Die Selbstdarstellung Erich Honeckers in verschiedenen Phasen seines Lebens


Seminararbeit, 2002
22 Seiten, Note: 1,0

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einführung
1.1 Problemstellung
1.2 Forschungslage
1.3 Aufbau der Arbeit

2. „Aus meinem Leben“:
Selbstdarstellung auf dem Höhepunkt der Macht
2.1 Autobiographie oder politischer Rechenschaftsbericht?
2.2 „Arbeiter bin ich“ – Einschätzung der politischen Persönlichkeit
2.3 „Arbeiter unter Arbeitern“ – Politikverständnis
2.4 „Ich sah meine Aufgaben...“ – Die Kollektivität der Führung
2.5 „Die millionste Wohnung“ – Entscheidungsprozeß im Beispiel

3. „Der Sturz“. Selbstdarstellung nach der Niederlage
3.1 Entstehungsbedingungen
3.2 „Ich war talentiert“ – Darstellung der Persönlichkeit
3.3 „Gleicher unter Gleichen“ – Die Kollektivität der Führung
3.4 „Ich werde das befürworten“
– Eigene Möglichkeiten und Unmöglichkeiten

4. Zusammenfassender Vergleich von „Aus meinem Leben“ und „Der Sturz“

5. Objektivierung der Honeckerschen Selbstdarstellung

6. Zusammenfassung

Anhang: Literaturverzeichnis

1. Einführung

1.1 Problemstellung

Schon die wiederholte vollständige Nennung aller Amtsbezeichnungen könnte einer Seminar-Arbeit zum Thema „Erich Honecker“ quantitativ Substanz verleihen. Über 18 Jahre war Honecker führender Mann der Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands, er wirkte von 1971 an als 1. Sekretär des Zentralkomitees dieser Partei, ab 1976 als Generalsekretär. Er war Mitglied des Politbüros und von 1976 an auch Vorsitzender des Staatsrates der Deutschen Demokratischen Republik. Hinzu kam die Arbeit als Sekretär der Sicherheitskommission des Zentralkomitees und als Vorsitzender des Nationalen Verteidigungsrates der DDR. Zudem war Honecker Abgeordneter der Volkskammer. Er war also ein mächtiger Mann, der Primus in der DDR, dessen vormalige Macht-Position nach seinem Sturz 1989 und dem Zerfall der DDR unzählige und zum Teil umfangreiche Aufarbeitungen von Leistungen und Verfehlungen erforderte. Schon zu DDR-Zeiten kursierten darüber hinaus zahlreiche Witze, die sich mit Honeckers Betriebsblindheit gegenüber Fehlern im real-sozialistischen System oder mit dem zu beobachtenden Personenkult beschäftigten (vgl. Eberle, S. 109ff.).

Honecker war (und ist) ein Ziel von politikwissenschaftlichen Darstellungen, Zeitungsartikeln und Witzen gleichermaßen, die sich mit der Aufdeckung seiner Persönlichkeitsstruktur befaßten. Doch wie sah dieser Mann sich selbst?

Honecker, der am 29. Mai 1994 starb, hat den Nachlaß-Verwaltern einiges an „autobiographischen“ Schriften hinterlassen. Auf dem Höhepunkt seiner Macht in der DDR ließ er 1980 die Biographie „Aus meinem Leben“ veröffentlichen. Nach seiner Entmachtung stand er zwei Journalisten ausführlich Rede und Antwort, was zum Interview-Band „Der Sturz“ führte. Diese Arbeit soll der Frage nachgehen, wie Erich Honecker sich in diesen beiden Büchern selbst darstellte. Wie sah er zu den sehr unterschiedlichen Zeitpunkten seiner Karriere seine Persönlichkeit, seinen Führungsstil und die Möglichkeiten der Politikgestaltung in der DDR?

1.2 Forschungslage

Momentan existiert keine umfassende Darstellung der Biographie Erich Honeckers, die politikwissenschaftlichen Ansprüchen gerecht werden kann. Die vorhandenen umfassen wie bei Lipp­mann (1971) entweder nur einen Teil des Honeckerschen Lebens oder verbleiben auf der Ebene der ausführlichen Darstellung seiner Lebensstationen. Diesbezüglich sticht insbesondere Lorenzen heraus, der zur recht platten Einschätzung kommt, Honecker sei „zu einem Sinnbild des kommunistischen Funktionärs geworden [...] – ein zu hoch gestiegener Apparatschik“ (Lorenzen 2001, S. 9), auch wenn er anschließend versucht, diesen Ein­druck zu revidieren. Eine Ausnahme bildet Eberle (2000), der Honeckers Biographie vollkommen überblicken kann und sich auch in der Darstellung der Honeckerschen „Herrschaftstechnik“ versucht (vgl. Eberle 2000, S. 182ff.).

Andere Arbeiten beschäftigen sich zumeist mit Einzelheiten von Honeckers Politik. Ammer (1994) zum Beispiel beleuchtet die „Strukturen der Macht“ und untersucht dabei insbesondere die Rolle der Funktionäre in der DDR. Kaminsky (1999) versucht, die Konsumpolitik in der DDR zu erfassen. Gibas (1999) erklärt, wie die „marxistisch-leninistische Ideologie als Sinnstiftungsangebot“ (Gibas 1999, S. 23) für die Werktätigen in der DDR wirksam werden sollte. Schaefgen (1995) beschreibt den Ablauf des bundesdeutschen Prozesses gegen Honecker 1992, der den politischen Anspruch auf Aufarbeitung aus juristischen Gründen nicht erfüllen konnte.

Sucht man nach Arbeiten, die sich mit Honeckers Führungsstil beschäftigen, wird man vor allem auf zahlreiche Zeitzeugen-Dokumente verwiesen. Honeckers persönlicher Mitarbeiter Frank-Joachim Herrmann zeichnet ihn als eine Person, die sich im Politbüro langsam „vom ‚Primus inter pares‘ zum ‚Ersten über Gleichen‘“ (Herrmann 1996, S. 28) verwandelte. Darstellungen der Arbeitsweise des ZK der SED oder des Politbüros sind auch von Egon Krenz (1999), Günter Schabowski (1991) und einigen anderen erhältlich. Für diese Arbeit werden jedoch vornehmlich die Aussagen ehemaliger SED-Größen vor einer Enquete-Kommission des Deutschen Bundestages verwendet (Enquete-Kommission 1995).

Ausführliche Untersuchungen über die Darstellungsweise politischer Verantwortung durch den (Haupt-)Verantwortlichen selbst, also Erich Honecker, liegen noch nicht vor.

1.3 Aufbau der Arbeit

Die Arbeit folgt der Chronologie der Geschichte. Zunächst wird Honeckers Selbstdarstellung auf dem Höhepunkt seiner Macht in der DDR, die vorgebliche Autobiographie „Aus meinem Leben“ untersucht (Kapitel 2). Dabei wird zunächst zu klären sein, um welche Textsorte es sich bei diesem Dokument handelt und wie sich dies auf Inhalt und Ausdrucksweise auswirkt (2.1). In den folgenden Abschnitten werden die Darstellungen der eigenen Persönlichkeit durch Honecker (2.2) und seines Politikverständnisses (2.3) beleuchtet. Dem folgt die Untersuchung, wie Honecker die Entscheidungsfindung im Politbüro darstellt – im Allgemeinen (2.4) und im Besonderen am Beispiel „Wohnungsbauprogramm“ (2.5).

Das dritte Kapitel widmet sich der Selbstdarstellung Honeckers im Interview-Band „Der Sturz“ nach dem Verlust der Macht. Hier sind zunächst erneut die Entstehungsbedingungen des Dokuments und deren Auswirkungen zu hinterfragen (3.1). Anschließend wird die Honeckersche Selbstdarstellung der eigenen Persönlichkeit (3.2) sowie seiner Möglichkeiten der Führung (3.3 und 3.4) untersucht.

Das vierte Kapitel widmet sich dem Vergleich der beiden untersuchten Dokumente. Hierbei haben vor allem die Unterschiede eine Rolle zu spielen, die sich aus den verschiedenen Lebenssituationen des gemeinsamen Urhebers ergeben.

Im fünften Kapitel sollen die Honeckerschen Darstellungen objektiviert werden. Insbesondere die Frage nach der Kollektivität der Führung wird hier durch die Aussagen weiterer Politbüro-Mitglieder in ein anderes Licht gestellt werden.

Das sechste Kapitel hat zusammenfassenden und abschließenden Charakter.

2. „Aus meinem Leben“: Selbstdarstellung auf dem Höhepunkt der Macht

2.1 Autobiographie oder politischer Rechenschaftsbericht?

„Auf Wunsch des Herausgebers der Reihe ‚LEADERS OF THE WORLD‘, Präsident Robert Maxwell, hat der Generalsekretär des Zentralkomitees der Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands und Vorsitzende des Staatsrates der Deutschen Demokratischen Republik, Erich Honecker, für den anglo-amerikanischen Verlag PERGAMON PRESS LTD., Oxford, eine Autobiographie geschrieben“ (Honecker 1981, S. IX) heißt es in einer „Vorbemerkung“ des (Ost-)Berliner Dietz-Verlages zur Ausgabe von „Aus meinem Leben“ für die DDR. Damit sind wesentliche Punkte zur Entstehung der fast 500 Seiten umfassenden Autobiographie des obersten Staats- und Parteiführers der DDR bereits genannt. Die erste Auflage erschien 1980, als Entstehungszeit dürfen damit die späten siebziger Jahre angenommen werden. Daß Honecker das Buch nicht vollkommen allein schrieb, ist bekannt. Geleitet wurde das Projekt Honecker-Biographie von Kurt Hager. Als einer der Ghost-Writer gilt unter anderem Honeckers langjähriger Mitarbeiter Frank-Joachim Herrmann, der entsprechendes etwa im Interview-Band „Der Sekretär des Generalsekretärs“ auch nicht dementiert (vgl. Herrmann, S. 120).

Gleich zu Beginn muß gesagt werden, daß es sich nicht um eine Biographie im eigentlichen Sinne handelt, also die chronologische Abhandlung der Lebensstationen eines Mannes, der aus proletarischem Elternhaus in die Führungspositionen eines Staates und vor allem in die der bestimmenden politischen Partei hineinwächst. Denn persönliche Bekenntnisse finden sich nur spärlich. Zwar wird der Aufstieg zum Partei- und Staatsführer ausführlich verdeutlicht, Hinweise auf die Person Erich Honecker, wie sie außerhalb des politischen Sektors war, muß man aber aufmerksam suchen. Seine beiden Töchter Sonja und Erika etwa erscheinen lediglich als Beispiele, wie sozialistische Bildungspolitik der „Jugend neue Horizonte“ erschließt (vgl. Honecker 1981, S. 235). Seine sportlichen Präferenzen bekennt Honecker im Kapitel über die Sportpolitik der DDR: „Auch heute noch liebe ich das Geräteturnen. Allerdings komme ich über tägliche Freiübungen kaum hinaus. Gern gehe ich auf die Jagd“ (Honecker 1981, S. 227) In seiner Jugend war er „kein ‚Heiliger‘, nie ein ‚Kind von Traurigkeit‘. Habe auch damals gern ein Bier getrunken [...]“ (Honecker 1981, S. 25). Die Neigung zum „zünftigen Skat“ wird trotzdem im Bericht zum zweiten Studienaufenthalt in der Sowjetunion versteckt (vgl. Honecker 1981, S. 189). Herrmann erklärt diesen Mangel an Privatheit: „Er erweckte in diesem Zusammenhang schon den Eindruck, daß er nach Einzelheiten nicht gefragt werden wollte“ (Herr­mann, S. 120). Dieser Mangel an Persönlichem läßt sich bis in den Bereich der verwendeten Sprache hinein verfolgen. Bergmann stellt fest, daß Honecker in seiner Autobiographie dieselbe Sprache gebraucht, „mit der er vor Funktionären spricht“ (Bergmann, S. 21). Die Sprache ist „gekennzeichnet durch Schematisierung im Satzbau und durch Stereotypie im Wortschatz“ (Bergmann 1999, S. 20).

Statt privater Offenbarungen dominieren so über weite Strecken politische Analysen bzw. vor allem im zweiten Teil die Rechenschaftslegung über 30 Jahre DDR und das dort Erreichte - die Auto-Biographie sollte sowohl nach außen, insbesondere natürlich ins nicht-sozialistische Ausland, als auch nach innen wirken. Dies kann dieser Arbeit aber nicht abträglich sein, da es hier hauptsächlich um die Honeckersche Darstellung seiner Führungsarbeit und seines Politikstils gehen soll.

2.2 „Arbeiter bin ich“ - Einschätzung der politischen Persönlichkeit

Honecker benennt schon in einem der Anfangskapitel seiner Auto-Biographie die Gründe für seine Karriere:

Wer die damaligen Verhältnisse kennt, der könnte annehmen, mein ‚schneller Aufstieg‘ als politischer Funktionär sei auf einen besonderen persönlichen Ehrgeiz zurückzuführen. In Wirklichkeit ergab sich diese Entwicklung aus der politischen Arbeit selbst. Ich war ihr schon früh mit Herz und Verstand ergeben, hatte klare politische Zielvorstellungen und setzte mich aktiv für unsere Sache ein – für die Sache der Arbeiterklasse und des ganzen werktätigen Volkes. Hinzu kamen offenbar auch eine gewisse Begabung für politische Arbeit, Lernbereitschaft, Zielstrebigkeit, eine disziplinierte Lebensführung und die Fähigkeit, zu anderen jungen Menschen leicht Kontakt zu finden. Mir machte diese Arbeit einfach Spaß, trotz oder gerade wegen der hohen Anforderungen, die sie stellte. (Honecker 1981, S. 24)

[...]

Ende der Leseprobe aus 22 Seiten

Details

Titel
Die Selbstdarstellung Erich Honeckers in verschiedenen Phasen seines Lebens
Hochschule
Technische Universität Chemnitz  (Fachgebiet Politikwissenschaft)
Veranstaltung
Deutsche Regierungschefs: Persönlichkeit und Regierungsstil
Note
1,0
Autor
Jahr
2002
Seiten
22
Katalognummer
V13916
ISBN (eBook)
9783638194402
ISBN (Buch)
9783640879939
Dateigröße
540 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Schlagworte
Selbstdarstellung, Erich, Honeckers, Phasen, Lebens, Deutsche, Regierungschefs, Persönlichkeit, Regierungsstil
Arbeit zitieren
Volker Tzschucke (Autor), 2002, Die Selbstdarstellung Erich Honeckers in verschiedenen Phasen seines Lebens, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/13916

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