Kulturelle Dominanz und Ortsnamensgebung - Das Beispiel Mexiko


Seminararbeit, 2003
22 Seiten, Note: 1,0

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Ortsnamensgebung als zielgerichteter Prozess

3. Toponymische Schichten

4. Kulturelle Dominanz und Ortsnamensgebung in Mexiko
4.1. Die aztekische Schicht
4.2. Die koloniale Schicht
4.3. Die moderne Schicht

5. Fazit

6. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Las épocas viejas nunca despaparecen completamente y todas las heridas, aun las más antiguas, manan sangre todavía. A veces, como las pirámides precortesianas que ocultan casi siempre otras, en una sola ciudad o en una sola alma se mezclan y superponen nocionenes y sensibilidades enemigas o distantes.[1]

Was der mittlerweile verstorbene Octavio Paz, einer der bedeutendsten Denker Mexikos, in seinem schon 1950 erstmals erschienenen Essay „El laberinto de la soledad“ zur Geschichtlichkeit Mexikos schrieb, lässt sich uneingeschränkt auf einzelne Aspekte der mexikanischen Kultur übertragen.

Als bestes Beispiel dafür kann vermutlich die Toponymie Mexikos gelten, mit der sich diese Arbeit auseinandersetzen soll. „Los nombres de lugar proceden al mismo tiempo de la geografía y de la historia.“[2] Dabei liegt die Annahme zu Grunde, dass jeder große Abschnitt der mexikanischen Geschichte Spuren in der Toponymie hinterlassen hat und bestimmte Muster der Ortsnamensgebung aufweist, mit der die bestimmende Kultur die Benennungsprozesse von Ortsnamen beeinflusste; „(...) so the social scientist may use names as artifacts and by their analysis gain understandings and make inferences about cultural patterns.“[3]

Um die Einflüsse der jeweils dominanten Kultur auf die Ortsnamensgebung deutlich zu machen, wird im folgenden Teil dieser Arbeit zuerst kurz das Konzept der zielgerichteten Ortsnamensgebung erläutert werden, wobei dabei auch auf bestimmte typische Muster der zielgerichteten Ortsnamensgebung eingegangen werden soll, die hier relevant sein werden. Um im Folgenden die Klassifizierung und Darstellung zu erleichtern, wird im dritten Teil das Modell der toponymischen Schichten vorgestellt. Im vierten Teil der Arbeit, dem Hauptteil, werden die drei großen Abschnitte der mexikanischen Geschichte, beziehungsweise die damit verbundenen kulturellen Gegebenheiten nach ihren Auswirkungen auf den Prozess der Ortsnamensgebung befragt. Dabei wird aber nur zwischen der präspanischen, der kolonialen und der Epoche seit der Unabhängigkeit unterschieden werden, weshalb die Darstellung nur stichprobenartig erfolgen kann und nur die herausragendsten Phänomene beschrieben werden können. Eine zusätzliche Einschränkung erfährt die Arbeit durch die exemplarische Darstellung der präkolumbischen Epoche an Hand der aztekischen Hochkultur, die dem Postklassikum zugerechnet wird (900 n. Chr. – 1519), deren Beginn man etwa auf 1350 datieren kann. Einerseits sind aus der präklassischen (1500 v. Chr. – 200 n. Chr.) und klassischen Epoche (200 – 900 n. Chr.) kaum Toponyme überliefert, andererseits gibt es hierzu auch kaum verfügbare Literatur.[4].

2. Ortsnamensgebung als zielgerichteter Prozess

Ortsnamensgebung kann man von verschiedenen Blickpunkten aus betrachten. Ein Ansatz wäre von bestimmten Motivkreisen auszugehen, wie beispielsweise „Natürliche Bedingungen“ oder „Besiedlung und Nutzung von Natur“[5]. Ein anderer Ansatz, der in dieser Arbeit Anwendung finden soll, unterscheidet sich allerdings in seiner Ausgangsposition:

Man kann Ortsnamengebung auch im Sinne eines aktiven, zielgerichteten Prozesses interpretieren und seine Darstellung auf Namengruppen beschränken, deren Motivation durch geschichtliche Angaben ermittelt werden kann. In jedem Fall ist es wichtig die Prämissen der Namengeber zugrunde zu legen, wenn man das Motiv eines Namens entschlüsseln will.[6]

Wenn man einen derartigen Ansatz wählt, steht also die Absicht im Vordergrund, die hinter der toponymischen Benennung steht; die Absicht, die den Namensgebungsprozess einer Zielsetzung unterordnet. Oft gestaltet es sich schwierig die genaue Motivation der Namensgebung zu ergründen, selbst wenn die Etymologien der Namen, wie es beispielsweise bei den indigenen Toponymen Mexikos größtenteils der Fall ist, transparent sind. Klarheit kann häufig durch eine genauere Betrachtung der historischen Umstände gewonnen werden: „Besonders klar lässt sich die Namenmotivation aus Namen ablesen, deren Entstehen in neuerer Zeit auf politische und ideologische Interessen zurückgeht.“[7] Neben den politischen und ideologischen Interessen, lassen sich ebenso religiöse, institutionelle und soziale Faktoren zur Erklärung von Zielsetzungen von Benennungsprozessen heranziehen.

Herausragend und für unseren Fall bedeutend ist dabei die Verbindung der Benennung von Orten und der Besitznahme: „La identificación y la toma de posesión de una lugar exigen que se le dé un nombre“[8] und weiterhin „Lo que tiene un nombre no podrá ser reinvicado“[9], wobei dann der „Motivkreis“ , aus dem der gegebene Name stammt, nebensächlich ist. Die Besitznahme durch Benennung bedeutet, wie gezeigt werden soll, auch gleichzeitig eine Eingliederung des Benannten in den Herrschafts- und Kultturbereich des Bennenden.

Diese verschiedenen Motivationen können sich in einigen besonderen Mustern der Namensgebung äußern. Erstens sind hierbei Analogiebildungen von Ortsnamen zu nennen: Ortsnamen, die sich in mehreren bestimmenden Merkmalen ähneln oder gleich sind, verweisen darauf, dass bei der Ortsnamensgebung auf bestehende Muster von Namen zurückgegriffen wurde, die zu einem bestimmten Zeitpunkt in einer Sprache bereits bestanden. Selbstverständlich weisen Analogiebildungen nicht per se auf ideologische Motive hin, können aber ein Hinweis darauf sein, dass eine entsprechende Intention bei der Benennung zu Grunde lag, die immer wieder gleich angewandt wurde. Beispiele hierfür finden sich im dritten Teil der Arbeit.

Ein Muster, das dem der Analogiebildung stark ähnelt, ist das der Namensübertragung oder der „toponymischen Nachbenennung“[10]: „Ein Nachbenennungsname ist als ein Toponym zu definieren, das dadurch entstanden ist, dass man bewusst ein anderswo existierendes Toponym zur Benennung einer Örtlichkeit gewählt hat.“[11] Dabei sollen die Konnotationen und Assoziationen, die mit dem bereits bestehenden Toponym verknüpft sind, auf die neu zu benennende Lokalität überführt werden. Dasselbe gilt aber hierbei auch für die Benennung nach Personen(namen). „Alle Namensgebung, die sich auf bewusste Namensübertragung gründet, hat einen ideologischen Hintergrund“[12]. Dieses System der Namensübertragung findet sich häufig, wie später am Beispiel Mexikos zu sehen sein wird, in Kolonien beziehungsweise Neusiedlungsgebieten.[13]

Die verschiedenen Muster der Ortsnamensgebung gewinnen eine besondere Bedeutung, wenn es sich bei Ihnen nicht um Neubenennungen handelt, sondern um Umbenennungen:

Whenever a group of people decide or feel the need to name a place when they know they are in the presence of others who have already named it, then a situation exists which is critical for our understanding of the relationship existing between that group and the others. It is an opportunity for leraning about the perceived and desired patterns of dominance which exist between the groups.[14]

Dabei muss aber beachtet werden, dass auch die einfache Übersetzung eines Ortsnamens, also die Übertragung eines Namens in eine andere Sprache, ebenso einer Umbenennung gleichkommen kann. Dies ist immer dann der Fall, wenn die Übersetzung des Namens den bereits bestehenden und übersetzten Namen überdeckt, wofür es, wie zu zeigen sein wird, in Mexiko mannigfaltige Beispiele gibt.

3. Toponymische Schichten

„El bautizo del paisaje no suele realizarse de forma homogénea ni de una sola vez.“[15] Durch den Einfluss geschichtlicher Epochen auf die Ortsnamensgebung entstehen sogenannte „diachronic layers“[16] ; Ortsnamen überleben oft die Kulturen, die sie produzierten, und bilden so eine eigene Schicht von Toponymen im Ortsnamensbestand eines bestimmten Bereichs. Diese „diachronic layers“, verständlicherweise vor allem ein Phänomen der Toponymie, sind erkennbar an Hand bestimmter typischer Merkmale und zeichnen sich oft durch charakteristische Muster im Namensgebungsprozess aus. Jede dieser Schichten bildet in sich ein eigenes toponymisches System. Wie jedoch auch die Epochenbildung in der Geschichtswissenschaft ein problematisches Unterfangen ist, so ist es eben so schwierig eine genaue Abgrenzung zwischen verschiedenen Schichten der Toponymie zu ziehen. Die Abgrenzung fällt immer dann leicht, wenn sie einhergeht mit großen politischen Umwälzungen oder starken kulturellen Strömungen.

[...]


[1] Paz, Octavio: El laberinto de la soledad, México D.F., 2001, S. 12.

[2] Val Julián, Carmen: Albores de la toponimia indiana : Colón y Cortés, in: Karl Kohut u. Sonia V. Rose (Hg.): La formación de la cultura virreinal, I. La etapa inicial, Frankfurt/Madrid, 2000, S. 287 – 299, hier: S. 287.

[3] Herrick, Robert L.: Cultural Aspects of Place Names: New Mexico, in: Names, Journal of the American Name Society, Vol. 31, 1983, S. 271 – 288, hier S. 271 – 272.

[4] Vgl. Tichy, Franz: Ortsnamen Mexikos, in: Ernst Eichler, Gerold Hilty u.a. (Hrsg.): Namensforschung, Name Studies, Les noms propres, Bd. 2, Berlin/New York, 1995, S. 1387 – 1402, hier: S. 1398 u. Léon-Portilla, Miguel: La multilingüe toponimia de México: Sus estratos milenarios, in: Julio Fernandez Sevilla (Hg.): Philologica Hispaniensa, in Honorem Manuel Alvar, Bd. I, Dialectología, Madrid 1983, S. 347 – 361, hier S. 346. Tichy verneint die heutige Existenz von Ortsnamen aus der präaztekischen Epoche, Léon Portilla dagegen verweist auf Toponyme aus klassischer und sogar vorklassischer Zeit!

[5] Botolv, Helleland: Traditionen der Ortsnamengebung, in: Eichler, Bd. 2, S. 1386 – 1392, hier S. 1387.

[6] Ebd., S. 1389.

[7] Ebd., S. 1387.

[8] Metzeltin, Miguel: Toponomastik Hispanoamerikas, in: Günter Holtus u.a. (Hg.): Lexikon der Romanistischen Linguistik, Bd. 6, Tübingen, 1992, S. 474 – 494, hier: S. 483.

[9] Val Julián, Carmen: Albores de la toponimia indiana : Colón y Cortés, in: Kohut, Karl u. Sonia V. Rose (Hg.): La formación de la cultura virreinal, I. La etapa inicial, Frankfurt/Madrid, 2000, S. 287 – 299, hier: S. 289.

[10] Rentenaar, Robert: Namen im Sprachaustausch: Toponymische Nachbenennung, in: Eichler, Bd.2, S. 1013 – 1018, hier: S. 1013.

[11] Ebd.

[12] Botolv, S. 1391.

[13] Vgl. ebd. S. 1388 – 1391 u. Rentenaar, S. 1013 – 1014.

[14] Herrick, S. 276.

[15] Val Julián, S. 287.

[16] Langendonck, Willy von: Name Systems and Name Strata, in: Eichler, Bd. 1, S. 485 – 489, hier: S. 487.

Ende der Leseprobe aus 22 Seiten

Details

Titel
Kulturelle Dominanz und Ortsnamensgebung - Das Beispiel Mexiko
Hochschule
Albert-Ludwigs-Universität Freiburg  (Romanisches Seminar)
Veranstaltung
Proseminar II Linguistik
Note
1,0
Autor
Jahr
2003
Seiten
22
Katalognummer
V13895
ISBN (eBook)
9783638194198
Dateigröße
589 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Kulturelle, Dominanz, Ortsnamensgebung, Beispiel, Mexiko, Proseminar, Linguistik
Arbeit zitieren
Daniel Brombacher (Autor), 2003, Kulturelle Dominanz und Ortsnamensgebung - Das Beispiel Mexiko, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/13895

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