„In freudiger Begeisterung über die Schönheit des Feuerscheins (...) trug er [=Nero] in seinem üblichen Theaterkostüm eine Gesangsszene über die Eroberung Trojas vor.“ So beschreibt der Biograph Sueton eine Situation, die sich während des verheerenden Brand Roms im Jahr 64 n.Chr. zugetragen haben soll.
Das Bild des singenden Kaisers Nero über den Dächern des brennenden Roms ist auch in der Moderne noch weit verbreitet. Der Grund dafür dürfte insbesondere in der Verfilmung des Romans „Quo Vadis“ von Henryk Sienkiewiczs liegen,der seit seiner Erstausstrahlung im Jahr 1954 als Klassiker gilt und sich der oben genannten Sichtweise bedient. Dabei basiert die Vorstellung,Nero habe die Stadt nicht nur tatenlos zusehend niederbrennen lassen,sondern auch selbst den Befehl für den Brand gegeben,auf reinen Vermutungen.
Doch nicht nur der Zusammenhang Neros mit dem Brand Roms, sondern auch andere Überlieferungen aus seinem Leben,bildeten in der Moderne immer wieder die Grundlage dafür, sich mit seiner Person zu beschäftigen.
Für Geschichtswissenschaftler stellt sich in diesem Zusammenhang die Frage, inwieweit diese Auseinandersetzungen mit Nero, den historischen Tatsachen gerecht werden und in welcher Art sie das Bild Neros in der Moderne beeinflussen. Findet bei diesen Darstellungen des römischen Kaisers unter zur Hilfenahme der vorhandenen überlieferten Quellen eine ausreichende Reflexion statt? Oder wird den Rezipienten ein womöglich vollkommen falsches Bild vermittelt?
Die Zielsetzung der vorliegenden Arbeit liegt darin, diese Fragen im Hinblick auf ein einzelnes Werk zu beantworten. Als Grundlage dafür dient der Roman „Der falsche Nero“ von Lion Feuchtwanger. In diesem fiktiven Werk wird das Leben des Princeps nicht publikumswirksam nacherzählt, sondern es werden dessen charakterlichen Züge detailliert beschrieben, wodurch eine recht deutliche Einordnung des damaligen Nero-Bildes möglich wird.
Der Aufbau der Arbeit ist thematisch angelegt. Zu Beginn steht eine kurze Vorstellung der entscheidenden Personen Nero und Lion Feuchtwanger.
Das darauf folgende Kapitel beschäftigt sich mit dem Roman „Der falsche Nero“ selbst. In den Unterpunkten des Kapitels wird eine kurze Inhaltsangabe gegeben und die Intention des Romans behandelt.
Schließlich wird im letzten Kapitel betrachtet, welches Bild der Roman von Nero entwirft, wobei hier insbesondere die äußerliche und charakterliche Beschreibung Neros und die Darstellung seines Ansehens im Osten berücksichtigt wurden.
Inhaltsverzeichnis
I. Einleitung
II. Die Personen
II.1 Kaiser Nero - Eine kurze Darstellung seines Lebens
II.2 Lion Feuchtwanger - Seine Vita
III. Das Werk „Der falsche Nero“
III.1 Eine kurze Inhaltsangabe
III.2 Die Intention Feuchtwangers in „Der falsche Nero“
IV. Die Rezeption des Nero in „Der falsche Nero“
IV.1 Äußerlichkeiten und Charaktereigenschaften des Kaisers
IV.2 Das Ansehen Neros im Osten
V. Schlussbemerkung
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht die Rezeption des römischen Kaisers Nero im 20. Jahrhundert anhand des Romans „Der falsche Nero“ von Lion Feuchtwanger. Dabei wird analysiert, inwieweit Feuchtwanger historische Überlieferungen nutzt, um sein Werk als satirische Parabel auf das nationalsozialistische Regime in Deutschland zu verwenden und die Protagonisten des NS-Staates zu diskreditieren.
- Historische Charakterisierung Neros basierend auf antiken Quellen (insb. Sueton).
- Die literarische Verarbeitung der NS-Zeit im historischen Gewand des 1. Jahrhunderts.
- Analyse der Hauptfiguren als Allegorien für Akteure des Nationalsozialismus.
- Untersuchung der Wahrnehmung Neros im Osten und deren Parallelen zu historischen Überlieferungen.
Auszug aus dem Buch
IV.1 Äußerlichkeiten und Charaktereigenschaften des Kaisers
Da ein Doppelgänger nur dann wirklich einer ist, wenn er einer Person sowohl äußerlich als auch im Hinblick auf Auftreten und Charaktereigenschaften sehr ähnelt, stellt die Beschreibung eines „Doppelgänger-Neros“ auch gleichzeitig eine Abbildung des Originals dar. Folglich können aus denen im Roman formulierten Hinweisen auf das Aussehen und Verhalten des Töpfers Terenz, Schlussfolgerungen auf das Nero-Bild Feuchtwangers gezogen werden.
Die ersten Verweise dieser Art beschreiben die äußerlichen Gemeinsamkeiten des Töpfers mit dem Kaiser. Nachdem Terenz sich seinen Bart abrasiert hatte, „(...) nahm Varro verblüfft wahr, daß der vergrämte Töpfer auf einmal dem verfetteten, mißmutigen Kaiser zum Verwechseln ähnlich sah.“ Das Gesicht des Terenz war „ (...) schwammig, blasiert und fast immer verdrießlich“ und ihm gleich „ (...) zog Nero die Brauen über den kurzsichtigen Augen zusammen, genau so schob er die starke Unterlippe vor.“ Die erste „Begegnung“ mit Nero bedeutet für den Leser folglich keinen schönen Anblick. Feuchtwanger benutzt in seiner Visualisierung des Kaisers größtenteils negativ behaftete Adjektive und baut so von Beginn an eine ästhetische Barriere zwischen ihm und dem Leser auf. Gleichermaßen zeichnen die Beschreibungen auch im weiteren Verlauf des Romans von Nero ein unansehnliches Erscheinungsbild, das in der historischen Überlieferung allerdings seine Rechtfertigung findet.
Zusammenfassung der Kapitel
I. Einleitung: Die Arbeit führt in die Rezeption Neros ein und definiert das Ziel, das Bild des Kaisers im Roman „Der falsche Nero“ von Lion Feuchtwanger wissenschaftlich zu untersuchen.
II. Die Personen: Dieses Kapitel liefert biographische Hintergründe sowohl zum historischen Kaiser Nero als auch zum Autor Lion Feuchtwanger.
III. Das Werk „Der falsche Nero“: Es erfolgt eine inhaltliche Zusammenfassung des Romans sowie eine Erläuterung der Intention Feuchtwangers, das Werk als Satire auf den Nationalsozialismus zu nutzen.
IV. Die Rezeption des Nero in „Der falsche Nero“: Der Hauptteil analysiert, wie äußere Merkmale und Charaktereigenschaften sowie das Ansehen Neros im Osten im Roman dargestellt und durch den historischen Kontext kontextualisiert werden.
V. Schlussbemerkung: Das Fazit fasst zusammen, dass Nero im Roman als skrupelloser Tyrann dargestellt wird, um eine Verbindung zwischen dem antiken Despoten und Adolf Hitler zu ziehen.
Schlüsselwörter
Nero, Lion Feuchtwanger, Der falsche Nero, historische Rezeption, Nationalsozialismus, Sueton, historischer Roman, Satire, Terenz-Nero, Tyrannei, Doppelgänger, NS-Regime, Exilliteratur, Kaiserzeit, Geschichtsbild.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundlegend?
Die Arbeit befasst sich mit der literarischen Darstellung des römischen Kaisers Nero im Roman „Der falsche Nero“ von Lion Feuchtwanger und untersucht, wie der Autor antike Vorlagen nutzt, um Zeitgeschichte zu spiegeln.
Welche zentralen Themenfelder werden bearbeitet?
Zentral sind die historische Person Nero, die Vita des Autors Lion Feuchtwanger, die Funktion des Romans als Satire auf den Nationalsozialismus und die Rezeption antiker Persönlichkeiten in der Exilliteratur.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist es, herauszuarbeiten, welches Bild von Nero durch Feuchtwangers fiktiven Roman vermittelt wird und wie dieses Bild mit den historischen Fakten sowie der politischen Intention des Autors korrespondiert.
Welche wissenschaftliche Methode wird primär angewendet?
Es handelt sich um eine literatur- und geschichtswissenschaftliche Analyse, bei der antike Quellen (insbesondere Sueton) mit dem fiktiven Romanwerk und wissenschaftlicher Sekundärliteratur verglichen werden.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in eine Darstellung der Personen Nero und Feuchtwanger, eine Inhaltsangabe und Intention des Romans sowie eine detaillierte Untersuchung der Darstellung von Neros Äußerlichkeiten, Charakter und seinem Ansehen im Osten.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit wird besonders durch Begriffe wie Nero, Lion Feuchtwanger, Satire, historischer Roman, Nationalsozialismus, Tyrannei und Exilliteratur geprägt.
Inwiefern dient Nero im Roman als Allegorie für Adolf Hitler?
Feuchtwanger nutzt den „falschen Nero“ als Spiegelbild, wobei die Hauptfiguren des Romans als Synonyme für die führenden Akteure des NS-Regimes fungieren, um diese der Lächerlichkeit preiszugeben.
Warum spielt der Roman in den östlichen Provinzen des römischen Reiches?
Der Schauplatz im Osten dient dazu, das politische Umfeld des antiken Reiches als Folie für die gesellschaftlichen und politischen Strömungen des 20. Jahrhunderts zu verwenden, ohne den Roman auf das Kernland zu beschränken.
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- Michael Greuel (Author), 2009, Die Rezeption Neros in der Moderne anhand von Lion Feuchtwangers Roman „Der falsche Nero“, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/138990