Diese Arbeit befasst sich mit ambivalenten Gefühlen in der Mutterschaft, einem emotionalen Zustand, der im vorherrschenden Mutterbild als nicht akzeptabel gilt. Der theoretische Rahmen, Arlie Russell Hochschilds Konzept der "feeling rules", soll dabei um eine körpersoziologische Einbettung ergänzt werden. Emotionen werden als untrennbarer Teil des Körpers und der körperlichen Erfahrung betrachtet. Das Ziel ist es dabei, mütterliche Ambivalenz als gesellschaftlich hergestellte Abweichung von geltenden Gefühlsregeln zu rekonstruieren und dabei die Frage zu stellen, inwiefern der Körper bei der Konstruktion des "Muttermythos" sowie bei der emotionalen Regulierung durch Gefühlsregeln eine Rolle spielt und was für Konsequenzen daraus erwachsen.
Mutterschaft ist ein normativ und ideologisch höchstaufgeladenes Thema. Sie ist Objekt zahlreicher Erwartungen und Anforderungen, nahezu alle Aspekte der Mutterschaft unterliegen gesellschaftlichen Zugriffen. Neben der allgemeingültigen Norm, Frauen haben Kinder bekommen zu wollen, wird von Müttern erwartet, der Mutterschaft und ihren Kindern gegenüber durchweg positive Gefühle entgegenzubringen. Die gesellschaftlichen Zugriffe, denen Mütter ausgesetzt sind, sind dabei nicht nur ideologischer Art. Die Schwangerschaft, die Geburt, das Stillen sowie jede weitere Sorgeleistung, die im Sinne des Kindes erbracht wird involviert, beansprucht, ja setzt den Körper der Mutter voraus.
Angesichts dieser unverkennbaren Körperlichkeit der Mutterschaft wirken die gesellschaftlich vermittelten Einflüsse entsprechend auf einer körperlichen und damit gleichsam auf einer emotionalen Ebene. Die Mutterschaft sowie der mütterliche Körper sind stets emotional durchsetzt: Es geht um den liebevollen Umgang mit dem Kind, das zärtliche Umsorgen, die fürsorgliche Unterstützung und die erfüllende Mutterschaftserfahrung. Emotionen nehmen jedoch zeitweise variable und komplexe Formen an, die der emotionalen Einseitigkeit, in der Mutterschaft stilisiert wird, nicht immer entsprechen.
Inhaltsübersicht
1. Einführung
2. Die gesellschaftliche Konstruktion von Mutterschaft
2.1 Mütterliche Gefühlswelten
3. Emotionen und Gefühlsregeln
4. Ambivalente Gefühle in der Mutterschaft
5. Fazit
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht mütterliche Ambivalenz unter körpersoziologischen Gesichtspunkten, um aufzuzeigen, wie gesellschaftlich konstruierte Gefühlsregeln das Ideal der "idealen Mutter" aufrechterhalten und negative Emotionen pathologisieren. Dabei steht die Frage im Zentrum, inwiefern der mütterliche Körper in diese emotionssoziologische Dynamik involviert ist und welche Rolle er bei der Regulierung und Konstruktion des sogenannten "Muttermythos" spielt.
- Soziale und historische Konstruktion von Mutterschaft
- Die Rolle des Körpers bei der Legitimierung von Mutterbildern
- Erläuterung des Konzepts der "Gefühlsregeln" nach Arlie R. Hochschild
- Analytische Auseinandersetzung mit mütterlicher Ambivalenz
- Kritik an der Pathologisierung negativer mütterlicher Gefühle
Auszug aus dem Buch
3. Emotionen und Gefühlsregeln
Eine Betrachtung des theoretischen Konzepts der Gefühlsregeln erfordert zunächst eine Annäherung daran, was diese Regeln zu regulieren suchen. Die Begriffe Gefühle und Emotionen, die Hochschild entlang ihrer körperlich spürbaren Intensität unterscheidet (vgl. Hochschild 1990, 118 f.), werden dabei im Folgenden synonym verwendet, da deren Trennung für die vorliegende Arbeit nicht von Relevanz ist. Hochschild differenziert innerhalb der Sozialwissenschaften unterschiedliche Perspektiven auf Emotionen (vgl. ebd., 119) und legt dabei ihrer eigenen Arbeit ein interaktionistisches Verständnis zugrunde. Darin werden sowohl die körperliche als auch die soziale, intersubjektive Ebene aufgenommen, die das Erleben und Bewerten von Emotionen gemeinsam strukturieren:
„biological factors enter in – there are nerves, hormones, and neurotransmitters – without these we would feel no emotion, just as without eyes we would not see. But social forces have given shape to the biological, have turned it into a strip of experience with a name, a history, a meaning, and a consequence of a certain sort.“ (ebd., 120)
Der Körper ist Voraussetzung und Träger von Emotionen, diese werden jedoch durch soziale Faktoren erst zu dem Phänomen geformt, welches identifiziert, benannt und als eben solches samt seinen Konsequenzen interpretiert und erlebt werden kann. Emotionen sind somit Ausdruck gesellschaftlicher Körperzugriffe und sozial vermittelter Formungsprozesse des Körpers. Laut Hochschild erfüllen Emotionen stets eine Hinweisfunktion, indem sie, ähnlich der körperlichen Sinneswahrnehmung, Informationen vermitteln (vgl. ebd., 119).
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einführung: Das Kapitel führt in das normativ hochaufgeladene Thema der Mutterschaft ein und formuliert das Ziel der Arbeit, mütterliche Ambivalenz als gesellschaftlich hergestellte Abweichung von Gefühlsregeln zu dekonstruieren.
2. Die gesellschaftliche Konstruktion von Mutterschaft: Es wird dargelegt, dass Mutterschaft historisch und kulturell kontingent ist, dennoch aber durch Naturalisierungsbemühungen als „Essenz von Weiblichkeit“ stilisiert wird, wobei der Mutterkörper als Legitimationsgrundlage dient.
2.1 Mütterliche Gefühlswelten: Dieser Abschnitt thematisiert die steigenden Anforderungen an die emotionale Zuwendung von Müttern ab den 1950er Jahren und die damit verbundene Etablierung eines Ideals, das negative Gefühle ausschließt.
3. Emotionen und Gefühlsregeln: Hier wird Arlie Hochschilds interaktionistische Emotionstheorie vorgestellt, die Emotionen als soziale Prozesse begreift, die durch "Gefühlsregeln" im Hinblick auf Angemessenheit und Intensität reguliert werden.
4. Ambivalente Gefühle in der Mutterschaft: Das Kapitel analysiert, wie das Verbot negativer Gefühle bei Müttern zu Schuldgefühlen und Stigmatisierung führt, und diskutiert mütterliche Ambivalenz jenseits von Pathologisierung.
5. Fazit: Die Arbeit resümiert, dass der Körper als Instrument zur Stabilisierung des Muttermythos dient, und fordert eine stärkere Einbeziehung körpersoziologischer Perspektiven zur Dekonstruktion von Mutterschaftsnormen.
Schlüsselwörter
Mutterschaft, Muttermythos, Gefühlsregeln, Arlie R. Hochschild, Körpersoziologie, emotionale Devianz, mütterliche Ambivalenz, Sozialisation, Geschlechterrollen, Gefühlsarbeit, emotionale Regulation, Mutterschaftsideal, Mutter-Kind-Beziehung, Reproduktion, Identität.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Seminararbeit im Kern?
Die Arbeit analysiert die gesellschaftlichen Erwartungen an Mütter und untersucht, wie sogenannte Gefühlsregeln ein positives Mutterbild erzwingen, das keinen Raum für ambivalente Emotionen lässt.
Welche zentralen Themenfelder werden bearbeitet?
Die zentralen Themen sind die historische Konstruktion von Mutterschaft, die körpersoziologische Einbettung mütterlicher Emotionen sowie die gesellschaftlichen Sanktionen bei Abweichungen von der Norm.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Das Ziel ist es, mütterliche Ambivalenz nicht als individuelles Versagen, sondern als gesellschaftlich konstruierte Abweichung von Gefühlsregeln zu dekonstruieren und die Rolle des Körpers in diesem Prozess aufzuzeigen.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit nutzt eine diskursanalytische Perspektive in Kombination mit der emotionssoziologischen Theorie von Arlie Russell Hochschild und ergänzt diese durch körpersoziologische Ansätze.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Untersuchung historischer Mutterbilder, die Erläuterung des Konzepts der Gefühlsregeln und die Analyse von Ambivalenzerfahrungen im Kontext der Mutterschaft.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit wird maßgeblich durch Begriffe wie Muttermythos, Gefühlsregeln, mütterliche Ambivalenz, Körpersoziologie und emotionale Devianz charakterisiert.
Warum spielt der Körper laut der Arbeit eine so zentrale Rolle?
Der Körper dient als "natürliche" Legitimationsgrundlage für die Mutterschaftserwartungen. Zugleich ist er jedoch Träger der Emotionen, die erst durch soziale Prozesse geformt werden.
Wie bewertet die Autorin die Pathologisierung von Ambivalenz?
Sie kritisiert, dass ambivalente Gefühle von Müttern häufig als defizitär oder krankhaft stigmatisiert werden, anstatt sie als unvermeidlichen Teil einer komplexen Lebensrealität anzuerkennen.
Welche Rolle spielt die Zeitgeschichte für das Mutterbild?
Die Arbeit zeigt auf, dass sich die Anforderungen an Mütter stetig gewandelt haben, insbesondere durch die Psychologisierung der Beziehung ab den 1950er Jahren, welche die Erwartung an eine permanente glückliche Verfügbarkeit verstärkte.
- Arbeit zitieren
- Anonym (Autor:in), 2022, Eine körpersoziologische Auslegung des emotionssoziologischen Konzepts der Gefühlsregeln von Arlie R. Hochschild. Anhand des Beispiels mütterlicher Ambivalenz, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1391369