

[5] vgl. Voltaire, Zur Editionsgeschichte, S. 2

[6] vgl. Voltaire, Die Mechanisierung der Mechanik, S. 76

[7] vgl. Rorty zur Einführung, S. 74

[8] vgl. Solidarität oder Objektivität? S. 8

[9] Die Wissenschaft und die Fehlbarkeit der Vernunft, S. 15

[10] Die Wissenschaft und die Fehlbarkeit der Vernunft, Vorwort, Albert greift hier auf FRIEDRICH NIETZSCHE zurück, Von Vorurteilen der Philosophen, aus: Jenseits von Gute und Böse

[11] Die Wissenschaft und die Fehlbarkeit der Vernunft, S. 9

[12] vgl. Die Wissenschaft und die Fehlbarkeit der Vernunft, S. 3

[13] Ethik, S. 15

[14] vgl. Die Wissenschaft und die Fehlbarkeit der Vernunft, S. 2

[15] vgl. ebenda

[16] vgl. Vernunft und Vernunftkritik, 1. – 11. Vorlesung

[17] vgl. Die Wissenschaft und die Fehlbarkeit der Vernunft, S. 44 ff.

[18] vgl. Die Wissenschaft und die Fehlbarkeit der Vernunft, S. 3

[19] ebenda, S. 38

[20] vgl. Die Begründung einer Naturphilosophie bei Kant, Schelling, Fries und Hegel, 1997, S.327; Bonsiepen orientiert sich dabei an J. F. FRIES: Neue oder anthropologische Kritik der Vernunft, Fries schreibt: [… Doch der Fehler ist hier offen am Tage, dass diese Idee nie mehr als vorübergehende Modesache werden kann. Sobald nämlich jede Schule ihre Sprache hinlänglich wird ausgebildet haben, wird es sich von selbst ergeben, dass sie nur die nachbildliche menschliche Weltanschauung mit der Idee eines vorbildlichen göttlichen Verstandes verwechselt, und in der Aufgabe ihrer Philosophie ihre menschliche Vernunft in jene göttliche hinüber geworfen haben. …]

[21] vgl. ebenda, S. 328

[22] ebenda, S. 368

[23] vgl. Die Wissenschaft und die Fehlbarkeit der Vernunft, S. 47

[24] ebenda, S. 40

Ende der Leseprobe aus 21 Seiten

Details

Titel
Voltaire - Begründer des französischen Newtonianismus und die Initiierung eines mechanistischen Weltbildes
Hochschule
Technische Universität Berlin  (Institut für Philosophie, Wissenschaftstheorie, Wissenschafts- und Technikgeschichte)
Veranstaltung
Lektüre von zentralen Texten der Wissenschaftsgeschichte des 17. und 18. Jh.
Note
1,7
Autor
Jahr
2009
Seiten
21
Katalognummer
V138584
ISBN (eBook)
9783640474554
ISBN (Buch)
9783640474646
Dateigröße
479 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Voltaire, Wissenschaft, Mechanizismus, Newton, Mechanik, Vernunft
Arbeit zitieren
Heiko Schmolke (Autor), 2009, Voltaire - Begründer des französischen Newtonianismus und die Initiierung eines mechanistischen Weltbildes, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/138584

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