Leben zwischen zwei Welten

Die zweite und dritte Generation der Gastarbeiter und ihr Leben zwischen deutscher und türkischer Kultur


Hausarbeit, 2009
29 Seiten, Note: 1,3

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Begriffsklärung, Theorie
2.1 Rollen
2.2 Identität

3 Hintergründe
3.1 Historischer Hintergrund
3.2 Wer zählt zur zweiten und dritten Generation?

4 Leben zwischen zwei Kulturen
4.1 Das Werte- und Normensystem zweier Kulturen
4.2 Rollenerwartungen
4.3 Bewältigungsstrategien

5 Resümee

6 Bibliographie

7 Anhang

1 Einleitung

Das Thema dieser Hausarbeit ist das Leben junger, türkischer Migranten oder Deutscher mit Migrationshintergrund zwischen der deutschen und der heimischen Kultur und ihren verschiedenen Normen und Wertesystemen.

Die These von der ausgegangen wird, ist dass an diese Jugendlichen unterschiedliche und zu einem großen Teil sich widersprechende Erwartungen gestellt werden, mit denen sie während ihrer Jugend konfrontiert werden, mit denen sie zurechtkommen müssen und die ein großes Konfliktpotenzial aufweisen, und das die meisten von ihnen einen Weg finden, den Erwartungen aus beiden Kulturen zu einem gewissen Grad zu entsprechen und sie miteinander zu vereinen. Dabei nutzen viele dieser Jugendlichen die Tatsache in zwei Kulturen aufzuwachsen und ziehen Vorteile daraus. Ziel dieser Arbeit ist es also herauszustellen, wie genau diese Erwartungen aussehen, die an die Jugendlichen gestellt werden, wie ihre Bewältigungsstrategien aussehen und ob und inwiefern sie welchen Normen aus welcher Kultur entsprechen.

Dazu wird zunächst ein theoretischer Überblick über die Rollentheorie nach Mead und seinen Nachfolgern gegeben. Dabei soll zum einen die Begrifflichkeit geklärt und die Theorie übersichtlich und bündig wiedergegeben werden. Ein besonderes Augenmerk wird darüber hinaus auf die Rollenkonflikte und die verschiedenen Erwartungstypen und damit zusammenhängende Sanktionsformen gegeben.

In Abschnitt 3 folgt schließlich ein historischer Abriss zu den Hintergründen und Gegebenheiten der Zeit der ersten „Gastarbeiter“. Es wird zum einen ein zeitlicher Überblick gegeben und geklärt, aus welchen Gründen „Gastarbeiter“ nach Deutschland geholt wurden, zum anderen soll kurz erläutert werden was die Gründe und Motivation dieser Menschen war, nach Deutschland zu kommen.

Weiterhin wird in Abschnitt 3.2 geklärt, wer im Allgemeinen zur „zweiten“ und „dritten Generation“ gehört, da zwar alle Angehörigen dieser Generationen einen Migrationshintergrund haben, jedoch teils in Deutschland geboren, teils von den Eltern aus der Türkei als kleine Kinder oder Jugendliche nachgeholt wurden und somit unter verschiedenen Ausgangsbedingungen in Deutschland leben.

Punkt 4 befasst sich letztendlich mit der deutschen und türkischen Kultur und den daraus resultierenden, teilweise widersprüchlichen Erwartungen. Hierzu soll zunächst eine konzentrierte Übersicht die Grundzüge des Zusammenlebens einer türkischen Gesellschaft darlegen und mit Beispielen aus den Interviews das Normen und Wertesystem der türkischen Kultur beleuchtet werden. Weiterhin wird kurz auf die dazu teils gegensätzlichen Werte der deutschen Lebensart hingewiesen.

Darauf folgend sollen nun anhand der Aussagen und Schilderungen der interviewten Jugendlichen aufgezeigt werden, welchen, aus den Traditionen und herrschenden Werten entstehenden Erwartungen der türkischen Gemeinschaft und der Familie sie entsprechen müssen und inwiefern die deutschen, ebenfalls an sie gerichteten Erwartungen und Normen sie in einen Konflikt bringen. Ebenfalls soll geklärt werden mit welchen Mitteln sie es schaffen, diesen Konflikt zu lösen und mit beiden Kulturen zu leben.

2 Begriffsklärung, Theorie

2.1 Rollen

Im Laufe unseres Lebens nehmen wir verschiedenste Positionen ein, wie zum Beispiel die der Schwester, des Lehrers oder Fußgängers, die mit einem bestimmten Verhalten und mit gewissen Bedingungen oder Pflichten verbunden sind. Diese Positionen werden in der Soziologie als Rollen bezeichnet.

Diese Rollen sind „ein Komplex von Erwartungshaltungen […] der sich auf einen bestimmten Bereich sozialen Handelns bezieht und für den es in der Gesellschaft bereits vorgefertigte, vereinfachte Schablonen gibt“[1]. Bezeichnet werden mit diesem Begriff also die Erwartungen, die, von der jeweiligen Gesellschaft normiert, eng mit einer sozialen Position verknüpft sind und sich an den Inhaber einer solchen Position richten. Diese Rollen sind zum einem biologisch oder kulturell[2] vorgegeben, wie zum Beispiel das Alter, das Geschlecht oder die Nationalität, andere erwirbt man im Laufe seines Lebens, wie zum Beispiel die Rolle des Schülers, Arbeitnehmers, Vaters, Freundes, etc., jeder hat somit immer mehrere Positionen in seinem Leben und damit auch immer mehrere Rollen, die er ausfüllen muss.

Sollte er dies nicht oder besonders gut tun, folgen auf sein Verhalten entsprechende Sanktionen. Dabei wird zwischen internen und externen und positiven sowie negativen Sanktionen unterschieden[3]. Interne Bestrafungen sind dabei solche, die man sich selbst beibringt, beispielsweise in Form eines schlechten Gewissens oder Stolz. Externe Sanktionen sind demnach Bestrafungen, die von außerhalb, also von den Menschen um uns herum, der Gesellschaft kommen, in der wir leben. Dabei erfolgen auf bestimmte Erwartungen und ihr Erfüllen, bzw. Nichterfüllung bestimmte Sanktionen, die bei anderen schwächer oder anders ausfallen.

Es gibt drei Arten von Erwartungen. Zum einen gibt es Muss-Erwartungen, die in jedem Fall verbindlich und gesetzlich vorgeschrieben sind und deren Nichtbefolgung ausschließlich negative Sanktionen nach sich ziehen. Ein Beispiel für eine solche Muss-Erwartung ist zum Beispiel der Lehrplan, der vorgeschrieben ist und an den sich jeder Lehrer halten muss. Weiterhin gibt es sogenannte Soll-Erwartungen, die ähnlich verbindlich wie die Muss-Erwartungen sind und gesellschaftlich vorgeschriebene, in öffentlichen Gruppen herrschende soziale Verhaltensregeln sind. Von den Mitgliedern einer Wohngemeinschaft wird zum Beispiel erwartet den Putzplan einzuhalten und eine Soll-Erwartung an den schon vorher angesprochenen Lehrer wäre beispielsweise, dass er niemanden in der Klasse bevormundet und jeden Schüler gleich behandelt. Soll-Erwartungen werden bei Nichterfüllung mit negativen Sanktionen wie sozialer Ausgrenzung oder etwa einer Versetzung bestraft. Positive Sanktionen hingegen wären Anerkennung, eine Beförderung oder Auszeichnungen durch Titel und Orden. Die letzte Art der Erwartungen ist die Kann-Erwartung, Leistet jemand beispielsweise freiwillige Arbeit oder spendet Geld, ist dies eine Kann-Erwartung, da sie über das normalerweise erwartete Verhalten hinausgeht. Die Erfüllung solcher Kann-Erwartungen wird ausschließlich mit positiven Sanktionen wie Anerkennung, Zuneigung oder Geschenken honoriert.

Insofern eine Person sich also rollenkonform[4] verhält, also der angenommenen Rolle entsprechend, hat sie keine negativen, sondern positiven Rollen zu erwarten.

Des weiteren ist es einer Person außerdem möglich, ein Rolle nicht nur komplett auszufüllen und sich den Erwartungen entsprechend zu verhalten, sondern sich von der Rolle zu distanzieren. Zwar werden die Normen und Werte weiterhin wahrgenommen und auch in einem gewissen Maße erfüllt, aber der Inhaber der Rolle besitzt die Fähigkeit, diese bis zu einem gewissen Grad selbst zu interpretieren, eigene Bedürfnisse mit einzubringen, was auf lange Sicht und in einem breiteren Kreis zu Veränderungen der Rolle führen kann. Diese Fähigkeit nennt man Rollendistanz.[5]

Dadurch, dass jeder von uns Träger von vielen verschiedenen Rollen ist, kommt es über kurz oder lang zu Konflikten, die aus der Konfrontation der verschiedenen Erwartungen entstehen. Kommt es zu einem Rollenkonflikt innerhalb einer Rolle, so nennt man dies einen Intrarollenkonflikt[6]. In diesem Fall werden verschiedene Erwartungen an den Inhaber einer Rolle gerichtet, die sich nicht miteinander vereinbaren lassen. Der Inhaber der Rolle entscheidet sich im Normalfall für die niedrigere, negative Sanktion. Er geht also eher der Erwartung nach, die für ihn bei Nicht-Erfüllung eine schwerwiegendere Sanktion bedeuten würde, und nimmt die niedrigere Sanktion in Kauf. Von einem Mann mit der Rolle des Lehrers wird erwartet, dass er zum einen den Lehrplan durchzieht und zum anderen auf jeden einzelnen Schüler eingeht und sich für seine Klasse Zeit nimmt. Eine Konfliktsituation entsteht, in der er sich für eine der beiden Anforderungen die an ihn gestellt werden entscheiden muss. Eine andere Art von Rollenkonflikt ist der Interrollenkonflikt[7], in dem zwei verschieden Rollen den Inhaber ebendieser mit verschiedenen Erwartungen konfrontieren. Ein junges Mädchen beispielsweise, dass einmal in der Rolle der Tochter agiert, den Wünschen der Eltern gerecht wird und versucht ,abends pünktlich zu Hause zu sein, und einmal in der Rolle der Freundin oder des Mitglieds einer Clique, in der von ihr erwartet wird, sich gegebenenfalls gegen die Eltern zu widersetzen, zu rebellieren oder „cool“ zu sein indem sie länger als vorgeschrieben ausbleibt.

2.2 Identität

Je nachdem von welchem Standpunkt aus, welchem Wissenschaftszweig oder welcher Theorie nach man den Begriff der Identität zu erklären versucht, findet man unterschiedliche Ansätze und Aspekte, die in der Formulierung bedacht werden.

Nach Mead setzt sich die Ich-Identität aus der persönlichen, also dem individuellen Anteil einer Person und deren eigenen Erfahrungen und der sozialen Identität, dem durch Rollenerwartungen abverlangte Verhaltensstruktur sozial konstruierten Teil der Persönlichkeit zusammen. Die Ich-Identität ist also ein Konstrukt aus einem Teil Individualität und einem Teil sozialen Erwartungen die erfüllt werden.[8] der Psychoanalytiker Jung hingegen bezeichnet „Identität [schlicht] als Totalität von jemandes Rollen in der Gesellschaft“[9]

3 Hintergründe

Wann und warum kamen die „Gastarbeiter“ nach Deutschland? Was war der historische Hintergrund dieser Arbeitsmigration und wer gehört zur „zweiten und dritten Generation“?

Abschnitt 3 soll klären, was die historischen Hintergründe der Anwerbeabkommen waren und warum die „Gastarbeiter“ nach Deutschland kamen.

Außerdem wird erläutert, wer genau als „zweite und dritte Generation“ bezeichnet wird, und was die Besonderheiten bzw. Unterschiede dieser nachfolgenden Generationen ist.

3.1 Historischer Hintergrund

10 Jahre nach Kriegsende hatten die Wirtschaft und das Leben in Deutschland zu einer gewissen Normalität zurückgefunden. Die Entbehrungen und Nöte der Kriegs- und Nachkriegszeit waren überwunden, die Deutschen wollten das Leben genießen, im VW Käfer in den Süden reisen, einen Fernseher kaufen, sich neu einkleiden und essen worauf sie Appetit haben. Das Wirtschaftswunder war im vollen Gange und man brauchte Arbeitskräfte um es am Laufen zu halten und mit der ständig wachsenden Nachfrage an Gütern Schritt halten zu können.

Anfang der 50er schloss Deutschland Anwerbeabkommen mit verschiedenen Ländern, die Arbeitskräfte auf Zeit schicken sollten. Dies sollte zum einen Deutschland helfen, die blühenden Wirtschaft aufrecht zu erhalten und zum anderen sollten die Anwerbeländer von den Rückkehrern profitieren, die durch ihre Zeit in Deutschland geschult und mit fortschrittlicherem Wissen in ihre Heimatländer zurück kämen.

So wurden die ersten „Gastarbeiter“ 1955 aus Italien nach München, und von dort aus nach ganz Deutschland gebracht. Später folgten Spanien und Griechenland im Jahr 1960 und die Türkei 1961. In den darauf folgenden Jahren kamen schließlich noch junge Männer und Frauen aus Marokko, Portugal, Tunesien, Jugoslawien und aus Südkorea nach Deutschland.

Wenn man die Situation in den jeweiligen Entsendeländern betrachtet, wird schnell klar, warum so viele Leute auf das Angebot in Deutschland arbeiten zu können eingingen. Viele der „Gastarbeiter“ verließen aus finanziellen Gründen ihr Familien, um in Deutschland mehr Geld zu verdienen, als es ihnen in ihrem Heimatländern möglich war und um dieses Geld schließlich an ihre zugelassenen Familien zu schicken oder zu sparen. Ein weiterer Grund waren die politischen Verhältnisse in einigen der Heimatländer der Menschen. Ein Leben unter Militärdiktaturen in Griechenland und der Türkei, Franco in Spanien und Junta Salazar in Portugal brachte die Menschen dazu jede Gelegenheit zu nutzen um ein freieres Leben führen zu können, was Ihnen der Aufenthalt im demokratischen Deutschland versprach.

Einige dieser „Gastarbeiter“ kehrten nach einer gewissen Zeit zurück in ihre Heimatländer, viele jedoch blieben und begannen sich in Deutschland ein neues Leben aufzubauen und ihre Familien nach Deutschland zu holen.

3.2 Wer zählt zur zweiten und dritten Generation?

Die Begriffe „zweite Generation“ und „dritte Generation“ bezeichnen hier Kinder und Enkelkinder von türkischen Arbeitsmigranten, die Mitte des 20. Jahrhunderts im Zuge der Anwerbeabkommen nach Deutschland gekommen sind.

Wie schon erwähnt kam es mit der Zeit zu einem verstärkten Familiennachzug. „Gastarbeiter“, die sich entschieden hatten in Deutschland zu bleiben, wollten nicht mehr über weite Entfernungen hinweg von ihren Familien getrennt leben und holten Frauen und Kinder nach Deutschland.

Diese nachgereisten Kinder sind Migranten der „zweiten Generation“ und deren Kinder wiederum gehören der „dritten Generation“ an.

Allerdings gibt es wesentliche Unterschiede zwischen den Kindern dieser zwei Generationen. Viele wurden in ihren Heimatländern geboren und sind entweder in sehr jungen Jahren oder aber während ihrer Jugend nach Deutschland gekommen, andere sind hier in Deutschland geboren. Sie unterscheiden sich also darin, wo sie geboren wurden, in welchem Alter sie nach Deutschland eingereist sind, wie viel Zeit sie seit ihrer Einreise in Deutschland verbracht haben und welche schulische oder berufliche Ausbildung sie haben[10]

Im Fall dieser Hausarbeit werden ebenfalls Kinder der „zweiten Generation“ berücksichtigt, deren Eltern oder Großeltern nicht durch die Anwerbeabkommen, sondern durch ein Studium nach Deutschland gekommen sind und die sich während ihres Aufenthalts in eine deutsche Frau verliebt und diese dann geheiratet haben und sich somit für ein Leben in Deutschland entschieden. Die aus diesen Beziehungen entstandenen Kinder sind, wenn auch auf eine andere Art und Weise, ebenso wie die Kinder und Enkel der „Gastarbeiter“ mit beiden Kulturen konfrontiert und müssen einen Weg finden, mit diesen zurechtzukommen.

4 Leben zwischen zwei Kulturen

4.1 Das Werte- und Normensystem zweier Kulturen

Wenn man in zwei Kulturen aufwächst, wird man früher oder später auch mit den jeweiligen Normen, gesellschaftlichen Regeln und Gewohnheiten dieser Kulturen konfrontiert. Die zwangsläufigen Konflikte, die aus solchen Situationen entstehen, sind von Kultur zu Kultur unterschiedlich. Ein Franzose beispielsweise, der in Deutschland lebt, wird weniger Probleme haben, sich zurechtzufinden, als zum Beispiel ein U.S. Amerikaner oder ein Asiate.

Man kann sich also vorstellen, dass es beim Zusammentreffen der türkischen und der deutschen Kulturen, Werte und Traditionen, die sich in vielen Punkten ganz wesentlich unterscheiden, ganz sicher zu Konflikten, Missverständnissen oder Unverständnis auf beiden Seiten kommt. Die erste Generation, die vor über 40 Jahren nach Deutschland gekommen sind, hatte sicher ihre Schwierigkeiten in der deutschen Kultur zu leben und mit ihr zurechtzukommen. Allerdings kannten sie die eigene, türkische Kultur aus ihrer Kindheit und aus ihrer Jugend was bei ihren Kindern und Enkeln nicht der Fall war. Diese leben von Geburt an mit beiden Kulturen und den dazugehörigen Wertesystemen, die sie ihr ganzes Leben lang mit einander in Einklang bringen müssen, insofern diese möglich ist.

Um zu verstehen warum eine Verbindung der türkischen und der deutschen Kultur hier in Deutschland ein so großes Konfliktpotenzial für die zweite und dritte Generation der „Gastarbeiter“ birgt, ist es sinnvoll die Grundzüge der türkischen Werte und Traditionen zu kennen. In einer türkischen Gesellschaft dreht sich, viel mehr als in Deutschland, alles um die Familie, die in ihr herrschenden Hierarchien und ihre Stellung in der Gesellschaft. Songül Özdemir beschreibt sehr prägnant die grundlegenden Werte der türkischen Kultur, nach denen die meisten der Türken leben.

So regeln die Konzepte der Liebe, des Respekts, der Ehre und des Ansehens das Zusammenleben in der Familie, die Beziehungen zwischen den Geschlechtern und Generationen und der Erziehung. Dabei erweisen die jüngeren Mitglieder der Familie oder Gesellschaft den älteren Respekt und die Männer stehen als Versorger und Beschützer der Familie über der Frau. Dies bezieht sich nicht nur auf die Väter oder andere ältere Verwandte einer Familie, sondern auch auf Brüder und Schwestern, sowie sämtliche Familienmitglieder. Die Ehre einer Familie hängt stark vom Verhalten der weiblichen Mitglieder ab. Ist eine Frau besonders schamhaft, das heißt sie hat beispielsweise keinen Kontakt zu Männern außerhalb der Familie, ist die Ehre einer Familie nicht gefährdet. Verhält sich ein Mädchen einer Familie dagegen sehr schamlos, schadet dies der Familie und gleichzeitig dem Ansehen der Familie innerhalb ihres sozialen Umfeldes, da der Ehrbegriff sehr eng mit dem sozialen Prestige der Familie verbunden ist.[11] Diese Ordnung der Geschlechter führt weiterhin zu einer geschlechterspezifischen Erziehung, die den Nachwuchs auf die künftige Rolle vorbereiten soll. Das diese Traditionen auch noch verstärkt gelebt werden als vielleicht im Heimatland, liegt daran, dass viele Türken der ersten Generation ihre Kultur und ihre Werte im freizügigerem Deutschland als gefährdet ansahen. Außerdem kommen viele der Familien aus einer eher ländlichen Gegend, wo schon in der Türkei strenger nach diesen Werten gelebt wird als in den größeren Städten[12].

Beispiele dafür, besonders die Rolle von Mädchen betreffend, kommen immer wieder in den Gesprächen mit meinen InterviewpartnerInnen vor und sind immer wieder Gegenstand, wenn es darum geht beide Kulturen zu vergleichen. Ebru[13] beispielsweise berichtet mehrere Male sehr genau davon, wie sie sich als türkisches Mädchen verhalten und kleiden muss, um kein Gerede unter Freunden der Familie und Verwandten zu verursachen. So erzählt sie, dass sie ihren Freund heiraten müsste, um mit ihm zusammen wohnen zu können, Kinder zu kriegen oder, für uns ganz banal, sich öffentlich als Paar zeigen zu können. Lachend fügt sie hinzu, dass sie sonst eine Schande für die Familie wäre.

Canans[14] Erzählungen zeugen von der strengen Familienstruktur und der Erhaltung der Familienehre durch eine schamhafte Tochter. Sie durfte beispielsweise Jungs, die sie kannte, auf der Straße nicht grüßen, ein Freund war, wie sie schreibt TABU und mit Freundinnen abends weggehen war für sie nur heimlich möglich. Auch mit ihrem jetzigen Mann hat sie sich zwei Jahre lang heimlich und immer nur für ein paar Stunden getroffen, bevor sie ihn ihrem strengen Vater vorgestellt hat.

Die deutsche Kultur mit ihren viel liberaleren Rollenbildern und emanzipierten Frauen hingegen steht dazu in vollem Kontrast. Junge deutsche Mädchen und Jugendliche genießen sehr viel mehr Freiheiten, haben schon während der Pubertät Beziehungen und kleiden sich, wie sie es für richtig halten. Das Ansehen einer Familie hängt nicht von der Reinheit und dem Verhalten der Töchter ab, sondern wenn überhaupt, dann eher von beruflichen oder schulischen Erfolgen. Ganz sicher ist auch die Rollenverteilung für Männer und Frauen eine andere, seitdem der „Hausmann“ und die „Karrierefrau“ in deutsche Haushalte Einzug gehalten haben.

[...]


[1] Gabriele Holland, Rolle-Identität-Sozialisation in Reader: Einführung in die Soziologie WS 2008/09, Prof. Dr. Christoph Lau, Universität Augsburg: Lehrtsuhl für Soziologie an der Philosophisch-Sozialwissenschaftlichen Fakultät, 56

[2] http://de.encarta.msn.com/encyclopedia_721525788/Soziale_Rolle.html

[3] Katja Nixdorf, Homo Sociologicus vs. Rollen-set – welches Modell ist besser geeignet um soziales Handeln zu erklären?, GRIN Verlag, 2007, 5

[4] http://de.encarta.msn.com/encyclopedia_721525788/Soziale_Rolle.html

[5] Vgl. Gabriele Holland

[6] Horst Reimann, Basale Soziologie, Westdeutscher Verlag, 196

[7] Vgl. Horst Reimann, 197

[8] Vgl. Gabriele Holland

[9] David J de Levita, der Begriff der Identität, Suhrkamp Verlag, Franktfurt am Main, 1971, 165

[10] Songül Özedmir, Identitäsentwicklung türkischer Jugendlicher in der zweiten Generation – Gratwanderung zwischen zwei Kulturen, VDM Verlag Dr. Müller, Saarbrücken, 2007, 11

[11] Vgl. Songül Özedmir, 31

[12] Vgl. Songül Özdemir, 22 und 27

[13] Name geändert

[14] Name geändert

Ende der Leseprobe aus 29 Seiten

Details

Titel
Leben zwischen zwei Welten
Untertitel
Die zweite und dritte Generation der Gastarbeiter und ihr Leben zwischen deutscher und türkischer Kultur
Hochschule
Universität Augsburg
Note
1,3
Autor
Jahr
2009
Seiten
29
Katalognummer
V138747
ISBN (eBook)
9783640481569
ISBN (Buch)
9783640481743
Dateigröße
573 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
leben, welten, generation, gastarbeiter, kultur
Arbeit zitieren
Ann-Kristin Brockmann (Autor), 2009, Leben zwischen zwei Welten, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/138747

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