Geheimnis und Geheimhaltungspraxis im Kontext des strukturellen Aufbaus des Ordens der Rosenkreuzer


Hausarbeit (Hauptseminar), 2008

21 Seiten, Note: 2,3


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

1. Geschichtlicher Abriss des Ordens der Rosenkreuzer
1.1 Die ersten Schriften der Rosenkreuzer
1.2 Die Lehren der Rosenkreuzer

2. Struktur und hierarchische Organisation der Rosenkreuzer
2.1 Das Gradsystem
2.2 Verwaltung und Kontrolle

3. Geheimnis und Geheimhaltung
3.1 Funktion des Geheimnisses
3.2 Geheimhaltungspraxis

Fazit

Literaturverzeichnis

Einleitung

Die Thematik der Geheimbünde und –gesellschaften ist in der Belletristik oft und gerne bemüht worden. Dass dabei wissenschaftlich korrekte Recherche und Hintergründe vernachlässigt wurden, liegt auf der Hand. Aber gerade die wissenschaftliche Beschäftigung mit einem Thema, das von der Publizistik derart strapaziert wurde, birgt einen besonderen Reiz in sich. Bei näherer Betrachtung wird schnell klar, dass die zunächst angenommene Kenntnis, beispielsweise über die Freimaurer oder Illuminati, nicht vorhanden ist. Und gerade die Bruderschaft der Rosenkreuzer hat nicht diesen Einzug in die Belletristik halten können, wie es die Illuminaten oder Freimaurer erfuhren. Es liegt wohl darin begründet, dass die Rosenkreuzer eine nahezu undurchschaubare und verstrickte Ideologie und auch Organisationsstruktur besaßen, die ein rasches Verständnis erschweren. Auch in dieser Arbeit hat sich diese Tatsache als Schwierigkeit erwiesen. Die sehr esoterischen Denkweisen, die sich in den Lehren und Schriften der Rosenkreuzer zeigen, sind schwer trennbar von den hier zu bearbeitenden hierarchischen Strukturen und der Organisation des Ordens. Dennoch soll der Versuch einer Trennung von Ideologie und Organisationsstruktur erfolgen. So erhebt sich die Frage, ob und wie der Orden der Rosenkreuzer mittels seiner inneren Strukturen sein Geheimnis zu bewahren verstand. Dabei ist auch die Frage nach dem Inhalt des Geheimnisses sowie dessen originärer Funktion von Bedeutung. Voran gestellt sind ein kurzer historischer Abriss der Geschichte des Ordens und eine Schilderung der Schriften und Lehren der Fraternität. Daraufhin soll auf die organisatorische und hierarchische Struktur des Bundes und dessen Verwaltungs- und Kontrollmechanismen eingegangen werden. Abschließend werden die schon erwähnte Funktion des Geheimnisses und die in der Praxis angewandten Geheimhaltungsstrategien betrachtet.

Aufgrund des Umfangs der Arbeit möchte ich mich hinsichtlich der Struktur des Ordens der Rosenkreuzer auf dessen Bestehen in Deutschland in den Jahren 1767 bis 1787, welche als Blütezeit der Rosenkreuzer bezeichnet werden können, beschränken. In dieser Phase bestand die maximale Ausbreitung und größte Mitgliederzahl sowie die differenzierteste Struktur des Ordens der Rosenkreuzer. Die Miteinbeziehung der älteren Rosenkreuzer hierbei würde den Rahmen der Arbeit sprengen.[1]

Die Literaturlage zum Thema Geheimbünde ist sehr umfangreich. Allerdings sind dabei sehr unterschiedliche Ausrichtungen zu bemerken. Einerseits gibt es eine Vielzahl von esoterisch ausgerichteten Arbeiten, vor allem zur allgemeinen Thematik des Ordens der Rosenkreuzer, der Freimaurer oder der Illuminati. Diese Arbeiten sind aber zum Großteil nicht wissenschaftlich beleg- oder gar zitierbar. Andererseits gibt es Arbeiten zu den Ursprüngen der Rosenkreuzer, vor allem zu deren Manifesten wie der Chymischen Hochzeit und einige empirische Arbeiten, die sich dem tatsächlich und fassbaren Orden der Rosenkreuzer des 18. Jahrhunderts widmen. Historiker wie Horst Möller oder Will-Erich Peuckert, um nur zwei zu nennen, haben Akzente in der Erforschung des Ordens und der Geheimgesellschaften allgemein gesetzt. Die Quellenlage stellt sich differenziert dar. Christina Rathgeber beurteilt die Quellenlage zur Thematik der Rosenkreuzer als mangelhaft.[2] Es sind beispielsweise Mitgliederlisten, Protokolle von Zusammenkünften, die Ordensregeln und sogenannte Instructionen vorhanden. Gerade in kleinen regionalen Zusammenschlüssen ist die Administration des Ordens vorbildlich geführt worden und teilweise erhalten geblieben. Über die höheren Ebenen der hierarchischen Ordnung des Ordens hingegen ist nur sehr wenig Quellenmaterial vorhanden.

1. Geschichtlicher Abriss des Ordens der Rosenkreuzer

Als die ersten Rosenkreuzermanifeste in Umlauf kamen, war es eine Zeit der Umbrüche. Während der Zeit der Aufklärung waren die Rosenkreuzer ein mystischer und geheimer Orden, der Mystizismus und Esoterik verbreitete und Gegner der Aufklärung anzog. Es wird unterschieden zwischen den alten und neueren Rosenkreuzern. Dabei ist anzumerken, dass die älteren Rosenkreuzer wohl nie existierten. Es ist anzunehmen, dass der Orden eine Erfindung Johann Valentin Andreaes ist, mit der Beteiligung von Tobias Hess und weiteren Tübinger Studenten. Auf dieser Basis gründete sich erst später, angenommen wird das Jahr 1757, ein real existierender Orden der Rosenkreuzer.[3]

Um 1757 entstand also nach dem Vorbild der Bruderschaft aus den Manifesten des Johann Valentin Andreae erstmals ein Orden der Rosenkreuzer. Dieser Orden machte sich zur Aufgabe, die in den vorausgegangenen Manifesten beschriebene Suche nach der göttlichen Erkenntnis aufzunehmen. Genaue und belegbare Hinweise auf die tatsächliche Gründungsgeschichte des Ordens sind nicht vorhanden.[4] Die zunächst nur auf esoterische und erkenntnisgewinnende ausgerichteten Ziele des Ordens wechselten nach Meinung einiger Wissenschaftler wie Horst Möller im Laufe seines Bestehens zu politischen. Auch dieser Aspekt muss aufgrund des Umfangs leider außen vor gelassen werden. 1787 ist die organisatorische Struktur des Ordens der Rosenkreuzer derart schlecht, dass behauptet wird, dass der Orden zu dieser Zeit aufgelöst worden sei. Zu diesem Zeitpunkt wurde von der Ordensleitung ein sog. Silentium ausgegeben, womit die Ordensarbeit offiziell eingestellt werden sollte. Wenn man bei der Datierung des Endes des Ordens von der Verbundenheit der Mitglieder zu ihrem Orden ausgeht, so bestand er bis zum 19. Jahrhundert fort.[5]

1.1 Die ersten Schriften der Rosenkreuzer

In der Fama Fraternitatis, der ersten Schrift der Rosenkreuzer um das Jahr 1614, wird von einer universellen spirituellen Wissenschaft gesprochen, die anstelle der Kirche zur Erlösung führen soll. Hierin werden paracelsisches Denken und christliche Kabbala mit Alchemie verknüpft. Sie enthält die Biographie eines Christian Rosenkreuzer von der anzunehmen ist, dass die Figur reine Fiktion darstellt. Dieser soll nach langen Reisen, u.a. nach Ägypten und den nahen Osten, in Deutschland die Bruderschaft der Rosenkreuzer gegründet haben. Nach seinem Tod sollen in seinem Grab Regeln für eine Bruderschaft gefunden worden sein, aufgrund derer sich die Bruderschaft gegründet habe. Außerdem wird in der Fama Kritik an der spirituellen Situation in Europa geübt. Aufgrund dessen wird in ihr zur Generalreformation aufgerufen. Die Fama Fraternitatis wurde mit neuem Text unter dem Namen Confessio Fraternitatis herausgegeben. Hierin wird die Forderung nach einer Generalreformation erneut nachdrucksvoll verkündet. Die dritte Schrift der Rosenkreuzer, die Chymische Hochzeit, handelt von Christian Rosenkreuz, der an einer königlichen Hochzeit teilnimmt und dabei der Enthauptung der Brautleute und der anschließenden Wiederherstellung der beiden Körper beiwohnt. Es ist zu bemerken, dass die ersten Schriften der Rosenkreuzer anonym erschienen sind und ihnen kein Autor mit absoluter Sicherheit zugeordnet werden kann. Nur im Falle der Chymischen Hochzeit steht Johann Valentin Andreae (1586-1654) als Autor fest. Der aus einer angesehenen Theologenfamilie stammende Schriftsteller, Mathematiker, Theologe und Sozialreformer fordert in der Chymischen Hochzeit analog zur Fama Fraternitatis die Generalreformation des kulturellen Lebens. Ob Andreae auch der Verfasser der beiden ersten Schriften der Rosenkreuzer war, wie heute angenommen wird, konnte bisher nicht eindeutig belegt werden.[6] Ziel der geforderten Generalreformation war eine radikale Neuorientierung von Religion, Wissenschaft und Gesellschaft, eine „Allgemeine und Generalreformation der ganzen weiten Welt“[7]. Roland Eidighoffer fasst die Grundgedanken, die in den Schriften vermittelt werden, treffend zusammen. „Es ging zuguterletzt den Rosenkreuzern darum, die Kluft zwischen den biblischen Begriffen und der Wissenschaft zu überbrücken, einen Konsens christlichen, hermetischen und wissenschaftlichen Denkens herzustellen.“[8]

1.2 Die Lehren der Rosenkreuzer

Zur Blütezeit der Rosenkreuzer befand sich der Staat in einer politischen, sozialen und geistigen Krise. Die Aufklärung, die bei einigen auf Skepsis stieß, ließ alte und vergessen geglaubte Denkrichtungen wieder aufleben, wie z.B. den Wunder- und Aberglauben. Auch das rationalisierte Naturwissenschaftsverständnis wurde von vielen angezweifelt und stieß auf Ablehnung. Die religiöse Verunsicherung trug ebenso dazu bei, dass sich viele Menschen den Ideologien von geheimen Orden wie den Rosenkreuzern anschlossen und dort ihr Bedürfnis nach Mystik befriedigen konnten.[9]

Die Anhänger des Rosenkreuzertums folgten dem pansophischen Weg, also von unten nach oben. Dabei wird von unten, der Natur ausgehend der Weg nach oben, zur Erkenntnis des Göttlichen erklommen. Einfluss auf die Ideologie der Rosenkreuzer hatte dabei eindeutig Paracelsus. Und sie verfolgten die hermetische Grundvorstellung, dass die Erkenntnis der Natur die Erkenntnis des Göttlichen nach sich ziehe. Deutlich grenzten sich die Rosenkreuzer von dem bis dahin verbreiteten Wissenschaftsverständnis ab und suchten eine Verbindung zwischen Glauben und Erkenntnis zu schaffen. Sie bezogen sich auf esoterische, alchemistische und theosophische Schriften wie beispielsweise die von Jakob Böhme. Es standen dabei die Lehre von den vier Elementen und die Mikrokosmos-Makrokosmos-Lehre, die Magie und die Zahlenmystik der Kabbala, die Alchemie im Vordergrund. Wesentlicher Bestandteil war aber auch die Bibel.

[...]


[1] Möller, Horst: Die Gold- und Rosenkreuzer. Struktur, Zielsetzung und Wirkung einer anit-aufklärerischen Geheimgesellschaft, in: Geheime Gesellschaften, Ludz, Peter Christian (Hrsg.), Wolfenbütteler Studien zur Aufklärung, Bd. V/1, Heidelberg: Lambert Schneider 1979, S. 161-162; sowie Geffarth Renko D.: Religion und arkane Hierarchie: der Orden der Gold- und Rosenkreuzer als geheime Kirche im 18. Jahrhundert, Leiden/Boston: Brill 2007, S. 63.

[2] Vgl.: Rathgeber, Christina: Forschungsperspektiven zu den Gold- und Rosenkreuzer-Orden in Norddeutschland: Ein Überblick, in: Aufklärung und Geheimgesellschaften: Freimaurer, Illuminaten und Rosenkreuzer: Ideologie – Struktur und Wirkungen, Reinalter, Helmut (Hrsg.), Bayreuth: Selbstverlag der Freimaurerischen Forschungsgesellschaft e.V. 1992, S. 161.

[3] Peuckert, Will-Erich: Geheimkulte. Heidelberg: Carl Pfeffer Verlag 1951, S. 578; und Frick, Karl R.H.: Die Rosenkreuzer als erdichtete und wirkliche Geheimgesellschaft, in: Geheimgesellschaften und der Mythos der Weltverschwörung, Kaltenbrunner, Gerd-Klaus (Hrsg.), Freiburg/Basel/Wien: Herder 1987, S. 106, 116; ebenso Priesner, Claus: Alchemie und Vernunft. Die rosenkreuzerische und hermetische Bewegung in der Zeit der Spätaufklärung, in: Aufklärung und Esoterik, Neugebauer-Wölk, Monika (Hrsg.), Studien zum 18. Jahrhundert, Bd. 24, Hamburg: Felix Meiner Verlag 1999, S. 305-306, 308; sowie Gilly, Carlos: Die Rosenkreuzer als europäisches Phänomen im 17. Jahrhundert und die verschlungenen Pfade der Forschung, in: Rosenkreuz als europäisches Phänomen im 17. Jahrhundert, Bibliotheca Philosophica Hermetica (Hrsg.), Amsterdam: In de Pelikaan 2002, S. 34.

[4] Geffarth: Religion und arkane Hierarchie, S. 58-60; und auch Ruppert, Hans-Jürgen: Rosenkreuzer. München: Heinrich Hugendubel Verlag 2004, S. 33-38; sowie Möller: Die Gold- und Rosenkreuzer, S. 155-156.

[5] Frick: Die Rosenkreuzer als erdichtete und wirkliche Geheimgesellschaft, S. 124; und Priesner: Alchemie und Vernunft, S. 319-320.

[6] Peuckert: Geheimkulte, S. 567-576; und Faivre, Antoine: Esoterik, Braunschweig: Aurum Verlag 1996, S. 66-67; sowie Priesner: Alchemie und Vernunft, S. 307-308; ebenso Gilly: Die Rosenkreuzer als europäisches Phänomen im 17. Jahrhundert, S. 37-38, 52; und Yates, Francis A.: Aufklärung im Zeichen des Rosenkreuzes, Stuttgart: Klett-Cotta 21997, S. 51-61, 69-74; sowie Peuckert Will-Erich: Das Rosenkreuz. Zimmermann, Rolf Christian (Hrsg.), Berlin: Schmidt 21973, S. 45-59.

[7] Teil des Titels der Fama Fraternitatis, in: Yates: Aufklärung im Zeichen des Rosenkreuzes, S. 245; und Andreae, Johann Valentin: Die Bruderschaft der Rosenkreuzer: esoterische Texte, Gerhard Wehr (Hrsg.), Köln: Diederichs 1984, S. 44-54; sowie Andreae, Johann Valentin: Fama Fraternitatis (1614). Confessio Fraternitatis (1615). Chymische Hochzeit: Christiani Rosencreutz. Anno 1459 (1616), Dülmen, Richard von (Hrsg.), Stuttgart: Calwer Verlag 1973, S. 17-30, 33-42, 45-124.

[8] Eidighoffer, Roland: Die Manifeste der Rosenkreuzer, in: Rosenkreuz als europäisches Phänomen im 17. Jahrhundert, Bibliotheca Philosophica Hermetica (Hrsg.), Amsterdam: In de Pelikaan 2002, S. 175.

[9] Frick: Die Rosenkreuzer als erdichtete und wirkliche Geheimgesellschaft, S. 120-121; Schögel, Rudolf: Von der Weisheit zur Esoterik. Themen und Paradoxien im frühen Rosenkreuzerdiskurs, in: Aufklärung und Esoterik, Neugebauer-Wölk, Monika (Hrsg.), Studien zum 18. Jahrhundert, Bd. 24, Hamburg: Felix Meiner Verlag 1999, S. 74-85.

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Details

Titel
Geheimnis und Geheimhaltungspraxis im Kontext des strukturellen Aufbaus des Ordens der Rosenkreuzer
Hochschule
Albert-Ludwigs-Universität Freiburg  (Historisches Seminar)
Veranstaltung
Bruderschaften und Geheimgesellschaften
Note
2,3
Autor
Jahr
2008
Seiten
21
Katalognummer
V139171
ISBN (eBook)
9783640486465
ISBN (Buch)
9783640486649
Dateigröße
448 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Geheimbünde, Bruderschaften, Rosenkreuzer, Geheimgesellschaften
Arbeit zitieren
Annegret Stalder (Autor), 2008, Geheimnis und Geheimhaltungspraxis im Kontext des strukturellen Aufbaus des Ordens der Rosenkreuzer, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/139171

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