Der Einfluss von Sozialkapital auf die wirtschaftliche Leistungsfähigkeit


Seminararbeit, 2009

15 Seiten, Note: 2,3


Leseprobe

1. Einleitung

„Ich denke, wir alle werden (…) darin übereinstimmen, dass es gerade in Umbruchphasen auf Vertrauen als Sozialkapital ankommt. Und der Begriff Sozialkapital wird sowohl in der Politikwissenschaft als auch in der Wirtschaftswissenschaft benützt. Sehr zu Recht hat Bundespräsident Johannes Rau das Thema Vertrauen und Verantwortung in den Mittelpunkt seiner letzten Berliner Rede gestellt“ (Köhler 2004), erklärte Horst Köhler kurz nach seiner Wahl zum Bundespräsidenten im Jahr 2004. Der Ansatz des Sozialkapitals spielt also nicht nur in der Politikwissenschaft eine große Rolle, sondern auch in der Ökonomie und der Soziologie. Besonders nach den 1990er Jahren wurde über den Sozialkapitalansatz debattiert. Nicht nur Horst Köhler hat diesem Thema Präsenz in der täglichen Politik verschafft. Die Weltbank hat den Ansatz zur Bekämpfung weltweiter Armut aufgegriffen und die OECD untersucht den Einfluss von Sozialkapital zusammen mit Humankapital auf gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Wohlstand (vgl. Roth 2008: 111).

In der vorliegenden Arbeit liegt das Augenmerk allerdings ausschließlich auf der ökonomischen Sicht. Es soll herausgefunden werden inwieweit Sozialkapital Auswirkungen auf die wirtschaftliche Leistungsfähigkeit einer Gesellschaft haben kann. Zunächst wird das theoretische Konzept zu Sozialkapital vorgestellt. Da sich Wissenschaftler aus der Soziologie, der Politikwissenschaft und der Wirtschaftswissenschaft mit dem Thema beschäftigt haben, herrschen in der Literatur verschiedene Definitionen und Ansichten zum Thema Sozialkapital vor. Deshalb sollen in Kapitel zwei verschiedene Definitionen sozialen Kapitals kurz vorgestellt und differenziert betrachtet werden. Es soll die Frage „Was ist Sozialkapital“ und „Was sind seine einzelnen Komponenten“ beantwortet werden. Im Abschnitt 2.2 wird auf die verschiedenen Ebenen Sozialkapitals eingegangen, bevor in 2.3 die empirischen Ergebnisse zu den Beziehungen der einzelnen Komponenten von Sozialkapital vorgestellt werden. Das Kapitel drei sammelt verschiedenen Thesen, die einen Zusammenhang zwischen Sozialkapital und wirtschaftlicher Entwicklung behaupten und beantwortet die Frage warum Sozialkapital einen Einfluss auf die wirtschaftliche Entwicklung- aus theoretischer Sicht - haben könnte.

Nach der theoretischen Grundlage folgt die Operationalisierung der unabhängigen Variable Sozialkapital und der abhängigen Variable Wirtschaftswachstum. Anschließend sollen verschiedene Ergebnisse von Studien zum Zusammenhang zwischen Sozialkapital und wirtschaftlicher Leistungsfähigkeit zusammenfassend wiedergegeben werden. Ein Fazit fasst die Ergebnisse der Arbeit zusammen und soll einen Ausblick auf den weiteren Forschungsverlauf geben.

2. Grundannahmen des Sozialkapitalansatzes

Als theoretischer Ausgangspunkt der Ausführungen über einen Zusammenhang zwischen Sozialkapital und wirtschaftlicher Performanz werden nachfolgend die Grundzüge der einflussreichsten Theorien sozialen Kapitals aufgezeigt. Es soll geklärt werden aus welchen Komponenten Sozialkapital besteht und in welchen Relationen die Komponenten zueinander stehen.

2.1 Was ist Sozialkapital?

Wie bereits erwähnt fand der Begriff Sozialkapital in mehreren Sozialwissenschaften Anwendung. Daher fehlt bislang eine einheitliche Definition des Begriffes. Trotzdem gibt es Überschneidungen im inhaltlichen Verständnis von Sozialkapital der bekanntesten Sozialkapitalforscher in den unterschiedlichen Sozialwissenschaften (vgl. Oelgart 2006: 8).

Den Anfang machte hierbei unter anderen der Soziologe Pierre Bourdieu. Bourdieu sieht den Kern von Sozialkapital in Beziehungsnetzwerken. Demnach ist Sozialkapital eine Ressource, die nur auf der Zugehörigkeit zu einer Gruppe beruht. Diese Ressource kann nach Bourdieu vom Individuum eingesetzt werden, um bestimmte Ziele zu erreichen. Auf der einen Seite geht Bourdieu davon aus, dass Sozialkapital jedem einzelnen Individuum zuzurechnen ist, andererseits ist die Ressource nur innerhalb von Netzwerken realisierbar. Bourdieu macht die Beziehungsnetzwerke für die Reproduktion sozialer Ungleichheit verantwortlich (vgl. ebd.).

Der amerikanische Soziologe James S. Coleman geht vor allem von dem Einfluss von Beziehungen und Netzwerken für die Bildung von Vertrauen und Normen aus. Für ihn bildet Sozialkapital eine sozialstrukturelle Ressource, die den rational entscheidenden Akteuren die Erreichung ihrer Ziele erleichtert. Im Gegensatz zu Bourdieu sieht Coleman Sozialkapital nicht nur als individuelle Ressource, sondern auch als ein öffentliches Gut. Nach Coleman beinhaltet Sozialkapital Informationen, Normen und Sanktionen, hierarchische Beziehungen, Organisationen und reziproke Erwartungen und Verpflichtungen (vgl. Kriesi 2007: 24-26).

Die reziproken Erwartungen und Verpflichtungen erklärt Coleman folgendermaßen:

„ If A does something for B and trusts B to reciprocate in the future, this establishes an expectation in A and an obligation on the part of B. This obligation can be conceived as a credit slip held by A for performance by B. If A holds a large number of these credit slips, for a number of persons with whom A has relations, then the analogy to financial capital is direct. These credit slips constitute a large body of credit that A can call in if necessary – unless, of course, the placement of trust has been unwise, and these are bad depts that will not be repaid” (Coleman 1988: 102).

Das Vertrauen spielt bei diesem Beispiel eine sehr große Rolle, denn A muss im Vertrauen auf Gegenseitigkeit etwas für B tun. Die allgemeine Vertrauenswürdigkeit hängt wiederum von dem Ausmaß der Institutionalisierung von Reziprozitätsnormen ab (vgl. Kriesi 2007: 26).

Der Politikwissenschaftler D. Robert Putnam griff die Ideen von Coleman auf. Auch er verstand unter Sozialkapital ein Zusammenspiel von Netzwerken, Vertrauen und sozialen Normen und Werten. Auch Putnam ging davon aus, dass dieses Zusammenspiel die Kooperation von Akteuren erleichtert und ihnen bei der Erreichung ihrer Ziele hilft:

„ By ‚social capital’, I mean features of social life – networks, norms, and trust - that enable participants to act together more effectively to pursue shared goals“ (Putnam 1995: 664, zitiert in Kunz 2002: 332).

In einer anderen Definition geht Putnam nicht mehr von einem wechselseitigen Zusammenspiel der drei Variablen aus, sondern davon, dass Vertrauen aus Reziprozitätsnormen und Netzwerken entsteht (vgl. Roth 2008: 117). Inwieweit diese Kausalrichtung stimmt bzw. ob diese Zusammenhänge auch empirisch beweisbar sind soll in einem späteren Kapitel untersucht werden.

Im Gegensatz zu Coleman und Bourdieu betrachtet Putnam in seinen Untersuchungen nicht den einzelnen Akteur, sondern Phänomene auf der Makroebene, die durch den Einfluss von Sozialkapital erklärt werden sollten (vgl. Zmerli 2008: 42). Daher ist seine Definition die beste Grundlage zur Untersuchung der Fragestellung in der vorliegenden Arbeit.

[...]

Ende der Leseprobe aus 15 Seiten

Details

Titel
Der Einfluss von Sozialkapital auf die wirtschaftliche Leistungsfähigkeit
Hochschule
Johannes Gutenberg-Universität Mainz  (Institut für Politikwissenschafr)
Veranstaltung
Grundseminar: Wirtschaft und Gesellschaft
Note
2,3
Autor
Jahr
2009
Seiten
15
Katalognummer
V138873
ISBN (eBook)
9783640516193
Dateigröße
492 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Sozialkapital, Wirtschaft
Arbeit zitieren
Pia Berents (Autor), 2009, Der Einfluss von Sozialkapital auf die wirtschaftliche Leistungsfähigkeit, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/138873

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