„Ich denke, wir alle werden (…) darin übereinstimmen, dass es gerade in Umbruchphasen auf Vertrauen als Sozialkapital ankommt. Und der Begriff Sozialkapital wird sowohl in der Politikwissenschaft als auch in der Wirtschaftswissenschaft benützt. Sehr zu Recht hat Bundespräsident Johannes Rau das Thema Vertrauen und Verantwortung in den Mittelpunkt seiner letzten Berliner Rede gestellt“ (Köhler 2004), erklärte Horst Köhler kurz nach seiner Wahl zum Bundespräsidenten im Jahr 2004. Der Ansatz des Sozialkapitals spielt also nicht nur in der Politikwissenschaft eine große Rolle, sondern auch in der Ökonomie und der Soziologie. Besonders nach den 1990er Jahren wurde über den Sozialkapitalansatz debattiert. Nicht nur Horst Köhler hat diesem Thema Präsenz in der täglichen Politik verschafft. Die Weltbank hat den Ansatz zur Bekämpfung weltweiter Armut aufgegriffen und die OECD untersucht den Einfluss von Sozialkapital zusammen mit Humankapital auf gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Wohlstand (vgl. Roth 2008: 111).
In der vorliegenden Arbeit liegt das Augenmerk allerdings ausschließlich auf der ökonomischen Sicht. Es soll herausgefunden werden inwieweit Sozialkapital Auswirkungen auf die wirtschaftliche Leistungsfähigkeit einer Gesellschaft haben kann.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Grundannahmen des Sozialkapitalansatzes
2.1 Was ist Sozialkapital?
2.2 Der „doppelte Doppelcharakter“ des Sozialkapitals
2.3 Strukturrelationen
3. Der Einfluss von Sozialkapital auf die wirtschaftliche Leistungsfähigkeit – Theoretische Vorüberlegungen
4. Operationalisierung
5. Empirische Ergebnisse
6. Schlussbetrachtung
Zielsetzung & Themen der Arbeit
Die vorliegende Arbeit untersucht aus einer ökonomischen Perspektive, inwieweit das Konzept des Sozialkapitals Auswirkungen auf die wirtschaftliche Leistungsfähigkeit einer Gesellschaft haben kann. Dabei werden theoretische Grundlagen analysiert, Methoden zur Messung des Sozialkapitals diskutiert und empirische Studien hinsichtlich ihres Beitrags zum Wirtschaftswachstum kritisch hinterfragt.
- Theoretische Konzeptionen von Sozialkapital nach Bourdieu, Coleman und Putnam
- Differenzierung in Systemkapital und Beziehungskapital
- Zusammenhang zwischen Sozialkapital und wirtschaftlichen Transaktionskosten
- Empirische Operationalisierung mittels World Value Survey Daten
- Kritische Würdigung des Einflusses von Vertrauen auf das Wirtschaftswachstum
Auszug aus dem Buch
2.1 Was ist Sozialkapital?
Wie bereits erwähnt fand der Begriff Sozialkapital in mehreren Sozialwissenschaften Anwendung. Daher fehlt bislang eine einheitliche Definition des Begriffes. Trotzdem gibt es Überschneidungen im inhaltlichen Verständnis von Sozialkapital der bekanntesten Sozialkapitalforscher in den unterschiedlichen Sozialwissenschaften (vgl. Oelgart 2006: 8).
Den Anfang machte hierbei unter anderen der Soziologe Pierre Bourdieu. Bourdieu sieht den Kern von Sozialkapital in Beziehungsnetzwerken. Demnach ist Sozialkapital eine Ressource, die nur auf der Zugehörigkeit zu einer Gruppe beruht. Diese Ressource kann nach Bourdieu vom Individuum eingesetzt werden, um bestimmte Ziele zu erreichen. Auf der einen Seite geht Bourdieu davon aus, dass Sozialkapital jedem einzelnen Individuum zuzurechnen ist, andererseits ist die Ressource nur innerhalb von Netzwerken realisierbar. Bourdieu macht die Beziehungsnetzwerke für die Reproduktion sozialer Ungleichheit verantwortlich (vgl. ebd.).
Der amerikanische Soziologe James S. Coleman geht vor allem von dem Einfluss von Beziehungen und Netzwerken für die Bildung von Vertrauen und Normen aus. Für ihn bildet Sozialkapital eine sozialstrukturelle Ressource, die den rational entscheidenden Akteuren die Erreichung ihrer Ziele erleichtert. Im Gegensatz zu Bourdieu sieht Coleman Sozialkapital nicht nur als individuelle Ressource, sondern auch als ein öffentliches Gut. Nach Coleman beinhaltet Sozialkapital Informationen, Normen und Sanktionen, hierarchische Beziehungen, Organisationen und reziproke Erwartungen und Verpflichtungen (vgl. Kriesi 2007: 24-26).
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Einleitung führt in die Relevanz des Sozialkapitalansatzes ein und grenzt das ökonomische Untersuchungsinteresse sowie den Aufbau der Arbeit ab.
2. Grundannahmen des Sozialkapitalansatzes: Dieses Kapitel erläutert die theoretischen Fundamente, definiert Sozialkapital und differenziert zwischen verschiedenen Ebenen wie dem System- und Beziehungskapital.
3. Der Einfluss von Sozialkapital auf die wirtschaftliche Leistungsfähigkeit – Theoretische Vorüberlegungen: Hier wird erörtert, warum Sozialkapital durch die Senkung von Transaktionskosten und die Förderung von Kooperation einen positiven Einfluss auf die wirtschaftliche Entwicklung haben kann.
4. Operationalisierung: Das Kapitel beschreibt, wie Sozialkapital, insbesondere durch Daten aus dem World Value Survey, messbar gemacht wird.
5. Empirische Ergebnisse: Es werden zentrale Studien vorgestellt, die den Zusammenhang zwischen Sozialkapital und Wirtschaftswachstum prüfen, wobei die Ergebnisse heterogen ausfallen.
6. Schlussbetrachtung: Das Fazit fasst die Ergebnisse zusammen und bewertet die Bedeutung des Sozialkapitalansatzes für die Wirtschaftswissenschaften kritisch.
Schlüsselwörter
Sozialkapital, Wirtschaftswachstum, Vertrauen, Netzwerke, Transaktionskosten, Systemkapital, Beziehungskapital, World Value Survey, Reziprozität, Normen, Sozioökonomie, Kollektivgut, Humankapital, Ökonomische Performanz, Wettbewerbsvorteile.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit befasst sich mit der ökonomischen Bedeutung von Sozialkapital und dessen Einfluss auf die wirtschaftliche Leistungsfähigkeit einer Gesellschaft.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Im Fokus stehen die theoretische Definition von Sozialkapital, seine verschiedenen Analyseebenen (Mikro/Makro) und die empirische Überprüfung seines Beitrags zum Wirtschaftswachstum.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Ziel ist es zu klären, inwieweit Sozialkapital theoretisch und empirisch belegbar einen positiven Einfluss auf die wirtschaftliche Entwicklung ausübt.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit stützt sich auf eine Literaturanalyse bestehender theoretischer Ansätze sowie eine Auswertung empirischer Studien und deren methodischer Operationalisierung.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in eine theoretische Fundierung, die Erläuterung der Messbarkeit von Sozialkapital und eine kritische Darstellung verschiedener empirischer Forschungsergebnisse.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit lässt sich primär über die Begriffe Sozialkapital, Wirtschaftswachstum, Vertrauen und Transaktionskosten definieren.
Welche Rolle spielt Vertrauen laut der Arbeit?
Vertrauen wird als wesentliche Komponente des Sozialkapitals identifiziert, die durch die Senkung von Transaktionskosten und den Ersatz formeller Sanktionen wirtschaftliches Handeln erleichtern kann.
Gibt es einen klaren Konsens in der Forschung?
Nein, die empirischen Ergebnisse sind uneinheitlich; während einige Studien positive Effekte belegen, finden andere nur geringe oder gar negative Zusammenhänge.
Warum wird der Begriff „doppelter Doppelcharakter“ verwendet?
Der Begriff bezieht sich auf die Unterscheidung zwischen individuellen Ressourcen (Beziehungskapital) und gesamtgesellschaftlichen Wirkungen (Systemkapital).
Was ist die „rent-seeking“ Kritik nach Olson?
Olson argumentiert, dass hoch entwickelte Netzwerkstrukturen das Wachstum hemmen können, wenn sie Sonderinteressen verfolgen, anstatt die allgemeine Kooperation zu fördern.
- Quote paper
- Pia Berents (Author), 2009, Der Einfluss von Sozialkapital auf die wirtschaftliche Leistungsfähigkeit, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/138873