Internet und Beschleunigung

Zeitverhältnisse in der modernen Gesellschaft


Diplomarbeit, 2009
201 Seiten, Note: Gut

Leseprobe

Inhalt

EINLEITUNG

1. ZEIT UND GESELLSCHAFTSTHEORIE
1.1 THEORETISCHE VORÜBERLEGUNG
1.1.1 Handlungstheorie
1.1.2 Strukturell-funktionale Theorie
1.1.3 Dialektik
1.2 ZEIT IN HANDLUNGSTHEORETISCHER DIMENSION:
1.2.1 Zeit und Synthese
1.2.2 Zeit und Sinn
1.2.2.1 Konstitution von Sinn und Temporalität
1.2.2.2 Zeitstruktur des Handelns
1.2.3 Zeit und Perspektive
1.2.3.1 Perspektive
1.2.3.2 Struktur der Handlung
1.2.3.3 Temporalität und Perspektive
1.2.3.4 Perspektive und Sozialität
1.2.3.5 Sozialität und Temporalität
1.2.4. Zusammenfassung: Zeit in handlungstheoretischer Dimension
1.3 ZEIT IN STRUKTURTHEORETISCHER DIMENSION
1.3.1 Systemtheorie
1.3.1.1 Funktional-strukturelle Theorie
1.3.1.2 Autopoietische Systeme
1.3.1.3 Beobachtung
1.3.1.4 Struktur und Temporalität
1.3.1.5 Temporalisierung von Komplexität
1.3.1.6 Systemdifferenzierung
1.3.1.7 Gleichzeitigkeit
1.3.1.8 Strukturzeit ohne Subjektzeit?
1.3.2 Geschichte und Dauer
1.3.3 Zusammenfassung: Zeit in strukturtheoretischer Dimension
1.4 ZEIT IN DIALEKTISCHER DIMENSION
1.4.1 Theorie der Strukturierung
1.4.1.1 Dualität von Struktur
1.4.2 Zeit und Raum
1.4.2.1 Zeitgeografie
1.4.2.2 Orte - Stationen
1.4.2.3 Anwesenheits-Verfügbarkeit
1.4.2.4 Sozial- und Systemintegration
1.4.2.5 Raum und Zeit als disziplinierende Macht
1.4.3 Zusammenfassung: Zeit in dialektischer Dimension
ZUSAMMENFASSUNG

2. ZEIT UND KAPITALISMUS
2.1 SUBJEKTIVE ZEIT IM KAPITALISMUS
2.1.1 Zeit und Produktion
2.1.1.1 Arbeitszeit
2.1.1.2 Fremdbestimmte Zeit
2.1.1.3 Flexible Arbeitszeit
2.1.1.4 Einfluss der Arbeitszeit auf soziale Temporalstrukturen
2.1.2 Zeit und Konsumtion
2.1.2.1 Freizeit und Eigenzeit
2.1.2.2 Freizeit und Konsum
2.1.3 Zusammenfassung: Subjektive Zeit im Kapitalismus
2.2 OBJEKTIVE ZEIT IM KAPITALISMUS
2.2.1 Komplexe Temporalität der kapitalistischen Produktion
2.2.1.1 Leistung und Temporalstruktur des Wirtschaftssystems
2.2.2 Zeit als Quantum von Arbeit
2.2.3 Produktionssteigerung
2.2.4 Historische Entwicklung von Kapital
2.2.5 Zusammenfassung: Objektive Zeit im Kapitalismus
2.3 BESCHLEUNIGUNG – DIALEKTISCHES MERKMAL DER KAPITALISTISCHEN ZEITFORM
2.3.1 Zeit und Beschleunigung im Kapitalismus
2.3.1.1 Beschleunigung auf Objektebene
2.3.1.2Beschleunigung auf Subjektebene
2.3.2 Dialektische Beschleunigungsdynamik
2.3.3 Zusammenfassung: Beschleunigung – Dialektisches Merkmal kapitalistischer Zeitform
ZUSAMMENFASSUNG

3. INTERNET UND BESCHLEUNIGUNG
3.1 THEORETISCHE VORÜBERLEGUNG
3.1.1 Objektive Dimension – Technikdeterministische Sichtweise
3.1.2 Subjektive Dimension – Sozialdeterministische Sichtweise von Technik
3.1.3 Dialektische Dimension – Strukturationstheoretische Perspektive
3.2 OBJEKTIVE DIMENSION – TECHNIKDETERMINISTISCHE SICHTWEISE
3.2.1 Beschleunigung durch IKT
3.2.2 Soziale Beschleunigung
3.2.2.1 Technische Beschleunigung
3.2.2.2 Beschleunigung des Lebenstempos
3.2.2.3 Beschleunigung des sozialen Wandels
3.2.2.4 Externe Antriebsmotoren der sozialen Beschleunigung
3.2.3 Wirkungsformen der sozialen Beschleunigung
3.2.3.1 Raum-Zeit-Transformation
3.2.3.2 Verzeitlichung der Zeit
3.2.3.3 Veränderte Zeitmuster auf Subjektebene
3.2.3.4 Veränderte Zeitmuster auf Strukturebene
3.2.4 Zusammenfassung objektive Dimension
3.3 SUBJEKTDIMENSION – SOZIALKONSTRUKTIVISTISCHE PERSPEKTIVE VON TECHNOLOGIE
3.3.1 Techniksoziologie
3.3.1.1 Institutionalisierte Technikstrukturen
3.3.1.2 Technik in konstruktivistischer Perspektive
3.3.1.3 Die kommunikative Formung der Technik
3.3.1.4 Technik und Kultur
3.3.2 Techniksoziologische Theorien der Gegenwart
3.3.2.1 Netzwerktheorie
3.3.2.2 Konditionen der Postmoderne
3.3.3 Zusammenfassung subjektive Dimension
3.4 DIALEKTISCHE DIMENSION – STRUKTURATIONSTHEORETISCHE PERSPEKTIVE
3.4.1 Medien und Sozialer Wandel
3.4.1.1 Dynamische Prozesse der Kommunikationsgesellschaft
3.4.1.2 Technikspirale
3.4.1.3 Integration und Netzwerke
3.4.2 Internet und Gesellschaft
3.4.2.1 Internet und komplexe Systemtheorie
3.4.2.2 Techno-soziales System
3.4.2.3 Zeitkomponente in technosozialen Systemen
3.4.3 Zusammenfassung dialektische Dimension
ZUSAMMENFASSUNG

RESÜMEE

LITERATURVERZEICHNIS

ABBILDUNGEN

Einleitung

Die Zeit ist aus den Fugen. Sie rast und steht still. Je mehr Zeit wir gewinnen, desto schneller zerrinnt sie uns zwischen den Fingern. Wir stürzen nach vorn und kommen immer zu spät. Alles wird schneller, und früher war es besser. „Je mehr Zeit wir sparen, desto weniger haben wir“ lautet eine Volksweisheit in Michael Endes Roman von 1973. Ein treffend auf den Punkt gebrachtes Paradoxon der modernen Zeitwahrnehmung, beschrieben nach Barbara Adam (1998) lautet: „Je mehr Freiheit wir haben, über Zeitordnung selbst entscheiden zu können, umso weniger Zeit haben wir“ (Adam 1998: 10). Obwohl Mithilfe von technologischer Entwicklung enorme Zeitgewinne erreicht werden, beschleunigt sich das Lebenstempo unserer Gesellschaft stetig und die Symptome wie Stress, Hektik und Zeitnot sind überall zu erkennen. In einer artifiziellen Gesellschaft haben wir eine Unabhängigkeit gegenüber der Natur gewonnen und aber gleichzeitig wieder an die Ökonomie verloren (vgl. Adam 1998: 16ff). Der Mensch hat es zwar geschafft sich von den temporalen Zyklen der Natur zu liberalisieren, unterwirft sich aber dafür den Zeitstrukturen der kapitalistischen Produktionsform. Die kapitalistische Wirtschaftsform verwandelt Zeit in Geld. Anders gesagt: Im Kapitalismus greifen Wachstums- und Beschleunigungszwang ineinander. Was wir in der Produktion an Zeit gewinnen, müssen wir im Konsum wieder ausgegeben – das gesteigerte Produktionstempo hat ökonomisch zwingend eine Erhöhung der Konsumtionsakte zur Folge. Weil der Bedarf weitgehend gedeckt und der Markt gesättigt ist, dreht die Produktion leer und wird zum Selbstzweck. Unter Konkurrenzdruck unterliegen die Zeiten der Produktion, Distribution und Konsumtion einer permanenten Optimierung, realisiert durch Technologieentwicklungen, um Vorsprünge und Wettbewerbsvorteile zu erreichen und um einer kapitalistischen Logik zu genügen. Der rasenden Entwicklung von Technik und deren Diffusion in alle sozialen Ebenen hinken die menschlichen Wahrnehmungs- und Erfahrungsprozesse hinterher. Einseitige Beschleunigung in einer differenzierten Gesellschaftsform führt zu Desynchronisation. Ein einfaches Beispiel verdeutlicht dieses Problem: „In der Regel wünscht nahezu jeder Bürger einerseits, als Kunde oder Klient (am Bahnhof, im Cafè, beim Arzt, bei der Telefonauskunft etc.) möglicht schnell bedient zu werden – andererseits jedoch, mehr Zeit und weniger Stress bei der Arbeit (d.h. als Anbieter oder Erbringer von Dienstleistungen) zu haben. Diese Vorstellung – alles sollte möglichst schnell gehen, damit ich mehr Zeit habe – ist auf kollektiver Ebene natürlich unübersehbar selbstwidersprüchlich“ (Rosa 2005: 44). Wir liegen also im Zwiespalt der Wahrnehmung von rasend schnellen und scheinbar lang dauernden Prozessen. Die Prozesse erweisen sich als asynchron, also unterschiedliche Geschwindigkeiten der Prozesse. Einseitige Beschleunigung kann sowohl auf struktureller als auch auf individueller Ebene auftreten und zu Synchronisationsproblemen führen. Die veralteten Gesellschaftsstrukturen sind überfordert, die dynamischen Ströme aus Geld, Waren und Information zu synchronisieren. Ein Beispiel eines derartigen Synchronisationsproblems kann mit der Formulierung der Wissenskluft, bekannt als „digital Divide“ oder auch der Ausbeutung der natürlichen Ressourcen beschrieben werden. Der Abbau von natürlichen Ressourcen durch den Menschen verläuft viel schneller, als die Natur diese Ressourcen reproduzieren kann. Die Folge sind Naturkatastrophen, aufgrund einseitiger Beschleunigung. Ähnliches gilt für die digitale Kluft. Strukturelle Zugangsbeschränkungen im Internet führen zu einer einseitigen Beschleunigung eines gesellschaftlich definierten Subsystems (jene die über Internetzugang verfügen) und somit zu Synchronisationsproblemen im Gesamtsystem. Die beschriebenen Beschleunigungs-bzw. Synchronisationsprobleme lassen sich anhand veränderter Zeitmuster und -strukturen identifizieren. Das Problem des Auseinandertretens der Zeitstrukturen ist an sich nichts Neues. Neu ist allerdings die Geschwindigkeit, mit der sich diese Prozesse der Gegenwartsverdichtung, Entfernungsschrumpfung etc. vollziehen. Eine mögliche Erklärung kann in der Technologieentwicklung gefunden werden. Die sinnbildliche Verdichtung von Raum und Zeit bildet das ortlose Internet, in dem alle Ereignisse weltweit gleichzeitig stattfinden. Mit der Einführung dieses globalen Netzwerkes scheinen sich alle Beschleunigungs- und Desynchronisationserscheinungen zu verschärfen. Der Mensch beschleunigt sein Handeln in der Gegenwart, um mehr Zeit in der Zukunft zu haben. Zeitstrukturen verändern sich, sodass eine Krise des Zeitbewusstseins zu spüren ist. Zeit wird Fragmentiert und die Gegenwart erstreckt sich als eine Dauer von unverbundenen Jetztpunkten. „Zeit ist von ihrem Begriff her ein Kontinuum, ein Fließen; sie ist Bewegung, Prozess und Leben. Zeit die keine Geschichte mehr kennt, die keine Vergangenheit und keine Zukunft mehr hat, ist keine Zeit mehr“ (Zoll 1988: 17). Die Erfahrung einer Krise des Zeitbewusstseins ist allerdings keine neue Erfahrung. Der Gegensatz zwischen zyklischer und linearer Zeit besteht schon seit langem (vgl. Zoll 1988: 15). Wir erleben allerdings eine neue Veränderung der Zeitrhythmen, eine Anpassung des Menschen an die Zeit. Es ist die Zeit selbst, die sich verzeitlicht, was heißt: Wir bestimmen unsere Handlungsziele im Vollzug der Handlung, also in der Zeit selbst.

Anhand des gesellschaftlichen Symptoms der allgemeinen Zeitnot rückt die Frage nach den Ursachen und deren Zusammenhängen in das Blickfeld der Untersuchung. Die zentrale Forschungsfrage lautet daher: Unter welchen Prämissen lässt sich soziale Beschleunigung als Merkmal der Modernisierung beschreiben? Neben der Frage nach den Umständen oder Bedingungen, wie sich eine derartige gesellschaftliche Dynamik konstituiert, muss auch diese Dynamik selbst, also die soziale Beschleunigung per se beschrieben werden. Die zentrale Forschungsfrage impliziert die Ausarbeitung einer Definition der sozialen Beschleunigung auf objektiver und subjektiver, also struktureller und kultureller Ebene. Soziale Beschleunigung wird weiters als ein Merkmal der Modernisierung auf der Ebene der Handlungs- und Wahrnehmungsprozesse verstanden. Die weiterführende Forschungsfrage lautet daher: Was ist unter sozialer Beschleunigung zu verstehen? Weiterführende Fragen ergeben sich daraus: Was sind die spezifischen Eigenschaften der Beschleunigung in der heutigen Moderne? und In welchem Verhältnis stehen Internet und soziale Beschleunigung? Es ist davon auszugehen, dass die soziale, also die gesamtgesellschaftliche Dynamik, nicht auf einzelne gesellschaftliche Phänomene zurückzuführen ist, sondern einen Prozess darstellt, der verschiedene Faktoren beinhaltet und nicht von heute auf morgen eingetreten ist, sondern einen gewissen Entwicklungsprozess durchlaufen ist. In der vorliegenden Diplomarbeit soll also zum Einen die Frage nach der sozialen Beschleunigung gestellt werden und zum Anderen deren Prämissen, also kulturellen, technischen und strukturellen Gesellschaftsbedingungen. Ziel meiner Untersuchung ist demnach die Ermittlung der sozialen Beschleunigung als Merkmal der Modernisierung. Und welche Rolle spielen dabei Gesellschaftsform und Technik. Dies erfordert die Analyse des Spannungsfeldes der gesellschaftlich veränderten Zeitstrukturen im Raum-Zeit-Verhältnis im Kontext der kapitalistischen Gesellschaftsform und der Entwicklung der Netzwerktechnologie, besonders des Internet.

Im Anschluss an diese Untersuchung stellt sich ebenso die Frage nach den Folgen für Subjekt und Struktur. Wie wirkt sich soziale Beschleunigung auf Mensch und Gesellschaft aus? Mit dieser abschließenden Forschungsfrage sind besonders die Folgen des Wandels des Raum-Zeit-Verhältnisses im Blickfeld der Untersuchung.

Die theoretische Ausrichtung des Forschungsinteresses erfordert die Methode der Literaturanalyse. Zur systematischen Analyse der Zeitstrukturen in Primär- und Sekundärliteratur wählte ich eine Unterteilung in subjektiver-, objektiver- und dialektischer Dimension. Im systematischen Vorgang vom Abstrakten zum Konkreten sollen die wesentlichen Erkenntnisse zur Beantwortung der Forschungsfrage gewonnen werden.

Aus der Forschungsfrage und der gewählten Methode ergibt sich folgende Kapitelgliederung: Die vorliegende Arbeit gliedert sich in drei große Abschnitte, die ausgehend von einer abstrakten Darstellung gesellschaftstheoretischer Zeitstrukturen das konkrete Phänomen der sozialen Beschleunigung umreißen soll. Das 1. Kapitel handelt von der allgemeinen Begrifflichkeit der Zeit in der Gesellschaft. Dabei soll ein Definitionsrahmen zur Beschreibung des Raum-Zeit-Verhältnisses skizziert werden. Das 2. Kapitel widme ich dem Themenfeld Zeit und Kapitalismus und stellt den Einfluss kapitalistischer Zeitstrukturen auf individuelle und strukturelle Zeitorientierung und Zeitplanung dar und erlaubt eine erste Dimension der Beschleunigungsdynamik zu formulieren. Das 3. Kapitel umfasst den Zusammenhang von Informations- und Kommunikationstechnologien und der sozialen Beschleunigung. Die Untersuchungsgegenstände bilden Informations- und Kommunikationstechnologien und deren Verhältnis zur Gesellschaft, sowie die gesellschaftlichen Phänomene Beschleunigung, Raum-Zeit-Transformation und sozialer Wandel.

Um dem Volumen einer Magisterarbeit gerecht zu werden, musste ich folgende methodische Verkürzungen vornehmen. In der Diskussion um Zeit darf auch der Begriff des Raumes nicht vernachlässigt werden. Obwohl Raum und Zeit in Bezug auf Wahrnehmung und Beherrschung eng aneinander gekoppelt sind, werde ich beide Dimensionen nicht gleichberechtigt behandeln. Ich werde in der vorliegenden Arbeit in der Diskussion um Raum-Zeitverhältnisse die Zeitdimension gegenüber der Raumdimension bevorzugt behandeln und begründe diesen Beschluss folgendermaßen: Im Aufkommen der Moderne und der Einführung der Uhr als standardisierte Zeit emanzipierte sich die Zeit gegenüber dem Raum. Da die Zeitstrukturen gegenüber dem Raum die variableren Größen sind, und bei der Veränderung von Raum-Zeit-Regimen stets die Temporalstrukturen verändert werden (vgl. Rosa 2005: 61), rücke ich die Zeitstrukturen in den Fokus meiner Untersuchung.

In Kapitel 1 befasse ich mich mit dem Phänomen Zeit in der Gesellschaft. Zur Gliederung der dargestellten Ansätze unterscheide ich eine dreidimensionale Typologie. Dabei differenziere ich zwischen subjektiven, objektiven und dialektischen Ansätzen von Zeittheorien. Die Unterteilung der theoretischen Ansätze in drei Dimensionen soll Unterschiede und Gemeinsamkeiten der Temporalstrukturen aufzeigen. Aus dieser Analyse werde ich jene Begriffe extrahieren, die einen Definitionsrahmen des Raum-Zeit-Verhältnisses konstituieren. Auch im 2. Kapitel stehen die Zeitstrukturen im Fokus der Untersuchung. Im Spannungsverhältnis von Zeit und Kapitalismus möchte ich den Einfluss der kapitalistischen Zeitorganisation auf die individuellen Zeitorganisationen darstellen. Auf struktureller Ebene wird Zeit in der kapitalistischen Produktionslogik zur kommodifizierten Ware und unterliegt einer permanenten Temposteigerung in Produktion, Distribution und Konsumtion um Profite zu erwirtschaften. Eine Profitsteigerung kann beispielsweise durch die Einführung neuer Technologien erzielt werden. Diese Technologien sollen Zeitvorsprünge in Produktion und Distribution einbringen. Da sich die Profite erst in der Distribution realisieren greifen die Temporalstrukturen zwischen Subjekt- und Objektebene ineinander und erlauben die Formulierung einer dialektischen Beschleunigungsdynamik. Diese Akzeleration beschreibt das wechselseitige Verhältnis zwischen technischer Beschleunigung und der Beschleunigung des Lebenstempos. Im Spannungsfeld Zeit und Kapitalismus wird die kapitalistische Produktionslogik zu einem ökonomischen Antriebsmotor der sozialen Beschleunigung (vgl. Rosa 2005). Im 3. Kapitel werden die Verhältnisse von Informations- und Kommunikationstechnologien zur Gesellschaft und zum sozialen Wandel, der als Beschleunigung sozialer Prozesse auftritt, untersucht. Bei dieser Untersuchung ist vor allem auf die einfach kausalen Zusammenhänge zu achten. Daher wird eine Typologie, die zwischen sozialkonstruktivistischer, technikdeterministischer und dialektischer Perspektive unterscheidet, eingeführt. Diese Typologie ist insofern ratsam, da pauschale Ursachen- und Wirkungsverhältnisse im Zusammenhang von Technik und Gesellschaft vermieden werden können und die jeweiligen Stärken und Schwächen der Ansätze in die Diskussion mit einfließen können.

Im abschließenden Resümee werde ich die Kapitel zusammenfassend darstellen und die wichtigsten Ergebnisse und Zusammenhänge aufzeigen. In dieser finalen Zusammenfassung sollen auch die eingangs formulierten Forschungsfragen beantwortet werden.

1. Zeit und Gesellschaftstheorie

„Zeit ist ein für den Menschen in der modernen Gesellschaft besonders bedeutungsvolles, aber ein nur schwer begreifbares, schwer erklärbares Wort, das sich hinsichtlich der soziokulturellen Lebenswelt in seinem Bedeutungsinhalt auf die Erscheinungen bzw. Aspekte der Dauer, des Nacheinander und Ereignisstromes, der Veränderung und Vergänglichkeit bezieht“ (Hillman 2007: 985).

Die Auseinandersetzung mit dem Begriff Zeit kann in unterschiedlichen Herangehensweisen vollzogen werden. Man könnte die Zeit von Außen betrachten und sie als Gegenstand fassen. Damit ist ein von Außen deskriptives studieren gemeint, wie etwa ein Vergleich der Unterschiedlichen Zeitkonzepte in verschiedenen Kulturen und Gesellschaften. Zeit als ein „Extrakt“ gesellschaftlicher Strukturen. Zeit wird hier als eine objektivierbare Form dargestellt und jede Kultur oder Gesellschaft hat ihre eigene Form und organisiert sich danach. Die Folge einer Beschreibung der Zeit in dieser Art und Weise hat eine begrenzte Reichweite und erklärt nicht das Wesen der Zeit. Dieser Einbettung in eine Kulturzeit fehlt die eigene, persönliche, subjektive Zeiterfahrung. Die Perspektive der subjektiven Zeitwahrnehmung oder der inneren Zeitwahrnehmung stellt somit die zweite Herangehensweise dar. Innere Zeitwahrnehmung ist eine operative Leistung des Bewusstseins und könnte beispielsweise die Erinnerung sein. Dieser radikal subjektive Ansatz erklärt Zeit als die Interpretation des Verstehens des je Einzelnen. Doch auch die Isolation dieses Ansatzes fasst den Begriff der Zeit zu kurz, da die Erklärung des sozialen Zeitverständnisses fehlt. Zielführend ist ein Denken der Zeit als eine Art Spannung dieser inneren und äußeren Perspektive. Einen „Facettenblick“ auf das Zeitphänomen zu richten, der die Vielheit des Problems erkennt und Zeit nicht als Singular denkt. Ich möchte auf einen Begriff der Zeit in dialektischer Betrachtung hinweisen, der die Komplexität dieses Phänomens erfassen kann. Das überwältigende Spektrum der Zeitkonzepte, die sich in der Literatur finden lassen reicht von philosophischen über sozialwissenschaftlichen bis hin zu geschichtswissenschaftlichen Ansätzen. Dabei weisen die Theorien entweder einen sehr hohen Abstraktionsgrad auf, sind empirisch nicht überprüfbar, oder diskutieren auf sehr theoriearmen Niveau. Nur selten finden sich Konzepte, die auf gesellschaftstheoretischen Überlegungen aufbauen oder an diese anschließen lassen. Aus diesem Grund halte ich es für sinnvoll, Zeitkonzepte nach ihrem theoretischen Inhalt zu untersuchen und nach einem passenden Kategorienschema zu ordnen. Dieses Schema wird im Kapitel 1.1 „Theoretische Vorüberlegung“ entworfen. Anhand dieser Einteilung werde ich in den darauffolgenden Kapiteln der handlungstheoretischen (1.2), strukturtheoretischen (1.3) und dialektischen (1.4) Dimension jene Zeitkonzepte darlegen, die den jeweiligen Kriterien des Kategorienschemas entsprechen. Nach jedem Unterkapitel soll eine Zusammenfassung das Wichtigste widergeben und die Ansätze auf Gemeinsamkeiten und Unterschiede analysiert werden. Am Ende dieses Kapitels „Zeit und Gesellschaftstheorie“ soll in einer abschließenden Zusammenfassung jene Aspekte hervorgehoben werden, die als Merkmale eines Raum-Zeitverhältnisses betitelt werden können, welche für das Verständnis eines sozialen Beschleunigungsprozesses relevant sind.

1.1 Theoretische Vorüberlegung

Im vorliegenden Kapitel bin ich auf der Suche nach einem Begriff von Zeit, der das oben angeführte Verständnis impliziert, also gewissermaßen ein Begriff für „soziale Zeit“ wie es auch Armin Nassehi (2008) formulierte. Die verschiedenen Ansätze sollen im Kontext eines Kategorienschemas untersucht werden. Dieses Schema soll helfen, Ansätze in innere, äußere oder dialektische Dimension überblicksgerecht einzuordnen, wie ich es bereits vorher kurz erläutert habe. Eine Zeittheorie schreibe ich dann einer inneren Dimension zu, wenn sie vom Subjekt, also vom menschlichen Bewusstsein ausgehend erklärt wird. Zeit in diesem Sinne ist sozusagen ein eigener Zugriff auf Realität. Und diese Zeit ist dehnbar und hat eine Dauer. Innere Zeit ist also der Umgang mit dem Gedächtnis, der Erinnerung. Zeit ist in dieser Hinsicht nicht nur innerlich, sondern auch relativ und bearbeitbar. Beispiele für ein solches Verständnis von Zeit finden sich auch in der modernen Literatur wie beispielsweise der Roman „Auf der Suche nach der verlorenen Zeit“ von Marcel Proust Anfang des 20. Jahrhunderts. Im Gegensatz dazu sollen Zeittheorien oder Zeitkonstrukte, welche aus Strukturen oder Institutionen entstehen, der äußeren Dimension zugewiesen werden. Die äußere Dimension umfasst soziale Strukturen, historische oder kulturgeprägte Zeit. In diesem Verständnis wird Zeit objektiviert. Zeit soll hier vorstellbar gemacht werden, indem man den Blick nach außen richtet, auf die Natur oder ein System und ihre Rhythmik und Zyklen. Wesentliches Unterscheidungsmerkmal der strukturellen Zeitkonstitution ist, dass diese (Zeit)rhythmen nicht mit der individuellen (inneren) Zeitperspektive in Beziehung stehen. Diese Zeitrhythmen laufen autonom ab. Die innere beziehungsweise äußere Dimension beziehe ich in weiterer Folge auf die sozialwissenschaftliche Handlungstheorie beziehungsweise die strukturell-funktionale Theorie. Die dialektische Dimension soll den Abschluss meiner Untersuchung bilden und sollte Zeit sowohl in innerer als auch in äußerer Dimension denken. Also ein Zeitkonzept, dass sowohl die subjektive als auch die objektive Zeitkonstitution berücksichtigt.

Die jeweils vorgestellten Theorien unterliegen keineswegs einer willkürlichen Auswahl, sondern sind das Extrakt sich wiederholender Verweise in der Zeitliteratur. Die Bestimmung beziehungsweise die Ausarbeitung der Unterscheidungsmerkmale von Handlungs- und Strukturtheorie für ein Kategorienschema bringt mich zu Beginn auf die „Gründungsfiguren“ (Schwinn 2006) Max Weber und Talcott Parsons.

1.1.1 Handlungstheorie

Max Weber (1980) erklärt Soziologie als eine Wissenschaft, „welche soziales Handeln deutend verstehen und dadurch in seinem Ablauf und seinen Wirkungen ursächlich erklären will. Handeln soll dabei ein menschliches Verhalten (einerlei ob äußeres oder innerliches Tun, Unterlassen oder Dulden) heißen, welches seinem von dem oder den Handelnden gemeinten Sinn nach auf das Verhalten anderer bezogen wird und daran in seinem Ablauf orientiert ist“ (Weber 1980: 1). Hillmann (2007) versteht Handlungstheorie als sozialwissenschaftliche Ansätze, „die vom sinnorientierten, zielgerichtet-aktiven Handeln des sozialisierten Menschen ausgehen. [...] Der Mensch als ein handlungsfähiges Subjekt mit Persönlichkeit, der mittels gemeinsamer symbolischer Orientierungssysteme mit anderen interagiert“ (Hillmann 2007: 327). Für die Eigenart des Handelns sind Methoden des Verstehens und der Interpretation erforderlich (vgl. Hillman 2007: 327). Webers Soziologie geht von der Annahme aus, dass Menschen ihren Handlungen einen subjektiven Sinn zuweisen (vgl. Kalberg 2001: 43). „ In der Weberschen Soziologie sind die Einzelnen als wirklich Handelnde in der Lage, ihre soziale Wirklichkeit zu interpretieren und schöpferisch zu handeln“ so Kalberg (ebd.). Und Webers Grundbestandteile der Soziologie sind sein methodologischer Individualismus, die vier Typen sozialen Handelns, die Vorstellung von Verstehen und die Betonung einer Vielfalt von Motiven (vgl. Kalberg 2001: 43).

„Sein methodologischer Individualismus stellt die Intention der Handlungen, ihre Fähigkeit, ihr soziales Umfeld zu beeinflussen, und ihre Art, ihrer Wirklichkeit Sinn zu verleihen (subjektiver Handlungssinn), in den Vordergrund. Für Weber sind es Einzelne, die handeln, nicht soziale Organismen oder Kollektive. Dadurch definiert er Soziologie im Sinne von Verstehen als das deutende Verstehen sozialen Handelns, dass sozialen und subjektiven Sinn einschließt“ (Kalberg 2001: 43). Webers vier Typen des sinnhaften Handelns sind das zweckrationale, wertrationale, affektuelle und das traditionale Handeln, die jeweils auf sinnhafte Orientierung des Handelnden bezogen sind (vgl. Kalberg 2001: 44). Aus dieser Vielfalt von Motiven impliziert er eine strikte Ablehnung der Ausrichtung aller „organizistischen und funktionalistischen Ansätze“ auf allgemeine Normen und Strukturen (vgl. Kalberg 2001: 45). Diese Darstellung sinnhaften geordneten Handelns durch Idealtypen verdeckt den Blick auf gesellschaftliche Entwicklung oder sozialer Differenzierung, sowie die Frage nach sozialer Ordnung, da er nicht sinnhaftes Handeln ausschließt (vgl. Kalberg 2001: 52).

Trotz seiner Subjektbetonung richtet Weber seine Aufmerksamkeit auch auf die verschiedenen Arten, wie Menschen gemeinsam handeln. Er erkennt, dass sich in allen Gesellschaften und zu allen Zeiten häufig und regelmäßig Muster von Handlungsorientierungen und Zuschreibungen von Sinn zeigen, die Handelnde miteinander gemein haben (vgl. Kalberg 2001: 50). Weber (1980: 13) nennt „soziale Beziehung ein seinem Sinngehalt nach aufeinander gegenseitig eingestelltes und dadurch orientiertes Sichverhalten mehrerer.“ Weber stellt also eine gewisse Regelmäßigkeit des Handelns fest, also einen gleichartig gemeinten Sinn bei verbreiteten Abläufen von Handeln. (vgl. Kalberg 2001: 50). Weber (1980) beschreibt die Regelmäßigkeit sozialen Handelns als Brauch, „wenn und soweit die Chance ihres Bestehens innerhalb eines Kreises von Menschen lediglich durch tatsächliche Uebung gegeben ist. Brauch soll heißen Sitte, wenn die tatsächliche Uebung auf langer Eingelebtheit beruht“ (Weber 1980: 15).

Verknüpfung von Handlung und Struktur

Regelmäßiges Handeln ist bei Weber der Verknüpfungspunkt von Handlung und Struktur (vgl. Kalberg 2001: 52). Er unterscheidet drei Hauptformen dieser Ordnungen: Brauch, Sitte und zweckrationale Interessenslage. Dabei misst er besonders Sitten und Interessen eine hohe Bedeutung zu (vgl. ebd.). Wenn ähnliches Handeln aus einer gemeinsamen zweckrationalen Interessenslage hervorgeht, „entstehen Gleichartigkeiten, Regelmäßigkeiten und Kontinuitäten der Einstellung und des Handelns, welche sehr oft weit stabiler sind, als wenn Handeln sich an Normen und Pflichten orientiert“ (ebd.: 53). Weber verwendet den Begriff „Vergemeinschaftung“ und meint dazu eine soziale Beziehung, „wenn und soweit die Einstellung des sozialen Handelns auf subjektiv gefühlter Zusammengehörigkeit der Beteiligten beruht“ (Weber 1980: 21). Vergesellschaftung ist eine soziale Beziehung, die auf rational motiviertem Interessensausgleich oder Interessensverbindung beruht (vgl. ebd.). Werden die Eigeninteressen von mehreren Handelnden befriedigt, werden Risiken vermieden, welche die befriedigende Situation umstoßen könnten. Ein solch gleich bleibendes Handeln findet sich oft im ökonomischen Bereich (vgl. Kalberg 2001: 53).

„Webers Begriff des Verstehens legt den Grundstein für seine Synthese von Handlung und Struktur“ (Kalberg 2001: 74). Seine Formen regelmäßigen Handelns ermöglichen in fremder und ungewohnter Umgebung das Verstehen sozialen Handelns als subjektiv sinnhaft (vgl. Kalberg 2001: 75). Wenn sinnhaftes Handeln in einer Ordnung identifiziert und verstanden wird, wird es aus einem irrationalen Handeln in ein plausibles Handeln transformiert (vgl. ebd.). „Innerhalb des rekonstruierten Milieus kann erkannt werden, dass Menschen aus ihrer Lage Sinn machen und entsprechend handeln“ und auf diese Weise liefert Webers verstehende Soziologie eine kausale Erklärung des Handelns (ebd.). Und in diesem Vorgehen, durch Bezug auf Ordnung, werden Handlung und Struktur verknüpft (vgl. Kalberg 2001: 76).

1.1.2 Strukturell-funktionale Theorie

Die strukturell-funktionale Theorie setzt nach Hillmann (vgl. Hillmann 2007: 868) Struktur und Funktion in den Mittelpunkt. Soziale Handlungen und soziale Beziehungen sind die konstituierenden Elemente, aus denen sich die soziale Realität ableiten lässt (vgl. Hillmann 2007: 868). Die sozialen Beziehungen und Handlungen werden „als ein sich selbst regulierendes soziales System der Wechselwirkungen“ (Hillmann 2007: 868) begriffen. Hillmann verweist auf den amerikanischen Soziologen Talcott Parson, den er als Begründer der strukturell-funktionalen Theorie anführt (vgl. ebd.). Parsons bezeichnet System als „einen Komplex von Interdependenzen zwischen Teilen, Komponenten und Prozessen mit erkennbar regelmäßigen Beziehungen, und zweitens eine entsprechende Interdependenz zwischen einem solchen Komplex und seiner Umgebung“ (Parsons 1976a: 275).

Daraus folgt, dass nicht Personen als Elemente des sozialen Systems definiert werden, sondern der Akteur wird in Interaktionen zum Träger des Rollenhandelns und somit als Mitglied des Sozialsystems betrachtet (vgl. Parsons 1976a: 278). Parsons stellt damit den Weberschen Aufbau auf den Kopf und argumentiert, dass „die Analyse des Sozialsystems durch ein vorangestelltes Verständnis des Handelns vollzogen werden muss“ (Schwinn 2006: 106). Die Systemfähigkeit ist, so Schwinn weiter, „anders als die Handlungsfähigkeit des Subjekts in der Akteurstheorie, dem sozialen Geschehen an sich zugeschrieben“ (ebd.). Auch Stephan Fuchs (2005) erklärt, dass nicht Personen, sondern das Handlungssystem handelt, welches aus an Rollen und Status geknüpften Erwartungen besteht (vgl. Fuchs 2005: 53). Handlungen werden nicht auf Individuen zurückgeführt, sondern entstehen aus den Beziehungen zwischen Kultur, Gesellschaft und Persönlichkeit und zum Verständnis von Handlungen muss das System analysiert werden und nicht Bewusstsein, Intentionen oder Pläne des Akteurs (vgl. Fuchs 2005: 53).

Diese systemorientierte Denkrichtung ergibt sich für Parsons aus dem Problem der Theorietradition, der er eine unhinterfragte Entität des Subjekts vorwirft (vgl. Schwinn 2006: 91). Denn „in der Weberschen Soziologie bleibt dagegen das Subjekt [...] der einzige Träger sinnhaften Sichverhaltens, also eine für die Soziologie nicht weiter auf andere Instanzen rückführbare Einheit“ (ebd.). Parsons radikalisiert dieses Denken, indem er den Handlungsbegriff vom Subjekt löst (vgl. Schwinn 2006: 92). Seine (Parsons) „organizistische Philosophie zerlegt alles Seiende, einschließlich der Subjekte, in Letzteinheiten“ (Schwinn 2006: 92). Diese nennt er „Ereignisse und begreift alle Phänomene als Komposition bzw. Relation dieser Grundbausteine“ (ebd.). Mit dieser Analysestrategie unterläuft er die „Problematik von Individuum und Gesellschaft“ (ebd.). Er macht den Akteur selbst zu einem emergenten Teil des Handelns. Der Akteur ist noch Bestandteil dieser Letzteinheit, aber nicht sein Konstrukteur (vgl. Schwinn 2006: 93). In Niklas Luhmanns (1980) Sichtweise ist „das Handlungssystem das Subjekt des Handelnden“ (Luhmann 1980: 7; vgl. Schwinn 2006: 93).

Parsons (1976a) stellt dabei die Funktion der Beziehung des Systems in den Vordergrund, da das System als Ganzes nicht handeln kann (vgl. Parsons 1976a: 278). Dabei kommt es darauf an, wie offen beziehungsweise geschlossen die Beziehung zwischen System und Umwelt ist (vgl. Miebach 2006: 202). Je nach Offenheit des Systems entwickeln sich unterschiedliche Interaktionsstrukturen. Durch Umweltanforderungen kann es zu einer Veränderung der Struktur kommen, die möglicherweise zu einer Veränderung des Systems, einem Wandel sozialer Systeme führen kann (vgl. Miebach 2006: 203).

Miebach erklärt komplexe Systeme im Sinne von Parsons als eine Reihe von Strukturen, die sich nach vier grundlegenden Funktionen ordnen lassen (vgl. Miebach 2006: 204). Das AGIL-Schema von Parsons mit den vier Funktionen Strukturerhaltung, Integration, Zielerreichung und Anpassung dient zur Analyse von Systemen und deren Beziehung zur Umwelt. (vgl. Miebach 2006: 204) Sozialsysteme bilden für Parsons eine Unterklasse von Handlungssystemen und das allgemeinste Sozialsystem ist für ihn die Gesellschaft (vgl. Miebach 2006: 207). Nach seinem AGIL-Schema entspricht die Funktion der Strukturerhaltung dem des soziokulturellen Systems. Hier verortet er beispielsweise Institutionen wie Schulen und Universitäten, die die kulturellen Standards an die nächste Generation weitergeben (vgl. Miebach 2006: 208). „Die gesellschaftliche Gemeinschaft als Integrations-Subsystem ist auf den Erhalt bzw. Schaffung der Solidarität spezialisiert“ (ebd.). Gesellschaftliche Zielerreichung wird primär durch das politische System erfüllt, wogegen die Bereitstellung vielseitig verwendbarer Ressourcen zur flexiblen Umweltanpassung eine Funktion des Wirtschaftssystems darstellt (vgl. Miebach 2006: 208). Schwinn sieht in dem von Parsons entwickelten AGIL-Schema die Lösung des Problems der systemischen Übersetzbarkeit von Makroperspektive (Handlungssystem) und Mikroperspektive (Handlungseinheit) (vgl. Schwinn 2006: 93).

1.1.3 Dialektik

Christian Fuchs (2007) kritisiert die einseitige Betonung eines Aspekts und weist auf eine Beziehung zwischen Akteur und Struktur als wechselseitig hin (vgl. Fuchs 2007: 41). Individualistische und subjektivistische Theorien betrachten die menschlichen Wesen als ein Atom der Gesellschaft (vgl. ebd.). Strukturalistische und funktionalistische Theorien unterstreichen hingegen den Einfluss und die Einschränkungen von sozialen Strukturen auf das Individuum und seine Handlung (vgl. ebd.). Dualistisch soziologische Theorien gehen von einer unabhängigen Beziehung zwischen Subjekt und Struktur aus und argumentieren, dass Akteure als psychologisches System nicht zu einem sozialen System dazugehören (vgl. Fuchs 2007: 41). Gesellschaft so Fuchs (2003) weiter, ist ein komplexes, selbst organisierendes System (vgl. Fuchs 2003: 138). Dabei bezieht sich Fuchs auf die Arbeit von Giddens und betont die Vermeidung einer einseitigen deterministischen Gesellschaftsbeschreibung (vgl. ebd.). Rein strukturalistische Konzepte, welche damit argumentieren, dass soziale Strukturen subjektives Handeln und Denken determinieren, können die Komplexität von Natur und Gesellschaft ebenso wenig erfassen, wie rein handlungsbezogenen Konzepte (vgl. ebd.). Das Problem der Beziehung zwischen Struktur und Handeln erfordert ein komplexes und multidimensionales Denken, welches in einer dialektischen Betrachtung von Struktur und Handeln gelingen kann (vgl. Fuchs 2003: 138).

Auch Gurvitch (1965) beschreibt jede Dialektik als Methode und bezieht sich gleichzeitig auf „Ganzheiten (ensembles) und ihre konstitutiven Elemente, auf Totalitäten und Teile“ (Gurvitch 1965: 35). Sie ist als Methode zudem immer Negation, „weil sie die Gesetze der formalen Logik leugnet, soweit diese nicht in einem sie überhöhenden Ganzen gefasst sind“ (Gurvitch 1965: 36). Dialektik ist Ausdruck und Hervorhebung von Gegensätzen und die Darstellung der Tatsache, dass die Elemente eines und desselben Ganzen sich gegenseitig bedingen und sich in verschiedenem Maße durchdringen (vgl. Gurvitch 1965: 37). „Dialektik beruht auf einer unendlichen Vielfalt von Stufen zwischen den Gegensatzbegriffen, die man deshalb in allen ihren tatsächlichen Schattierungen untersuchen muss“ (ebd.). „Derart sind die Zwischenstufen zwischen [...] Individuen und Kollektiven [...]“ (Gurvitch 1965: 37).

Hillmann (2007) versteht Dialektik ebenso als eine „Methode des In-Beziehung Setzens von (gegensätzlichen, widersprüchlichen) Aussagen zur Gewinnung von Einsichten über die Entwicklungsgesetze der den Aussagen zugrunde liegenden Phänomenen“ (Hillmann 2007: 150). Hillmann beschreibt vier Aspekte einer dialektischen Untersuchung. Die Dialektik geht erstens davon aus, dass Phänomene (materielle oder soziale) von der Entwicklung der Phänomene selbst beeinflusst werden (vgl. ebd.). Zweitens bildet die „Totalität der Phänomene, über die Aussagen gemacht werden, einen universellen Zusammenhang, in dem alle Dinge und Erscheinungen miteinander verbunden sind und sich gegenseitig bedingen“ (ebd.). Drittens ist „die Triebkraft jeder Bewegung und Entwicklung, die den Phänomenen innewohnenden Widersprüche sind, so dass es in der Wissenschaft insbesondere auf das Herausarbeiten von Komplexitäten, Spannungen und Verschlingungen in den Kausalbeziehungen ankommt“ (ebd.). Weiters kommt es viertens in der Entwicklung der Beziehung zwischen den Teilbereichen und der Totalität zu qualitativen Veränderungen, so dass aus kontinuierlicher Weiterentwicklung Diskontinuität entspringt (vgl. ebd.). Diese neuen Qualitäten gehen aber nicht aus einer bloßen Überwindung des jeweils Vergangenen hervor, sondern sie sind vielmehr Überführung und Vermittlung der entwicklungsfähigen Bestandteile des Alten zu neuen, höherentwickelten Seinsqualitäten. (vgl. Hillmann 2007: 150)

Plädoyer für ein dialektisches Zeitverständnis

Ein bekanntes Problem der Sozialwissenschaft bildet die unterschiedliche Herangehensweise aus Struktur- oder Akteursperspektive (vgl. Rosa 2005; Fuchs 2007). Für den Soziologen Hartmut Rosa nimmt Zeit eine Schlüsselkategorie in der Analyse von sozialen Phänomenen ein. Objekte und Zustände in der sozialen Welt können unter zeitbezogen Gesichtspunkten neu beschrieben werden (vgl. Rosa 2005: 19). Nach ihm bilden Zeitstrukturen „einen systematischen Verknüpfungspunkt zwischen Akteurs- und Systemperspektive, da sich soziale Veränderungen „entweder >makrosoziologisch< als Wandlung von >objektiv< gesellschaftlichen bzw. systemischen Strukturen analysieren, oder aber >mikrosoziologisch<, aus der Sicht einer subjektzentrierten Sozialwissenschaft, als Transformation von Handlungslogik und Selbstverhältnisse untersuchen“ lassen (Rosa 2005: 25).

Rosa sieht in der Berücksichtigung der Zeitperspektive die Überwindung der Struktur/Akteursspaltung (vgl. Rosa 2005: 25). „Ein erfolgsversprechender Weg zur Analyse dieser wundersamen Angleichung von System- und Handlungslogiken scheint hier in der Berücksichtigung der Zeitperspektive zu liegen: Zeithorizonte und –strukturen sind konstitutiv für Handlungsorientierungen und Selbstverhältnisse; zugleich entziehen sie sich jedoch der individuellen Verfügung insofern, als Zeit, ungeachtet ihrer sozialen Konstruktion und systemische Produktion, den Akteuren gleichsam als „naturgegebenes“ Faktum gegenübertritt“ (Rosa 2005: 25).

Zeiterfahrung und Zeitbewusstsein wandeln sich in Abhängigkeit von Sozialstrukturen (vgl. Rosa 2005: 28). Diesen Zusammenhang betont auch Helga Nowotny (1993) in ihrem Buch „Eigenzeit“, dass je komplexer die Gesellschaft, desto vielschichtiger werden auch die Zeitabläufe, die sich überlagern, miteinander und nebeneinander in zeitliche Verbindungen eintreten (vgl. Nowotny 1993: 9). „Denn Zeit, dieses zutiefst kollektiv gestaltete und geprägte symbolische Produkt menschlicher Koordination und Bedeutungszuschreibung, behält ihren Bezug zu anderen Menschen selbst in den Momenten ausgeprägten individuellen Empfindens“, so Nowotny (1993: 9) weiter. Auch bei Norbert Elias (vgl. 1976: 337) haben gesellschaftliche Zeitstrukturen einen kognitiv und normativ verbindlichen Charakter (Koordination und Synchronisation sozialer Prozesse) und eine Verankerung in der Persönlichkeitsstruktur (sozial erzeugtes individuelles Zeitbewusstsein verankert sich als „zweite Natur“ in der Persönlichkeitsstruktur) und daraus ergibt sich für Elias eine Erklärung für das hohe Tempo des Lebens in modernen Gesellschaften ( vgl. Elias 1976: 337).

1.2 Zeit in handlungstheoretischer Dimension:

In diesem Unterkapitel werden Ansätze untersucht, die Zeit in handlungstheoretischer Dimension, orientiert am oben angeführten Kategorienschema (Kapitel 1.1.1), betrachten. Die grundlegendste Gemeinsamkeit ist die Betonung des Subjekts und sein sinnorientiertes Handeln. Die erste Form von einem Zeitkonzept in einem handlungstheoretischen Rahmen stellt hierbei Norbert Elias.

Noch bevor ich mit diesem Kapitel beginne möchte ich auf das tautologische Problem der Zeit hinweisen. Wie die Theorie des Bewusstseins bereits ein denkendes Bewusstsein voraussetzt, ist das Denken der Zeit immer schon ein Denken der Zeit (vgl. Nassehi 2008: 40). Dieses Problem des Denkens wird im geisteswissenschaftlichen Paradigma hermeneutischer Zirkel genannt (vgl. ebd.). An dieser Stelle soll auch kurz die Überlegung von Martin Heidegger ihren Platz finden, der ebenfalls mit einer Tautologie operiert. Für Heidegger ist das Grundphänomen die Zukunft und daraus ergibt sich: „Zeit ist zeitlich“ (Heidegger 1989: 26). Gerade durch diese Tautologie definiert er seinen Zeitbegriff (vgl. Nassehi 2008: 41). „Das Sein von etwas, besser: dass etwas ist, begründet bereits die Qualität seiner Zeitlichkeit; oder umgekehrt: was zeitlich ist, ist“ (ebd.). Heidegger geht es somit darum, „Zeit als etwas sich selbst Konstituierendes zu denken“ (Nassehi 2008: 41f). Zeit wird erst im „Vollzug von Konstitution – ob Sein, Bewusstsein, Sozialität oder sonstigen Trägern bleibt zunächst ausgeklammert – zu dem [wird], was es ist“ (Nassehi 2008: 42). Zeit ist also immer Zeitlichkeit von etwas (vgl. ebd.). Heideggers Verzeitlichung der Zeit gründet auf den Arbeiten von Kant (vgl. Sandbothe 1998: 111). „Die bei Kant offengebliebene Frage nach der Zeit als reine Form der sinnlichen Anschauung, die von Bergson und Husserl in die Frage nach der inneren Zeitlichkeit der Subjektivität umformuliert worden war, wird bei Heidegger zur Frage nach der genuin praktischen Weise des zeitlichen Selbstentwurfs menschlicher Existenz“ (Sandbothe 1998: 112). Heidegger formuliert hierzu den Begriff „Dasein“ und sieht im Menschen als Dasein ein Wesen, das „je schon in sein ’Da’ geworfen ist, das also nicht erst künstlich und nachträglich beginnt, eine Erkenntnisrelation zur Außenwelt herzustellen, sondern sich immer schon in einem praktischen Verhältnis zu seiner konkreten Umwelt – zum ’Zuhandenen’ (Heidegger 1979: 69) – vorfindet“ (Sandbothe 1998: 112). Im Rückgriff auf Kierkegaard beschreibt Heidegger das Dasein als „ein in sich gedoppeltes temporales Geschehen“ (Sandbothe 1998: 113). Heidegger beschreibt dies zusammenfassend so: „Zukünftig auf sich zurückkommend, bringt sich die Entschlossenheit gegenwärtigend in die Situation. Die Gewesenheit entspringt der Zukunft, so zwar, dass die gewesene (besser gewesende) Zukunft die Gegenwart aus sich entlässt. Dies dergestalt als gewesend-gegenwärtigende Zukunft einheitliche Phänomenen nennen wir die Zeitlichkeit“ (Heidegger 1979: 326). Das Vorlaufen in die Zukunft beschreibt Heidegger als „Sein zum Tode“ (Heidegger 1979: 235ff.) und meint damit, dass „dieses Vorlaufen in diese ’Möglichkeit der maßlosen Unmöglichketi der Existenz’ (Heidegger 1979: 262), die der Tod darstellt, eine Art eigentlichen Existierens erlaubt“ (Sandbothe 1998: 114). Eine Art also, die „erst den Horizont der vielfältigen Möglichkeiten eröffnet und zur Gestaltung freigibt, innerhalb dessen unser alltägliches Dasein je schon organisiert ist, ohne dass sein wesentlicher Möglichkeitscharakter bewusst würde“ (ebd.). Heidegger beschreibt weiters ein „alltäglich-vulgäres Zeitverständnis“ (Heidegger 1979: 235), dass wir an Uhren und Kalendern ablesen und welches aus der Zeitlichkeit der Doppelbewegung (wie oben beschrieben) menschlicher Existenz hervorgeht (vgl. Sandbothe 1998: 115). Zeit wird von Heidegger nicht mehr als Derivat von Ewigkeit gedacht, sondern als einen Weltentwurf, in dem Lebenszusammenhänge stehen, innerhalb dessen die Erkenntnis von Gegenständen eine Rolle spielen kann (vgl. Sandbohte 1998: 123).

1.2.1 Zeit und Synthese

Ein „Wendepunkt in der Entwicklung der Zeitbestimmung war die Abzweigung einer naturzentrierten von der älteren, menschenzentrierte Form des Zeitbestimmens“ (Elias 1984: 81). So entstand der Dualismus des Zeitbegriffs, der Ereignisse entweder „natürlich oder sozial, entweder objektiv oder subjektiv, oder in physikalisch oder menschlich“ (Elias 1984: 93) trennt. „In Verbindung mit dieser übergreifenden begrifflichen Scheidung wurde auch die Zeit in zwei verschiedene Typen aufgespaltet: die physikalische und die soziale Zeit. Im ersteren Sinne erscheint Zeit als ein Aspekt der physikalischen Natur, als eine der unveränderlichen Variablen, die Physiker messen und die als solche ihre Rolle in den mathematischen Gleichungen spielen, die als symbolische Repräsentationen der Naturgesetzte gedacht sind. Im letzteren Sinne hat Zeit den Charakter einer sozialen Einrichtung, eines Regulators sozialer Ereignisse, eines Modus menschlichen Erlebens, und Uhren sind ein integraler Teil einer Gesellschaftsordnung, die ohne sie nicht funktionieren kann“ (Elias 1984: 93). Elias erklärt Zeit als ein soziales Phänomen und stellt sich die Frage, wie es zur heutigen Wahrnehmung von Zeit als etwas Natürliches, Bestimmendes, Regulierendes und Zwanghaftes kam (vgl. Elias 1984: 179).

Zeit als Beziehung

Elias bezeichnet Zeit nicht als soziale Gerätschaft, sondern als Beziehung. „Die Zeit, so könnte man sagen, ist ein Symbol für eine Beziehung, die eine Menschengruppe, also eine Gruppe von Lebewesen mit der biologisch gegebenen Fähigkeit zur Erinnerung und zur Synthese, zwischen zwei oder mehreren Geschehensabläufen herstellt, von denen sie eine als Bezugsrahmen oder Maßstab für den oder die anderen standardisiert“ (Elias 1984: 12). „Zeit ist damit eine menschliche Syntheseleistung, die eine Vielheit von Menschen voraussetzt, die sich in ihrem Handeln aufeinander beziehen und die Zeit damit zu einer zwingenden Kraft, die auf jeden einzelnen Menschen solcher Interdependenzketten einwirkt, wird“ (Elias 1984: 117). „Diese Zwänge bilden einen Teil dessen, was oft als ’zweite Natur’ bezeichnet wird, einen Teil des sozialen Habitus, der eine Eigentümlichkeit der Individualität jedes Menschen ist“ (ebd.). Zeit ist in diesem Sinne keine den Objekten oder Subjekten innewohnende Eigentümlichkeit, sondern die gesellschaftliche Zeitregulierung wird charakteristisch für den Zivilisationsprozess erlernt (vgl. Elias 1984: 119). In differenzierten Gesellschaften hat sich eine Selbstregulierung des einzelnen Menschen, und eine hohe Sensibilität bezüglich der Zeit entwickelt (vgl. ebd.). Gesellschaft bezieht Elias auf einen Prozess von Evolution, in welchem der Mensch eine Abstraktion durch Symbole, zum Beispiel Zeitbestimmer, schafft, die dem Zweck der Synthese zwischen sozialer und natürlicher Zeit dienen (vgl. Elias 1984: 119).

Die angesprochene Synthese erzeugt einen „soziale(n) Fremdzwang der Zeit, repräsentiert durch Uhren, Kalender oder etwa auch Fahrpläne, und hat in diesen Gesellschaften in hohem Maße diejenigen Eigenschaften, die die Ausbildung individueller Selbstzwänge fördert. Der Druck dieser Fremdzwänge ist relativ unaufdringlich, mäßig, auch gleichmäßig und gewaltlos, er ist zugleich allgegenwärtig und unentrinnbar“ (Elias 1984: XXXI f). Elias weist auf die Besonderheit der Individualität eines Menschen hin, die „sozial bestimmt und somit gruppenspezifisch“ ist und spricht in diesem Zusammenhang von „sozialer Persönlichkeitsstruktur“ oder „sozialen Habitus“ (Elias 1984: 125). Damit ist vor allem das strukturierte Lernen von „Verhalten und Gefühl, Gewissen und Trieb etc.“ (ebd.) gemeint. Elias hebt damit die Beziehung zwischen sozialen Habitus und die Formen des Zeiterlebens hervor (vgl. Elias 1984: 126). „Die fast unerbittliche Selbstregulierung, wie sie für Menschen charakteristisch ist, die in hoch zeitregulierten Gesellschaften aufgewachsen sind, ist ein Aspekt dieses sozialen Habitus von Individuen“ (Elias 1984: 125). Gesellschaften mit ausgeprägtem Zukunftsbewusstsein handeln unter der „Fähigkeit zur Unterordnung gegenwärtiger Bedürfnisse [...]“ (Elias 1984: 126) und nehmen dieses Verhaltensmuster der Selbstregulierung als fraglos hin (vgl. ebd.). Und, so Elias weiter, „jeder Mensch musste all seine Tätigkeiten auf die einer zunehmenden Zahl von Menschen abstimmen, musste seine eigenen Aktivitäten, eingeschlossen das Aufstehen und Zubettgehen, immer präziser zu einer bestimmten Zeit durchführen und musste immer genauer vorausplanen, wann in der Zukunft er dies oder jenes tun wollte oder zu tun hatte“ (Elias 1984: 126f). „So wuchs die Selbstregulierung von Menschen, und zwar gleichzeitig die soziale und die individuelle Selbstregulierung, im Zusammenhang mit entsprechenden Wandlungen in der Struktur menschlicher Gesellschaften oder, anders gesagt, mit Wandlungen in der Figuration, die Menschen miteinander bilden, zu ihrer gegenwärtigen, hochdifferenzierten Form heran“ (Elias 1984: 127). In menschenreichen und differenzierten Industriegesellschaften entwickeln sich die Selbstregulierung und der soziale Habitus verhältnismäßig stärker aus, als in kleineren undifferenzierten Gesellschaften (vgl. Elias 1984: 127f). Und in ausdifferenzierten Gesellschaften steigen auch die Interdependenzketten zwischen Menschen und mit ihnen der Zwang zur exakten zeitlichen Regulierung (vgl. Elias 1984: 127).

Elias hebt bei seiner Auseinandersetzung mit Zeit und Gesellschaft die Funktion der Synchronisation hervor. Er betont den Fremdzwang der Zeitregulierung für das Subjekt, das sich mit anderen mittels Symbole abstimmt. Elias betont immer wieder den Einfluss von sozialen Strukturen, zum Beispiel durch unterschiedlich starke Differenzierung, aber dennoch bleibt er im handlungstheoretischen Kontext, indem er den sozialen Habitus dem Zivilisationsprozess zuschreibt (vgl. Elias 1984: 122ff). Weiters unterstellt er der Zeit sowohl einen physikalischen, als auch sozial regulierenden Charakter. Elias zeigt die Auswirkungen der Zeit auf die Handelnden durch eine erforderliche Syntheseleistung als Zwang. Den sozialen Charakter der Zeit sieht er in der Abstimmung, also zeitlichen Planung aller Tätigkeiten und Aktivitäten mit anderen Menschen. Auch bei Schütz hat Zeit einen sozialen Charakter, vertieft aber die Suche des Ursprungs der Zeit im Subjekt.

1.2.2 Zeit und Sinn

1.2.2.1 Konstitution von Sinn und Temporalität

Alfred Schütz führte den Gedanken des sozialen Charakters der Zeit weiter und erkannte, dass sich die Konstitution des subjektiven Sinns in der Zeitdimension ereignet. Schütz untersucht die komplexe Beziehung zwischen Zeit und Erfahrung im Fokus von subjektiver und sozialer Dimension (vgl. Muzzetto 2006: 6). Bei der subjektiven Dimension konzentrierte sich Schütz auf die Verbindung von Zeitstrukturen und der Konstitution von Sinn (vgl. ebd.). Schütz vertieft den von Weber schlicht vorausgesetzten soziologischen Grundbegriff des subjektiv gemeinten Handlungssinns (vgl. Nassehi 2008: 101). Denn nach Weber wird der Begriff der sinnhaften Handlung des Einzelnen, der „eigentliche Grundbegriff“ und seine „vielverzweigte Problematik“, unzureichend analysiert (vgl. Schütz 19922: 15). „Weber macht zwischen Handeln als Ablauf und vollzogener Handlung, zwischen dem Sinn eigenen und fremden Handelns bzw. eigener und fremder Erlebnisse, zwischen Selbstverstehen und Fremdverstehen keinen Unterschied“ (ebd.). Nach Schütz begnügt sich Weber mit der naiven Voraussetzung der sozialen Welt als eine „intersubjektiv konforme“ Welt (vgl. Schütz 19922: 16). Auch in Schmieds Interpretation zu Schütz findet sich die Anlehnung an Weber, um „die Analysen Webers voranzutreiben, indem er z.B. Grundbegriffe der Soziologie Webers wie ’Sinn’, ’Handeln’, ’Motiv’, ’Idealtypus’ weiter differenziert“ (Schmied 1985: 41). Schütz fordert also eine Rückführung des sozialen Verhaltens auf die individuelle und subjektive Sinnkonstitution und analysiert Sinn unter philosophischen Gesichtspunkten, indem er konstatiert, dass das „Sinnproblem ein Zeitproblem“ sei (Schütz 19922: 20). In seiner Untersuchung macht er den Versuch, von Max Weber ausgehend, im Anschluss an Bergsons Philosophie der Dauer und Husserls transzendentaler Phänomenologie, das Sinnphänomen exakt zu bestimmen (vgl. Schütz 19922: 21).

Schütz unterscheidet wie Bergson zwischen einer äußeren und einer inneren Zeit (vgl. Nassehi 2008: 108). Bergson differenziert äußere und innere Zeit in quantitativ-naturwissenschaftliche und qualitativ-hermeneutische Erkenntnisweise (vgl. Nassehi 2008:

58). Er betont dabei die Wichtigkeit der Oppositionsbegriffe Qualität und Quantität, die mit Intensität und Extensität zu denken sind. Bergson meint damit, dass intensive Bewusstseinszustände wie „Empfindungen, Gefühle, Affekte und Willensanstrengungen“ (Bergson 1989: 9) nicht quantitativ zu bestimmen sind (vgl. Nassehi 2008: 58). Aus diesen Überlegungen postuliert er, dass Bewusstseinszustände ausschließlich qualitative Bestimmungen genügen (vgl. Nassehi 2008: 58). Bergson fordert demnach Zeit als Sukzession oder Dauer zu denken, da Dauer ein „Produkt eines Bewusstseinsprozesses ist, der nicht auf den quantitativen Aspekten der verräumlichten Zeit reduzibel ist“ (Nassehi 2008:

59). Mit der quantitativen, messbaren Zeit lassen sich nur „Jetztpunkte“ bestimmen, welche aber nicht miteinander in Beziehung stehen, also keine Temporalität ausdrücken (vgl. ebd.). Als Beispiel nennt Nassehi die Töne einer Melodie, die „in ihrer Abfolge nicht einfach voneinander isolierte Töne sind, sondern erst durch die wechselseitige Durchdringung der einzelne Töne eine Melodie werden, stellt Bergson Dauer als eine durch das Bewusstsein hergestellte Einheit einzelner Erlebnisinhalte vor [...]“ (Nassehi 2008: 59). Dieser Überlegung folgt auch Schütz und erweitert, dass die innere Dauer keine „physikalische Raumzeit“ sei, „die teilbar und meßbar ist“ (Schütz 19922: 20). Sinn entsteht für Schütz im „inneren Zeitbewusstsein, des Bewusstseins der je eigenen Dauer, in dem sich für den Erlebenden der Sinn seiner eigenen Erlebnisse konstituiert“ (ebd.).

Die innere, oder reine Dauer, so Bergson (1989), ist die Form, „die die Sukzession unserer Bewusstseinsvorgänge annimmt, wenn unser Ich sich dem Leben überlässt, wenn es sich dessen enthält, zwischen dem gegenwärtigen und den vorhergehenden Zuständen eine Scheidung zu vollziehen“ (Bergson 1989: 77). „In der reinen Dauer gibt es kein Nebeneinander, kein Auseinander und keine Teilbarkeit, sondern nur eine Kontinuität des Verfließens, eine Folge von Zuständen des Bewusstseins“ (Schütz 19922: 62). „Was wir aber in der Dauer erleben, ist eben nicht ein Sein, [...] sondern ein stetiger Übergang von einem Jetzt und So zu einem neuen Jetzt und So“ (ebd.). „Für das Hinleben im Dauerstrom ist das Jetzt vielmehr immer Phase, und deshalb verschmelzen die einzelnen Erlebnisphasen miteinander in stetigem Übergang. Das schlichte Hinleben in der Dauer vollzieht sich also in einsinniger, unumkehrbarer Richtung, von Mannigfaltigkeit zu Mannigfaltigkeit in einem stetigen Ablauf“ (Schütz 19922: 68). Entscheidend an dieser Argumentation, so Nassehi (2008), sind die einheitsstiftenden Akte des Bewusstseins (vgl. Nassehi 2008: 60). Das Bewusstsein erfährt sich als Einheit in der Zeit und konstituiert in seinen Erlebnissen eine Dauer, die nicht an der homogenen (Einheit der Differenz der Jetztpunkte) Zeit orientiert ist, sonder am Selbsterleben der inneren Dauer (vgl. ebd.). Die innere Dauer wird durch das subjektive Bewusstsein konstituiert und isoliert sich „vom Getriebe der äußeren Umwelt“ ab (Nassehi 2008: 62). Auch Schmied (1985) bemerkt zu Bergsons Zeitkonzeption, dass „der Mensch, der im Zustand der reinen Dauer leben würde, wäre ein von der Gesellschaft völlig Abgeschlossenes“ Individuum (vgl. Nassehi 2008: 62; Schmied 1985: 35).

Ähnlich wie Bergson sieht auch Edmund Husserl den Ursprung der Zeit im Bewusstsein (vgl. Nassehi 2008: 62). Husserl stellt sich die Frage, „wie sich Zeit als einheitsstiftende Perspektive trotz Wechsels der Gegenwarten erhalten kann“ (Nassehi 2008: 67). Er formuliert den Begriff des Bewusstseinsstroms, der den Erlebnisstrom und die Einheit des Bewusstseins bezeichnet (vgl. Husserliana III: 203). „Es geht also um das Verfließen der Zeit in der selbstkonstituierten Dauer des Bewusstseins, d.h. um die Einheit von Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft im sich selbst erlebenden Subjekt“ (Nassehi 2008: 68). Im Bewusstseinsstrom ist Erleben stets „Erleben von Etwas“, und die Aufmerksamkeit ist stets auf dieses „Etwas“ gerichtet und nicht auf das Erleben selbst (vgl. Schütz / Luckmann 1973: 52). Das Erlebnis selbst ist stets präphänomenal, d.h. es kann nie im aktuellen Erleben selbst zu einem (intentionalen) Phänomen gemacht werden, sondern erst in der Erinnerung wird ein Erlebnis phänomenal und sinnhaft (vgl. ebd.). Der Ansatz verweist auf eine Gegenwartzentrierung, die dem Problem unterstellt ist, dass die Präsenz der Präsens (Gegenwart) nur im Nachhinein, also mit einer „differance“ (Derrida 1988) zu erfassen ist (vgl. Nassehi 2008: 52). „Das Sein der urimpressionalen Gegenwart ist nie zu fassen, weil sie der retentional modifizierten Präsenz als neue Präsenz immer schon vorweg ist“ (ebd.). Diese Überlegungen des inneren Zeitbewusstseins führen auf die Theorie von Augustinus (1982) zurück (vgl. Nassehi 2008: 51). Er differenziert Zeit in „Gegenwart des Vergangenen, Gegenwart des Gegenwärtigen, Gegenwart des Zukünftigen“ (Augustinus 1982: 318). Seiner Ansicht nach muss man Ereignissukzessionen als differenzierte Einheit betrachten, da nur in diesem Verständnis von Zeit die Rede sein kann (vgl. ebd.). „Nur so kann die Sukzession der Worte dieses Satzes [...] einen Satz ergeben [...]“ (ebd.), da man sich nur im nacheinander der Worte auf das vorherige Beziehen kann und der Satz somit verständlich wird (vgl. ebd.).

Diese Auffassung von Augustinus präzisiert Husserl und führt, um eine temporale Kontinuität von Erscheinungen zu erklären, die Begriffe Retention und Protention ein (vgl. Nassehi 2008: 68). Die Retention schließt sich als Noch-Bewusstsein an die gerade abgelaufene Impression an. Sie bezeichnet das „Präsenthalten von einzelnen Wahrnehmungen“ (Nassehi 2008: 69). Da Bewusstseinserleben stets im absoluten Jetzt abläuft, wäre ohne diese Retentionen die Wahrnehmung eines Bewegungsablaufs oder Musik gar nicht möglich (vgl. ebd.). Im Übergang von einem Jetzt zum anderen Jetzt, behält man die gerade erlebte Aktion im Gedächtnis (vgl. ebd.). Ein kontinuierlicher Prozess von einer Retention der Retention und so weiter, bis dass die Erinnerung verblasst und letztendlich völlig verschwindet (vgl. ebd.). Retention, so Husserl, ist vergleichbar mit einem Kometenschweif, dessen Kern die originale Aktion, das reale Erlebnis ist. „Die Retention hängt der jeweils aktuellen Wahrnehmungsgegenwart einen Kometenschweif von Wahrnehmungen an, der den Fluss der Zeit im Bewusstsein erzeugt und so das Erleben eines zeitlichen Werdens, eines stetigen Wandels ermöglicht“ (Nassehi 2008: 69). Die Reproduktion ist hingegen die Wiedererinnerung eines vergangen Erlebnisses. Sie ist ein selbständiger Bewusstseinsakt und von der Impression abzugrenzen. Sie kann sich auf ein in einer Einheit gefasstes Erlebnis (monothetische Reproduktion) oder auf eine schrittweise, wirklich reproduzierte Erinnerung (polythetische Reproduktion) beziehen (vgl. Nassehi 1993: 48). Schütz übernimmt diesen Ansatz der „Reflexion“ (Schütz: 19922), und beschreibt ihn als die Zuwendung auf die erlebten Ereignisse und somit ein Heraustreten aus dem Strom der reinen Dauer (vgl. Schütz 19922: 68). Die so „konstituierten Erlebnisse“ werden durch Reflexion oder Reproduktion in den Blick genommen und sind als Erlebnis von allen anderen Erlebnissen abgrenzbar (vgl. ebd.). Aus diesem Herausheben eines Ereignisses aus dem Fluss, wird das Erlebnis zu einem „fertigem“, also abgeschlossenen beziehungsweise entwordenen Erlebnis (vgl. ebd.). Und nur so einem Erlebnis, da unterscheidbar, kann Sinnhaftigkeit zugewiesen werden (vgl. Schütz 19922: 69). Und, so Schütz weiter, „nur das Erlebte ist sinnvoll, nicht aber das Erleben“, weil Sinn nichts anderes ist, „als eine Leistung, der Intentionalität, die aber nur im reflexiven Blick sichtbar wird“ (Schütz 19922: 69).

Neben diesen vergangenen Bewusstseins- oder Erlebnisformen gibt es auch zukunftsbezogene Formen. Analog zu den Vergangenheit konstituierenden Retentionen bezeichnet die Protention eine Art umgekehrter Retention und reiht sich unmittelbar an die Impression (vgl. Nassehi 2008: 69). In der Protention erwartet das Bewusstsein neue gegenwärtige Bewusstseinsakte. Protentionen sind nach Husserl „Erwartungsintentionen, deren Erfüllung zur Gegenwart führt“ (ebd.). Im Unterschied zu Retentionen sind sie aber noch nicht mit Inhalt gefüllt, sondern leer, da „die Zukunft nicht wie die Vergangenheit Spuren im Bewusstsein hinterlassen hat“ (ebd.). Es wird erwartet, dass etwas kommt, aber was kommt bleibt unbestimmt. Inhaltlich gefüllt werden sie hingegen, wenn sie in einem Akt der Reflexion Teil der Vor-Erinnerung werden, welche sich zukünftige Erlebnisse als sinnhafte vorstellt. Die Vor-Erinnerung besteht in schlichten anschaulichen Vorstellungen, in welchen ein Erlebnis reflexiv antizipiert wird (vgl. Nassehi 1993: 48 / Muzzetto 2006: 8). „Es gilt festzuhalten, dass Reproduktion und Antizipation (Vor-Erinnerung) streng zu Retention und Protention unterschieden werden müssen“, da diese „untrennbare Aspekte der Erinnerung beziehungsweise Erwartung“ sind und „konstituierend für die Verbundenheit des Bewusstseinsstromes“ (Schütz 1976a: 41).

Auch Barbara Adam (2005) interpretiert die phänomenologische Auseinandersetzung von Schütz mit der Reflexivität und dem Bewusstsein als eine Einbindung in Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft (vgl. Adam 2005: 112). Nach Schütz werden Handlungen, sowohl vergangene als auch zukunftsorientierte Handlungen, unserem Bewusstsein erst im Rückblick zugänglich, eine Reflexion, die erst im Imperfekt, Perfekt oder Futur II stattfinden kann (vgl. ebd.). „Vergangenheit und Zukunft sind in jedem gegebenen Moment von Bedeutung. Die Vergangenheit geht in Zukunftsprojekte mit ein. Öffentliches und Privates, Objektives und Subjektives, Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft durchdringen einander in allen Handlungen. Auf Grundlage dieser Überlegungen können wir nicht nur von gemeinsamen Vergangenheiten, sondern auch von kollektiven Zukünften sprechen“ (Adam 2005: 113). Auch bei Muzzetto (2006) sind Protention und Antizipation essentielle Elemente für die Fortsetzung des Bewusstseinsstromes (vgl. Muzzetto 2006: 13). In der Gegenwart werden sowohl Realität als auch Identität konstruiert und durch das Handeln in der Gegenwart erfährt man die Umwelt (vgl. Muzzetto 2006: 13ff).

1.2.2.2 Zeitstruktur des Handelns

Subjektive Zeit im Alltagsleben ist durch die Begegnung in durèe und Weltzeit charakterisiert (vgl. Muzzetto 2006: 9). Unser Handeln passiert in der realen Welt. Wir erfahren unsere Bewegung und unser Handeln simultan sowohl als ein Ereignis in der äußeren (realen) Welt, als auch als einen Aspekt in unserem eigenen Bewusstseinsstrom (vgl. ebd.). Schütz (19922) spricht hier von einer „Gleichzeitigkeit des fremden Erlebnisstromes“ (Schütz 19922: 143). Als einzelnes Subjekt kann der Blick nur auf eigene „entwordene Erlebnisse“ gerichtet werden, aber es gelingt auch, auf die „fremden Erlebnisse in ihrem Ablauf hinzusehen“ (ebd.). „Das heißt nichts anderes, als dass das Du und das Ich in einem spezifischen Sinn gleichzeitig sind, dass sie koexistieren, dass die Dauer des Ich und die Dauer des Du einander schneiden“ (ebd.). Die beiden Perspektiven aus Weltzeit und durèe ergeben eine Fusion zu einer neuen Perspektive, einen Fluss, der von Schütz als lebendige Gegenwart bezeichnet wird (vgl. Muzzetto 2006: 9). „In and by our bodily movements we perform the transition from our durèe to the spatial or cosmic time, and our working actions partake of both. In simultaneity we experience the working action as a series of events in outher and in inner time, unifying both dimensions into a single flux which shall be called the vivid present“ (Schütz 1962c: 216). Auch Nassehi (2008) folgert nach den Gedanken von Schütz, dass „der einzelne im ’Schnittpunkt der inneren Dauer und der objektiven Weltzeit’ (Schütz/Luckmann 1984: 32) lebt, wodurch der Kontakt zwischen Subjekt und Lebenswelt gesichert und die Transzendenz der Weltzeit (vgl. Schütz/Luckmann 1979: 74) aus der Perspektive der je inneren Dauer gewahr wird“ (Nassehi 2008: 108). Nassehi wirft Schütz an dieser Stelle seiner Ausführungen aber eine „stillschweigend als existent vorausgesetzte“ (Nassehi 2008: 108) soziale (Welt)Zeit vor. Und auch die Zeitstruktur des Handelns kommt für Nassehi in Schütz’ Überlegungen zu kurz. Schütz interessiert sich nur, wie „sich der subjektive Handlungsentwurf und –vollzug in der immanent antizipierten Dauer des Handelnden konstituiert“ (Nassehi 2008: 109). Schütz verbindet das Soziale mit der Zeit, mit dem Verständnis, dass der Andere als „alter ego“ angenommen wird, auf dem Grundverständnis der strukturellen Gleichheit des Bewusstseinsstromes (vgl. Muzzetto 2006: 25). Nach Schütz (19922) rechne ein Handelnder immer mit einem bestimmten Verhalten des Anderen, da der Andere eine bestimmte Funktion und damit ein bestimmtes Verhalten hat (vgl. Schütz 19922: 258). „Ich gehe davon aus, dass es nach meiner vorangegangen Erfahrung Leute gibt, welche sich in typischer Weise verhalten“ (ebd.). Fundamental ist die Ansicht der Intersubjektivität, die der sozialen Gruppe ein ähnliches Bewusstsein voraussetzt (vgl. Schütz / Luckmann 1973: 61). Schütz beschreibt dabei eine Simultanität des Bewusstseinsstroms, die strukturelle Gleichheit zwischen dem Ich und dem Anderen. „Die Koexistenz beider Dauern, die vorhin als gleichzeitig bezeichnet wurden, ist vielmehr der Ausdruck für die wesensnotwendige Annahme einer mit der meinen gleichartigen Struktur der Dauer des Du“ (Schütz 19922: 144). Diese Orientierung zum Anderen nennt Schütz „Thou-Orientation“, welche eine Wir-Beziehung, die Systematik der sozialen Welt kennzeichnet (vgl. Muzzetto 200: 19). Simultan wird die gelebte Gegenwart geteilt und es kommt zu einer Fusion des Bewusstseinsstromes (vgl. Lachowska 1980 in Muzzetto 2006: 21). Schütz sieht in dieser Fusion die Idee der Community, des Kollektives. Schütz beschreibt eine geteilte, kollektive Zeit, welche er als die „common vivid present“, gemeinsam gelebte Gegenwart bezeichnet (vgl. ebd.). Das Basiselement der sozialen Welt von Schütz ist das geteilte Leben durch Zeit und die Konstruktion einer kollektiven Zeit ist die Konstruktion von Sozialität (vgl. Muzzetto 2006: 25f).

1.2.3 Zeit und Perspektive

Mit der Verknüpfung von Temporalität und Sozialität lieferte G. H. Mead durch sein Konzept der gegenwärtigen Handlung, „the emergent“ das Emergente, das „Neu-Entstehende“ (Nassehi 2008: 121), einen fruchtbaren Ansatz, sowohl für die soziologische Handlungs- als auch Systemtheorie (vgl. Bergmann 1981: 37). „In der Theorie Meads haben wir einen Entwurf einer Handlungstheorie, in dem Temporalität und Sozialität, oder ’Zeit und Sinn’ (Luhmann 1978: 218), zu den wesentlichen Konstituenten jeder Handlung gehören“ (Bergmann 1981: 38) und sowohl am „Ereignis- als auch am Gegenwartsbegriff ansetzen“ (Nassehi 2008: 121). Zur Bezeichnung der Konstitution von sozialer Gegenwart verwendet Mead den Begriff Handlung oder Ereignis (vgl. Bergmann 1981: 37).

In der Ansicht von Mead lässt sich Realität nur in der Gegenwart formulieren (vgl. Mead 1969: 229). Mead gesteht der Gegenwart dabei eine zeitliche Ausdehnung zu und betont vor allem, dass Ereignisse, Veränderungen, Dauerhaftigkeit, Gegenwart und Zeit nur in Anbetracht von „Entstehen und Vergehen“ (ebd.) vorstellbar sind. Gegenwart wird demnach zu einer Ära (Periode) eines Ereignisses und dürfen nicht als ein „Punkt auf einem temporalen Kontinuum“ (Nassehi 2008: 121) verstanden werden. Mead definiert die „Welt als eine Welt von Ereignissen“ (Mead 1969: 229) und aus der „Gegenwärtigkeit jedes Ereignisses“ (Nassehi 2008: 121) ergibt sich, dass die Welt aus einer Vielzahl von Gegenwarten besteht (vgl. ebd.). Auf ein Ereignis folgt ein neues Ereignis, welche miteinander in einer Beziehung stehen, sodass sich daraus eine Geschichte konstituiert, die für Mead Zeit im Sinne von aufeinanderfolgenden Gegenwarten erzeugt (vgl. Nassehi 2008: 122f). Damit aus solchen Gegenwarten eine Vergangenheit wird, muss etwas Neues eintreten (vgl. Mead 1969: 230). „The emergent“ (=Das Emergente) ist jener nach Mead eingeführte Begriff, der dieses Entstehen und Vergehen beschreibt und wird in der deutschen Ausgabe der Philosopie der Sozialität mit „das Neu-Entstehende“ übersetzt (vgl. Nassehi 2008: 121). Jedes Neu-Entstehende tritt in der Gegenwart in Erscheinung und sorgt dafür, dass „die Vergangenheit, die dann aus der Sicht des Neuen gesehen werden muss, [...] zu einer anderen Vergangenheit“ (Mead 1969: 230) wird. Mead lokalisiert also den Ursprung in der Zeit im „Prozess der Neu-Entstehung (Emergenz)“ (Adam 2005: 116). Und weiters sind Emergenz und Zeit-Ablauf wesentliche Aspekte der Sozialität (vgl. ebd.). Mead begreift „Sozialität als die Fähigkeit, mehrere Dinge gleichzeitig zu sein“ (ebd.). Sozialität ist somit immer zeitlich, sowie die Zeit ihrerseits immer auch sozial ist. Aus dieser „wechselseitigen Implikation von Zeit und Sozialität“ (Adam 2005: 116) folgt die Erkenntnis, dass „sich Sozialität nicht auf die menschliche Intersubjektivität beschränkt“ (ebd.), zweitens muss eine „unveränderliche Gerichtetheit berücksichtigt“ (ebd.) werden und drittens, dass es „keine unveränderte Wiederholung gibt, keinen Stillstand, kein Festhalten von Momenten“ (Adam 2005: 117).

1.2.3.1 Perspektive

Mead (1969) übernimmt von Whitehead die Überlegung, dass die „Konzeption der Natur als einer Organisation von Perspektiven, die in der Natur [selbst] liegen“ (Mead 1969: 215). Perspektiven sind weder Verzerrungen noch Selektionen (vgl. ebd.: 215). „System und Umwelt sind beide in einer Perspektive, aber die Perspektive ist in keinem von beiden und keiner ist unabhängig vom andern in einer Perspektive“ (Bergmann 1981: 39). „Das einzelne System (Organismus) ist in der Auffassung der Perspektive (System/Umwelt) eine raum-zeitlich erstreckte Struktureinheit, eine Einheit von Ereignissen (percipient event)“ (ebd.). Zeit wird dadurch höherwertig, da es eine „unbegrenzte Anzahl möglicher Gleichzeitigkeiten jedes Ereignisses mit anderen Ereignissen gibt und folglich unbegrenzt viele zeitliche Ordnungen derselben Ereignisse“ (Mead 1969: 216). „Jeder Organismus ist Produkt raumzeitlicher Überschneidungen, nimmt also als eigenes Raum-Zeit-System allen anderen Individuen gegenüber eine einmalige Stellung (Perspektive) ein, indem es die Ereignisse in der Umwelt in systemspezifischer Weise für sich ordnet“ (Bergmann 1981: 40). Der Mensch unterscheidet sich zu anderen Organismen in Bezug auf die Perspektive soweit, als dass er die Perspektive von anderen einnehmen oder mit anderen teilen kann (vgl. Bergmann 1981: 40). Genau hier befindet sich auch die Stelle der Sozialität (vgl. ebd.). Die spezielle menschliche Kapazität der Präsenz in verschiedenen Systemen zur gleichen Zeit ist genau das, was Sozialität für Mead ausmacht (vgl. Nowotny1992: 436). Die Meadsche Theorie gründet auf dem Symbolischen Interaktionismus (vgl. Bergmann 1981: 40). Der Perspektivenwechsel wird durch die „menschliche Fähigkeit zum Austausch signifikanter Gesten und Symbole“ (ebd.) möglich. Individuen teilen eine gemeinsame Welt durch wechselseitig aufeinander bezogene Handlungen (vgl. Bergmann 1981: 40). „Jeder einzelne besitzt seine eigene Perspektive, sein Zeitsystem von Ereignisabläufen, doch kann im Prozess der Rollenübernahme seine Zeitperspektive auch von einem anderen eingenommen werden“ (ebd.). „An dieser Stelle wird die enge Verzahnung von Perspektivität, Sozialität und Temporalität bei Mead deutlich“ (Bergmann 1981: 41). Ähnlich wie bei Elias (Siehe Kapitel 2.2.1) sind auch für Mead Situationen durch die Beziehung des Individuums zu seiner Umwelt gekennzeichnet (vgl. Bergmann 1981: 41). Die Umwelt ist eine „Funktion der Situation, deren Perspektive durch das Individuum bestimmt wird, d. h. es gibt Besonderheiten an den Objekten, welche von einem Individuum und seiner spezifischen raumzeitlichen Position abhängen“ (ebd.). Für Mead (1969) ist Gegenwart „kein irgendwo herausgeschnittenes Stück der zeitlichen Dimension einer einförmig ablaufenden Realität“ (Mead 1969: 252), sondern jeweils ein „neues Ereignis, eine Perspektive, von der aus sich alle vergangenen und zukünftigen Ereignisse neu ordnen“ (Bergmann 1981: 42). „Diese Neubestimmung von Vergangenheit und Zukunft in der je gegenwärtigen Handlung, [...] ist in der besonderen Struktur der menschlichen Handlung begründet“ (ebd.). Und Nassehi (2008) folgert weiter, dass „Emergenz eines Ereignisses [...] ein Akt der Verwirklichung einer Möglichkeit“ ist (Nassehi 2008: 124).

1.2.3.2 Struktur der Handlung

Menschliche Handlung innerhalb eines sozialen Kontextes besteht nach Mead aus vier Phasen, die aus einer antizipierten Handlung eine wirkliche werden lässt, „die von anderen Akteuren wiederum wahrgenommen, symbolisch vorgestellt und als Anlass für eine neue Handlung genommen wird“ (Nassehi 2008: 133). Bergmann (1981) fasst die Phasen des Handlungsimpulses und der Wahrnehmung zusammen (vgl. Bergmann 1981: 42) Handlung wird in diesem Sinne wie folgt strukturiert:

a) Phase des Handlungsimpulses und der Wahrnehmung: „Jede Perzeption schließt einen unmittelbaren Sinnesreiz und eine reaktive Einstellung auf diesen Reiz ein. [...] Die Perzeption enthält also schon alle Phasen des Aktes: den Reiz, die Reaktion und die virtuelle Vorwegnahme des Handlungsergebnisses mithilfe der Erinnerung an Resultate früherer Reaktionen. [...] Perzeption besitzt somit einen Zukunftsbezug, da das gegenwärtig wahrgenommene Distanz-Objekt im weiteren Verlauf zum Handlungsobjekt werden soll“ (Bergmann 1981: 42).

b) Phase der Manipulation: Schon in der Perzeption ist die Bereitschaft zur Manipulation angelegt (vgl. Bergmann 1981: 43). Vorausgesetzt ist das Vorhandensein von Bewusstsein (vgl. ebd.). „In dieser Reflexionsphase wird die Zeit gewissermaßen angehalten“ und ein „Selektionsbereich möglicher Handlungsvollendungen entsteht“ (Bergmann 1981: 44). Durch das Ereignis, der Selektion und dem Handeln wird Vergangenes und Zukünftiges relevant (vgl. Bergmann 1981: 44f). „In der Manipulationsphase findet also eine Rekonstruktion und Reorganisation von Perspektiven statt“ (Bergmann 1981: 45), welche durch Selektion eine Handlungsmöglichkeit in einer inneren Konversation unter Verwendung signifikanter Symbole auswählt (vgl. Nassehi 2008: 132).

Manipulation stellt eine Unterbrechung der Handlung dar, den Mead als „Handlungshemmung“ bezeichnet (vgl. ebd.).

c) Phase der Handlungsvollendung: Die in der Manipulations- oder Reflexionsphase möglichen Handlungen werden in die Realität umgesetzt. (vgl. Bergmann 1981: 45).

Zusammenfassend besteht das Vier-Phasen-Modell des sozialen Handelns aus der Wahrnehmungsbereitschaft als grundlegendem Handlungsimpuls, aus welchem eine Wahrnehmung resultiert (vgl. Nassehi 2008: 132). Die Wahrnehmung antizipiert in der Distanz-Erfahrung die Handlungsziele und –ergebnisse (vgl. ebd.). Diese Vorstellung werden an der Umwelt durch „symbolvermittelte Reflexion verändert und verbessert“ (ebd.: 133) und werden im Handlungsvollzug zu einer wirklichen Handlung (vgl. Nassehi 2008: 132f). Die Phasen der Handlung sind „verantwortlich für die Gliederung von Situationen in Gegenwart, Vergangenheit und Zukunft“ (Bergmann 1981: 45). „Ist Distanz-Erfahrung nicht mehr in aktuelle Kontakt-Erfahrung überführbar, [...] machen wir diese zu Zuständen des Bewusstseins“ (ebd.). Nach Mead ist die Erfahrung außerhalb der realen Welt und im Bewusstsein des Individuums (vgl. ebd.). Erfahrung liegt stets „in der Gegenwart, wobei die objektiv-reale Kontakt-Erfahrung der zeitlosen Gegenwart zugerechnet werden kann, während die Distanz-Erfahrung Vergangenheit und Zukunft als Vorstellungen in der Gegenwart impliziert“ (ebd.). Die Dauer dieser Gegenwart ist „nicht punktuell“ und ist „nicht die reale Dauer der Handlung, sondern die Dauer der Reflexion“ (Bergmann 1981: 45).

An dieser Stelle sollte unbedingt vermerkt werden, dass Mead das „Individuum nur als sekundäres Phänomen“ (Nassehi 2008: 128) behandelt. Denn Mead erklärt, dass „das Ganze (Gesellschaft) wichtiger als der Teil (Individuum)“ (Mead 1988: 45) ist. Dies ist insofern von Interesse, wenn geklärt werden muss, wie ein objektiver Reiz zu einer subjektiven Empfindung werden kann (vgl. Nassehi 2008: 129). Mead kehrt das Verständnis von Bewusstsein und Handlung um, und postuliert, dass „das gesellschaftliche Handeln eine Voraussetzung für Bewusstsein“ (ebd.) ist. Die Handlungsphasen von Mead lassen auf eine „intentionalistische Handlungstheorie“ (Nassehi 2008: 133) vermuten. Doch weiters betont er, dass die „Teile der Gesamthandlung nicht isoliert voneinander betrachtet werden dürfen, und dass die individuellen Perspektiven aus der Perspektivenübernahme, also aus dem Prinzip der Sozialität resultieren“ (ebd.).

[...]

Ende der Leseprobe aus 201 Seiten

Details

Titel
Internet und Beschleunigung
Untertitel
Zeitverhältnisse in der modernen Gesellschaft
Hochschule
Universität Salzburg
Note
Gut
Autor
Jahr
2009
Seiten
201
Katalognummer
V138622
ISBN (eBook)
9783640469611
ISBN (Buch)
9783640469932
Dateigröße
2184 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Internet, Beschleunigung, Zeitverhältnisse, Gesellschaft
Arbeit zitieren
Mario Weikenkas (Autor), 2009, Internet und Beschleunigung, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/138622

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