In dieser Arbeit soll die Geschlechterkonstruktion des Erzieher:innenberufs genauer betrachtet werden. In aller Regel werden Frauenberufe als besonders haushaltsnahe oder feminine Tätigkeiten charakterisiert, wobei auf traditionelle Geschlechterbilder aus dem Bürgertum zurückgegriffen wird, nach denen Frauen für Sorge- und Hausarbeit zuständig seien.
Angesichts gewandelter Geschlechternormen ist dies eine heute kaum mehr plausible Einstellung, die jedoch strukturell sowohl in persönlichen Sphären der häuslichen Arbeitsteilung als auch gesellschaftlich übergreifend weiterhin Bestand hat. So verlaufen Differenzierung und Aufrechterhaltung von Männer- und Frauenberufen weiterhin entlang traditioneller Zuschreibungen von Tätigkeiten, Fähigkeiten, Orientierungen oder Interessen als inhärent ‚weiblich‘ oder ‚männlich‘.
Insbesondere vor dem Hintergrund der um 2010 erstarkten Debatte um mehr Männer in Kindertagesstätten – und des trotz millionenstarker Projekte und Maßnahmen immer noch sehr geringen Anteils männlicher Erzieher – lohnt sich ein Blick auf die Art und Weise, in der die Arbeit im Kindergarten historisch als Frauenarbeit geprägt wurde. Ausgehend von der Rekonstruktion
dieser Prägung soll die Forderung nach mehr Männern in Kindertagesstätten als moderner Umdeutungsversuch des Frauenberufs Erzieher:in betrachtet werden.
Auf einen einleitenden Abriss über die Entstehung der bürgerlichen Form geschlechtlicher Arbeitsteilung hin werden im Folgenden zunächst Wetterers Ausarbeitungen zur Geschlechterkonstruktion von Berufsarbeit vorgestellt. Nach einer konzisen Darstellung der historischen Entwicklung des Erzieher:innenberufs sowie der Institution Kindergarten in Deutschland gilt es, diese mittels der zuvor geschilderten Grundbegriffe und Zusammenhänge zu analysieren.
Daraufhin wird die Debatte um mehr männliche Erzieher in Form eines kurzen Überblicks über verschiedene Argumentationslinien und sozialpolitische Projekte aufgegriffen und zu den bisherigen Erörterungen in Beziehung gesetzt, sodass sie als Umdeutungsversuch der Geschlechterkonstruktion des Erzieherinnenberufs hinsichtlich ihres Erfolgs bzw. ihrer Probleme diskutiert werden kann. Ein abschließendes Fazit versucht schließlich, die erarbeiteten Inhalte zusammenzufassen
und einen produktiven Ausblick herauszuarbeiten.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Die Geschlechterkonstruktion von Berufsarbeit
2.1 Geschlechtliche Arbeitsteilung
2.2. Geschlechterkonstruktion von Berufen nach Angelika Wetterer
3. Der Frauenberuf Erzieher:in
3.1. Historische Entwicklung von Erzieher:innenberuf und Kindergarten
3.2. Die Geschlechterkonstruktion des Erzieher:innenberufs
4. Vom Frauenberuf zur Geschlechterparität? „Mehr Männer in Kitas“
5. Fazit und Ausblick
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht historisch und soziologisch, wie der Erzieher:innenberuf als „Frauenberuf“ konstruiert wurde, und analysiert, warum Versuche, diesen Status durch die Forderung nach mehr männlichem Personal aufzubrechen, bislang nur mäßig erfolgreich sind.
- Historische Genese der geschlechtlichen Arbeitsteilung und deren Einfluss auf Berufsentscheidungen
- Die soziologische Theorie der Berufskonstruktion nach Angelika Wetterer
- Analyse der Debatte um „Mehr Männer in Kitas“ als Strategie der Umdeutung
- Identifikation von Hemmnissen für eine erfolgreiche Desegregation des Berufsfeldes
Auszug aus dem Buch
3.2. Die Geschlechterkonstruktion des Erzieher:innenberufs
Die aufgezeigte Entwicklung verdeutlicht den Prozess der Geschlechterkonstruktion des Erzieher:innenberufs als Frauenberuf in seinem historischen Ablauf. „Die soziale Konstruktion der Geschlechtszugehörigkeit eines neu entstehenden Berufs ist [...] ein Prozess, der eingebunden ist in einen Prozess der Berufskonstruktion, in dem unterschiedliche Gruppen ihren Anspruch auf ein Berufsfeld durchzusetzen suchen“ (Wetterer 2002: 97). Die dominante Gruppe im Fall der Konstruktion des Erzieher:innenberufs war die bürgerliche Frauenbewegung des 19. Jahrhunderts: So wurde die bereits von Fröbel entwickelte Idee der Kindergärtnerin als weibliche, vor allem aber einer beruflichen Ausbildung bedürftige Tätigkeit von Frauen innerhalb der organisierten und ressourcenstarken Strukturen der Frauenbewegung aufgegriffen.
Auf der von Wetterer herausgearbeiteten diskursiven Ebene verwendete die Frauenbewegung das Konzept der geistigen Mütterlichkeit, dem „Inbegriff der erzieherischen, hegenden und pflegenden Potenzen der Frau“ (Sachße 1994: 102), als Beweis für ihre ‚natürliche‘ Eignung für die erzieherische Tätigkeit und stützte somit ihren erhobenen Anspruch auf den Beruf der Kindergärtnerin. Dieses Argument war insbesondere aufgrund der seinerzeit nahezu unhinterfragten Naturhaftigkeit geschlechtlicher Zuschreibungen und Rollenverteilung so erfolgreich: „[D]ie Instrumentalisierung von Geschlecht zum Zwecke der Durchsetzung beruflicher Ziele ‚lebt‘ und zehrt von der Vorannahme, damit auf eine zwar auslegungsfähige, aber letztlich doch gerade nicht fragliche ‚natürliche‘ Ressource der Begründung und Legitimation sozialer Unterscheidungen Bezug zu nehmen“ (Wetterer 2002: 102).
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Einleitung führt in das Berufsfeld der Erzieher:innen ein und thematisiert dessen historische Prägung als „Frauenberuf“ sowie die aktuelle Debatte um den Fachkräftemangel und die Forderung nach mehr Männern.
2. Die Geschlechterkonstruktion von Berufsarbeit: Dieses Kapitel erläutert die bürgerliche Arbeitsteilung und stellt Angelika Wetterers theoretisches Modell vor, wonach Berufe nicht aufgrund inhärenter Kompetenzen, sondern durch diskursive Machtkämpfe geschlechtlich zugeordnet werden.
3. Der Frauenberuf Erzieher:in: Hier wird die historische Etablierung des Kindergartens und die Rolle der bürgerlichen Frauenbewegung analysiert, welche den Beruf durch das Konzept der „geistigen Mütterlichkeit“ für Frauen reklamierte.
4. Vom Frauenberuf zur Geschlechterparität? „Mehr Männer in Kitas“: Das Kapitel befasst sich mit den modernen Versuchen, durch die Anwerbung von Männern den Status als Frauenberuf aufzulösen, und analysiert die dabei auftretenden widersprüchlichen Argumentationsmuster.
5. Fazit und Ausblick: Das Fazit fasst zusammen, dass die bisherige Debatte oft an den zugrunde liegenden Konstruktionsprozessen scheitert und plädiert für eine Dekonstruktion der traditionellen Fehlwahrnehmungen.
Schlüsselwörter
Berufskonstruktion, Erzieher:innenberuf, Geschlechtliche Arbeitsteilung, Angelika Wetterer, Frauenberuf, Männer in Kitas, Mütterlichkeit, Geschlechterkonstruktion, Sozialpädagogik, Reformpädagogik, Fachkräftemangel, Desegregation, Care-Arbeit, Sozialarbeit, Geschlechterdifferenz.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert die soziologischen Hintergründe, warum der Erzieher:innenberuf historisch als Frauenberuf definiert wurde und warum aktuelle Bemühungen, den Männeranteil zu erhöhen, auf Schwierigkeiten stoßen.
Welche zentralen Themenfelder werden behandelt?
Die zentralen Felder sind die historische Entwicklung der geschlechtlichen Arbeitsteilung, soziologische Theorien zur Berufskonstruktion und die aktuelle öffentliche Debatte um „Mehr Männer in Kitas“.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist es, die Prozesse der „Geschlechter(um)konstruktion“ zu verstehen und darzulegen, warum einfache Forderungen nach mehr Männern oft nicht zur gewünschten Auflösung der Geschlechtergrenzen führen.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit basiert auf einer theoretischen Aufarbeitung soziologischer Fachliteratur, insbesondere der Ansätze von Angelika Wetterer, kombiniert mit einer historischen Diskursanalyse.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die theoretische Fundierung durch Wetterer, die historische Genese des Erzieher:innenberufs durch die bürgerliche Frauenbewegung und die Auseinandersetzung mit modernen sozialpolitischen Projekten.
Welche Schlüsselbegriffe charakterisieren die Arbeit?
Wesentliche Begriffe sind Berufskonstruktion, geschlechtliche Arbeitsteilung, Mütterlichkeit, Desegregation und das Konzept der „Ent-geschlechtlichung“.
Warum ist das Argument der „natürlichen Eignung“ problematisch?
Wie die Autorin anhand von Wetterer darlegt, ist dieses Argument eine bloße diskursive Strategie, die eigentlich erst erzeugt, was sie zu rechtfertigen vorgibt, und somit tief in der sozialen Konstruktion verwurzelt ist.
Welche Rolle spielt die bürgerliche Frauenbewegung?
Sie nutzte das Konzept der „geistigen Mütterlichkeit“, um Frauen als professionelle Akteure außerhalb der Familie zu etablieren, zementierte damit aber gleichzeitig die Einordnung des Erzieher:innenberufs als „weiblich“.
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- Anonym (Autor:in), 2023, Geschlechterkonstruktion des Erzieher:innenberufs. Umdeutungsversuch durch die Forderung nach mehr männlichen Erziehern, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1391374