Der politische Zionismus nach Theodor Herzl


Hausarbeit (Hauptseminar), 2009
22 Seiten, Note: 1,0

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Einführung

3. Theodor Herzl - Die Vorgeschichte
3.1. Die vorzionistische Zeit
3.2. Herzls Hinwendung zum Zionismus

4. Charakteristik des politischen Zionismus
4.1. Die wesentlichen Aspekte
4.2. Das jüdische Moment im politischen Zionismus
4.3. Herzls Araberbild

5. Kritik an Herzls Zionismus
5.1. Allgemeine Zeitung des Judentums
5.2. Der Israelit
5.3. Achad Haam

6. Die Praxis

7. Resümee

8. Literatur- und Quellenverzeichnis

1. Einleitung

Theodor Herzl wird mehr als jede andere Person mit dem politischen Zionismus in Verbindung gebracht. Ideen für die Überwindung des Dilemmas jüdischer Existenz in der modernen Welt finden sich hauptsächlich in seinen Werken „Der Judenstaat“ und „Altneuland“. Die folgende Arbeit, deren Gegenstand neben genannten beiden Werken auch Tagebucheintragungen Herzls sowie Zeitungsartikel sind, geht der Frage nach, welcher Charakter dem Zionismus Herzls zu eigen ist. Dafür wird in zwei Schritten vorgegangen. Zunächst erfolgt eine Quellenanalyse besagter beider Werke, um im Anschluss daran, im zweiten Schritt, die Kritik am „herzlschen Zionismus“ dem Leser vor Augen zu führen.

Doch zu Beginn der Hausarbeit rückt Herzls Intention für den Entwurf seiner zionistischen Programmatik in den Vordergrund. Der Einblick in den Kontext seiner Zeit lässt uns Herzls Eintreten für einen Judenstaat besser nachvollziehen.

2. Einführung

Obwohl die Römer im Jahre 70 n. Chr. Jerusalem zerstörten, die staatliche Selbstständigkeit den Juden genommen wurde und sie in der Diaspora fast 2000 Jahre weiterleben mussten, wurde laut Gerhard Holdheim die geistige Bindung des jüdischen Volkes mit Palästina nie gänzlich unterbrochen. Die Sehnsucht nach der Heimat der Vorfahren habe sich in Gebeten und Literatur ausgedrückt.

Bis zum Ende des 18. Jahrhunderts wohnten Juden fast ausschließlich in Ghettos, wurden von ihrer christlichen Umwelt geächtet und waren Ausnahmegesetzen unterworfen.

Die Anfang des 19. Jahrhunderts einsetzende rechtliche Emanzipation der Juden war zwar ein wichtiges Ereignis jüdischer Geschichte, brachte aber nicht die erhoffte Befreiung, ging mit ihr doch lediglich eine formale Gleichberechtigung der jüdischen Bevölkerung einher.[1] Nach Holdheims Worten bildeten die Juden weiterhin „[…] unter den Völkern, mit denen sie lebten, ein deutlich erkennbares und als eigenartig empfundenes Element.“[2] Dies hatte zur Folge, dass vor allem intellektuelle Juden gewillt waren, ihre jüdische Identität zu verleugnen, indem sie den Weg der Konversion wählten. Sie erhofften sich somit, die bestehenden Schranken niederreißen zu können. Die Emanzipation schien sich zur Assimilation zu transformieren. Die große Mehrheit der Juden schreckte allerdings vor einer Taufe zurück.

Die Emanzipation und die in deren Folge ansteigenden Assimilationserscheinungen sind die Voraussetzungen für den politischen Zionismus gewesen, dessen Gründer Theodor Herzl war.[3]

„In den Hauptländern des Antisemitismus ist dieser eine Folge der Judenemanzipation. Als die Kulturvölker die Unmenschlichkeit der Ausnahmegesetze einsahen und uns freiließen, kam die Freilassung zu spät. Wir waren gesetzlich […] nicht mehr emanzipierbar. Wir hatten uns im Ghetto merkwürdigerweise zu einem Mittelstandsvolk entwickelt und kamen als eine fürchterliche Konkurrenz für den Mittelstand heraus. So standen wir nach der Emanzipation plötzlich in einem harten Wettstreit mit Bourgeoisie […]“[4],

so die Worte Herzls.

3. Theodor Herzl - Die Vorgeschichte

3.1. Die vorzionistische Zeit

Theodor Herzl war das Musterbeispiel eines assimilierten Juden. Selber verfügte er nur über rudimentäre Kenntnisse, was die jüdische Religion und Kultur anbelangt, und fühlte sich in Wien - wo er 1878 ab seinem 18. Lebensjahr lebte - der deutschen Kultur zugeneigt, hatte er doch den Wunsch, nachdem er das Studium der Rechtswissenschaften bereits aufgenommen hatte und sich somit dem Willen seiner Eltern fügte, im Burgtheater Bühnenautor zu werden.[5] In seinem Tagebuch berichtete er sogar 1895, auf seine Jugendzeit rückblickend: „Es gab vielleicht eine Zeit, wo ich gern entwischt wäre, hinüber ins Christentum […]. Jedenfalls waren das nur unbestimmte Wünsche einer jugendlichen Schwäche.“[6]

Während seines Studiums wurde er indes mit dem Antisemitismus konfrontiert. Herzl war Mitglied einer Studentenverbindung mit dem Namen Albia. Als diese ihr Bekenntnis zum Antisemitismus offen preisgab, verließ er besagte Verbindung.[7]

Der politische Antisemitismus in Wien erstarkte im ausgehenden 19. Jahrhundert, das stetig anwachsende antisemitische politische Klima gipfelte schließlich in der Wahl des Antisemiten Lueger zum Bürgermeister Wiens. Diese politische Entwicklung und der damit einhergehende Ausschluss der Juden aus gewissen Gesellschaftskreisen werden laut dem Judaisten Michael Brenner ein Grund für Herzls Hinwendung zum Zionismus gewesen sein.[8] Dabei trachtete Herzl vor seiner Bekehrung zum Zionismus besonders nach einem: als normales Mitglied der Wiener Gesellschaft zuzugehören. Bemerkenswert sind in diesem Zusammenhang seine Tagesbuchaufzeichnungen, wie er sich noch in seiner vorzionistischen Zeit eine Überwindung des Antisemitismus ausmalte. So schrieb er 1895:

„Der Antisemitismus ist gewachsen, wächst weiter - und ich auch. […] Vor ungefähr zwei Jahren wollte ich die Judenfrage mit Hilfe der katholischen Kirche wenigstens in Wien lösen. Ich wollte mir Zutritt zum Papst verschaffen […] und ihm sagen: Helfen Sie uns gegen die Antisemiten, und ich leite eine große Bewegung des freien und anständigen Übertritts der Juden zum Christentum. Frei und anständig dadurch, daß die Führer dieser Bewegung - ich vor allem- Juden bleiben und als Juden den Übertritt zur Mehrheitsreligion propagieren. […] Wir Standhaften hätten die Grenzgeneration gebildet. Wir blieben noch beim Glauben unserer Väter. Aber unsere jungen Söhne sollten wir zu Christen machen, bevor sie ins Alter der eigenen Entschließung kämen, wo der Übertritt wie Feigheit und Streberei aussieht.“[9]

Aufgezeigten Plan eines breit angelegten Übertritts junger Juden zum Christentum verwarf Herzl indes bald, sah er aller Voraussicht nach ein, dass mit einem Religionswechsel einem rassistisch charakterisierten Antisemitismus nicht beizukommen sei. Dies bezeugen Herzls Anführungen in der Einleitung seines Werkes „Der Judenstaat“ - das im Folgenden noch in den Fokus dieser Arbeit rücken wird. So schreibt er, dass die Assimilierung der Juden nur gelingen könne, wenn die Mehrheitsgesellschaft diese als „Bedürfnis“ empfinde, eine rein rechtliche Assimilation reiche hingegen nicht aus.[10] Denn die Juden haben nach Herzl „ […]überall ehrlich versucht, in der […] umgebenden Volksgemeinschaft unterzugehen […]. Man läßt es nicht zu.“[11] Und weiter führt er an: „In unseren Vaterländern, in denen wir“ - die Juden - „ja auch schon seit Jahrhunderten wohnen, werden wir als Fremdlinge ausgeschrieen [sic].“[12] Beschriebene Ablehnung der nichtjüdischen Umwelt sei damit zu erklären, dass tief im Volksgemüt alte Vorurteile gegenüber den jüdischen Mitbürgern säßen.[13] „Wer sich davon Rechenschaft geben will, braucht nur dahin zu horchen, wo das Volk sich aufrichtig und einfach äußert: das Märchen und das Sprichwort sind antisemitisch“[14], schreibt Herzl. So kommt er zum Schluss, dass man das Volk, dem seinen Befinden nach ein gewisser Antisemitismus zu eigen sei, zwar wie ein Kind erziehen könne, doch besagte Erziehung im günstigsten Fall so ungeheure Zeiträume erfordere, dass die jüdischen Staatsbürger sich[15] „[…] vorher längst auf andere Weise können geholfen haben.“[16]

3.2. Herzls Hinwendung zum Zionismus

Als es Theodor Herzl 1891 gen Paris zog, um dort als Korrespondent einer Wiener Zeitschrift zu fungieren, machte er mit der Dreyfus-Affäre 1894 diejenige Erfahrung, die zwar nicht als Ursache aber wohl als Auslöser seiner Bekehrung zum Zionismus zu deuten ist. Denn seine, wie gesehen, zum Teil außergewöhnlichen Vorschläge zur Assimilation der Juden finden seit da an keine weiteren Ausführungen mehr.

Mit der unrechtmäßigen Verurteilung des jüdischen Hauptmanns Alfred Dreyfus, der des Hochverrates bezichtigt wurde, und dem damit einhergehenden Straßen-Mob in Paris, der Renner zufolge nicht nur Dreyfus verunglimpft habe, sondern „Mort aux juifs“ gerufen habe, was soviel heißt wie: Tod den Juden, wurde Herzl klar, dass sich die Juden auf andere Weise helfen müssen als auf das Mittel der Assimilation zu setzen.[17] Der politische Zionismus, ein eigener, unabhängiger Judenstaat erschien ihm der einzig richtige Weg, die Juden aus ihrer zunehmend verschlechternden Situation zu befreien, deren Zeuge Herzl in Wien mit der Wahl Luegers, in Paris mit dem Dreyfus-Prozess war. So verfasste er das Werk „Der Judenstaat. Versuch einer modernen Lösung der Judenfrage“- dessen Einleitung in der Hausarbeit bereits konsultiert wurde -, das Mitte Februar des Jahres 1896 mit einer Auflage von 3000 Exemplaren veröffentlicht wurde.[18] Der im Jahre 1902 erschienene Roman Herzls „Altneuland“ enthält ebenfalls zionistische Vorschläge, die das Dilemmata jüdischer Existenz lösen sollten.[19] Der Inhalt beider Werke wird im folgenden Kapitel einer genaueren Analyse unterzogen und rückt somit in den Fokus dieser Arbeit.

[...]


[1] Vgl. Holdheim, Gerhard, Der politische Zionismus Werden - Wesen - Entwicklung, Schriftenreihe der Niedersächsischen Landeszentrale für Politische Bildung Probleme des Judentums - 4, Alfeld 1964, S. 7f.

[2] Ebd., S. 8.

[3] Vgl. Ebd., S. 9-12.

[4] Herzl, Theodor, Der Judenstaat. Versuch einer modernen Lösung der Judenfrage, in: ders., „Wenn ihr wollt, ist es kein Märchen“. Altneuland/Der Judenstaat.Hg. und eingeleitet von J. H. Schoeps, Kronberg 1978, S. 209.

[5] Vgl. Brenner, Michael, Geschichte des Zionismus, 3. Auflage, München 2008, S. 23.

[6] Herzl, Theodor, Tagebücher/Erstes Buch, Paris 1895, in: Gesammelte zionistische Werke In fünf Bänden, II. Band: Tagebücher I, 2. Auflage 1934, S. 5.

[7] Vgl. Rahe, Thomas, Frühzionismus und Judentum Untersuchungen zu Programmatik und historischem Kontext des frühen Zionismus bis 1897, Gesamttitel: Judentum und Umwelt, Band 21, hrsg. von Johann Maier, S. 296.

[8] Vgl. Anm. 5, S. 24f.

[9] Anm. 5, S. 7f.

[10] Vgl. Herzl, Theodor, Der Judenstaat Einleitung, Leipzig/Wien 1896 in: Gesammelte zionistische Werke In fünf Bänden, I. Band: Zionistische Schriften, 3. Auflage 1934, S. 27.

[11] Ebd., S. 26.

[12] Ebd., S. 26.

[13] Vgl. Ebd., S. 27.

[14] Ebd., S. 27.

[15] Vgl. Ebd., S. 27.

[16] Ebd., S. 27.

[17] Vgl. Anm. 5, S. 29-32.

[18] Vgl. Anm. 7, S. 297.

[19] Vgl. Avineri, Shlomo, Profile des Zionismus Die geistigen Ursprünge des Staates Israel 17 Portäts, Aus dem Engl. übersetzt, Dt. Erstausg., Gütersloh 1998, S. 111.

Ende der Leseprobe aus 22 Seiten

Details

Titel
Der politische Zionismus nach Theodor Herzl
Hochschule
Bergische Universität Wuppertal
Veranstaltung
Schlaglichter der jüdischen Geschichte
Note
1,0
Autor
Jahr
2009
Seiten
22
Katalognummer
V139116
ISBN (eBook)
9783640489435
ISBN (Buch)
9783640489312
Dateigröße
484 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Kommentar des Dozenten: Eine sehr schöne Darstellung der Anfänge des politischen Zionismus.
Schlagworte
Herzl, Zionismus, Israel, Palästina
Arbeit zitieren
Denis Köklü (Autor), 2009, Der politische Zionismus nach Theodor Herzl, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/139116

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