Der sechsjährige Max lebt mit seiner Familie in einem kleinen Dorf in der Altmark / Sachsen-Anhalt. Er besucht die erste Klasse der dortigen Grundschule und ihm droht ein Verweis von der Schule, weil er nach vielfachen Verwarnungen und Gesprächen mit den Eltern dem Unterricht weiterhin massiv stört. Sein Vater ist arbeitslos und neigt unter Alkoholeinfluss zu gewalttätigem Umgang mit seiner Frau und den gemeinsamen zwei Kindern. Die Mutter leidet sehr darunter und ist mit der Versorgung und Erziehung von Max und seinen Geschwistern überfordert. Hinzu kommt, dass sie sich stark isoliert fühlt, weil sie von den anderen Bewohnern des Dorfes gemieden wird. Der weitere Werdegang für Kinder wie Max und seine Geschwister scheint sehr oft vorprogrammiert: dissoziales Verhalten, Schulverweis, Substanzmissbrauch (frühzeitiges Rauchen und Alkoholkonsum), auffälliges oder sogar gewalttätiges Verhalten, welches im Falle der Eskalation sogar mit der Herausnahme aus der Familie und ggf. mit einer psychiatrischen Behandlung mit stationärem Auf-enthalt endet. Bevor es jedoch soweit kommt, werden die betroffenen Kinder in ihrem sozialen Umfeld, im Kindergarten, oder in der Schule in einem Maß auffällig, dass entweder durch die Erzieher oder Lehrer oftmals schon ein starker Druck auf die Familie ausgeübt wird. Die sozialpädagogische Familienhilfe (SPFH) soll hier gemäß § 27 ff. SGB VIII mit zielgerichteten Interventionen Hilfen anbieten, die die Betroffenen individuell in ihrer Lebenswelt begleitet und in Problemlagen unterstützt.
Das Fall von Max ist ein fiktives Beispiel für viele Kinder und Familien sowohl in ländlichen als auch in urbanen Lebensräumen. Ich werde mich in meiner Arbeit jedoch mit Maßnahmen in ländlichen Gebieten befassen, da ich der Ansicht bin, dass betroffene Kinder und Familien schneller und gezielter in Verruf geraten und ausgegrenzt werden als unter dem Deckmantel der Anonymität in der Stadt.
Ob Integration für betroffene Familien in ländlichen Gebieten in dem System der Freiwilligenagenturen möglich ist und welcher Nutzen ggf. für die Jugendhilfe daraus resultieren könnte, ist die zentrale Fragestellung dieser Arbeit. Auf einen Vergleich der Situation in städtischen Regionen soll an dieser Stelle verzichtet werden, da diese einer gesonderten Betrachtungsweise bedarf.
Inhaltsverzeichnis
1. EINLEITUNG
2. MOTIVE UND STRATEGIEN
2.1 Motive
2.1.2 Freiwilligenagentur
2.2 Strategien zur Förderung
3. KINDER IN SOZIAL BENACHTEILIGTEN FAMILIEN
3.1 Situation sozial schwacher Familien
3.2 Bedingungsfaktoren psychischer Erkrankungen
3.3 Sozialpädagogische Familienhilfe (SPFH)
4. ENGAGEMENTFÖRDERUNG
4.1 Möglichkeiten
4.2 Hemmnisse und Hindernisse
4.3 Rahmbedingungen
5. FAZIT
6. LITERATUR
Zielsetzung & Themen
Diese Arbeit untersucht, inwieweit die Integration von sozial benachteiligten Familien in das System der Freiwilligenagenturen möglich ist und welchen Nutzen dies für die Jugendhilfe bieten kann. Die Autorin analysiert, ob ehrenamtliches Engagement als Ressource zur Überwindung von Isolation und zur Stärkung der persönlichen Lebensbedingungen dienen kann.
- Bedeutung und Wertewandel des bürgerschaftlichen Engagements.
- Lebenssituation und psychische Belastungsfaktoren von Kindern in sozial schwachen Familien.
- Die Rolle der Sozialpädagogischen Familienhilfe (SPFH) als Unterstützungsinstanz.
- Hemmnisse für die Aufnahme von Ehrenämtern bei benachteiligten Gruppen.
- Strategien zur Förderung durch gezielte Vernetzung und Begleitung.
Auszug aus dem Buch
3.1 Situation sozial schwacher Familien
Die Situation sozial schwacher Familien kann als „Tantalusstituation“ bezeichnet werden: Das Ersehnte (die Partizipation am Konsum und damit am gesellschaftlichen Leben) erscheint in greifbarer Nähe, ist aber nicht zu erlangen, bzw. nur um einen Preis, der bei diesen Familien u. a. Verschuldung in oft nicht mehr tragbarem Maße bedeuten kann. Eltern, die gesellschaftliche Deprivation erfahren, insbesondere wenn sie von Sozialhilfe leben, erfahren oft Gefühle der Ohnmacht und Demütigung (vgl. Clemenz; Combe; Beier u.a., 1990, S. 24).
Leven und Schneekloth (2007) erklären in ihrem Bericht über die Ungleichverteilung von Lebenschancen im Bereich der Schule, das sich die soziale Herkunft auf der Suche nach relevanten sozialen und persönlichen Merkmalen, die eine Prognose über die besuchte Schulform erlauben, als ausschlaggebend erweist (siehe Abb. 1):
Im Durchschnitt der von den Autoren benannten Stichprobe zur Untersuchung zur Verteilung von Bildungschancen geht jedes zehnte Kind im Alter von 8 bis 11 Jahren laut Auskunft der Eltern auf ein Gymnasium. Dies trifft aber nur auf 1 % der Kinder aus der Unterschicht zu, während es bei Kindern aus der Oberschicht immerhin 18 % sind. Genau umgekehrt sind die Verhältnisse beim Besuch von Förderschulen. Nur 4 % aller Kinder im alter von 8 bis 11 Jahren sind an Förderschulen anzutreffen (vgl. Leven; Schneekloth, 2007, S. 144 f.).
Zusammenfassung der Kapitel
1. EINLEITUNG: Darstellung der Ausgangsproblematik anhand eines fiktiven Fallbeispiels sowie Definition der zentralen Fragestellung bezüglich der Integration benachteiligter Familien in Freiwilligenagenturen.
2. MOTIVE UND STRATEGIEN: Erläuterung des Wertewandels des Ehrenamtes und der Rolle der Freiwilligenagenturen als Vermittlungsinstanzen.
3. KINDER IN SOZIAL BENACHTEILIGTEN FAMILIEN: Analyse der Lebenswelten, Bildungsnachteile sowie der psychischen Belastungsfaktoren unter Einbezug der Sozialpädagogischen Familienhilfe.
4. ENGAGEMENTFÖRDERUNG: Diskussion von Möglichkeiten und Hindernissen beim Zugang zum Ehrenamt für betroffene Familien sowie Aufzeigen notwendiger Rahmenbedingungen.
5. FAZIT: Zusammenfassende Beurteilung, dass benachteiligte Familien durch gezielte Unterstützung vom Ehrenamt als Ressource zur Stärkung der eigenen Lebenswelt profitieren können.
6. LITERATUR: Auflistung der verwendeten Fachliteratur, Zeitschriften und Internetquellen.
Schlüsselwörter
Bürgerschaftliches Engagement, Ehrenamt, Freiwilligenagentur, Sozial benachteiligte Familien, Sozialpädagogische Familienhilfe, SPFH, Soziale Isolation, Lebensweltorientierung, Bildungschancen, Armutsrisiko, Integration, Partizipation, Jugendhilfe, Empowerment, Schutzfaktoren.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit?
Die Arbeit untersucht, ob sozial benachteiligte Familien durch ehrenamtliches Engagement neue soziale Ressourcen erschließen und dadurch ihre Lebenssituation verbessern können.
Welche zentralen Themenfelder werden behandelt?
Die Schwerpunkte liegen auf der Schnittstelle zwischen Freiwilligenarbeit, den Lebenswelten sozial schwacher Familien und der unterstützenden Funktion der Sozialpädagogischen Familienhilfe.
Was ist die zentrale Fragestellung?
Die Arbeit geht der Frage nach, ob eine Integration von benachteiligten Familien in das System der Freiwilligenagenturen möglich ist und welchen Nutzen dies für die Jugendhilfe haben kann.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es handelt sich um eine theoretische Arbeit, die bestehende Literatur und Studien (z.B. Freiwilligensurvey, World Vision Kinderstudie) auf die spezifische Problematik der Engagementförderung sozial schwacher Gruppen bezieht.
Was wird im Hauptteil analysiert?
Der Hauptteil gliedert sich in die Analyse der Lebenslage benachteiligter Familien, die Rolle des Ehrenamtes als Motivator und die praktischen Anforderungen an eine gelingende Engagementförderung unter fachlicher Begleitung.
Welche Schlüsselbegriffe charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit wird maßgeblich durch Begriffe wie soziale Isolation, Empowerment, Lebensweltorientierung und die Rolle der Freiwilligenagenturen als Brückenbauer definiert.
Welche Rolle spielt die „Tantalusstituation“ in der Arbeit?
Dieser Begriff beschreibt die Ohnmacht benachteiligter Familien, die gesellschaftliche Teilhabe zwar als erreichbar wahrnehmen, diese jedoch aufgrund materieller Not faktisch nicht realisieren können.
Warum ist eine spezielle Begleitung durch Freiwilligenagenturen wichtig?
Um die Barrieren (wie fehlendes Selbstwertgefühl oder fehlende Netzwerke) abzubauen, ist eine gezielte, lebensweltorientierte Ansprache und fachliche Unterstützung notwendig, damit das Engagement nicht scheitert.
- Quote paper
- Tanja Lange (Author), 2009, Bürgerschaftliches Engagement bei sozial schwachen Familien, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/139207