Der italienische Faschismus und der Futurismus


Hausarbeit (Hauptseminar), 2006

19 Seiten, Note: 1,7


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis:

1 Einleitung

2 Die Gründung und Entwicklung des Königreichs Italien im 19. Jahrhundert

3 Von der Entstehungsgeschichte des Futurismus bis zum Ende des Ersten Weltkriegs (1908 – 1918/19)
3.1 Die politische und gesellschaftliche Situation Italiens zur Zeit der futuristischen Gründung
3.2 Die Entstehung einer neuen künstlerischen Avantgarde: Die ersten Jahre des Futurismus
3.2.1 Filippo Tommaso Marinetti
3.2.2 Die ersten futuristischen Werke und die ideologischen Grundlagen der futuristischen Bewegung
3.2.3 Die politische Entwicklung des Futurismus bis zum Ersten Weltkrieg
3.2.4 Der Futurismus während des Ersten Weltkriegs (1914 – 1918/19)

4 Das Scheitern des politischen Futurismus in der Nachkriegszeit und seine Rolle im Faschismus (1918/19 – 1944)
4.1 Die futuristische Bewegung in der Nachkriegszeit
4.2 Das Scheitern des politischen Futurismus und das Verhältnis zum Faschismus bis zum Ende der faschistischen Ära

5 Schlussbetrachtung

6 Literaturverzeichnis:

1 Einleitung

„Wir wollen den Krieg verherrlichen – diese einzige Hygiene der Welt – den Militarismus, den Patriotismus, die Vernichtungstat der Anarchisten, die schönen Ideen für die man stirbt, und die Verachtung des Weibes.“[1]

Was sich für einen rational denkenden Menschen anhören muss, wie der Schlachtruf eines alten Barbarenclans[2], stammt aus der Feder eines Literaten des frühen 20. Jahrhunderts. Vor dem Hintergrund einer erst seit fast 50 Jahren bestehenden italienischen Nation entwickelte dieser Künstler eine Ideologie, die vornehmlich durch Brutalität gekennzeichnet war und alle Werte des noch jungen italienischen Königreichs in Frage stellte.

In der vorliegenden Arbeit wird der Frage nachgegangen, wie es möglich sein konnte, dass zu Beginn des letzten Jahrhunderts, ein durchaus gebildeter Künstler[3], eine derart radikale Theorie verbreitete, die jenseits aller traditionellen Normen stand. Welche Rolle nahmen Politik und Gesellschaft dabei ein? Im Mittelpunkt der Arbeit steht die Analyse dieser „modernen“[4] Weltanschauung, die sein Gründer „Futurismus“ nannte. Mit welcher Absicht vertraten die Futuristen ihre Ideologie und welche Mittel setzten sie ein, um ihr Ziel zu erreichen? Hinsichtlich des Zeitraums, in dem die futuristische Bewegung aktiv war, darf zudem nicht außer Acht gelassen werden, in welchem Verhältnis der Futurismus zu den gravierenden historischen Ereignissen seiner Zeit, wie dem Ersten Weltkrieg und dem Aufkommen des Faschismus stand. Schlussendlich wird nach Betrachtung dieser Aufgabenbereiche dargestellt, worin es begründet liegt, dass der Futurismus, zumindest in seinem vollständigen ideologischen Anspruch, nicht vollends zur Entfaltung kam, sondern am Ende sogar scheiterte. Die Vorgehensweise der Arbeit ist chronologisch aufgebaut. Anfangs wird ganz grob die italienische Entwicklung im 19. Jahrhundert skizziert, um auf langfristige Probleme aufmerksam zu machen, die die Einigung Italiens mit sich brachte. Im Anschluss werden sowohl die zur Gründung des Futurismus führenden Verhältnisse, als auch die Entwicklung der futuristischen Bewegung und Ideologie bis zum Ende des Ersten Weltkriegs dargestellt. Der letzte Abschnitt befasst sich mit der Verbindung des Futurismus-Faschismus und mit den Gründen des futuristischen Scheiterns.

Da diese Arbeit einen allgemein historischen und keinen kunsthistorischen Anspruch vertritt, wird nicht explizit auf die künstlerischen Werke des Futurismus eingegangen, außer sie dienen zur Erläuterung historischer Problemstellungen.Der Futurismus ist von der Forschung durchaus ausführlich behandelt worden, ein Großteil der einschlägig wissenschaftlichen Literatur und der Quellen ist allerdings lediglich auf Italienisch verfügbar und konnte aufgrund mangelnder Sprachkenntnisse leider für diese Arbeit nicht verwendet werden. Unerlässlich für die sachgerechte Bearbeitung des Themas ist die Abhandlung Christa Baumgarths über die Geschichte des Futurismus.[5] Darin sind die wichtigsten futuristischen Manifeste und Dokumente in die deutsche Sprache übersetzt, und besonders die politische und künstlerische Entwicklung bis zum Ersten Weltkrieg und die Grundlagen der futuristischen Ideologie werden sehr ausführlich dargestellt. Ebenfalls einschlägig zu diesem Thema ist die Darstellung Hans-Georg Schmidt- Bergmanns[6], dessen Werk insbesondere durch die detaillierte Analyse der Werke Marinettis und anderer Futuristen hervorsticht. Zudem behandelt Schmidt-Bergmann ausführlich die futuristische Phase nach dem Ersten Weltkrieg. Ebenfalls profund in der Bearbeitung des futuristischen Zeitabschnitts nach dem Ersten Weltkrieg ist Eva Hesse[7], die zudem ausgiebig über die künstlerischen Fähigkeiten Marinettis berichtet. Um die politische und gesellschaftliche Entwicklung Italiens, die ja unweigerlich mit der Entstehung des Futurismus verknüpft ist, zu durchleuchten, empfehlen sich die Gesamtdarstellungen von Rudolf Lill[8], der deutschen Koryphäe der italienischen Geschichte, und Denis Mack Smith.[9] Über die Zeit des Futurismus bis zum Ende des Ersten Weltkriegs herrscht in der Forschung grundsätzlich Einigkeit. Kontroverse Meinungen existieren allerdings über die Frage, in welchem Maße der Futurismus den Faschismus ideologisch beeinflusst hat und in welcher Beziehung Marinetti und seine Futuristen zu Mussolini und seinem Faschismus, während der faschistischen Ära standen. Eva Hesse und Patricia Chiantera-Stutte[10] vertreten dabei die Meinung, dass zwischen Mussolini und Marinetti nach 1920 ein gespanntes Verhältnis herrschte, wohingegen Schmidt-Bergmann vom Gegenteil überzeugt ist. Alle drei sehen einen futuristischen Einfluss auf den Faschismus jedoch als erwiesen an.

Diese Frage ist allerdings in der Faschismus-Forschung nicht geklärt. Dort reicht das Spektrum über die sichere Annahme eines futuristischen Anteils an der faschistischen Ideologie[11] bis zu der Ansicht, dass der Futurismus in einem Werk über den Faschismus nicht behandelt werden müsse.[12]

2 Die Gründung und Entwicklung des Königreichs Italien im 19. Jahrhundert

Italien war zum Ende des 18. und zu Beginn des 19. Jahrhunderts ebenfalls in den Sog der napoleonischen Eroberungskriege involviert, wie auch ein Großteil der anderen europäischen Staaten. Allerdings existierte Italien zu diesem Zeitpunkt als einheitlicher Staat, sondern aus verschiedenen Königreichen, Herzogtümern und Stadtrepubliken. Der Wunsch nach einer Vereinigung und nationaler Souveränität kam dort erst im Zuge der staatenübergreifenden Revolutionen von 1830 und 1848 und somit, im Vergleich zu anderen europäischen Nationen, verhältnismäßig spät. Bis zur Einigung Italiens 1861[13][14] mussten zahlreiche außen- und innenpolitische Probleme gelöst werden, die insbesondere in der Machtpolitik Österreichs, der internen Uneinigkeit der nationalrevolutionären Gruppen und enormen wirtschaftlichen und politischen Differenzen innerhalb der einzelnen italienischen Regionen ihren Ursprung hatten. Die Zeit nach 1870 bis zur Jahrhundertwende ist durch den Versuch geprägt, eine innenpolitische Stabilität, ein außenpolitisches Prestige und ein allgemeines Nationalgefühl zu erlangen. Der Bereich der Politik stand während des gesamten Zeitraums nur einer minimalen politischen Elite offen und wirtschaftlicher Fortschritt war lediglich im Norden des Landes bekannt, wohingegen im Süden Armut und Analphabetismus grassierte. Italien stand somit zu Beginn des neuen Jahrhunderts in allen Bereichen seines gesellschaftlichen Systems noch in den Anfängen.

3 Von der Entstehungsgeschichte des Futurismus bis zum Ende des Ersten Weltkriegs (1908 – 1918/19)

3.1 Die politische und gesellschaftliche Situation Italiens zur Zeit der futuristischen Gründung

Die politische Landschaft Italiens zu Beginn des 20. Jahrhunderts war eindeutig mit Problemen behaftet, die auf den Einigungsprozess Italiens im 19. Jahrhundert und die darauf folgende politische, wirtschaftliche und gesellschaftliche Entwicklung des vereinigten Italiens zurückzuführen waren. So bestand weiterhin das Problem des „Irredentismus“[15], dessen Anhänger die Intention des Begriffs in der ersten Dekade des 20. Jahrhunderts sogar noch ausgeweiteten.[16] Auch das durch die Einigung hervorgerufene Problem der Nord-Süd-Frage hatte den Übergang in das neue Jahrhundert überdauert, wurde durch die erst Mitte der 1890er Jahre eingetretene Industrielle Revolution verschärft und beschäftigte weiterhin, sowohl politische als auch wirtschaftliche Verantwortliche des Landes. Die breite Basis des italienischen Volkes war noch immer zum größten Teil vom politischen Entscheidungsprozess ausgeschlossen, da ein strenges Wahlrecht lediglich 7% der Gesamtbevölkerung zu den Wahlen zugelassen waren.[17] Knapp vierzig Jahre nach der italienischen Einigung stand die endgültige Konstituierung eines konstruktiven Gesellschaftssystems somit immer noch aus. Wie einige Epochen Italiens im 19. Jahrhundert bereits vorher, wird auch die Phase zu Beginn der Jahrhundertwende bis zum Ersten Weltkrieg in Italien eng mit ihrem politischen Hauptdarsteller verbunden. Giovanni Giolitti[18], der bereits Anfang der 1890er Jahre als italienischer Ministerpräsident fungiert hatte[19], war sich bei seinem Amtsantritt im Jahre 1903 durchaus bewusst, dass er einem, hinsichtlich anderer europäischer Staaten, in allen Bereichen rückständigem Land vorstand.[20] Damit dieser Anachronismus so wenig Einfluss wie möglich auf politische Entscheidungen geltend machen konnte, schuf er zwischen sich selbst und dem Großteil des Parlaments eine Abhängigkeit, die der Errichtung einer „parlamentarischen Diktatur“ gleichkam.[21] Seine Priorität lag dabei auf der Innenpolitik, deren vorrangiges Ziel es war, den bestehenden Staat durch die Integration bisher isolierter Bewegungen, wie den Reformsozialismus, den bürgerlichen Radikalismus und Segmente der katholischen Strömung zu stabilisieren.[22] Giolitti praktizierte eine Politik des fortwährenden Manövrierens zwischen den unterschiedlichen politischen Gruppen und erreichte damit einige innenpolitische Erfolge. Während seiner Amtszeit konnte der Staatsetat stabilisiert werden, die soziale Gesetzgebung machte Fortschritte und auch an die Arbeiter, besonders im Süden des Landes, die zum Ende des alten Jahrhunderts noch einige Aufstände initiiert hatten, wurden zufrieden stellende Konzessionen gemacht.[23] Seine Regierungsweise erwirkte sowohl bei den verschiedenen politischen Gruppen des Landes, als auch bei einem großen Teil der Bevölkerung eine bestimmte Zufriedenheit und verlieh den öffentlichen Bereichen eine gewisse Ruhe.[24] Giolitti lenkte den nervösen politischen Prozess, der in Italien im 19. Jahrhundert schon traditionelle Formen angenommen hatte, in geruhsamere Bahnen.

[...]


[1] Zitiert nach: Christa Baumgarth, Geschichte des Futurismus, Reinbek bei Hamburg 1966, S. 26.

[2] Davon abgesehen, dass Barbaren der Begriff des Anarchismus noch nicht geläufig war. [Anm. d. Verf.]

[3] Marinetti hatte nach seinem Abitur Jura studiert. [Anm. d. Verf.]

[4] Der Futurismus beanspruchte für sich selbst den Begriff „modern“ und begründete dies in seiner absoluten Verherrlichung der Technik und Wissenschaft [Anm. d. Verf.].

[5] Baumgarth, Futurismus.

[6] Hans-Georg Schmidt-Bergmann, Futurismus. Geschichte, Ästhetik, Dokumente, Reinbek bei Hamburg 1993.

[7] Eva Hesse, Die Achse Avantgarde – Faschismus. Reflexionen über Filippo Tommaso Marinetti und Ezra Pound, o.J. Zürich.

[8] Rudolf Lill, Geschichte Italiens in der Neuzeit, 3. erweiterte und verbesserte Auflage, Darmstadt 1986.

[9] Denis Mack Smith, Modern Italy. A political History, New Haven – London 1997.

[10] Patricia Chiantera-Stutte, Von der Avantgarde zum Traditionalismus. Die radikale Futuristen im italienischen Faschismus von 1919-1931, Frankfurt a.M. 2002.

[11] Stefan Breuer, Nationalismus und Faschismus. Frankreich, Italien und Deutschland im Vergleich, Darmstadt 2005.

[12] Ernst Nolte, Der Faschismus in seiner Epoche, 5. Auflage München 1979.

[13] Dieses Kapital baut auf die in der Einleitung erwähnten Abhandlungen Lills und Mack Smith´ auf. [Anm. d. Verf.]

[14] Zu diesem Zeitpunkt fehlten allerdings noch die Region Venetien und die Stadt Rom. Diese wurden erst später, 1866 und 1870, angegliedert. Siehe: Lill, Neuzeit, S. 190.

[15] Der italienische Begriff „Irredentismo“ wurde erstmals 1877 gebraucht und meinte die „Erlösung“ italienischsprachiger Gebiete, wie Trentino und Triest, von einer Fremdherrschaft, zum Beispiel Österreich-Ungarns. Carmine Chiellino, Italien. Band 1. Geschichte, Staat und Verwaltung, München 1981, S. 186.

[16] Ernst Nolte, Grundprobleme der italienischen Geschichte nach der Einigung, in: Historische Zeitschrift 200 (1956), S. 332-346. Zur Veränderung des „Irredentismus“-Begriffs: S. 336.

[17] Siehe zum Problemkomplex Italiens: Lill, Neuzeit, S. 245 bis S.25. Siehe auch: Nolte, Grundprobleme, S.338-340.

Ein neues Wahlgesetz aus dem Jahre 1912 hob die Beteiligung auf ca. 24%. Siehe Lill, Neuzeit, S.250. Siehe zur Problematik von Wahlen und Parteien im Italien dieser Zeit auch: Hartmut Ullrich, Parlament, Parteien, Wahlen im liberalen Italien (Untersuchungen und Forschungsziele), Quellen und Forschungen aus italienischen Archiven und Bibliotheken 53 (1973), S. 276-317. Zur Wahl- und Parteiproblematik bei Giolitti: Ebenda, S.282-304.

[18] Siehe zur Person Giovanni Giolitti auch: Edgar R. Rosen, Giovanni Giolitti. Der Staatsmann und seine Epoche, in: Quellen und Forschungen aus italienischen Archiven und Bibliotheken 48 (1968), S. 260-281. Hier: S.261.

[19] Giolitti war bereits in den Jahren 1892/93 im Amt. Lill, Neuzeit, S.223.

[20] Lill, Neuzeit, S.246.

[21] Ebenda. Ähnliche Begrifflichkeit bei:Baumgarth, Futurismus, S. 7. Dort heißt es „Parlaments-dikatur“. Siehe zur Thematik auch: Rosen, Giolitti, S.271-272.

[22] Rosen, Giolitti, S.263-264.

[23] Lill, Neuzeit, S.249-250.

[24] Ebenda.

Ende der Leseprobe aus 19 Seiten

Details

Titel
Der italienische Faschismus und der Futurismus
Hochschule
Rheinische Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn  (Institut für Geschichtswissenschaft)
Veranstaltung
Hauptseminar - Der italienische Faschismus
Note
1,7
Autor
Jahr
2006
Seiten
19
Katalognummer
V139029
ISBN (eBook)
9783640487028
ISBN (Buch)
9783640487127
Dateigröße
532 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Faschismus, Futurismus
Arbeit zitieren
Michael Greuel (Autor), 2006, Der italienische Faschismus und der Futurismus, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/139029

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