Cinematographische Merkmale der „Schloss“-Verfilmung von Michael Haneke


Hausarbeit, 2004

21 Seiten, Note: 1,3

Annika Wildersch (Autor)


Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung

2. Michael Hanekes Werk

3. Die „Schloss“-Verfilmung
3.1. Warum „Das Schloss“?
3.2. Die Produktion
3.3. Der Begriff der Cinematographie
3.4. Die Stimme aus dem Off
3.5. Der Filmriss-Effekt
3.6 Die Naheinstellungen

4. Zusammenfassung

5. Quellen

1. Einleitung

In dieser Arbeit wird Michael Hanekes Kafka-Verfilmung „Das Schloss“ in Hinblick auf einige spezifische cinematographische Merkmale analysiert. Es soll untersucht werden, welchen Zweck die Merkmale erfüllen und welche Auswirkung sie auf die Rezeption des Filmes haben. Im Zusammenhang damit wird der Film mit der Romanvorlage Kafkas und der darin enthaltenen Erzählweise verglichen.

Um „Das Schloss“ in einen Kontext einbetten zu können, wird zunächst eine Übersicht über Hanekes Filme vom Beginn seiner Arbeit als Regisseur bis heute gegeben. Im Hauptteil der Arbeit werden Parallelen zwischen Kafkas „Schloss“ und Hanekes Filmen gezogen, um dann zu der Schloss-Verfilmung und dessen Merkmalen überzugehen.

2. Michael Hanekes Werk

Es gibt Regisseure, für die ist das mainstream-Hollywood-Kino-System wie geschaffen. Die story ist vorhersehbar, die Filme sind gekennzeichnet durch schnelle Schnitte, Klischees von schönen Frauen, süßen Kindern und starken Männern, es gibt Tabus, z.B. dass das „Böse“ nicht siegt, und meistens ein happy ending. Doch nicht so Michael Haneke, der zur Zeit wohl bedeutendste Regisseur im deutschsprachigen Raum. Die Filme des Österreichers erwecken oft den Eindruck, die Zuschauer empören zu wollen, mit seiner Anti-Hollywood-Ästhetik versucht Haneke, die Sehgewohnheiten des Publikums zu verändern. Erzählstrom und Spannungsdramaturgie vermeidet er, lieber schockt er uns mit dem Blick auf das Alltägliche, kombiniert mit der Katastrophe.

1973 entstand Haneke erster Fernsehfilm „...und was kommt danach?“, gefolgt von weiteren TV-Streifen wie „Lemminge“(1979) und „Die Rebellion“(1992). Sein letzter TV-Film war 1997 die Franz-Kafka-Verfilmung „Das Schloss“.

Hanekes erster Kinofilm „Der siebente Kontinent“ hatte 1989 in Cannes im Rahmen der „Quinzaine des realisateurs“ Premiere. Der Film war der Anfang einer Trilogie, die Haneke mit „Benny’s Video“(1992) und „71 Fragmente einer Chronologie des Zufalls“(1994) bildete, eine Trilogie über die „emotionale Vergletscherung der Gesellschaft“, wie Haneke es nennt.

Eine Analogie besteht hier bereits zum Filmtitel „Der siebente Kontinent“, denn das ist die Antarktis. Die Hauptfiguren sind Mutter Anna, Vater Georg und Tochter Eva: kleinbürgerliche Vornamen, die Haneke demonstrativ in späteren Filmen wiederholt. „Der siebente Kontinent“ exerziert den Freitod der Kleinfamilie, ohne überflüssige Nebenhandlung. Haneke gewann beim Festival in Gent 1989 einen Preis für die „beste Musik und den besten Ton“ in diesem Film, obwohl fast keine Off-Musik darin vorkommt.

In „Benny’s Video“ geht es um den Verlust des Realitätsbezugs: Der Jugendliche Benny verirrt sich in der Welt der Videofilme und beginnt, mit seinem Filmen seine Umwelt und somit die Wirklichkeit zu manipulieren. Er ist ein Gesellschafts-Alien, das die Grenzen zwischen dem Realen und dem Medialen verschwimmen lässt.

Der letzte Teil der Trilogie liefert uns in den titelgebenden 71 Fragmenten, unterbrochen von Schwarzblenden, Geschichten von verschiedenen Menschen, die nur eines gemeinsam haben: den Amoklauf eines Studenten in einer Bank am Ende des Films, bei dem drei Menschen getötet werden.

Fremdheit spielt bei Haneke in vielerlei Hinsicht eine wichtige Rolle: mit filmästhetischen Methoden verfremdet er die Sicht auf Alltägliches durch ungewöhnlich lange Einstellungen und Kadrierungen (z.B. die Nahaufnahme von Gesichtern und Gegenständen am Anfang von „Der Siebente Kontinent“ – am Filmanfang werden üblicherweise eher totale Einstellungen gewählt, um dem Zuschauer einen ersten Überblick zu geben).

Mit „Funny Games“ gelang Haneke endgültig der Durchbruch: Zwei junge Männer dringen in das Ferienhaus einer Kleinfamilie (wieder Anna, Georg und Sohn „Schorschi“) ein. Mit taktischen Provokationen und Spielen, z.B. Abzählreimen und „Die Katze im Sack“, schaffen die Eindringlinge es, alle drei Opfer zu quälen und nacheinander umzubringen – und zwar völlig motivlos, was so unfassbar ist. Schorschi, der kleine Junge, stirbt als erster: das wäre in einem typischen Hollywood-Streifen nicht passiert. Der Zuschauer wird sich seiner Rolle mehrmals bewusst gemacht, indem Paul, einer der beiden Killer, ihm zuzwinkert oder sich über die zu erreichende „volle Spielfilmlänge“ Gedanken macht. An einer anderen Stelle spult Paul eine Sequenz des Films (in dem er selbst spielt) zurück, in dem Anna seinen Mithelfer erschießt. Über Hanekes Wahl der filmischen Mittel wird klar, dass es sich um den Verlust der Grenze zwischen Spiel und Realität im Film handelt.

„Funny Games“ sorgte 1997 für so laute Diskussionen, dass Hanekes eher ruhigere Arbeit in demselben Jahr, „Das Schloss“, eher wenig Beachtung bekam.

Dabei war es gerade dieser Roman von Kafka, der Haneke auch auf die Idee seines nächsten Films brachte: auch in „Code: Unbekannt“(2000) geht es um die Isoliertheit und Verlorenheit der Menschen. Hier zeigt Haneke uns ein desillusioniertes Bild unserer Gesellschaft, und erzählt – in Fragmenten – das Schicksal verschiedener Menschen in Frankreich. Die thematischen Schwerpunkte sind dieselben: es geht um die schmerzhafte Leere zwischen den Menschen und um den drohenden Kommunikationsverlust.

Mit der Verfilmung des Elfriede-Jelinek-Romans „Die Klavierspielerin“ ist Haneke 2001 auf der Höhe seiner Kunst angelangt. Die story ist wieder ziemlich trostlos: Erika verzieht sich wegen ihrer gestörten Einstellung zu anderen Menschen in der Welt der Musik, wobei ihr die Musik noch nicht mal Freude bereitet. Nachdem sie gemerkt hat, dass sie für Walter, ihren Liebhaber, keine zärtlichen Gefühle entwickeln kann, scheitert sie kläglich.

Hanekes hoch gepriesene Kunst ist hier die mise-en-scene (die bildkompositorische Inszenierung) der Figuren und Dinge. Die Anordnung der Bilder ist auffallend, sowie die Kamerpositionen an sich: von oben, von unten wird gefilmt, im Halbprofil, und viele Naheinstellungen: ein „Gefängnis für den Blick des Betrachters“.[1]

Wolfszeit, Hanekes neuestes Werk, ist ein postapokalyptischer Film, indem Anna und ihre Kinder Benny und Eva sich nach dem Weltzusammenbruch wie die Wölfe durchschlagen. „Einer der dunkelsten Filme der Kinogeschichte“ sagt Haneke selbst: seine Figuren verschwinden im wahrsten Sinne des Wortes im Dunkeln, weil Haneke selbst bei Nachtaufnahmen auf künstliche Beleuchtung verzichtet hat. Nachdem aber Haneke in seinen früheren Filmen vordergründig die Kälte der zwischenmenschlichen Beziehungen und sinnlose Gewalt thematisiert hat (Kritiker bezeichneten ihn als antihumanistisch und obzessiv), handelt es sich hier um einen Film, in dem relativ wenig physische Gewalt vorkommt und es trotz aller Not viele kleine Momente der Humanität gibt. Vielleicht ein Wendepunkt in Hanekes Filmarbeit?

3. Die „Schloss“ - Verfilmung

3.1. Warum „Das Schloss“?

Mit „Das Schloss“ hat Haneke sich den dunkelsten von Franz Kafkas Romanen ausgesucht. Kafka gilt ohnehin schon als unverfilmbar, denn „seine Texte stellen eine Art von Fluchtbewegung vor Bildern dar“.[2] Es hat Haneke sicher gereizt, solch einen schwierigen, anerkannten Roman zu verfilmen. Es scheint, als ob Haneke sich vorgenommen hat, sich an möglichst Schwierigem zu versuchen und das Unverfilmbare zu verfilmen: Er hat außer Kafka auch schon Ingeborg Bachmann, Rosei und Joseph Roth adaptiert, und mit der „Klavierspielerin“ nun auch Elfriede Jelinek – und zwar ohne überheblich zu wirken, ohne die Autoren mit seinen Filmen überholen zu wollen.

Der Roman „Das Schloss“ an sich verwirrt den Leser extrem, weil er eigentlich in einer realen Welt spielt, wie wir sie auch kennen: Ein Mann kommt in ein Dorf, um eine Stelle als Landvermesser anzunehmen – eine völlig normale Situation. Aber es geschehen sehr viele irreale Dinge: K.s Gehilfen sind bloße Störenfriede, K. schafft es bei allem Bemühen nicht, in das Schloss zu gelangen, Raum und Zeit scheinen sich zu verzerren, usw. Aufgrund dessen fängt man als Leser an, zu zweifeln, ob es sich hier um Realität oder Fiktion handelt. Realität und Fiktion gehören, wie man an den Beispielen „Benny’s Video“ oder „Funny Games „ gut sehen kann, zu Hanekes Lieblingsthemen. Im Zusammenhang damit hat Haneke sicher auch die fragmentarische Struktur des Romans gefallen, denn die fragmentarische Filmsprache spricht er selber schon seit seiner Trilogie der „emotionalen Vergletscherung“.

Fremdheit als Thema ist ein weiterer Punkt, der Hanekes Filme mit Kafkas „Das Schloss“ verbindet. K., ein Gast im Schlossdorf, bleibt für immer ein unerwünschter Fremder. Die Unmenschlichkeit der Dorfbewohner, die K. nicht in ihre Gemeinschaft aufnehmen wollen, sondern ihm stattdessen Steine in den Weg zum Schloss legen, ist unfassbar. Betrachtet man Hanekes Werk, passt die Handlung in „Das Schloss“ gut in seine Reihe der „emotionalen Vergletscherung der Gesellschaft“.

[...]


[1] Knörer, Ekkehard: Die Klavierspielerin. www.jump-cut.de/filmkritik-dieklavierspielerin.html (18. 02. 2004)

[2] John, Rudi: Das Schloss. www.geocities.com/PARIS/7317/N970404.HTM (18. 02. 2004)

Ende der Leseprobe aus 21 Seiten

Details

Titel
Cinematographische Merkmale der „Schloss“-Verfilmung von Michael Haneke
Hochschule
Universität Paderborn  (Institut für Medienwissenschaft)
Veranstaltung
Die Verfilmung von Kafkas Romanen
Note
1,3
Autor
Jahr
2004
Seiten
21
Katalognummer
V138834
ISBN (eBook)
9783640483211
ISBN (Buch)
9783640483419
Dateigröße
546 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Cinematographische, Merkmale, Michael, Haneke
Arbeit zitieren
Annika Wildersch (Autor), 2004, Cinematographische Merkmale der „Schloss“-Verfilmung von Michael Haneke, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/138834

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