Van Gogh als Fälschungsopfer - von der Berliner-Wacker-Affäre zum Yasuda-Sonnenblumenbild


Hausarbeit (Hauptseminar), 2000

19 Seiten, Note: 1


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Vincent van Gogh – seine Biographie
2.1 Künstlercharakteristik

3 Beliebige Fälschungsmotive
3.1 Vergleich I
3.2 Verglich II
3.3 Verglich III

4 Der Berliner-Wacker-Skandal
4.1 Anmerkung

5 Die YASUDA-Sonnenblumen
5.1 Historie
5.2 Bilduntersuchung
5.2.1 Die Maßeinheit
5.2.2 Die Beschaffenheit der Leinwand
5.2.3 Die Etikettierung
5.2.4 Der Stil
5.2.5 Die fehlende Signatur
5.2.6 Die Briefe
5.2.7 Die Herkunft
5.3 Wer ist Schuffenecker?
5.3.1 Anmerkung
5.4 Von der Kunstgeschichte zur Hagiographie
5.5 Die Fakten
5.5.1 Anmerkung

6 Tätertypologische Rückschlüsse

7 Literaturverzeichnis

Van Gogh als Fälschungsopfer

Von der Berliner Wacker Affäre bis zum YASUDA-Sonnenblumenbild

1 Einleitung

Das Vincent van Gogh als Fälschungsopfer geradezu prädestiniert ist, ist jedem Kunstkenner bekannt. Zu Fälschungsversuchen verleiten nicht lediglich seine ad hoc angestiegene Popularität nach seinem Tod und die damit unmittelbare Auswirkung auf die Marktpreise, sondern vor allem das leichtere Nachahmen der spontanen Malweise - ganz im Gegensatz zu einer altmeisterlichen Technik - sowie auch die Verwirrung stiftenden eigenhändigen Repliken.

Anlehnend an historische Fälschungsskandale wie den der Berliner Wacker-Affäre um 1930, möchte ich in einer detaillierten Untersuchung die Debatte des bis heute, auch nach der Gegenüberstellung im Amsterdamer Van Gogh Museum mit seinen zwei entsprechenden Repliken[1], in Frage gestelltes ´Yasuda-Sonnenblumenbild` durchleuchten. 1987 wurden die ´Sonnenblumen` von einer japanischen Versicherungsgesellschaft für die Höchstsumme von 72 Millionen DM über das Londoner Auktionshaus Christie´s als eigenhändige van Gogh-Replik aufgekauft, sieben Jahre später als uneigenhändige Kopie dementiert und sorgen ganz aktuell noch als unaufgeklärter Fall für Aufsehen.

Weiterhin soll geklärt werden, um welche Fälschungarten es sich in den unterschiedlichen Fällen handelt bzw. handeln könnte und was es mit dem „van Gogheln“ auf sich hat.

2 Biographie Vincent van Gogh

Vincent van Gogh, geboren 1853 in Zundern/Nord-Brabant, gilt heute als einer der berühmtesten niederländischen Künstler aller Zeiten. Dabei war er nur zehn Jahre bis zu seinem Tod 1890 als Maler aktiv.

Seine Kindheit verbringt er in einem Internat. Man sieht für ihn eine Lehre zum Kunsthändler vor, so daß er mit 17 Jahren in die damals weltberühmte Kunstgalerie Goupil nach Den Haag geschickt wird. Vier Jahre später wird er nach London versetzt. Hier begegnet er seiner ersten großen und zugleich verbitternden Liebe, Ursula Loyer, die Tochter seiner Zimmerwirtin. Nach der Bekanntgabe ihrer schon einjährigen Verlobung mit seinem Zimmervorgänger, reist er in sich gekehrt nach Den Haag zurück, hält es hier jedoch nicht lange aus und verläßt die Stadt abermals, um sich nach einem kurzzeitigen Aufenthalt in London in Paris niederzulassen. In der dortigen Goupin-Filiale wird er ein Jahr nach seiner Wiederaufnahme im April 1876 aufgrund verärgerter Kunden gekündigt, da er deren Geschmäcker missbilligt. Nach einigen Tätigkeiten als Französischlehrer in England und als Buchhändler in Dortrecht, läßt sein Vater ihn auf Drängen 1877 nach Amsterdam zu seinem Onkel reisen. Nach einer Vorbereitung auf das angestrebte Theologiestudium, geht van Gogh als armer Laienprediger in Borinage seine Wege. Im August 1879 kehrt er nach Hause zurück und widmet sich 1880 endgültig der Malerei.

Das Fach brachte er sich autodidaktisch mit Lehrbüchern, Reihen von Unterrichtsstunden an den Akademien Brüssel und Antwerpen, Museumsbesuchen und unter Einflußnahme anderer künstlerischer Ratschläge bei.

Nach Aufenthalten in Den Haag und in seinem Elternhaus in Nuenen, zieht er 1886 nach Paris zu seinem Bruder. Jedoch ödet ihn das Pariser Leben an, so daß er mit Hilfe einer finanziellen Unterstützung seines Bruders in ein Haus des sonnigen Südens nach Arles zieht.

Ein halbes Jahr drauf trifft sein Künsterkollege Gaugin im „Gelben Haus“ ein. Es kommt aufgrund zu unterschiedlich ausgeprägter Charaktere zu Spannungen, so daß Gaugin nach zweimaligen Angriffen seines Hausgefährten, einmal mit einem Wurf einer Flasche Absinth an seinen Kopf, ein andermal durch eine Bedrohung mit einem Rasiermesser, Arles schleunigst verläßt und bei einem gewissen Herrn Schufenecker in Paris unterkommt.

Vincent van Gogh kehrt nach dem zweiten Angriff in sein Haus zurück. In einem Brief schreibt Gaugin:

„Die Macht meines Blickes muß in diesem Augenblick sehr stark gewesen sein, denn er hielt inne, und gesenkten Hauptes lief er Richtung nach Hause fort.“

Doch diese Resignation wird zu einer Selbstbestrafung. Er schneidet sich das Ohrläppchen seines linken Ohrs ab und reicht es als Schenkung verpackt einer von ihm verehrten Prostituierten.

Seine nun sich häufenden Anfälle, welche von einer enorm triebhaften Erregung, motorischer Unruhe, Halluzinationen, wahnhaften Erlebnissen, religiös-ekstatischen Offenbarungen, ja gar zeitlich gänzlicher Bewußtseinsverlusten charakteristisch geprägt sind und welche Kleist als ´Episodische Dämmerzustände` analysiert, Lenox später den Begriff der ´psychomotorischen Epilepsie` einführt und Hoff von einer ´Oneirophrenie` spricht, einer traumähnlichen Erlebnisweise, erfordern zahlreiche Spitaleinweisungen. Sich seiner Krankheit und seines labilen Seelenzustands bewußt, entschließt er sich 1889 in die Irrenanstalt von St. Rémy zu ziehen.

Genau ein Jahr verbleibt er hier und wird auf Wunsch nach Auvers-sur-Oise bei Paris entlassen. Dr. Gachet, ein alter Arzt und Kunstsachverständiger widmet sich seiner.

Scheinbar verzweifelt darüber, daß sein Bruder Theo immer noch für seinen Lebensunterhalt zu sorgen hat und daß seine Bilder keinen Absatz finden, schießt er sich am 27. Juli 1990 eine Kugel in den Unterleib. Im Angesicht seines Bruders Theo und mit einer Pfeife in der Hand stirbt Vincent van Gogh am Morgen des 29. Juli 1890.

Nachfolgende Zeitgenossen lasten Gaugin den Wahnsinn, der Vincent in den Selbstmord trieb an, und Gaugin dementiert:

„Als ich nach Arles kam, suchte sich Vincent noch, während ich, um vieles älter, ein fertiger Mann war.“

2.1 Künstlercharakteristik

Das künstlerische Hauptanliegen van Goghs ist von Beginn an die bildhafte Vergegenwärtigung von Charakterlichem, das Aufzeigen von wesensbestimmten, einfachen Dingen. Es geht ihm um Wahrheit und Leben. Dies strebt er in seiner Kunst durch den ihn charakterisierenden Pinselstrich, seinen expressiven Duktus und seiner persönlich symbolisierten Wertung des Farbauftrages an auszudrücken. Schon zu van Goghs Lebzeiten äußert sich Albert Aurier:

„Sein Pinselstrich im eigentlichen Sinn, sein unmittelbares Verfahren, die Farbe auf die Leinwand zu bringen, ist wie alles, was er selbst ist, leidenschaftlich-wild, wuchtig und sehr kraftvoll. Sein Pinsel arbeitet mit ungeheuer dickem Farbauftrag sehr reiner Töne, mit geschwungenen Strichen, die von geraden , starken Strichen gebrochen werden, mit einer manchmal ungeschickten Anhäufung schimmernder Kleckserei, und dies alles verleiht manchen seiner Bilder das solide Aussehen leuchtenden Gemäuers, das aus Kristallen und Sonne geschaffen ist“. (250)

In van Goghs eigenem seiner zahlreichen Briefe heißt es:

„(..) was ich (..) herauszukriegen suche, ist nicht, eine Hand zeichnen zu können, sondern die Geste, nicht mathematisch genau einen Kopf, sondern die große Ausdrucksbewegung. (..) – kurz, das Leben.“ (161)

Van Gogh wird seit dem Ende des 19. Jahrhunderts als derjenige wahrgenommen, der eines der großen Themen des 20. Jahrhunderts begründet hat, nämlich das Kunst ´Ausdruck` ist.

Willibald Sauerländer, Münchner Professor für Kunstgeschichte betitelt van Gogh in der Zeitschrift Focus als den „Urtyp des Künstlers“. Vincent van Gogh sei der Begründer des deutschen Expressionismus. In seinen Briefen nennt sich van Gogh selbst einen „Impressionisten vom kleinen Boulevard“, unter ihnen sind Gaugin, Signac, Lautrac und Bernard zu nennen. (142) Über seinesgleichen stellt er Künstler des großen Boulevards wie Monet, Renoir, Pissaro, Degas. Die Insassen des kleinen Boulevards gelten heute als die Überwinder des Impressionismus.

Konturen dienen Van Gogh dazu, Flächen zu verdeutlichen und zu betonen, gleichzeitig ein stabilisierendes Gerüst zu schaffen, das den Bildzusammenhalt verbürgt. Durch die Eingenommenheit für das Zeichnerische, die sein Leben lang anhält, unterscheidet er sich also grundsätzlich von den klassischen Impressionisten, für deren Art des Sehens „das Lineare und Konturierte keine Rolle spielte“. (408)

Matthias Arnold geht sogar so weit, daß er Van Gogh aufgrund seiner raschen Malprozedur als frühen Vorläufer der sich im 20. Jahrhundert entwickelten Bestrebung von Automatismus und action-painting bezeichnet.

Auch Roland Dorn, ein renommierter Kunstkritiker, spricht bei der Namensnennung van Goghs von einem „..Kündiger, (dessen) Handwerk zur Predigt (gehöre), seine Malerei zur Verdinglichung von Schicksal.“

Würde man allerdings van Goghs Werke isoliert von seiner Person betrachten, hätten sie nicht annähernd diesen hohen künstlerischen Bedeutungsgrad, welchen sie erlangen, wenn wir van Goghs Existenz als Ganzes nehmen, die wiederum ohne die klare Aussprache seiner Kunstwerke niemals so deutlich wäre. Seine Briefe hinzugenommen verewigen somit eine gesamte Weltanschauung, ein Dasein von hohem Ethos, einen Ausdruck einer unbedingten Wahrhaftigkeit, eines tiefen irrationalen Glaubens, einer unendlichen Liebe. (Hannelore Wüst, S.75)

Van Goghs Innenleben entwickelt sich zum entscheidenden künstlerischen Impuls. Es drängt ihn dazu, seine Empfindungen angesichts der Natur zu reproduzieren, er interpretiert Psychisches mit formalen Mitteln in die Dinge hinein, der Gegenstand an sich wird durch ihn in einem neuen schöpferischen Akt gleichsam belebt, mit einer Seele versehen. Sein Ich projiziert er in Erscheinungen der Außenwelt hinein und weist diesen die Bedeutung von Stimmungsträgern zu. Realismus und Naturalismus sollen mit Phantasie und Romantik durchtränkt sein.

Van Gogh selbst erklärt seine Verbundenheit zur Natur in einem Brief an Theo:

„Ein unbedingtes Kopieren der Natur ist auch nicht das Wahre, aber die Natur so zu kennen, daß alles, was man macht, frisch und wahr ist – das ist es, was vielen jetzt fehlt. Du wirst sagen: Aber jeder hat doch von klein auf Landschaften und Figuren gesehen. Frage: Ist auch jeder als Kind nachdenklich gewesen? Frage: Hat auch jeder, der sie gesehen hat, Heide, Felder, Äcker, Wald geliebt, und den Schnee und den Regen und den Sturm? Das hat nicht jeder so wie Du und ich, es ist eine besondere Art von Umwelt und Umständen, die dazu mitwirken müssen, es ist auch eine bestimmte Art von Temperament und Charakter, die dazu kommen müssen, damit es Wurzeln faßt.“ (157)

Eine pathographische Untersuchung läßt den Rückschluß einer allgemeinen Erotisierung, ein Abfließen seiner Libido auf die ganze Natur zu . So sieht Westermann-Holstijn in van Goghs künstlerischer Tätigkeit den Ersatz für seine fehlende sexuelle Auslebung. Die nie aufrichtig entgegengebrachte Liebe seiner Eltern, vor allem seines Vaters, versetzt ihm noch einen Vaterkomplex, wessen Imago er auf die Sonne, letztlich auf die Farbe Gelb überträgt, de er in seinen Sonnenblumen auszuleben weiß.

3 Beliebte Fälschungsmotive

Selbstbildnisse, dokumentierte Werke und stilistisch van Gogh-untypische Bilder gelten als beliebte Fälschungsmotive. Zahlreiche Fehlzuschreibungen und unüberschaubarer Bilderaustausch erleichtern nicht gerade den Authentizitätsnachweis.

Auch wenn Van Gogh zu Lebzeiten nicht diesen Legendenstatus hatte, der ihn heute zeichnet, waren sich Insider seiner Genialität bewußt, denn der Beginn der Fälschertätigkeit muß viel früher datiert werden, als bisher in der breiten Öffentlichkeit angenommen. Man muß sogar so weit gehen, die ersten Fälschunszeugnisse seit den 90er Jahre des 19.Jahrhunderts geltend zu machen. Und deswegen können nur deren Urheber einem engen Kreis des Umfeldes van Goghs entstammen, da nur diese sich des steigernden Marktwertes des Holländers nach dessen Tod bewußt sein konnten, einen van-Gogh-Boom erwarteten. Diese Kunsthändler, Sammler, Maler und Kritiker müssen sich einander bestens gekannt haben, da einige geschäftliche Transaktionen der Gemälde aus dem van-Gogh-Oevre hervorgehen.

Wie stark gerade im Fall van Gogh das Selbstbildnis als beliebtes Fälschermotiv betroffen ist, möchte ich in der folgenden Gegenüberstellungen verschiedener Bildreihen kurz erläutern.

3.1 Vergleich I

F 527, 1889: Selbstportrait mit verbundenem Ohr, London

F 529, Arles: Selbstportrait mit verbundenem Ohr und Pfeife, Privatsammlung

F 529 ist nachweislich ein Original. Von F 527 hat man lediglich die Datierung. Es ist in keiner Weise dokumentarisch festgehalten. Untersucht man das Bild genauer, stößt man auf misstrauische Auffälligkeiten:.

a) Vincent van Gogh malt nie mit einem solchen minutiösen Hintergrund, der einen japanischen Holzschnitt, eine Staffelei und ein Fenster zeigt. Van Gogh hat nach Überlieferungen überhaupt keinen Platz für diese elementare Aneinanderreihung in diesem Zimmer. Ein Wiederspruch zu seinen authentischen Bildern, da er stets naturgetreu arbeitet.

[...]


[1] Van Gogh & Gaugin-Ausstellung: the „Studio of the South“, 2000/01

Ende der Leseprobe aus 19 Seiten

Details

Titel
Van Gogh als Fälschungsopfer - von der Berliner-Wacker-Affäre zum Yasuda-Sonnenblumenbild
Hochschule
Johann Wolfgang Goethe-Universität Frankfurt am Main  (Institut der Kunstgeschichte)
Veranstaltung
F for FAKE
Note
1
Autor
Jahr
2000
Seiten
19
Katalognummer
V13899
ISBN (eBook)
9783638194235
Dateigröße
628 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Arbeit aktualisiert auf den Stand der neuesten Pressemitteilungen 2003. Dichter Text - einzeiliger Zeilenabstand.
Schlagworte
Gogh, Fälschungsopfer, Berliner-Wacker-Affäre, Yasuda-Sonnenblumenbild, FAKE
Arbeit zitieren
Danijela Haric (Autor), 2000, Van Gogh als Fälschungsopfer - von der Berliner-Wacker-Affäre zum Yasuda-Sonnenblumenbild, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/13899

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