Zur Veränderung der Beziehungsstruktur in Gruppen während Teamtraining-Seminaren

Eine soziometrische Studie mit Auszubildenden dreier Unternehmen


Bachelorarbeit, 2009

65 Seiten, Note: 1,5


Leseprobe

INHALTSVERZEICHNIS:

1 Problemstellung

2 Grundgedanken der Soziometrie
2.1 Definition
2.2 Historischer Abriss
2.3 Techniken der soziometrischen Datenerhebung
2.4 Techniken der soziometrischen Datenanalyse

3 Unternehmenspraxis
3.1 Portrait der Kremke Gesellschaft für Managementtraining mbH
3.2 Inhalt und Zielsetzung der Azubi-Kick-Off-Seminare
3.3. Angewandte Übungen des Teamtrainings
3.3.1 NASA-Übung
3.3.2 ,,Ei des Columbus"
3.3.3 Brückenbau

4 Vorgehensweise bei der Datenerhebung

5 Datenauswertung Stadtwerke Lübeck
5.1 Soziomatrix
5.1.1 Eingangsbefragung Stadtwerke Lübeck
5.1.2 Abschlussbefragung Stadtwerke Lübeck
5.1.3 Bewertung Soziomatrix
5.2 Soziogramm
5.2.1 Eingangsbefragung Stadtwerke Lübeck
5.2.2 Abschlussbefragung Stadtwerke Lübeck
5.2.3 Bewertung Soziogramm
5.3 Soziometrische Indizes
5.3.1 Soziometrische Indizes der einzelnen Gruppenmitglieder
5.3.1.1 Soziometrischer Status
5.3.1.1.1 Eingangsbefragung Stadtwerke Lübeck
5.3.1.1.2 Abschlussbefragung Stadtwerke Lübeck
5.3.1.1.3 Bewertung Soziometrischer Status
5.3.1.2 Emotionale Expansion
5.3.1.2.1 Eingangsbefragung Stadtwerke Lübeck
5.3.1.2.2 Abschlussbefragung Stadtwerke Lübeck
5.3.1.2.3 Bewertung Emotionale Expansion
5.3.2 Soziometrische Indizes für die gesamte Gruppe
5.3.2.1 Kohäsionsindex
5.3.2.1.1 Eingangsbefragung Stadtwerke Lübeck
5.3.2.1.2 Abschlussbefragung Stadtwerke Lübeck
5.3.2.1.3 Bewertung Kohäsionsindex
5.3.2.2 Kohärenzindex
5.3.2.2.1 Eingangsbefragung Stadtwerke Lübeck
5.3.2.2.2 Abschlussbefragung Stadtwerke Lübeck
5.3.2.2.3 Bewertung Kohärenzindex
5.4 Gesamtbewertung Stadtwerke Lübeck

6 Erhebungsdaten Fette GmbH
6.1 Eingangsbefragung Fette GmbH
6.1.1 Soziomatrix
6.1.2 Soziogramm
6.2 Abschlussbefragung Fette GmbH
6.2.1 Soziomatrix
6.2.2 Soziogramm

7 Erhebungsdaten Stadtwerke Kiel AG
7.1 Eingangsbefragung Stadtwerke Kiel AG
7.1.1 Soziomatrix
7.1.2 Soziogramm
7.2 Abschlussbefragung Stadtwerke Kiel AG
7.2.1 Soziomatrix
7.2.2 Soziogramm

8 Fazit

Literaturverzeichnis

Internetquellenverzeichnis

Anlagen

„In der Welt der Wirtschaft [ist] das Zeitalter des Teams angebrochen."1

Prof. Dr. Albert Martin, Vorsitzender des Prüfungsausschusses für Diplom-Ökonomen im Fachbereich Wirtschafts- und Sozialwissenschaften der Universität Lüneburg

1 Problemstellung

Die Wirkung von Teamtrainings ist seit Jahren in der Diskussion. Es ist immer noch umstritten, ob man durch sie in der Lage ist, gruppendynamische Prozesse in Gang zu bringen und positive strukturelle Veränderungen in Gruppen hervorzurufen. Diese Studie prüft die Veränderung der interpersonellen Beziehungen und des Status von Auszubildenden dreier Unternehmen durch die so genannten >>Azubi-Kick-Off-Seminare<< der Kremke Gesellschaft für Managementtraining mbH. Der Veranstalter wirbt damit, dass die teilnehmenden Firmen erheblich bessere schulische und betriebliche Leistungen der Auszubildenden im Vergleich zu den vorangegangenen Jahrgängen bestätigen. Doch lassen sich diese Erkenntnisse unmittelbar mit der Durchführung der Seminare in Verbindung bringen?

Die zu untersuchende Alternativhypothese dieser Studie geht von einer signifikanten Verbesserung des Status des Einzelnen innerhalb konstanter Gruppen durch Teamtrainings aus. Das Azubi-Kick-Off-Seminar, als hier angewandte Methode des Teamtrainings, ist die unabhängige Variable, deren Wirkung auf die abhängige Variable interpersonelle Beziehungsstruktur und Status des Einzelnen in den Auszubildendengruppen der jeweiligen Unternehmen untersucht wird. Die Nullhypothese nimmt dementsprechend keinen Effekt oder eine Verschlechterung der Beziehungsstruktur in den jeweiligen Gruppen an.

Als Erhebungs- und Analyseverfahren zur Messung der informellen Gruppenstrukturen wird hier die Soziometrie angewandt. Sie eignet sich sowohl zur Erfassung der Stellung des Individuums in der Gruppe als auch zum Aufzeigen der gruppeninternen Beziehungsstruktur. Im Sinne der Soziometrie spricht man dann von einer Verbesserung des Beziehungsgefüges, wenn Außenseiter integriert, Untergruppen minimiert, Geschlechterschranken überwunden werden und so weiter. Die soziometrische Messung wurde bei Auszubildenden der Stadtwerke Lübeck, der Fette GmbH Schwarzenbek und der Stadtwerke Kiel AG durchgeführt. Die Ergebnisse der Befragung der Seminarteilnehmer der Stadtwerke Lübeck werden dabei umfassend analysiert und interpretiert, während die Erhebungsdaten der Fette GmbH und der Stadtwerke Kiel AG in dieser Arbeit lediglich in >>Rohform<< präsentiert werden.

Ein Anliegen dieser Arbeit ist, dass sie als wissenschaftliche Studie, wo immer möglich, auch für den »Laien« auf dem Feld der Psychologie interessant und verständlich bleibt. Unumgänglich erscheint hierbei eine umfassende Einführung in die Soziometrie. Es werden deshalb auch über die Untersuchung hinaus gehende theoretische Konzepte erörtert.

2 Grundgedanken der Soziometrie

Im Folgenden soll sich zunächst dem Begriffsfeld der Soziometrie zugewandt werden. Ein Verständnis der wichtigsten Zusammenhänge ist erforderlich, um dem Verlauf der Untersuchung folgen zu können und die Ergebnisse entsprechend zu beurteilen.

2.1 Definition

Etymologisch ist >>Soziometrie<< aus den Worten Sozius und Metrum zusammengesetzt, was soviel wie >>Partnermessung<< oder >>soziale Messung<< bedeutet.2 Forschungsgegenstand der Soziometrie ist die Einbettung von Personen, Organisationen oder Firmen in ein Geflecht sozialer Beziehungen.3 In quantitativer Form analysiert sie vorrangig zwischenmenschliche Präferenzen von Gruppenmitgliedern und ist damit Ermittlungsinstrument zur Erforschung sozialpsychologischer Gesetzmäßigkeiten.4 Als Teilgebiet des Psychodramas, einer Gruppenpsychotherapiemethode, in deren Mittelpunkt therapeutisch angewandtes Stehgreiftheater steht und die in vielen Ländern als psychotherapeutisches Verfahren anerkannt ist, steht die Soziometrie am Schnittpunkt von traditioneller empirischer Sozialforschung, Aktionsforschung und Psychotherapie.5 Sie ist dabei zugleich Erhebungs- und Analyseverfahren. Die Soziometrie misst immer auf der Dimension Bevorzugung - Gleichgültigkeit - Ablehnung und eignet sich daher zur Untersuchung unterschiedlichster Gruppen.6 Jedoch beziehen sich soziometrische Untersuchungen meist auf kleinere, weitgehend abgeschlossene Sozialsysteme. Sie findet heute vor allem in der erziehungswissenschaftlichen Forschung und der empirischen Sozialforschung Anwendung.7

2.2 Historischer Abriss

Als Pionier der Bewegung gilt der in die USA emigrierte Österreicher Jakob L. Moreno (1889 — 1974), der die Bedeutung der sozialwissenschaftlichen Anwendung der soziometrischen Befragungs- und Auswertungstechnik erkannt und populär gemacht hat.8 Als Sozionomie bezeichnet er dabei „die auf Grund soziometrischer Untersuchungen erhaltenen [...] Gesetze".9 Hier zeigt sich, dass Moreno früh Regelmäßigkeiten und Tendenzen in der Aktivität von Gruppen wahrnimmt. Seiner Meinung nach zeigt sich die konkrete innere Struktur einer Gruppe nur in „seltenen Augenblicken [...] der sozialen Interaktion"10, was eine Technik zur Erfassung der Tiefenstruktur einer Gruppe erforderlich macht. Er vertritt außerdem die Ansicht, dass die Möglichkeiten, die die Soziometrie auf Gruppenebene bietet (Umordnen und Neustrukturieren), als so genannte »hot-sociometry« auch auf gesamtgesellschaftliche Ebene übertragbar sind.11

Nach Lenz wird das ursprüngliche soziometrische Verfahren durch Verbreiterung des wissenschaftlichen Fundaments und Heranziehung von theoretischen Konzepten anderer Art in die Sozialpsychologie integriert. Man hat beispielsweise Beziehungen zu den Kleingruppenversuchen von Robert F. Bales und der Feldtheorie Kurt Lewins hergestellt.12 Dollase regt allerdings an, prinzipiell die interdisziplinäre Austauschbarkeit der Verfahren im Auge zu behalten. Seiner Ansicht nach können soziometrische Techniken auch Problemlösungen in anderen Wissenschaftsbereichen bieten, wie etwa bei Netzwerkanalysen in der Elektrotechnik.13 Auch Krüger fordert, sich von der ausschließlichen Zuordnung der Soziometrie zum Teilgebiet der Sozialpsychologie zu lösen. Er vertritt die Auffassung, dass die Ergebnisse soziometrischer Fragestellungen weit mehr der Differentiellen Psychologie, also der Persönlichkeitspsychologie, zuzuordnen sind.14 Roth und Holling betrachten das Begriffsfeld der Soziometrie in einem „bis heute nicht ganz geklarte[n] Begriffsumfang"15 und legen es nahe, die Rezeption auch in weiten Bereichen der Soziologie zu untersuchen.

Seit 1970 gibt es die Sektion Psychodrama im deutschen >>Arbeitskreis für Gruppenpsychotherapie und Gruppendynamik<< (DAGG), die sich 1994 den Status eines Fachverbandes gegeben hat (>>Deutscher Fachverband für Psychodrama<<, DFP e. V.). Die ersten Ausbildungsinstitute für Psychodrama wurden in der Bundesrepublik Deutschland 1974 gegründet. Forschungsergebnisse und Richtlinien für psychodramatische Fort- und Weiterbildung werden unter anderem in der >>Zeitschrift für Psychodrama und Soziometrie<< (ZPS) und auf Fachtagungen publiziert.16

Heute ist die Soziometrie nur eine von zahlreichen Techniken zur Untersuchung von interpersonellen Beziehungen zwischen Gruppenmitgliedern. So gilt sie beispielsweise als Vorläufer und Spezialfall der so genannten >>Netzwerkanalyse<<, einer Forschungsstrategie, deren Anliegen die Beschreibung und Erklärung von sozialen Beziehungen und daraus resultierenden Handlungen ist.17 Auch ist eine mehrstufige Beobachtung von Gruppen durch das von Robert F. Bales, Stephan P. Cohen und Stephen A. Williamson entwickelte SYMLOG-Raummodell möglich, das der Analyse gruppeninterner Verhaltenskonstellationen und der Darstellung der Dynamik des sozio-emotionalen Austausches dient.18

2.3 Techniken der soziometrischen Datenerhebung

In soziometrischen Tests lassen sich Hinweise dafür finden, wie eine Gruppe insgesamt strukturiert ist und ob Voraussetzungen für ein >>Wir-Gefühl<< und einen >>Gruppengeist<< bestehen. Beispielsweise sind abgeschottete Untergruppen und starke Isolierung der Geschlechter Anzeichen dafür, dass es soziale Spannungen gibt und die Gruppe sich nicht als Einheit empfindet.19 Die gewonnenen Daten können dabei natürlich jeweils nur eine Momentaufnahme im dynamischen Entwicklungsprozess einer Gruppe darstellen.20

In den meisten Fällen findet die soziometrische Erhebung in Form einer (schriftlichen) Befragung statt. Typische soziometrische Wahlfragen lauten beispielsweise >>Mit welchem Kollegen würden Sie ein wichtiges Problem besprechen?<<, >>Wer sollte die Gruppe bei der Durchführung des Projektes leiten?<< oder >>Welche Person würden Sie am wenigsten als Geschäftspartner akzeptieren?<<.

Bereits hier wird die ethische Brisanz der Anwendung soziometrischer Verfahren deutlich. Da immer auf der Dimension Bevorzugung - Gleichgültigkeit - Ablehnung gemessen wird, kann die Art der Fragestellung persönlich betreffend und treffend sein. Dementsprechend sollte man bei der Erstellung eines soziometrischen Forschungsplanes eine genaue Zielgruppenanalyse durchführen und sich über die Ziele und möglichen Konsequenzen einer solchen Befragung im Klaren sein.

Bei der Mehrzahl soziometrischer Studien handelt es sich um ex-post-facto Designs.21 Das bedeutet, dass potentielle Ursachen für die in der Untersuchung festgestellten Strukturen in der Vergangenheit liegen (>>nach den Fakten<<) und vom Forscher nicht aktiv beeinflusst werden. Man unterscheidet sieben Dimensionen des soziometrischen Forschungsplanes:22

- 1. Sympathie/ Antipathie,
- 2. Einstellung/ Verhalten,
- 3. Sympathiedimension/ spezielle Messdimension,
- 4. Selbsteinschätzung/ Fremdeinschätzung,
- 5. Innenbeziehungen/ Außenbeziehungen,
- 6. Wahlart/ Wahlanzahl/ Rangfolge und
- 7. Ergänzungen.

Die Dimension Sympathie/ Antipathie klärt die Frage, ob nur positive oder auch negative Wahlen zugelassen werden. Die Unterscheidung zwischen Einstellung- und Verhaltensmessung liegt in der Art der Fragestellung: Konjunktiv erhobene Fragen messen die Einstellung, während das Verhalten durch indikative Fragen bestimmt wird. Die Sympathiedimension unterscheidet lediglich eine allgemeine Beziehung (sympathisch/ unsympathisch). Eine spezielle Messdimension hingegen legt den Fokus auf ein Gebiet wie Arbeit, Freizeit, Freundschaft, Kommunikation,

Ähnlichkeit, Interaktion und so weiter. Neben der soziometrischen Fremdeinschätzung besteht aul3erdem die Möglichkeit der Selbsteinschätzung. Beispielsweise kann eine Frage lauten: >>Was meinen Sie, von wem wurden Sie gewählt?<<. In der Regel lässt der soziometrische Test nur Wahlen innerhalb der Gruppe zu. Man spricht dann von der Messung der Innenbeziehungen. Wenn auch Nicht-Gruppenmitglieder gewählt werden können, zieht man so genannte Aul3enbeziehungen mit in Betracht.

Bei der Wahlart unterscheidet man, ob

- nur positive,
- positive und negative oder
- nur negative Wahlen zugelassen sind.

Auf jeden Fall gilt immer, dass man sich nicht selbst wählen oder ablehnen kann. Ist die Anzahl der Wahlen vorher festgelegt spricht man von beschränkter Wahlmöglichkeit, ist sie nicht festgelegt von unbeschränkter. Aul3erdem gibt es noch die Möglichkeit, die Wahlen durch Festlegung einer Rangfolge zu gewichten. In der Dimension Ergänzungen geht es um die Frage nach Erhebung zusätzlicher Variablen wie beispielsweise Alter, Geschlecht, Religion, Gehalt, Herkunft, Berufsposition und so weiter. Letztendlich sollte auch festgelegt werden, ob und wann der Gruppe das Ergebnis der Befragung mitgeteilt wird.

2.4 Techniken der soziometrischen Datenanalyse

Bei der Analyse erhobener Daten spielen vor allem drei Komponenten eine Rolle:

- Soziomatrizen,
- Soziogramme und
- Soziometrische Indizes.

Soziomatrizen stellen die Antworten auf soziometrische Wahlfragen in tabellarischer Form dar. In den Zeilen und Spalten sind dabei jeweils die Namen der einzelnen Gruppenmitglieder aufgeführt. Die Messwerte in Form der Ziffern >>0<< (keine Wahl), >>1<< (Wahl) und gegebenenfalls >>-1<< (negative Wahl) werden in eine quadratische Matrix eingetragen, die alle Wahlen einer Gruppe zum Ausdruck bringt (zum Beispiel Kapitel 5.1.1). Bei der Untersuchung der einzelnen Wahlen kann man die >>Einwegwahl<<, die >>Zweiwegwahl<< und >>keine Wahl<< voneinander unterscheiden. Eine Einwegwahl liegt dann vor, wenn ein Mitglied der Gruppe ein anderes wählt, ohne dabei von diesem gewählt zu werden. Von einer Zweiwegwahl spricht man, wenn sich zwei Gruppenmitglieder gegenseitig wählen.23

Um interpersonelle Beziehungen sichtbar zu machen, ist eine grafische Darstellung soziometrischer Daten von Vorteil. Soziogramme beziehungsweise gerichtete Grafen enthalten dieselben Informationen wie Soziomatrizen. Sie dienen lediglich der zusammenfassenden Darstellung und der besseren Übersicht. Mit zunehmender Gruppengröße wird es jedoch schwieriger, die Grafen zu konstruieren und zu analysieren. Allerdings lassen sich durch die Erfassung der Beziehungsstruktur in einem Soziogramm eine Reihe von Begriffen der Gruppenpsychologie operationalisieren.24 Aus der grafischen Darstellung kann man folgende soziometrische Muster ableiten:25

- Paar (zwei Personen wählen sich gegenseitig),
- Dreieck (drei Personen wählen sich gegenseitig),
- Clique (Untergruppe, innerhalb derer sich Personen gegenseitig wählen
und in der der Austausch mit anderen Gruppen gering ist),
- Kette (A wählt B, B wählt C, C wählt D und so weiter),
- Stern oder Star (Person, die viele Wahlen auf sich vereinigt),
- Isolierter (Person, die nicht gewählt wird und auch nicht wählt),
- Vergessener (Person, die keine Wahl erhält, aber selbst wählt) und
- Abgelehnter (Person, die nur negative Wahlen erhält).

Trotz der einfachen Technik der Datenerhebung ist die Soziometrie Gegenstand komplizierter mathematisch-statistischer Analysen geworden.26 Beispielsweise gab es in den 1950er Jahren 986 berechenbare soziometrische Indizes, von denen sich natürlich nur ein Bruchteil wissenschaftlich etablieren konnte.27 Einige dieser Indizes und Berechnungen beruhen dabei auf mathematisch sehr anspruchsvollen Verfahren wie der Informationstheorie, der Grafentheorie und der Matrixalgebra.28

Für die Charakterisierung einzelner Mitglieder haben sich die Berechnungen des >>Soziometrischen Status<< und der >>Emotionalen Expansion<< durchgesetzt.

Der >>Soziometrische Status<< (SS+) einer Person ist der Anteil der erhaltenen an den maximal zu erreichenden Wahlen. Der Status eines Gruppenmitgliedes wird also durch die Addition seiner erhaltenen Nennungen klassifiziert. Dabei relativiert man die Anzahl der Wahlen auf die Gruppengröße beziehungsweise auf die Gesamtzahl abgegebener Nennungen. Die Formel für den >>Soziometrischen Status<< lautet dementsprechend:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Dabei ist >>n<< die Gruppengröße. Weil man sich selbst nicht wählen kann, gilt >>n-1<<. Wenn auch Ablehnungen, also negative Wahlen, zugelassen werden, kann man zusätzlich den negativen (SS-) und einen gesamten soziometrischen Status (SSg), als Differenz aus positivem und negativem soziometrischen Status, berechnen.

Die >>Emotionale Expansion<< (E+) ist der Anteil der abgegebenen positiven an den möglichen Wahlen:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Die Berechnung dieses Index ist nur sinnvoll, wenn die Anzahl der Wahlen durch die Fragestellung nicht eingeschränkt ist.29

Will man Maßzahlen für die Integration der gesamten Gruppe ermitteln, empfiehlt sich die Berechnung des >>Kohäsionsindex<< und des >>Kohärenzindex<<. Diese Indizes normieren die gegenseitigen Wahlen (Zweiwegwahlen), um damit eine über verschiedene Gruppen hinweg vergleichbare Maßzahl zu haben. Liegen keine Zweiwegwahlen vor, sind diese Indizes dementsprechend immer >>0<<.

Der >>Kohäsionsindex<< ist der Anteil der gegenseitigen Wahlen an den möglichen (unbeschränkte Wahlmöglichkeit) beziehungsweise zugelassenen (beschränkte Wahlmöglichkeit) gegenseitigen Wahlen. Er ist damit Maß für die soziale Integration30 beziehungsweise den Zusammenhalt in einer Gruppe.31

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Die Anzahl der (positiven) zugelassenen Wahlen ist dabei >>m<< und die Gruppengröße >>n<<.

Der »Kohärenzindex« stellt ebenfalls ein Maß zur Berechnung des inneren Zusammenhalts einer Gruppe dar.32 Berechnet wird der Anteil von gegenseitigen Beziehungen an den abgegebenen Wahlen.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Kohäsionsindex und Kohärenzindex liegen damit immer im Wertebereich zwischen 0 und 1.

Durch soziometrische Untersuchungen in Schulklassen konnte nachgewiesen werden, dass die Zugehörigkeit zu den oben angegebenen soziometrischen Kategorien „bestürzend stabil"33 bleibt. Gerade Außenseiterpositionen scheinen nicht ohne weiteres verlassen werden zu können. Diese Problematik ist Gegenstand dieser Arbeit: Es stellt sich die Frage, ob Teamtrainings wie das Azubi-Kick-Off-Seminar der Kremke Gesellschaft für Managementtraining mbH signifikante Veränderungen in der Gruppenstruktur und im Status des Individuums herbeiführen können.

3 Unternehmenspraxis

Im folgenden Kapitel wird zunächst die Kremke Gesellschaft für Managementtraining mbH vorgestellt. Im Anschluss daran werden ein Einblick in Inhalt und Zielsetzung der Azubi-Kick-Off-Seminare gegeben und drei angewandte Methoden des Teamtrainings vorgestellt.

3.1 Portrait der Kremke Gesellschaft für Managementtraining mbH

Die Kremke Gesellschaft für Managementtraining mbH ist ein in Schleswig-Holstein angesiedeltes Unternehmen, das Coachings und Seminare in den Bereichen Vertriebsoptimierung, Teamtraining und Führungstraining anbietet. Das Beratungs-und Trainingsinstitut wurde 1985 von Werner Kremke, dem ehemaligen Institutsleiter der Wirtschaftsakademie Kiel, gegründet. Die Administration und das Seminarzentrum des Unternehmens befinden sich im >>eldepark<< Garwitz in Mecklenburg-Vorpommern (Abbildung 1). Dieses Gelände, das zwischen zwei Flussläufen am Rande eines Naturschutzgebietes liegt, eignet sich für Outdoor-Übungen und mehrtägige Schulungen abseits vom Tagesgeschäft.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 1: Seminarzentrum >>eldepark<< der Kremke Managementtraining mbH34

Zum Kremke Firmenverbund zählt neben der Managementtraining GmbH seit 1995 noch Kremke Mediaworks, eine Agentur für alte und neue Medien mit einem eigenen Bereich für 3D-Visualisierungen, Designkonzepte und computergestützte Informationssysteme. In den zahlreichen Referenzen des Unternehmens finden sich unter anderem Kunden wie die Deutsche Bank Immobilien, IKEA, der Tourismusverband Mecklenburg, die Aker MTW Werft und die Berliner Wasser-Betriebe.35

3.2 Inhalt und Zielsetzung der Azubi-Kick-Off-Seminare

Seit 1998 werden im Seminarzentrum der Kremke Gesellschaft für Managementtraining mbH regelmäßig so genannte Azubi-Kick-Off-Seminare durchgeführt. Ziel der Seminare ist, dass neue Auszubildende ihre Ausbilder, ihre Kollegen und ihre eigenen Stärken und Schwächen in Bezug auf Teamverhalten besser kennen lernen und dadurch schnell ihre Unsicherheit in der Phase des Ausbildungsbeginns überwinden. Durch eine Mischung aus Kurzvorträgen zur Vermittlung von theoretischem Grundwissen und praktischen Übungen soll jeder Teilnehmer von Beginn an motiviert werden und sich mit seinem Ausbildungsunternehmen identifizieren. Zu den vielfältigen Aktivitäten zählen neben Kanu fahren und Brückenbau auch Workshops und eigene Präsentationen (Anlage 1). Hier soll zum einen der Zusammenhalt gefördert und zum anderen jedem Auszubildenden die Möglichkeit gegeben werden, Erfolgserlebnisse zu haben und sich selbst und andere dadurch zu motivieren. Für die gesamte Seminardauer von drei Tagen sind die Teilnehmer in Bungalows auf dem Seminargelände untergebracht. Durch ständigen Wechsel der Gruppenzusammenstellung wird dabei versucht, eine Cliquenbildung zu verhindern. Das geschaffene Vertrauensverhältnis zwischen den Auszubildenden untereinander und zwischen Auszubildenden und Ausbildern soll hohe schulische und betriebliche Leistungen von Beginn an begünstigen.

[...]


1 Martin 2001, S. 1

2 Vgl. Dollase 1976, S. 12

3 Vgl. Diekmann 2004, S. 424

4 Vgl. Roth, Holling 1999, S. 672

5 Vgl. Denz 1989, S. 38

6 Vgl. Denz 1989, S. 36

7 Vgl. Schnell, Hill, Esser 2005, S. 179

8 Vgl. Dollase 1974, S. 7

9 Moreno 1967, S. 28

10 Moreno 1967, S. 32

11 Vgl. Denz 1989, S. 38

12 Vgl. Lenz 1980, S. 4

13 Vgl. Dollase 1976, S. 14

14 Vgl. Krüger 1976, S. 5

15 Roth, Holling 1999, S. 669

16 Vgl. http://www.dagg.de/sektionen.htm [Download: 2005-07-28]

17 Vgl. Schnell, Hill, Esser 2005, S. 258

18 Vgl. Boos 1996, S. 68

19 Vgl. Ingenkamp 1985, S. 214

20 Vgl. Lenz 1981, S. 25

21 Vgl. Kerlinger 1979, S. 871

22 Vgl. Denz 1989, S. 38

23 Vgl. Kerlinger 1979, S. 866

24 Vgl. Dollase 1974, S. 8

25 Vgl. Denz 1989 S. 40

26 Vgl. Kerlinger 1979, S. 865

27 Vgl. Roth, Holling 1999, S. 671

28 Vgl. Denz 1989, S. 42

29 Vgl. Denz 1989, S. 40f.

30 Vgl. Diekmann 2004, S. 426

31 Vgl. Kerlinger 1979, S. 869

32 Vgl. Roth; Holling 1999, S. 671

33 Ingenkamp 1985, S. 214

34 http://www.eldepark.de/bilder.html [Download: 2009-09-01]

35 Vgl. http://www.kremke-managementtraining.de [Download: 2005-08-05]

Ende der Leseprobe aus 65 Seiten

Details

Titel
Zur Veränderung der Beziehungsstruktur in Gruppen während Teamtraining-Seminaren
Untertitel
Eine soziometrische Studie mit Auszubildenden dreier Unternehmen
Hochschule
Helmut-Schmidt-Universität - Universität der Bundeswehr Hamburg  (Professur für quantitative Methoden und Statistik)
Veranstaltung
Empirische Sozialforschung
Note
1,5
Autor
Jahr
2009
Seiten
65
Katalognummer
V138703
ISBN (eBook)
9783640472642
ISBN (Buch)
9783640472291
Dateigröße
2216 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Schlagworte
Veränderung, Beziehungsstruktur, Gruppen, Teamtraining-Seminaren, Eine, Studie, Auszubildenden, Unternehmen
Arbeit zitieren
Dipl.-Päd. Marcel Bohnert (Autor), 2009, Zur Veränderung der Beziehungsstruktur in Gruppen während Teamtraining-Seminaren, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/138703

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