Die Angst vorm Verfall der deutschen Sprache durch einströmende Anglizismen und Amerikanismen


Hausarbeit, 2009
21 Seiten, Note: 1,0

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Inhalt

1. Einleitung

2. Die gemeinsamen Wurzeln des Englischen und Deutschen

3. Die Eroberungen Amerikas

4. Ächz, Würg – Die Jugend spricht

5. Analyse der Korpora
5.1 Vorbemerkungen
5.2 Zusammenfassung der Ergebnisse
5.2.1 Leserbriefe
5.2.2 Sprechstunde Dr. Sommer

6. Fazit

7. Bibliographie

8. Abbildungen

„Die Sprache ist der einzige entscheidene Vorzug, den die Deutschen vor andern Nationen haben. Denn sie ist viel höherer Art, als die übrigen Europäischen Sprachen, welche, mit ihr verglichen, bloße patois[1] sind“ (SCHOPENHAUER 1997: 28).

„Die deutsche Sprache wird jetzt von dem Federvieh (wie kürzlich ein Litterat seine Kollegen nannte) methodisch zu Grunde gerichtet“ (SCHOPENHAUER 1997: 32).

„Man soll bedenken, daß eine Jugend heranwächst, welche die Zeitungen aller Art und überhaupt das Neueste liest und sonst nichts, folglich denkt, Das wäre Deutsch und es gäbe kein anderes Deutsch [...]“ (SCHOPENHAUER 1997: 42).[2]

1. Einleitung

Am 13. Januar 1795 hatte ein Mythos seinen Ursprung, nach dem Deutsch fast Staatssprache der Vereinigten Staaten von Amerika geworden wäre. Ein Ausschuss lehnte jedoch die Petition deutscher Einwanderer des Bezirks Augusta (Virginia, USA), die forderten, dass Bundesverordnungen ins Deutsche übersetzt und veröffentlicht werden sollten, mit einer Stimme Mehrheit ab (VIERECK et al. 2002: 161).

Die Geschichte nahm einen anderen Lauf. Was einst westwärts über den Atlantik gebracht wurde, kam Jahrhunderte später wieder zurück, um für den ‚Untergang des Abendlandes’ zu sorgen. Den Anfang machten allerdings nicht die Amerikanismen, sondern die Anglizismen. England war im 19. Jahrhundert wirtschaftlich der Maßstab, nach dem sich die Welt ausrichtete (POLENZ 1978: 140).[3] Jene Vorreiterrolle verlor das British Empire aber endgültig Anfang des 20. Jahrhunderts. Nach Ende des Ersten Weltkrieges stellten die USA als Land der unbegrenzten Möglichkeiten, des Goldes und Geldes und des Glamours, das neue Leitbild dar (KLAUTKE 2003: 269). Dieser „Amerikafimmel“ (VIERECK 1986: 110) – wie man schon zwischen den Kriegen beobachtete – lebte nach der Kapitulation Deutschlands 1945 nochmals verstärkt auf und hält bis heute an.

Besonders Jugendliche wurden vom ‚American Way of Life’ angesteckt. Dieser Einfluss schlug sich u.a. in der Sprache nieder. Bereits in den 1960er Jahren stellten die Erwachsenen entsetzt fest:

„Das Klotzige, Protzige und Brutale ist wohl eines der wesentlichen Charakteristika des Jargons [...]. Die Witzigkeit [...] ist nur äußerlich, in Wahrheit spiegelt er sprachliche Verwilderung und emotionale Verrohung wider“ (SCHLOBINSKI et al. 1993: 9).

Und auch heutzutage ist die Besorgnis um die ‚amerikanisierte’ Sprache der Jugend ungebrochen bzw. wurde durch den Einzug von Computer und Internet in deutsche Haushalte noch verstärkt. Der 1997 gegründete Verein deutsche Sprache (VdS) zählt derzeit über 30.000 Mitglieder – Tendenz steigend (VDS 2009). Die Angst vor einer Überfremdung des Deutschen scheint weite Bevölkerungsteile erfasst zu haben. Dies belegen die zahlreichen Publikationen und Diskussionen in den Medien der letzten Jahre.

Doch ist diese Furcht berechtigt? Anhand zweier Ausgaben der Jugendzeitschrift BRAVO aus den Jahren 1979 und 2009 soll untersucht werden, ob der Einfluss des Englischen in der Sprache der Jugendlichen tatsächlich zugenommen hat. Vorab soll jedoch ein kurzer Einblick in die eng verknüpfte Geschichte beider Sprachen gegeben werden, der belegt, dass es einen ‚Sprachverfall’ niemals gab, sondern lediglich einen ‚Sprachwandel’. Zwar ist und war das Deutsche in den letzten Jahrzehnten dem Einströmen englischer Wörter ausgesetzt, war aber in den Jahrhunderten davor ebenfalls durch verschiedene andere Sprachen bedroht. So berichtete beispielsweise Voltaire 1750 aus Potsdam: „Ich befinde mich hier in Frankreich. Man spricht nur unsere Sprache, das Deutsche ist nur für die Soldaten und die Pferde“ (POLENZ 1978: 108).

2. Die gemeinsamen Wurzeln des Englischen und Deutschen

Die derzeitige Abneigung gegen das Englische lässt die Tatsache, dass beide Sprachen eigentlich miteinander verwandt sind, häufig außer Acht. Sowohl Englisch, als auch Deutsch gehören zur westgermanischen Sprachfamilie (VIERECK et al. 2002: 51). Bevor jedoch das Englische den Kontinent eroberte, waren es die Römer (seit 55/54 v. Chr.), die die britische Insel und ihre keltischen Bewohner unterwarfen (BUSSE 2002: 109). Um 406 wurden die römischen Truppen schließlich abgezogen (VIERECK et al. 2002: 51). Fortan begannen germanische Stämme der Jüten, Sachsen, Angeln und Friesen, die zuvor Gebiete des heutigen Deutschlands bewohnten, nach England überzusiedeln (BUSSE 2002: 111).[4] „Im 7. Jh. wurde die gesamte Bevölkerung [...] friedlich zum Christentum bekehrt“ (VIERECK et al. 2002: 51). Somit hielt das Latein endgültig Einzug in die Sprache.[5]

Noch vor den Kelten traten die Germanen mit den Römern in Kontakt. So haben etwa Straße (via strata), Kaiser (Caesar), kaufen (von caupo ‚Gastwirt’), Münze (moneta) und Markt (mercatus) lateinische Vorfahren (POLENZ 1978: 23). Die Wirkung des Lateinischen war so enorm, dass es bis in die Zeit des Humanismus Schreib- und Verhandlungssprache der Wissenschaften und des Rechtswesens blieb (POLENZ 1978: 92).[6] „Im Jahre 1518 waren nur 10 Prozent der deutschen Buchproduktion deutsch geschrieben“ (POLENZ 1978: 92).

Weihnachten 1066 erklomm Wilhelm der Eroberer (ca. 1027-1087) den englischen Thron und das Normannisch-Französische wurde zur offiziellen Landessprache (VIERECK et al. 2002: 61). „Das Französische spielte über fast dreieinhalb Jahrhunderte eine herausragende [...] Rolle“ (VIERECK et al. 2002: 61). Vor allem in den Bereichen Kirche (z.B. confession), Rechtswesen (z.B. judgement), Militär (z.B. army), Wissenschaft (z.B. medicine) und Speisen (z.B. beef) wurden französische Begriffe ins Englische entlehnt (VIERECK et al. 2002: 65). „Vielfach wurden engl. Wörter durch frz. völlig verdrängt, z.B. [...] lyft durch air ‚Luft’ und earm durch poor ‚arm’. (VIERECK et al. 2002: 65). Laut BUSSE (2002: 120) beläuft sich die Gesamtzahl der französischen Entlehnungen auf rund 10.000, von denen heute noch etwa drei Viertel im Gebrauch sind.[7]

[...]


[1] patois (frz.) = Dialekte

[2] Die drei Zitate stammen aus Arthur Schopenhauers (1788-1860) Pamphlet Ueber die, seit einigen Jahren, methodisch betriebene Verhunzung der deutschen Sprache, das zwischen 1852 und 1860 entstanden ist (SCHOPENHAUER 1997: 11).

[3] Man übernahm reihenweise Fremdwörter und machte sie in Deutschland heimisch. Partner, Standard, Tunnel, Waggon, Interview und Streik sind nur einige Beispiele (POLENZ 1978: 140).

[4] Ihr Erbe lebt heute u.a. in den Namen einiger englischer Grafschaften wie Essex, was einmal Ostsachsen war, weiter (VIERECK et al. 2002: 51).

[5] So wurde beispielsweise aus lateinisch campus im Englischen camp (VIERECK et al. 2002: 55) und im Deutschen Kampf (POLENZ 1978: 23).

[6] „[Z]ahllose lat. Wörter [sind während der Humanistenzeit] ins Dt. entlehnt worden: Universität, Professor, Kollege, [...], Text, diskutieren, demonstrieren, [...], Prozeß, [...], Akte, legal [...]“ (POLENZ 1978: 93). Zusätzlich wurden eine Reihe Wörter griechischen Ursprungs ins Deutsche entlehnt: „Akademie, Bibliothek, Gymnasium, Pädagoge, Apotheke, Technik, Horizont, erotisch, panisch, usw.“ (POLENZ 1978: 93).

[7] „Auf dem Umweg über das Normannisch-Frz. wurden auch zahlreiche Wörter und Bedeutungen aus dem Althochdeutschen ins Englische vermittelt“ (VIERECK et al. 2002: 65). Ahd. werra ‚Streit, Wirrwarr’ wurde im Englischen zu war ‚Krieg’ (VIERECK et al. 2002: 65).

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Details

Titel
Die Angst vorm Verfall der deutschen Sprache durch einströmende Anglizismen und Amerikanismen
Hochschule
Friedrich-Schiller-Universität Jena  (Institut für Germanistische Sprachwissenschaft)
Veranstaltung
Überblick über die Germanistische Sprachwissenschaft
Note
1,0
Autor
Jahr
2009
Seiten
21
Katalognummer
V138634
ISBN (Buch)
9783640479450
Dateigröße
1020 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
KOMMENTAR DES DOZENTEN: allgemeiner Teil spannend, aber zu lang +++ sehr viel Sekundärliteratur, jedoch wurde sie eher als Quelle, weniger als Diskussionsgrundlage genutzt +++ zu wenig Korpusanalyse, da jedoch nicht gefordert, hatte dies keinen negativen Einfluss auf die Note +++ viel kritisches Bewusstsein +++ gute Sprachqualität +++ keine formalen Mängel +++
Schlagworte
Amerikanismen, Anglizismen, Jugendsprache, BRAVO, Deutsch, Englisch, Sprachverfall, Sprachwandel, Sprachgeschichte, Kulturwandel, Französisch, Latein, England, Fremdwörter, Industrialisierung, Erster Weltkrieg, Zweiter Weltkrieg, Sprachpflege, Reinheit, Sprache, Jugendkultur, Dr. Sommer, Entlehnung, Lehnübersetzung, Lehnwort
Arbeit zitieren
Karsten Tischer (Autor), 2009, Die Angst vorm Verfall der deutschen Sprache durch einströmende Anglizismen und Amerikanismen, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/138634

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