1.Einleitung
Unzurechnungsfähigkeit, Lebensumstände, Motiv, Mitschuld, psychische Verfassung und Schuldfähigkeit.
All dies sind Begriffe – und Fragen -, die in unserem heutigen Rechtssystem einen festen Platz haben. Dies war freilich nicht immer so.
Während Täter heute - aufgrund ihrer psychischen Verfassung oder ihrer „Lebensgeschichte“ – durchaus mit einem milderen Urteil oder gar einem Freispruch rechnen können, war es im Rechtssystem zu Schillers Zeiten üblich, dass nicht der Täter, sondern die Tat – und nur die Tat – im Zentrum der Betrachtung stand.
Diese Arbeit wird sich im Folgenden damit beschäftigen, wie Schiller in seiner Erzählung „Verbrecher aus Infamie – Eine wahre Geschichte“ aus dem Jahr 1786 versucht, eben diesen Blickwinkel zu verschieben und für den bereits Verurteilten zu sprechen.
Schiller erfindet jedoch nicht einfach die Geschichte eines Verbrechers, sondern bedient sich eines historischen Vorbildes, nämlich des „Sonnenwirtes“ Fridrich Schwan. Allerdings dient dessen Lebensgeschichte lediglich als grobes Gerüst, um das Schiller seine eigene Erzählung spinnt,
was in sofern legitim ist, da er nicht den Anspruch stellt, eine historisch korrekte Biographie zu schreiben, sondern vielmehr die Geschichte dazu nutzt, seine Kritik am herrschenden Rechtssystem und die Mängel der Gesellschaft aufzuzeigen.
Es ist nicht unwahrscheinlich, dass Schiller auch auf die Bekanntheit der Geschichte des „Sonnenwirtes“ baute, um mit seiner Botschaft eine breitere Leserschaft zu erreichen.[...]
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Die Entstehungsgeschichte
3. Die Erzählung „Verbrecher aus Infamie – Eine wahre Geschichte“
3.1 Die programmatische Vorrede
3.2 Die Lebensgeschichte des Christian Wolf:
3.3 Die elementarsten Unterschiede zwischen den Erzählungen von Schiller und Abel:
4. Schillers Kritik an der bestehenden Rechtswirklichkeit und deren Darstellung in der Rechtsliteratur der Zeit:
5. Die Rolle der Ehre und Ehrlosigkeit als treibende Kraft in Christian Wolfs Kampf um gesellschaftliche Anerkennung und ihre Mitschuld an seinem gesellschaftlichen Fall:
6. Die gesellschaftliche Mitschuld am Schicksal des Christian Wolf:
7. Die Schwachstelle in Schillers Erzählung: Christian Wolf
8. Zusammenfassung:
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit analysiert Schillers Erzählung „Verbrecher aus Infamie – Eine wahre Geschichte“ von 1786 unter der Fragestellung, wie der Autor das damalige Rechtssystem kritisiert und den Fokus von der reinen Tat auf den Täter sowie dessen Lebensumstände verschiebt.
- Kritik am rechtlichen Verständnis des 18. Jahrhunderts
- Die Funktion von Ehre und Ehrlosigkeit als Motiv und Auslöser für Kriminalität
- Die Rolle der Gesellschaft bei der Entstehung von kriminellen Biographien
- Vergleichende Analyse der historischen Vorlage von Jacob Fridrich Abel
- Die erzählerische Gestaltung als Instrument zur kritischen Reflexion des Lesers
Auszug aus dem Buch
3.1 Die programmatische Vorrede
„In der ganzen Geschichte des Menschen ist kein Kapitel unterrichtender für Herz und Geist, als die Annalen seiner Verirrungen.“3
In diesem Satz wird die Intention Schillers deutlich. Er will mit seiner Erzählung belehren.
Er verweist zu Beginn auf die Medizin, welche ihre größten Erkenntnisse aus der „Leichenöffnung“4 gezogen hat. „Die Seelenlehre, die Moral, die gesetzgebende Gewalt sollen billig diesem Beispiel folgen“5 und aus den „Sektionsberichten des Lasters“6 – wie Gefängnissen, Gerichten und Kriminalakten – ihre eigene Belehrung holen.
Schiller will damit bewirken, dass das Subjekt nicht nur über seine Tat definiert wird, sondern auch der Mensch hinter der Tat Betrachtung findet, sein seelischer Zustand auf die Urteilsfindung einwirkt.
Er will, dass der Leser „den Unglücklichen [als den sieht], der noch in eben der Stunde, wo er die Tat beging, so wie in der, wo er dafür büßet, Mensch war wie wir, für ein Geschöpf fremder Gattung […], dessen Blut anders umläuft, als das unsrige, dessen Willen anderen Regeln gehorcht, als der unsrige“7.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Einleitung stellt das Ziel dar, Schillers Kritik am Rechtssystem seiner Zeit anhand der Erzählung „Verbrecher aus Infamie“ zu beleuchten und den Fokus auf den Täter statt auf die reine Tat zu lenken.
2. Die Entstehungsgeschichte: Dieses Kapitel beleuchtet das Verhältnis zwischen Schiller und seinem ehemaligen Lehrer Abel sowie die verschiedenen Publikationsstadien der Erzählung.
3. Die Erzählung „Verbrecher aus Infamie – Eine wahre Geschichte“: Dieser Abschnitt unterteilt das Werk in die Vorrede, die Lebensgeschichte von Christian Wolf und einen Vergleich mit der Erzählung von Abel.
3.1 Die programmatische Vorrede: Hier wird Schillers Absicht analysiert, durch seine Erzählung als „Leichenöffnung des Lasters“ zu belehren und den Leser zur Miturteilsschaft zu bewegen.
3.2 Die Lebensgeschichte des Christian Wolf: Das Kapitel zeichnet den sozialen Abstieg von Wolf nach, der von Armut, Äußerlichkeiten und gesellschaftlicher Ablehnung in die Kriminalität getrieben wird.
3.3 Die elementarsten Unterschiede zwischen den Erzählungen von Schiller und Abel: Es werden die Unterschiede in der Namensgebung, den Charakteranlagen und dem Verlauf der Verbrecherkarrieren zwischen den beiden Autoren gegenübergestellt.
4. Schillers Kritik an der bestehenden Rechtswirklichkeit und deren Darstellung in der Rechtsliteratur der Zeit: Hier wird erläutert, wie Schiller das damalige, auf Abschreckung und Enthumanisierung ausgerichtete Rechtssystem kritisiert.
5. Die Rolle der Ehre und Ehrlosigkeit als treibende Kraft in Christian Wolfs Kampf um gesellschaftliche Anerkennung und ihre Mitschuld an seinem gesellschaftlichen Fall: Dieses Kapitel zeigt, dass der Verlust der Ehre und das Bestreben nach gesellschaftlicher Anerkennung zentrale Triebfedern für das Handeln des Protagonisten sind.
6. Die gesellschaftliche Mitschuld am Schicksal des Christian Wolf: Der Autor untersucht, wie konkrete gesellschaftliche Ausgrenzungsmechanismen Wolfs Weg in das Verbrechertum maßgeblich beeinflusst haben.
7. Die Schwachstelle in Schillers Erzählung: Christian Wolf: Hier werden Momente analysiert, in denen Wolfs eigenes überhöhtes Selbstbild als Kontrast zum Bild des tragischen Opfers fungiert.
8. Zusammenfassung: Die Zusammenfassung rekapituliert Schillers Anliegen, den Leser zu einem differenzierteren Rechtsbewusstsein zu erziehen, indem er die Ursachen einer Tat in den Vordergrund stellt.
Schlüsselwörter
Friedrich Schiller, Verbrecher aus Infamie, Rechtsgeschichte, Aufklärung, Kriminalerzählung, Ehre, Christian Wolf, Strafrecht, Gesellschaftskritik, Leichenöffnung des Lasters, 18. Jahrhundert, Jacob Fridrich Abel, Sonnenwirt, menschliches Versagen, Gerechtigkeit.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der Arbeit im Kern?
Die Arbeit untersucht Schillers Erzählung „Verbrecher aus Infamie“ als literarische Reaktion auf das Rechtssystem des 18. Jahrhunderts, das den Täter und seine psychische Verfassung weitgehend ignorierte.
Welche Themenfelder stehen im Zentrum der Analyse?
Zentrale Themen sind das Rechtsbewusstsein der Zeit, die Bedeutung der Ehre, gesellschaftliche Mitschuld an kriminellen Karrieren und der erzählerische Vergleich mit Jacob Fridrich Abels historischer Aufarbeitung.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Ziel ist es aufzuzeigen, wie Schiller durch die Konstruktion seines Protagonisten den Leser dazu bringt, das starre Rechtssystem kritisch zu hinterfragen und den Menschen hinter der Tat zu sehen.
Welche wissenschaftliche Methode kommt zur Anwendung?
Es handelt sich um eine literaturwissenschaftliche Analyse, die den Primärtext Schillers mit zeitgenössischen Rechtsrelationen und der historischen Lebensgeschichte des „Sonnenwirtes“ von Abel vergleicht.
Was umfasst der Hauptteil der Arbeit?
Der Hauptteil gliedert sich in eine Untersuchung der programmatischen Vorrede, eine Analyse der Lebensgeschichte Christian Wolfs, den Vergleich mit der historischen Vorlage und die Erörterung gesellschaftlicher sowie rechtlicher Kritikpunkte.
Durch welche Schlüsselwörter lässt sich die Arbeit am besten charakterisieren?
Wichtige Begriffe sind Rechtskritik, Aufklärung, Ehre, Kriminalerzählung und gesellschaftliche Ausgrenzung.
Wie unterscheidet sich Schillers Darstellung von der historischen Realität laut Abel?
Schiller konstruiert einen Außenseiter, der durch Armut und Ausgrenzung zum Täter wird, während Abel bei seiner Vorlage Fridrich Schwan eher eine kriminelle Eigendynamik und bewusste Entscheidung für das Verbrechen betont.
Warum ist die „Strafe der Infamie“ für Schiller ein zentrales Problem?
Schiller zeigt, dass diese Strafe die Rückkehr in die Gesellschaft unmöglich macht und die Betroffenen zwangsläufig in die Kriminalität zurücktreibt, anstatt sie zu bessern.
- Arbeit zitieren
- Tobias Pagel (Autor:in), 2009, Anwalt der Verteidigung, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/139131