Der Roman Moby Dick von H. Melville avancierte ohne Frage nach seiner Wiederentdeckung in der 1920er-Jahren zu einem Epos der amerikanischen Literaturgeschichte. Er ist nicht nur auf Grund des Buchumfangs, sondern vor allem ob der Vielschichtigkeit interpretatorischer Möglichkeiten, basierend auf theologischen, philosophischen, soziologischen u.a. Reminiszenzen, Grundlage diverser Analysen unter unterschiedlichsten Gesichtspunkten, mit ebenso changierenden Resultaten, gewesen.
Ein äußerst relevanter Aspekt wurde bis dato in der Fachliteratur dieses Epos konsequent vernachlässigt: Der seit Menschen gedenken bestehende Kampf zwischen Menschen und Göttern. Es gilt, diese These durch die nachstehende Analyse zu verifizieren.
Über den Ursprung des Konfliktes, dessen Existenz in verschiedenen Religionen, als auch die Art der Ausprägung aus der Sicht der Menschen sollen anhand der in Moby Dick erwähnten Jonas- als auch Prometheuserzählung erläutert werden. Da weder der Prophet Jonas noch der Feuerbringer Prometheus handelnde Figuren als vielmehr romanrelevante Allegorien darstellen, ist eine jede Analyse gefolgt von deren Bedeutung für einen der Hauptprotagonisten, Kapitän Ahab, welcher kontextbezogen als Stellvertreter der Menschheit fungiert.
Die Darlegung der oben erwähnten These anhand der als Gleichnisse fungierenden Erzählungen wird durch den Einschub der Symbolanalyse der Elemente Feuer und Wasser ergänzt. Darauf hin gilt es zunächst zu klären, ob es sich bei dem vorliegenden Konflikt nicht unter Umständen um den Kampf der Elemente als den zwischen Menschen und Göttern handeln könnte.
Nachdem dieser Sachverhalt fundiert erörtert wurde, verbleibt die Aufgabe der Eingrenzung, Definierung und zu erfüllende Funktion der Figur des Ahab. Dies bildet die Grundlage für die abschließende Untersuchung über das Verhältnis der Götter zu den Menschen, welche nicht zuletzt durch den Versucht geprägt ist, das Handeln der Götter begreiflich zu machen und auf bestimmbare Gründe für ihr Handeln am Geschlecht des Menschen zurückzuführen.
Den Abschluss bildet ein komprimiertes Statement Erich Fromms über die Freiheit, deren Bedeutung nicht nur für die Menschheit, sondern für jedes einzelne Individuum und den daraufhin zu vollziehenden Kampf mit sich und seiner Umwelt, so wie Ahab es als Kapitän der Pequod durchlebt.
Inhaltsverzeichnis
1.0.) Einleitung
2.0.) Der Prophet Jonas in „The Sermon“
3.0.) Relevanz der Jonaserzählung im Kontext zu Ahab
4.0.) Melvilles Symbolik der Elemente Wasser und Feuer
4.1.) Melvilles Wassersymbolik
4.2.) Melvilles Feuersymbolik
5.0.) Griechische Mythologie in MD: Prometheus und das Feuer
6.0.) Kampf der Elemente?
7.0.) Der Urkampf: Menschheit vs. Götter
8.0) Ahabs Anklage an die Götter
9.0) Schlussbemerkung
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht den fundamentalen und oft übersehenen Konflikt zwischen dem Menschen und den Göttern in Herman Melvilles Roman Moby-Dick. Dabei wird analysiert, wie Kapitän Ahab als Stellvertreter der Menschheit durch seine Rebellion gegen göttliche Willkür und die Suche nach Wahrheit charakterisiert wird, wobei insbesondere allegorische Parallelen zur Jonaserzählung und zum Prometheus-Mythos herangezogen werden.
- Die literarische Allegorie der Jonaserzählung als Vorbild für Ahabs Widerstand.
- Die symbolische Bedeutung der Elemente Wasser und Feuer in der Charakterisierung Ahabs.
- Die Einbettung griechischer Mythologie (Prometheus) zur Deutung von Ahabs Rebellion.
- Die philosophische Hinterfragung des Verhältnisses zwischen menschlicher Autonomie und göttlicher Allmacht.
Auszug aus dem Buch
3.0) Relevanz der Jonaserzählung im Kontext zu Ahab
Wie unter dem vorangegangenem Punkt 2.0 bereits erwähnt, widmet Melville der Jonaserzählung ein eigenständiges Kapitel. Die Erzählung ist von Melville keineswegs geistlos niedergeschrieben, sondern mit Charme und Einfallsreichtum anhand der Predigt eines Pfarrers, Vater Mapple, lebendig geschildert. Der Pfarrer weiß seiner Gemeinde die Jonasgeschichte gekonnt mit seiner persönlich intendierten Botschaft zu verknüpfen. Eine seiner zahlreichen Bemerkung, einem Aphorismus gleich, lautet: „And if we obey God, we must disobey ourselves; and it is in this disobeying ourselves, wherein the hardness of obeying God consists.“ Wer Gott gehorcht, kann sich selber nicht gehorchen. Wer sich selber nicht gehorchen kann oder darf, dem fällt es folglich schwer, Gott Folge zu leisten. Relevant ist, dass der Prophet Jonas nicht zum gottesfürchtigen Propheten stilisiert, sondern vielmehr als vom eigenen Willen geleiteter Mensch, demaskiert wird. Demaskiert auch im Sinne eines nach Autonomie strebenden, handelnden Individuums. Weder ist Jonas gotteshörig, noch williger Jünger, oder eifrig im Ausführen von Befehlen Gottes. Imaginieren gläubige Christen Propheten nicht konträr, präzise als willenlos hörig, Gott ergeben, ständig bereit vorgegebene Gebote gedankenfrei auszuführen? Es sind genau jene Charakteristika, derer Melville sich bedient und auf Ahab appliziert. Melvilles Fokus ist auf die mentale Autonomie des Jonas gerichtet. Auf eine Figur, die sich souverän aufoktroyierten Befehlen verweigert, nach eigenem Ermessen Entscheidungen trifft, Handlungen vollführt. Motiviert durch diesen Fokus, kristallisiert Melville die Bedeutung Jonas für den Charakter Ahabs heraus.
Zusammenfassung der Kapitel
1.0.) Einleitung: Die Einleitung führt in die These eines vernachlässigten Konflikts zwischen Mensch und Gott ein und skizziert die methodische Vorgehensweise anhand allegorischer Analysen.
2.0.) Der Prophet Jonas in „The Sermon“: Dieses Kapitel fasst die biblische Geschichte des Propheten Jonas zusammen, um Melvilles Intention und die Figur Jonas als allegorische Vorlage zu beleuchten.
3.0.) Relevanz der Jonaserzählung im Kontext zu Ahab: Hier wird die Parallele zwischen Jonas' Ungehorsam und Ahabs Streben nach mentaler Autonomie herausgearbeitet.
4.0.) Melvilles Symbolik der Elemente Wasser und Feuer: Dieses Kapitel untersucht die metaphysische und charakterisierende Bedeutung von Wasser und Feuer als zentrale Motive im Roman.
5.0.) Griechische Mythologie in MD: Prometheus und das Feuer: Die Einbindung des Prometheus-Mythos dient dazu, Ahabs Rebellion gegen die Götter weiter zu legitimieren und symbolisch zu deuten.
6.0.) Kampf der Elemente?: Der Autor diskutiert kritisch, ob der Roman primär als Kampf zwischen den Naturelementen zu verstehen ist, und verwirft diese Reduktion zugunsten metaphysischer Ebenen.
7.0.) Der Urkampf: Menschheit vs. Götter: Ahab wird hier als Stellvertreter der Menschheit im Kampf gegen die als arglistig wahrgenommenen Götter positioniert.
8.0) Ahabs Anklage an die Götter: Dieses Kapitel analysiert Ahabs direkte Anklage gegen die Götter, begründet durch seinen Wunsch nach Vergeltung und Wahrheitsfindung.
9.0) Schlussbemerkung: Die Arbeit schließt mit einer zusammenfassenden Betrachtung von Ahabs Rolle und nutzt Erich Fromms Freiheitstheorie, um den Akt des Ungehorsams als Anfang der Vernunft zu deuten.
Schlüsselwörter
Herman Melville, Moby-Dick, Ahab, Jonas, Prometheus, Allegorie, Götter, Menschheit, Autonomie, Widerstand, Symbolik, Wasser, Feuer, Urkampf, Freiheit
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundlegend?
Die Arbeit untersucht den Kampf zwischen Mensch und Gott im Roman Moby-Dick und interpretiert Ahab als Stellvertreter der Menschheit, der gegen göttliche Willkür rebelliert.
Welche zentralen Themenfelder werden behandelt?
Die zentralen Themen umfassen theologische Allegorien, die Symbolik der Elemente Wasser und Feuer, die Bedeutung griechischer Mythen sowie die Frage der menschlichen Autonomie.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Das Ziel ist es, die These zu verifizieren, dass Ahabs Kampf gegen Moby-Dick als eine tiefgreifende Allegorie für das Ringen der Menschheit gegen ungerechte Götter zu verstehen ist.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es wird eine literaturwissenschaftliche Analyse durchgeführt, die primär textbasierte Allegorien und philosophische Interpretationen (u.a. Erich Fromm) kombiniert.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Im Hauptteil werden die Jonaserzählung und der Prometheus-Mythos als Allegorien analysiert, die Symbolik von Feuer und Wasser erörtert und Ahabs Anklage gegen die Götter interpretiert.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind Autonomie, Allegorie, Rebellion, göttliche Arglist, Moby-Dick, Kapitän Ahab und das Streben nach Wahrheit.
Warum wird die Jonaserzählung als Analogie für Ahab genutzt?
Weil beide Figuren nicht als willenlose Untertanen agieren, sondern durch eigenständiges Denken und den Versuch, sich göttlichen Befehlen zu widersetzen, charakterisiert sind.
Welche Rolle spielen die Urelemente Feuer und Wasser?
Feuer repräsentiert Ahabs getriebenes, autonomes Ich und seinen Zorn, während Wasser als Komplementär-Element das Göttliche bzw. den unbegreiflichen Schicksalsregenten symbolisiert.
Wie interpretiert der Autor Ahabs Jagd auf den Wal?
Die Jagd wird nicht als bloßer Walfang gesehen, sondern als Versuch Ahabs, der nicht greifbaren, arglistigen göttlichen Macht eine verletzliche Form zu geben, um Rache zu nehmen.
Welchen Stellenwert hat Erich Fromms Theorie für das Fazit?
Fromms „Furcht vor der Freiheit“ dient dazu, Ahabs Ungehorsam als einen bewussten Akt der Freiheit und als den Anfang der menschlichen Vernunft zu deuten.
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- M.A. Eva Steinbrecher (Author), 2006, Herman Melvilles Moby Dick - Urkampf-Allegorie: Mensch vs. Gott?, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/138772