Schillers Aufsatz Über naive und sentimentalische Dichtung wurde 1795-96 in der Zeitschrift HOREN veröffentlicht. In seiner Abhandlung setzte Schiller zwei Menschencharaktere einander entgegen; nämlich naive und sentimentalische Dichter. Beide sind als ästhetisch vorgestellt. Das naive sucht Schiller in der antiken, das sentimentalische in der modernen Dichtung. In diesem Sinne gehört Schiller selbst zu modernen, bzw.sentimentalischen Dichtern, und Goethe zu den alten, bzw. naiven.
Der, natürlich empfindende, mit der Natur eins seiende Dichter ist der naive, der, das Natürliche empfindende, dieses aus der Distanz des Verlustes betrachtende und suchende der sentimentalische Dichter.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Ursprung des Begriffs modern
3. Unterscheidung der Begriffe naiv und sentimentalisch
3.1. Erhabenes und pathetische Satire
3.2. Vergnügen am Erhabenen bei sentimentalischen Dichtern
4. Schlussbemerkungen
Zielsetzung und thematische Schwerpunkte
Die vorliegende Arbeit untersucht Schillers berühmte Unterscheidung zwischen naiver und sentimentalischer Dichtung im Kontext des Begriffs der Modernität. Dabei wird analysiert, wie Schiller das Schöne und das Erhabene in diese ästhetischen Kategorien einbettet und welche Rolle die Natur sowie das Ideal für das dichterische Schaffen einnehmen.
- Historische Herleitung und Bedeutungswandel des Begriffs "modern".
- Differenzierung der dichterischen Existenzweisen: naiv versus sentimentalisch.
- Die Funktion von Satire und Elegie als Verfahrensweisen sentimentalischen Dichtens.
- Die ästhetische Beziehung zwischen Natur, Kunst und dem Streben nach dem Ideal.
- Verhältnisbestimmung von Schönem (naiv) und Erhabenem (sentimentalisch).
Auszug aus dem Buch
3. Unterscheidung der Begriffe naiv und sentimentalisch
Schillers Abhandlung beginnt mit einer Schilderung jenes von Liebe und rührender Achtung bestimmten Interesse an der Natur, das er später als das sentimentalische bezeichnen wird. Bei der Nennung der beiden Bedingungen, die erfüllt sein müssen, damit dieses Interesse zustande komme, fällt das Wort naiv zum ersten Mal. Es heißt hier: Für erste ist es durchaus nötig, dass der Gegenstand, der uns dasselbe einflößt, Natur sei oder doch von uns dafür gehalten werde; Zweitens, dass er (in weitester Bedeutung des Wortes) naiv sei, d.h., dass die Natur mit der Kunst im Kontraste stehe und sie beschäme. Sobald das letzte zu dem ersten hinzukommt, und nicht eher, wird die Natur zum Naiven.
An diesen Sätzen fällt zweierlei auf. Erstens, dass das Naive eingeführt wird als der Gegenstand des sentimentalischen Interesses, zweitens, dass dieser Bezug auf das Nicht-Naive in die Bestimmung des Naiven selber eingeht, indem Natur, Schiller zufolge, erst dann naiv zu nennen ist, wenn sie mit der Kunst im Kontraste steht und sie beschämt.
Das Naive ist für Schiller indessen nicht, wie man oft gemeint hat, eine natürliche Gegebenheit, sondern ein sentimentalischer Befund. Es ist nicht einfach ursprüngliche Natur, sondern diese nur, insofern sie mit der Kunst d.h. der Künstlichkeit der Kultur. Zum Naiven wird erfordert, dass die Natur über die Kunst den Sieg davontrage; es ist eine Kindlichkeit, wo sie nicht mehr erwartet wird. Unsere Kindheit ist die einzige unverstümmelte Natur, die wir in der kultivierten Menschheit antreffen. Das Naive kann niemals eine Eigenschaft verdorbener Menschen behandeln, sondern nur Kindern und kindlich gesinnten Menschen zukommen.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Einführung in Schillers Aufsatz "Über naive und sentimentalische Dichtung" sowie Zielsetzung der Arbeit, die Begriffe modern, naiv und sentimentalisch zu erläutern.
2. Ursprung des Begriffs modern: Untersuchung der zeitlichen und historischen Bedeutung des Wortes "modern" und seiner Entwicklung als Epochen- und Literaturbegriff.
3. Unterscheidung der Begriffe naiv und sentimentalisch: Zentrale Analyse der Schillerschen Differenzierung, wobei das Naive als Natur und das Sentimentalische als Streben nach einem Ideal definiert wird.
3.1. Erhabenes und pathetische Satire: Differenzierung der Verfahrensweisen der sentimentalischen Dichtung in Satire und Elegie sowie deren Anbindung an das Schöne bzw. Erhabene.
3.2. Vergnügen am Erhabenen bei sentimentalischen Dichtern: Diskussion über die ästhetische Lust, die beim Betrachter durch das Erhabene und die Auseinandersetzung mit tragischen oder schmerzlichen Stoffen entsteht.
4. Schlussbemerkungen: Synthese der Ergebnisse und Reflexion über die Problematik von Schillers Theorie sowie die notwendige Verbindung von naiven und sentimentalischen Elementen für vollkommene Kunst.
Schlüsselwörter
Schiller, naiv, sentimentalisch, modern, Ästhetik, Natur, Ideal, Erhabenes, Schönes, Dichtung, Reflexion, Satire, Elegie, Kunst, Geistesgeschichte.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der Arbeit grundlegend?
Die Arbeit analysiert die theoretische Unterscheidung zwischen naiven und sentimentalischen Dichtern, die Friedrich Schiller in seinem Aufsatz "Über naive und sentimentalische Dichtung" formuliert hat.
Welche zentralen Themenfelder werden bearbeitet?
Im Zentrum stehen der Modernitätsbegriff, die Differenz zwischen antiker Naturverbundenheit und moderner Reflexion sowie die ästhetischen Kategorien des Schönen und des Erhabenen.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist es, Schillers Kategorien naiv und sentimentalisch in den Kontext der Modernität zu stellen und zu klären, wie diese Dichtungsweisen durch das Ideal und die Reflexion bestimmt werden.
Welche wissenschaftliche Methode kommt zum Einsatz?
Die Arbeit nutzt einen literaturwissenschaftlichen und geschichtsphilosophischen Ansatz, um Schillers theoretische Schriften kritisch zu interpretieren und mit anderen Positionen der Zeit zu verknüpfen.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Untersuchung des Begriffs "modern", die Differenzierung von naivem und sentimentalischem Dichten sowie die spezifischen Verfahrensweisen wie Satire und Elegie.
Welche Keywords charakterisieren die Publikation?
Die Arbeit lässt sich vor allem durch die Begriffe Schiller, naiv, sentimentalisch, Ideal, Natur, Ästhetik, Erhabenes und Moderne beschreiben.
Warum ist das Naive für Schiller kein einfacher Naturzustand?
Schiller betrachtet das Naive als einen sentimentalischen Befund, da es erst in Abgrenzung zur Künstlichkeit der Kultur und durch den bewussten Kontrast zur Kunst als "naiv" erkannt wird.
Wie definiert der Autor das Verhältnis von Satire und Elegie?
Satire und Elegie sind nach Schiller keine Gattungen, sondern künstlerische Verfahrensweisen des sentimentalischen Dichters, um den Widerspruch zwischen Wirklichkeit und Ideal zu verarbeiten oder zu beklagen.
Was bedeutet das "Erhabene" in Bezug auf die moderne Dichtung?
Das Erhabene ist für Schiller das Prinzip des Sentimentalischen; es basiert auf einem hohen Maß an Reflexion und ermöglicht es dem Menschen, sich über die Schranken seiner sinnlichen Natur moralisch zu erheben.
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- Dr. phil. Muzaffer Malkoc (Author), 1992, Die Unterscheidung des Schönen und des Erhabenen in Schillers Unterscheidung des Naiven vom Sentimentalischen, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/138808