Gottfrieds von Straßburgs "Tristan". Die Darstellung der Frauenfigur Brangaene


Seminararbeit, 2008

22 Seiten, Note: 3,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

1 Das Erscheinungsbild der Frauenfigur Brangaene

2 Brangaenes Rolle am irischen Königshof

3 Die Zofe Brangaene als Vertraute und Ratgeberin von Tristan und Isolde
3.1 Der Beginn der Liebesbeziehung zwischen Tristan und Isolde
3.2 Die >getriuwe< Brangaene
3.3 Brangaene als >Lehrmeisterin< Isoldes

Resümee

Literaturverzeichnis

Einleitung

In den Werken der höfischen Epik liegt das Hauptaugenmerk der Autoren zumeist auf den männlichen Protagonisten. Ihnen stehen in der Regel weibliche Figuren zur Seite, die vor allem als Motivation einer Minnehandlung für den Verlauf der Handlung wichtig sind. Im Vergleich zu diesen Werken zeigt Gottfrieds von Straßburg Tristan vor allem starke und aktive Frauen, die einen großen Anteil am Fortgang des Romans haben. So zeichnet sich der männliche Protagonist Tristan zwar durch seine künstlerischen Fähigkeiten und durch seine Heldentaten aus, wie die ausführliche Darstellung der Kämpfe mit dem Drachen und den feindlichen Gegnern zeigen, handlungsbestimmend sind aber die beiden Frauenfiguren Bran-gaene und die blonde Isolde, die insbesondere aufgrund ihrer überlegenen Rhetorik auffallen.1 Der Figur der Zofe Brangaene kommt bei Gottfried eine besonders Bedeutung zu. Sie ist nicht nur eine Bedienstete der Protagonistin sondern eine enge Vertraute. Mehrfach wird sie von der irischen Königin, wie auch von ihrer Tochter Isolde, als >>niftel<<2 (Vers 9.421, 12.481 u.a.) bezeichnet und gehört somit zum engsten Kreis der Königsfamilie. Brangaene ist es auch, die durch ihr >Versagen< in der Minnetrank -Episode die Verantwortung für die Liebes-beziehung zwischen Isolde und Tristan trägt. Von da an dient sie dem Paar als Helferin und Ratgeberin, um ihnen somit das geheime Zusammensein zu ermöglichen und sie vor der Ent-deckung durch Marke zu bewahren.

Aufgabe dieser Hausarbeit wird es sein, die Darstellungsweise der Figur Brangaene, wie auch ihre Wesenszüge näher zu betrachten. Im zweiten und dritten Teil der Ausarbeitung sollen die Episoden untersucht werden, in welchen Brangaene maßgebend an der Handlung beteiligt ist.

1 Das Erscheinungsbild der Frauenfigur Brangaene

Über das Aussehen Brangaenes kann nicht viel gesagt werden. Einige Hinweise im Text lassen darauf schließen, dass sie von ähnlicher Schönheit wie die blonde Isolde und deren Mutter, der irischen Königin Isolde, ist. In der Episode Der Kampf mit dem Drachen, als sich die beiden Isolden und Brangaene aufmachen den wahren Drachetöter zu finden, werden die drei Frauen vom Erzähler als >>die schoenen alle drîe, / diu liehte cumpanîe<< (V. 9.413f.) bezeichnet. Auch als Tristan aus seiner Ohnmacht nach dem Kampf mit dem Drachen erwacht und die drei Frauen erblickt, wird in dessen Rede die Ähnlichkeit der Frauen betont (V. 9.447-9.460):

Nu er der saeligen schar bî ime und umbe in wart gewar, er gedâhte in sînem muote:

>>â hêrre got der guote, dû hâst mîn unvergezzen. mich hânt driu lieht besezzen, diu besten, diu diu werlt hât, manges herzen vröude unde rât und maneges ougen wunne:

Îsôt diu liehte sunne und ouch ir muoter Îsôt daz vrôlîche morgenrôt, diu stolze Brangaene daz schoene volmaene!<<

Tristan bezeichnet sie als die schönsten Frauen, die er je sah und vergleicht sie mit himm-lischen Wesen, die seit der Antike Schönheit symbolisieren: Prinzessin Isolde die >Sonne<, Königin Isolde die >Morgenröte< und schliel3lich Brangaene das >liebliche Mondlicht<3. Das Attribut des >Mondes< stand im Mittelalter nicht nur für eine aul3ergewöhnliche Schönheit sondern verbindet Brangaene auch mit besonderen Eigenschaften. So werden in einer Szene, in welcher sie Hand in Hand mit Tristan den Königssaal betritt ihre Eleganz, ihr Benehmen und ihre Würde hervorgehoben (V. 11.080-11.089):4

Hie mite kam ouch geslichen sâ diu stolze Brangaene, daz schoene volmaene,

[...] diu stolze und diu wol gesite
si gieng im sitelîche mite,
an lîbe und an gelâze
liutsaelic ûzer mâze,
ir muotes stolz unde vrî.

Der Beiname des Mondes steht auI3erdem im Kontrast zu Isolde, >>diu liehte sunne<< (V. 9.456), die sich maI3geblich von Gefühlen lenken lässt. Dagegen ist Brangaene diejenige, die in schwierigen Situationen einen klaren Kopf behält und nie unbedacht handelt.5

Auch die bildende Kunst stellt Brangaene im Kontrast zu Isolde dar. Ein Beispiel aus dem 19. Jahrhundert im Schloss Neuschwanstein6 zeigt sie im Vergleich zu der in warmen Farben ge-haltenen Isolde als kühle dunkelhaarige Schönheit (Abb.1).

Abb. 1: August SpieI3: Tristans Abschied von Isolde. 1869/1986. Schloss Neuschwanstein, 3. Oberge-schoss, Schlafzimmer.

2 Brangaenes Rolle am irischen Königshof

In der Episode Der Kampf mit dem Drachen erscheint Brangaene erstmals als eng vertraute Freundin der irischen Königin und ihrer Tochter, als sie den Auftrag erhält einen Knappen die Pferde satteln zu lassen (vgl. V. 9.317-9.326). Gemeinsam mit Brangaene, ihrer Tochter Prin-zessin Isolde und dem Kappen Paranis macht sich die Königin auf, den Betrug des Truchsess aufzudecken, welcher sich an Tristans Stelle als Drachentöter ausgibt. Als die vier den bewusstlosen Tristan am Ort des Kampfes entdecken, ist ihre >>höfschiu niftel<< (V. 9.421) Brangaene diejenige, welche die giftige Zunge des Drachens als solche identifiziert, wodurch Königin Isolde den Grund für Tristans Ohnmacht klären kann und ihn als wahren Drachen-töter erkennt (vgl. V. 9.419- 9.431).

Als im weiteren Verlauf der Handlung die beiden Isolden voller Entsetzen feststellen, dass sie den Mörder ihres Bruders bzw. Onkels das Leben retteten und die Königin nach Rache sinnt, betritt >>diu stolze, diu wîse<< (V. 10.359) Brangaene das Geschehen und bewahrt Tristan mit ihrem klugen Rat vor dem Tode. Sie erinnert die mehrfach um Rat bittende Königin daran, dass ein solches Handeln dem Tristan gegebenen Versprechen, ihm >>vride<< und >>huote<< (V. 10.397) zu gewähren, widerspreche und ein Racheakt ihrem vornehmen Ansehen schaden könne (vgl. V.10.337-10.409).7

Die Verse lassen erkennen, wie besorgt sie um das Ansehen von Mutter und Tochter ist. Brangaene rät den Frauen, vorerst jeglichen Groll gegenüber Tristan abzulegen. Sie erklärt, man solle die Vergehen der Vergangenheit, auch wenn sie schmerzen, vergessen. Voraus-schauend empfiehlt sie ein Gespräch mit Tristan und bald erkennt die Königin, dass sie und ihre Tochter von dieser Entscheidung profitieren werden (vgl. V. 10.420-10.518). Obwohl auch Brangaene eine Verwandte des Ermordeten ist, rät sie der irischen Königin und ihrer Tochter sich mit Tristan zu versöhnen und nicht an seinen Absichten zu zweifeln (V. 10.529­10.533):

>>[...] leget allen zwîvel hin und stât ûf beide und küsset in! al sî ich niht ein künigîn, ich wil ouch an der suone sîn. er [Morold] was mîn mâc, swie arm ich sî.<<

Auch bei dem kurz darauf folgenden Gerichtstag wird die Familienzugehörigkeit Brangaenes zum Königshaus deutlich hervorgehoben. An diesem Tag soll öffentlich bekannt gegeben werden, dass es sich bei Tristan um den wahren Drachentöter handelt. Hier betreten Isolde an der Hand der Mutter und Tristan Hand in Hand mit Brangaene den Saal mit der versammelten Hofgesellschaft und der König weist ihnen allen vieren Ehrenplätze zu seiner Rechten und Linken zu (vgl. V. 10.875-11.186).8

3 Die Zofe Brangaene als Vertraute und Ratgeberin von Tristan und Isolde

Brangaene wird eine Schlüsselrolle in der Handlung um Tristan und Isolde zugesprochen. In den folgenden Unterpunkten sollen die Szenen untersucht werden, an denen sie einen bedeu-tenden Anteil an der Entstehung bzw. am Fortgang der Beziehung zwischen den Liebenden hat.

[...]


1 Vgl. Braunagel, Robert (2001): Die Frau in der höfischen Epik des Hochmittelalters. Entwicklungen in der literarischen Darstellung und Ausarbeitung weiblicher Handlungsträger. Ingolstadt: Publ. Consults. S. 118f.

2 Das mhd. Wort >niftel< bezeichnet nach Matthias Lexer eine >Schwestertochter<, >Mutterschwester< oder allge-mein eine weibliche >Verwandte<. Vgl. Lexer, Matthias (1992): Mittelhochdeutsches Taschenwörterbuch. 38. Aufl. Stuttgart: Hirzel. Nellmann sieht Brangaene als Kusine der blonden Isolde. Vgl. Nellmann, Eberhard (2001): Brangaene bei Thomas, Eilhart und Gottfried. Konsequenzen aus dem Neufund des Tristan-Fragments von Carlisle. In: Zeitschrift für deutsche Philologie (ZfdPh), 120, Heft 1. Berlin: E. Schmidt. S. 32.

3 Vgl. nhd. Übersetzung: Gottfried von Stral3burg (2006): Tristan. Band 1: Text. Mittelhochdeutsch / Neuhoch-deutsch. Verse 1-9.982. 11. Auflage. Stuttgart: Reclam.

4 Vgl. Gottfried von Stral3burg (1981): Tristan. Band 3: Kommentar, Nachwort und Register. 2. Auflage. Stuttgart: Reclam. S. 106; Deist, Rosemarie (1995): Sun and Moon: Constellation of Character in Gottfried’s Tristan and Chrétien’s Yvain. In: Friedrich Wolfzettel (Hrsg., 1995): Arthurian Romance and Gender. Masculin / Féminin dans le roman arthurien médiéval / Geschlechterrollen im mittelalterlichen Artusroman. (=Internationale Forschungen zur allgemeinen und vergleichenden Literaturwissenschaft; Bd. 10). Amsterdam: Rodopi. S. 52ff.

5 Vgl. Jackson, William Thomas Hobdell (1953): The Role of Brangaene in Gottfried’s „Tristan“. In: Germanic Review: Literature, culture, theory 28 (1953). Washington, DC: Heldref Publ. S. 291.

6 Ludwig II. von Bayern lieI3 in seinem Schloss Neuschwanstein die Wände des Schlafzimmers mit der Legende von Tristan und Isolde ausschmücken. Auf einigen der Wandgemälde wird auch Brangaene den Protagonisten zur Seite gestellt.

7 Vgl. Rinn, Karin (1996): Liebhaberin, Königin, Zauberfrau: Studien zur Subjektstellung der Frau in der deutschen Literatur um 1200. (=Göppinger Arbeiten zur Germanistik; Bd. 628) Göppingen: Kümmerle. S. 192.

8 Vgl. Nellmann, Eberhard (2001), S. 32.

Ende der Leseprobe aus 22 Seiten

Details

Titel
Gottfrieds von Straßburgs "Tristan". Die Darstellung der Frauenfigur Brangaene
Hochschule
Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg  (Germanistik)
Veranstaltung
Gottfried von Straßburg: Tristan
Note
3,0
Autor
Jahr
2008
Seiten
22
Katalognummer
V138849
ISBN (eBook)
9783640484072
ISBN (Buch)
9783640484195
Dateigröße
447 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Die ersten beiden Punkte, wie auch der Schlussteil wurden mit 'sehr gut' bewertet. Kritikpunkt war, dass ich im Hauptteil (Punkt 3) zu viel der Handlung nacherzählt habe, deshalb war die Endnote eine 3,0. Die Arbeit beinhaltet Passagen des 'Tristan'-Textes, der reine Fließtext (ohne Passagen) umfasst 13 Seiten.
Schlagworte
Gottfried von Straßburg, Tristan, Isolde, Brangäne, Minne, Minnetrank, Liebestrank, Artusepik, Ritter, Treue, Triuwe, Drachen, Drachentöter, Marke, Cornwall, List, Liebespaar, Truchsess, Marjodo, Melot, Parmenien, Lehrmeisterin
Arbeit zitieren
Katja Landwehr (Autor), 2008, Gottfrieds von Straßburgs "Tristan". Die Darstellung der Frauenfigur Brangaene, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/138849

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