(Was) ist Schamanismus in Tōhoku?


Hausarbeit (Hauptseminar), 2008
16 Seiten, Note: 1,0

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Inhaltsverzeichnis

1. Vorwort

2. Schamanismus und Trance
2.1 itako und kamisama
2.2 miko und simpang
2.3 itako auf osorezan

3. Schamanismuskonzeptualisierung in die japanische Geschichte xxxxxxxxxx

4. Die Kategorie „Schamanismus“

5. Schlusswort

6. Anhang: Kanjiliste

7. Literaturverzeichnis

1. Vorwort

Ziel dieser Arbeit ist es, anhand der Konzeptionalisierung von „Schamanismus“ in Religionsstudien mit Tōhokubezug eine Position zu dem Problem zu erreichen, inwiefern und ob der Begriff „Schamanismus“ von einer funktionalisierbar erscheinenden ethnologischen Methodologie aus betrachtet auf die Verhältnisse in Tōhoku sinnvoll angewendet werden kann. Eine Operationalisierung dieses Begriffs für die japanische Gesellschaft müsste also zumindest gewährleisten, dass er sowohl einer interkulturellen wissenschaftlichen Vergleichbarmachung als auch der Wirklichkeit entspricht und drittens zu den Wahrnehmungen der lokalen Bevölkerung in einer Korrelation steht, sodass neben einer rein faktischen auch die gesellschaftliche Realität greifbar gemacht werden kann. Um dies zu überprüfen, werden zuerst von einer allgemein üblichen Schamanismusdefinition ausgehend drei Gruppen von potentiellen Schamaninnen in Tōhoku hinsichtlich Vorliegen und Anwendbarkeit der Kriterien dieser Definition betrachtet. Danach erfolgt ein Blick in die japanische Vergangenheit, schließlich eine kurze Besprechung von alternativen Ansätzen für ein Verständnis von Schamanismus und schließlich eine tentative Reklassifizierung der drei Gruppen.

2. Schamanismus und Trance

Zuerst soll hier die Konzeption von Schamanismus in der traditionellen Ethnologie betrachtet werden (Systematisierung der Positionen nach Kim 1993: 27-38):

Rituelle Ekstase, Schamaneninitiation, Berufung (durch nicht tierförmige Geister), Hilfsgeister in Tierform, Kosmologie, Schamanenkampf, Schamanenausrüstung (nach L. Vajra)

Schamanenekstase, Verbindung mit dem Jenseits [oder weniger christlich: einer konkreten, durch verschiedene Kausalitäten mit unserer Welt verbundenen Anderen Welt], Formgebundenheit, Gesellschaftsbezogenheit oder eine altruistisch-soziale Zielsetzung (nach D. Schröder)

Der Begriff „Formgebundenheit“ bezieht sich hier auf die Ritualisierung der Handlungen des Schamanen bzw. auf das Muster, was ihnen trotz spezifischer Ausgestaltung im Einzelfall gemein ist. Von ersterer Konzeption ausgehend ergibt sich ein eng definiertes, regionales Phänomen ohne den Anspruch auf zulässige Generalisierungen z.B. über Sibirien, die Umgebung des Nordpols und Nordamerika (Kehoe 2000: 47-56) hinaus. Dieses Phänomen wäre dann auch historisch auf eine Zeitphase beschränkt und nicht a priori in allen Gesellschaften eines bestimmten Entwicklungsstandes vorhanden. Während zweitere Definition das Gegenteil zwar nicht explizit äußert, wird es doch von ihren Vertretern angenommen: Schamanismus als ein historisch realisiertes, aber per se ahistorisches Phänomen. Es wird auch noch von Relevanz sein, dass die zweite Definition durch „Verbindung mit dem Jenseits“ über die erste hinausgeht; in allen weitergehenden Definitionen (z.B. Eliade 1956, Hultkrantz 1999) findet sich hierüber Konsens mit der Ekstase als Mittel. Man beachte, dass eine solche Sicht jemanden wie unwahrscheinlichen wie Meister Eckart zum potenziellen Schamanen macht, der Begriff also vorm Mystiker (vgl. Passie 2005), vorm Priester, vorm Medium nicht Halt macht, auch insofern ein Lehrgebäude nicht per se ausgeschlossen wird. Selbst bei einer Betrachtungsweise, die eher von einem Prototyp als von extensiven Merkmalen ausgeht, lässt sich am Ende doch bei Ergebnissen ankommen, die überraschend wirken dürften. Hierzu soll eine Konzipierung von koreanischem Schamanismus betrachtet werden:

Nach einer Schamanenkrankheit, die durch die in der Besitzergreifung begriffene Gottheit verursacht wird, findet die Besessene irgendwann über ihren tatsächlichen Zustand heraus, lernt von anderen Schamanen und wird initiiert. Zeremonien dienen dem Schutz von Familie und Dorf, der Verhinderung zukünftigen Unheils, der guten Ernte, zur Heilung von Krankheiten und Vertreibung böser Geister sowie der Geleitung von toten Seelen an die ihnen zukommenden Orte (Han 1991: 60-69). Die Zahl der Gottheiten wird als ziemlich groß, z.B. über 18.000, jedenfalls aber innerhalb einer offenen Klasse angesehen. Die Gottheiten leben an ihren Wirkungsplätzen und müssen um ihres Wohlwollens willen gut behandelt werden. Sie treten in übermenschlicher, menschlicher, tierischer und natürlicher Form auf; Ahnengötter sind auch vertreten (Choi 2005: 11-14). Früher gab es für ihre Verehrung eigene Tempel, deren Bestehen im Laufe der jüngeren Geschichte allerdings weitgehend unmöglich gemacht worden ist. Nach einer Reinigungszeremonie werden in einzelnen Teilen eines großen Rituals, das von einer leitenden Schamanin unter Assistenz anderer Schamaninnen und musikalischer Begleitung von zumindest einer von diesen vollzogen wird, verschiedene Götter herbeigerufen und um ihren jeweiligen Beistand gebeten, wobei sie auch kodierte Aussagen über die Realität verlauten lassen. Den eingeladenen Göttern werden Speisen dargereicht. Die Ziele des Kults liegen im Diesseits, eine distinktive positive Ethik oder Lehre geht mit ihnen kaum einher (Han 1991: 70-71, 84-85).

Es fällt nicht schwer, von hier aus Parallelen zum Shintō zu ziehen. Die amoralische Konzeption der Realität, die Gottesvorstellungen und große Teile der Zielsetzungen von Ritualen gleichen sich. Die Auswahl der Priester und die Art der Zeremonie unterscheiden sich, obwohl das Reinigungselement auch im Shintō auftritt. Fiele also die Besessenheit als definitorisches Kriterium, so müsste man nach der obigen breiteren Definition davon ausgehen, dass sich zwischen Shintō und Schamanismus außer der Auswahl der Priester kein fundamentaler Unterschied finden ließe. Dieser zweite Unterschied gehört aber nicht zur definitorischen Abgrenzung von Schamanismus, insofern in erbliches und nicht erbliches Schamanentum (z.B. Eliade 1956: 24-33) unterschieden werden kann, was auch auf Japan angewandt worden ist (in Harada 1975: 48).

2.1 itako und kamisama

Nun ist aber Ekstase als definitorisches Kriterium für Schamanismus in einigen Forschungsaufsätzen infrage gestellt worden. Kawamura (2003) unterscheidet in einer Studie über Schamaninnen in Tōhoku itakoogamisamawaka einerseits und kamisama andererseits:

Itako sind eine im Verschwinden begriffene Gruppe von Geburt an blinder oder in ihrer Jugend erblindeter oder zu einem meist hohen Grad sehbehinderter Frauen, die von ihren Eltern meist in ihrem Grundschulalter, jedenfalls aber vor dem Erwachsenwerden zur Ausbildung einer anderen itako anvertraut worden sind. Nachdem eine itako eine Ausbildungsphase von zwei bis fünf Jahren durchlaufen hat, während der sie sich unter anderem mit dem Auswendiglernen von Sutren und shintōistischen Gesängen beschäftigt hat, bereitet sie sich durch eine hunderttägige Meditation auf ihr Initiationsritual, meist kamitsuke, vor. Während der letzten ca. drei Wochen dieser Zeit, die sie in einer kleinen, extra dafür errichteten Hütte verbringt, muss sie sich einer speziellen Diät unterwerfen, zumindest dreimal am Tag rituelle Reinigungen mit kaltem Wasser vornehmen, den Kontakt mit der Sonne wie auch sämtliche Formen von Verschmutzung vermeiden. Am letzten Tag durchlebt sie oft nach besonders langen Güssen mit kaltem Wasser in ein Leichengewand gekleidet mehrere Stunden von Glockenschellen, Streichern, Zimbeln, Glocken und Trommeln begleitete Sänge einer Anzahl von itako, inmitten derer sie über all der vorbereiteten psychosomatischen Anstrengung von der Gottheit ergriffen wird, deren Namen äußert und kollabiert. (In einer anderen Variante wird die Gottheit bestimmt, indem die zu Initiierende mit einem bonden, einem Ritualstab, an den Papierfähnlein angebracht sind, über eine Platte streicht, auf der ofuda- Amulette mit den Namen einer Anzahl von Göttern liegen; das Amulett, das zuerst durch den bonden bewegt wird, gibt die anklebende Gottheit vor.) Bei der Gottheit handelt es sich um eine national oder regional bekannte Gottheit, nie um eine Ahnengottheit. Nachdem sie das Bewusstsein wiedererlangt hat, werden noch ein paar Riten vollzogen. Danach ist die itako in der Lage, tote Seelen in ihren Körper aufzunehmen und sich auf die Kraft von regionalen oder sogar von Hausgottheiten zu stützen, wenn sie Rituale für das Wohlergehen von Menschen vornimmt oder die Zukunft erkundet. Die Gottheit, die sie ursprünglich ergriffen hat, spielt hierbei keine Rolle und dient eher als Patron. Wenn sie Toten oder Göttern als Medium dient, ist sich die itako dessen, was sie spricht, nicht bewusst und erlebt auch sonst durch das körperliche Besessenwerden keine besonderen psychosomatischen Empfindungen. (Kawamura 1994; Kawamura 2003: 263-268, 275-278)

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Details

Titel
(Was) ist Schamanismus in Tōhoku?
Hochschule
Rheinische Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn
Note
1,0
Autor
Jahr
2008
Seiten
16
Katalognummer
V138625
Dateigröße
565 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Schlagworte
Schamanismus, Tōhoku
Arbeit zitieren
Benjamin Brosig (Autor), 2008, (Was) ist Schamanismus in Tōhoku?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/138625

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