Einige Mittel der Manipulation mit Beispielen aus der deutschen und französischen Presse


Hausarbeit (Hauptseminar), 2000

31 Seiten, Note: 2,1


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

0. Einleitung

1. Was ist Manipulation durch Sprache?

2. Einflussfaktoren des Kommunikationsprozesses
2.1. Der Kommunikator
2.2. Der Rezipient

3. Subjektive Beeinflussung
3.1. Selektion des Stoffes
3.2. Layout
3.3. Bildnachricht

4. Sprachliche Manipulation - Nachrichtenpolitik
4.1. Verschleierungsfunktion
4.2. Sprachregelungen
4.3. Reformulierungen
4.3.1. als Mittel zur Sinnkonkretisierung
4.3.2. als Mittel zur Sinnmodifizierung
4.4. Mots pivots in der französischen Tagespresse

5. Schluss

0. Einleitung

Frankreich ist eines der Länder, in denen die Presse zur Sicherung der Demokratie beiträgt. Die Presse ist frei, die Vielfalt der Informationsträger groß. Die Presse hat bei der Ausübung ihrer Tätigkeit der Bevölkerung gegenüber sowohl bestimmte Freiheiten als auch Rechte und Pflichten, und genauso können die Bürger der Presse gegenüber gewisse Rechte geltend machen. Es gilt also die alte Formel: Presse = Demokratie.

Dennoch üben Skeptiker immer wieder Kritik daran, dass sich die Presse ihren unbestrittenen Einfluss, den sie auf die Bürger durch die unterschiedlichsten Mittel ausübt, zum Teil sehr gezielt zur Erreichung ganz unterschiedlicher Ziele zu Nutze macht und missbraucht, so dass man sich nicht selten fragen muss, ob dies noch im Rahmen der Legalität ist.

Eine seit 1987 jährlich durchgeführte Umfrage der SOFRES belegt, dass 50 % aller Franzosen denken, dass sowohl Zeitungen als auch Radio und Fernsehen ihre Aufgabe zu informieren nur schlecht erfüllen. Die Dinge, so denken die Franzosen, spielen sich ganz und gar nicht oder höchstens zum Teil so ab, wie es die Presse beschreibt. Zu oft messe sie bedeutlosen Dingen zuviel Gewicht bei, und zu oft verharmlose sie Dinge bzw. dramatisiere sie unnötig. Die Hälfte aller Befragten hat den Verdacht, die Journalisten seien politischen Zwängen ausgeliefert oder/ und es ginge ihnen nur um das Geld. Die Hälfte der Bevölkerung misstraut also der Presse, schenkt ihr nicht immer allzu großen Glauben. Und dennoch versichern 75 % der Franzosen, dass sie durchaus Interesse an Information haben und auf Zeitungen bzw. Information unbedingt angewiesen sind.

Die Mittel, deren sich die Zeitungen, das Medium, auf welches ich mich hier beschränken werde, bedienen, um Einfluss auf ihre Leserschaft auszuüben, sind sehr vielfältig. Dazu gehören Ort, an dem eine Nachricht in einer Zeitung erscheint, Bildmaterial und Auswahl dessen, was in der Zeitung steht. Des weiteren spielen die gegenseitigen Beziehungen von Kommunikator und Rezipient in diesem Zusammenhang eine bedeutende Rolle. Sehr interessant erscheint mir auch der sprachliche Aspekt, die Wirkung, die von bestimmten Wörtern selbst ausgeht, wie diese zu unterschiedlichen Zeiten zur Erreichung verschiedener Zwecke eingesetzt oder aber vermieden wurden, inwiefern Leser durch die gezielte Anwendung bestimmter Worte in ihrem Denken, ihrer Einstellung zu einer Sache manipuliert werden sollen. Mit dieser Thematik werde ich mich im folgenden beschäftigen.

1. Was ist Manipulation durch Sprache?

Die Manipulation durch Sprache ist der vermutlich auffälligste und häufigste Versuch, auf andere bewusst und berechnend Einfluss zu gewinnen. Denn das Urteil, das wir verkünden, formulieren wir möglichst so, dass es den Partner überzeugt. Der Appell erwartet ebenso eine bestimmte Reaktion. Auch unsere Informationen wollen wirken. Jeder weiß, wie viel oft am Ausdruck gelegen ist.

Wir wollen zunächst von der Behauptung Mackensens ausgehen, jeder manipuliere aus seinem Sprachinstinkt heraus. Dabei liegt es nicht nur an der List des Sprechers, ob sein Vorhaben ohne weiteres erfolgreich ist. Sein Partner ist kein willenloses Objekt; er bringt seiner Äußerung die eigene Einstellung entgegen: er kann gutgläubig, geöffnet, bedenklich, misstrauisch, ablehnend sein, und seine Haltung muss ihm nicht einmal bewusst sein: seine jeweilige Stimmung mag sie sogar bedingen. So entwickeln sich viele Gespräche zu einer Art von Sprachspielen, deren Ausgang ungewiss ist. Insofern könnte man eine Kommunikation auch als eine Art Verbindung zwischen Sprechenden ansehen, die ständig gefährdet ist. Der eine sieht in ihr eventuell die Möglichkeit der Machtausübung, der andere fürchtet sie deswegen möglicherweise. Und wer Angst hat, der hört auch vorsichtiger. Um dies zu verdeutlichen, ist der Vergleich von Nachrichten und Urteilen mit Waren ganz anschaulich: man muss auf dem Markt nicht alles kaufen, was angeboten wird. Vielmehr wählt man das, was einem passt oder gefällt. So hört man oft auch selektiv, d. h. man nimmt nur das willig auf, was man gerne hört, oder anders gesagt: was der eigenen Meinung entspricht. Ein Raucher, beispielsweise, hört bzw. liest eine Nachricht über Krebserkrankungen oder sonstige Gefahren, die von der Sucht des Rauchens ausgehen, wenn überhaupt, dann aber auf jeden Fall ganz anders als ein Nichtraucher.

Manipulation ist auch der Versuch, sich die Unwissenheit und die daraus resultierende Unsicherheit des anderen zu nutze zu machen und die Probe, ob oder wieweit der andere beeinflussbar ist. Gerade die Werbung oder autoritäre Systeme gehen bei den Umworbenen und Regierten von einer gewissen Unwissenheit, einer Naivität und besonders Machtlosigkeit aus.

Manipulation ist eine besondere Art, Sprache zu benutzen. Die Besonderheit besteht darin, dass eine Person, die manipulieren will, Sprache zu bestimmten Zielen benutzt, die dem Partner verborgen sind, verborgen bleiben sollen oder bleiben können. Die Aussage, die als Information getarnt ist, wird zur Intrige, zur List verfälscht; man testet mit ihr die Verführbarkeit des Partners. Man könnte also sagen, dass sie den Sinn der Sprache, wenn man davon ausgeht, dass Sprache einen bestimmten Sinn im Verkehr der Menschen miteinander hat, wie etwa Kommunikation oder Information, in sein Gegenteil umwandelt. Sie macht Sprache zum Mittel für die einen, über die andern zu herrschen. Zumindest birgt sie die Funktion, mit ihrer Hilfe Macht über andere zu gewinnen.

Sie hätte diese Funktion nicht, wäre sie das, wofür viele ihrer Beschreiber sie halten: ein zuverlässiger und gewisser Spiegel der Dinge. Doch gerade das ist sie meist nicht. Denn zwischen dem Ding und dem Wort, mit dem das Ding bezeichnet wird, steht die Vorstellung, die der Sprecher von dem Ding hat. Diese entscheidet darüber, was das Wort zu bedeuten haben soll. Deshalb können wir sagen, dass nicht die Sprache, sondern der Sprecher mit seiner ganz persönlichen Vorstellung die Welt bezeichnet.

Mackensen geht weiterhin von der Tatsache aus, dass Wörter unsicher und unbestimmt sind, und zwar infolge ihrer Geschichte. Sie (zumindest ihre überwältigende Mehrheit) sind lange im Umlauf, sie haben vielen verschiedenen Menschen zu verschiedenen Zeiten gedient und sind vielen Vorstellungen gefügig gemacht worden. Es gibt immer weniger Wörter in unserer Sprache als Dinge in unserer Umwelt, viele Wörter müssen sich folglich vielen Dingen öffnen. Sie sammeln sozusagen Bedeutungen: sie werden von einem Ding auf ein ihm ähnliches übertragen. Oft wandeln sich auch die Vorstellungen, die man ursprünglich von dem Ding hatte. So bedeutete ein Frevel anfangs Kraft am falschen Platz, grenzenloser Übermut, dann meinte das Wort eine Verletzung des Rechts, und zwar manchmal eine schwere, manchmal nur eine geringere, die mit einer Geldbuße belegt wurde. Auch die Geldstrafe selbst konnte Frevel heißen. Dann erst wurde das Wort für Verhaltensweisen verwendet, die man als moralisch verwerflich kennzeichnen wollte.

Die Vorstellung von einem bestimmten Ding, die mich dies und kein anderes Wort wählen lässt, will ich bei meinem Partner wecken. Ich signalisiere ihm also meine Vorstellung von einer Sache oder Handlung, und ich erwarte, dass ich damit die gleiche Vorstellung bei ihm erzeuge. Und da Vorstellungen Gefühle oder Stimmungen wecken, möchte mein Wort vielleicht auch in ihm die Stimmungen wachrufen, die es in mir erzeugt, und ihn vielleicht zu Verhaltensweisen anregen, die es bei mir stiftet. Auch ohne Imperativ lassen sich somit Handlungen des Partners auslösen. Wörter können Reizfunktionen ausüben, sozusagen als Impulse wirken. Dieser Wert macht sie für Manipulationen geeignet.

Dabei lassen Printmedien, anders als schnelllebige Fernsehbilder, einen zweiten Blick zu auf die mediale Wiedergabe politischer Ereignisse. Gerade französischen Nachrichtensendungen machen Kritiker oft den Vorwurf, dass sie in ihrer Art und Weise, zu berichten und Bilder in immer höherer Geschwindigkeit aufeinander folgen zu lassen, meist nur noch einem Werbespot ähneln. Während es die schnelle Abfolge von Bildern und Text dem Fernsehzuschauer zunächst oft schwer macht, z.B. Nuancen politischer Bewertung zu erkennen, so kann die genauere Betrachtung von Darstellungen des gleichen Themas durch die Printmedien den Hintergrund politischer Berichterstattung deutlicher hervortreten lassen. Was im Fernsehen zunehmend unter dem Aspekt des „sensationnalisme“ und müheloser Rezipierbarkeit dargestellt wird, erfährt in den Printmedien eine sorgfältigere Inszenierung.

2. Einflussfaktoren des Kommunikationsprozesses

Dass die Zeitung öffentliche Meinung mache, führe, wiedergebe, spiegle, wird immer wieder gesagt, ohne dass man sich das Geringste dabei denkt. Doch wahr ist, dass Meinungselemente mit jeder Nachricht unlösbar verbunden sind, und dass die Nachrichtenpolitik diese Tatsache bewusst zur Massenführung ausnutzt. Bevor wir uns jedoch den bewusst eingesetzten Mitteln der richtigen Nachrichtenpolitik zuwenden, soll zunächst verdeutlicht werden, dass jede Nachricht automatisch einer gewissen subjektiven Beeinflussung unterliegt, und zwar einmal durch das Subjekt des Mitteilenden, also den Kommunikator, und zum anderen durch das des Empfängers der Nachricht, also den Rezipienten.

Maletzke, der jede Kommunikation als Feld von Interdependenzen versteht, unterscheidet 3 Grundfaktoren, die das Gerüst des Kommunikationsprozesses bestimmen:

-Person, die etwas aussagt (Kommunikator)
-Aussage (auf die an späterer Stelle noch eingegangen wird)
-Person, die das Ausgesagte aufnimmt (Rezipient)

2.1. Der Kommunikator

Um zunächst beim Kommunikator zu bleiben:

Die Richtung einer Aussage wird determiniert durch das Zusammenwirken aller psychischen Schichten des Aussagenden. Dazu gehört das Bild, das der Kommunikator von sich selbst hat. Seine Aussage wird dadurch mitbestimmt, wie er seine Rolle als Kommunikator interpretiert.

„Betrachtet er sich als Führer, Schnüffler, Entlarver, Kreuzfahrer oder als gewissenhafter Spiegel vorherrschender Tatsachen und Meinungen? Als autorisierter Sprecher einer bestimmten Untergruppe, als durchschnittlicher Bürger, der die ihm von seinem Arbeitgeber übertragene Aufgabe erledigt? Als Aufklärer oder Ehemann, der sein Brot verdient? Als Symbol, in dem sich die Ideale und Träume des Publikums verkörpern, als unentdecktes Talent, das von Feindschaft umgeben ist, oder als kluger Drahtzieher der öffentlichen Leichtgläubigkeit?“ (Maletzke 1963, S. 45)

Jede Nachricht wird auch von dem Wortschatz und der Vorstellungswelt der Schicht oder Gruppe beeinflusst, zu denen der Berichtende gehört. Schon diese Prägung aus den vielerlei sozialen Beziehungen des Berichtenden mengt der Nachricht subjektive Elemente bei, so sehr der Berichtende auch die Absicht haben mag, objektiv zu bleiben.

Auch wird seine Aussage mitbestimmt von seinen allgemeinen Auffassungen, seinen Ansichten in bezug auf Religion, Politik, Gesellschaft, Gewerkschaften und Berufsverbände, soziale, zivile und staatliche Organisationen, Schulen, Familie sowie seine Haltung gegenüber dem Publikum, d.h. dessen Intelligenz, Neugier, Moral, Bedürfnisse und Neigungen, denn jeder Mensch pflegt sich in seinem kommunikativen Verhalten auf seinen Partner einzustellen, und insofern fließt das Bild, das der Kommunikator vom Rezipienten hat, in seine Aussage mit ein und bestimmt Stoff und Form des Produktes mit.

Unter der Produktion einer Aussage versteht Maletzke den Gesamtprozess des Schaffens einer Aussage durch den Kommunikator bis zu dem Augenblick, in dem sich die Aussage von ihrem Urheber ablöst und zu wirken beginnt. Ein wichtiger Aspekt bei diesem Vorgang, der die Massenkommunikation entscheidend mitbestimmt, ist natürlich die Intention des Kommunikators, denn auch diese leitet ihn ja bei seiner gesamten Arbeit. Die Frage lautet also: welche Motive, Ziele, Zwecke, Pläne und Absichten verfolgt der Kommunikator bei der Produktion und Verbreitung öffentlicher Aussagen? Will er sachlich sein, schockieren, provozieren, unterhalten, ästhetische Werte übermitteln, belehren, informieren, Handlungen veranlassen, überzeugen, eine Sache herunterspielen, verharmlosen, lächerlich machen, etc.?

Weitere Beeinflussungen ergeben sich natürlich auch durch die psychologische Einstellung des Berichtenden zum Ereignis. Ob zustimmend, ablehnend, gefühlsmäßig erfasst, gleichgültig, verständnislos, kritiklos, etc., all dies sind Faktoren, die automatisch auf die Schreibweise und Wortwahl des Berichtenden gewollt oder ungewollte Einfluss nehmen und so auch den Leser beeinflussen können.

[...]

Ende der Leseprobe aus 31 Seiten

Details

Titel
Einige Mittel der Manipulation mit Beispielen aus der deutschen und französischen Presse
Hochschule
Universität des Saarlandes  (Dolmetscher Institut)
Veranstaltung
HS Sprache der Medien im romanischen Sprachraum
Note
2,1
Autor
Jahr
2000
Seiten
31
Katalognummer
V13909
ISBN (eBook)
9783638194334
ISBN (Buch)
9783638643207
Dateigröße
557 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Einige, Mittel, Manipulation, Beispielen, Presse, Sprache, Medien, Sprachraum
Arbeit zitieren
Shirley Bieg (Autor), 2000, Einige Mittel der Manipulation mit Beispielen aus der deutschen und französischen Presse, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/13909

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