Darwin, Lamarck und die Epigenetik


Hausarbeit, 2009
21 Seiten, Note: 1,3

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

Frühe biologische Vorstellungen

Lamarck

Darwin

Der Neodarwinismus

Epigenetik

Fazit

Literaturverzeichnis

Einleitung

In dieser Arbeit möchte ich darstellen, wie Lamarcks Gedanken über die Entwicklung der Lebewesen, mit Darwins Idee der Evolution und den modernen Erkenntnissen aus der Epigenetik in Zusammenhang stehen, und ob Letztere ernste Konsequenzen für die Glaubwürdigkeit des Neodarwinismus haben.

Ich gebe im ersten Kapitel einen groben Überblick zu der Vorgeschichte des Evolutionsgedankens, vom antiken Griechenland bis zur Aufklärung. Anschließend gehe ich in chronologischer Reihenfolge weiter, wobei ich Lamarcks Theorie und die Reaktionen darauf im zweiten Kapitel, und Darwins Überlegungen zur natürlichen Auslese, sowie seine Meinung zum Lamarckismus, im dritten Kapitel beschreibe. Die Folgen, der dann immer populärer werdenden Evolutionstheorie, sind das Thema des vierten Kapitels. In diesem erkläre ich außerdem, wie der Neodarwinismus, durch das Aufkommen der Genetik, zur vorherrschenden Weltsicht wurde. Das fünfte Kapitel beinhaltet epigenetische Beispiele, die den grundlegenden Annahmen des Neodarwinismus widersprechen, und eher eine Form von Neo-Lamarckismus nahe legen. Ich gehe hierbei, unter anderem auf das Zusammenspiel von Retroviren und Immunsystem, sowie auf anatomische Modifikationen durch Nutzung und Gebrauch ein. Zuletzt ziehe ich ein Fazit, in dem ich die Fakten noch einmal zusammenfasse und über ihre Konsequenzen reflektiere.

Frühe biologische Vorstellungen

Die Philosophen des antiken Griechenlands, waren der Meinung, dass in der Natur eine unveränderliche hierarchische Ordnung herrschen würde. Auf der untersten Stufe befand sich die unbelebte Materie, gefolgt von den Pflanzen auf der nächsten Ebene und den Tieren, die noch einen Rang höher lagen. Die Krönung bildete, in ihrer Vorstellung, schließlich der Mensch. Dieses statische Bild, wurde Scala naturae genannt (vgl. Buskes 2008: 17).

Aristoteles, einer der einflussreichsten Denker des klassischen Altertums, ging von einer Teleologie in der Natur aus. Bei ihm hatte alles in der Welt einen bestimmten Zweck, dem es zustrebte (vgl. ebd.: 16-17). Er beschäftigte sich auch mit der Vererbung und der embryonalen Entwicklung. Aber bereits über 200 Jahre vor ihm gab es erste Gedanken zu einer Theorie der Vererbung, mit der er allerdings nicht einverstanden war: Die Pangenesis-Theorie. Demokrit begründete sie. Er überlegte sich, dass der Samen ein Konglomerat aus Teilchen aller Organe des Körpers sein könnte. Diese Teilchen, welche die Fähigkeit besitzen den Teil des Körpers zu rekonstruieren, von dem sie stammen, würden an das Blut abgegeben und in den Geschlechtsorganen gesammelt werden. In der Gebärmutter würden sich dann die Teilchen von Mann und Frau, zu einem harmonischen Ganzen fügen. Liegt an einer Stelle des Körpers der Eltern eine Störung vor, so würde sie, über diesen Weg, an das Kind übertragen werden. So erklärte die Pangenesis-Theorie, die Vererbung von Krankheiten. Implizit postulierte sie damit auch die Weitergabe von erworbenen Eigenschaften auf die Nachkommen. Sogar Charles Darwin war viele Jahrhunderte später noch ein Anhänger dieser Erklärung. Aristoteles machte allerdings darauf aufmerksam, dass Kinder von verstümmelten Eltern nicht verstümmelt seien und ein Kind seinen Großeltern ähnlicher sein kann, als seinen Eltern, was beides nicht von der Pangenesis-Theorie erklärt werden konnte. Nach Aristoteles Vorstellung war es vielmehr so, dass der Samen des Mannes sich mit dem Menstrualblut der Frau mische und aus diesem einen Fötus forme, so wie ein Schreiner ein Möbelstück aus einem Rohmaterial herstellt. Das Auftreten der Merkmale mütterlicher Vorfahren ist dann, laut Aristoteles, immer auf die Schwäche des männlichen Samens zurückzuführen. Ein idealer Samen hätte zur Folge, dass das Kind dem Vater hundertprozentig gleicht. Dieser Gedanke wird Techne-Modell genannt (vgl. Hausmann 2009: 14-20).

Die Vorstellungen der Antike, wurden eine sehr lange Zeit, praktisch unverändert übernommen. Neue Theorien zur Vererbung und der Entstehung des Lebens tauchten bis in die frühe Neuzeit nicht mehr auf. Erst durch Marcello Malpighi und Anthony van Leeuwenhoek, im 17. Jahrhundert, gab es neue Impulse, als beide fast zeitgleich die Spermien entdeckten. Dies gelang ihnen, da sie zwei der ersten Forscher waren, die über ein einigermaßen leistungsfähiges Mikroskop verfügten. Sie vertraten allerdings entgegengesetzte Auffassungen zu ihren Beobachtungen, die die Gelehrtenwelt über 150 Jahre spalten sollten. Malpighi war Ovist, er glaubte im unbefruchteten Ei wäre bereits ein Fötus enthalten, der sich nur noch zu entwickeln braucht, während das Lager von Leeuwenhoek, die Spermisten, annahm, dass in jedem Spermafaden ein sogenannter Homunkulus sitzt, der zu einem Fötus heranwachsen würde, wenn es ihm gelänge sich in der Gebärmutter zu verankern. Diese beiden Theorien bilden die Präformationslehre, die, trotz offensichtlicher logischer Schwächen, außergewöhnlich populär wurde. Worin sich die rivalisierenden Wissenschaftler nicht einig waren, ist ob der Homunkulus in den männlichen oder den weiblichen Keimzellen sitzt. Doch dieser Streitpunkt berührte nicht das Fundament der Präformationslehre (vgl. ebd.: 45-49).

Letztendlich erschütterte erst Abraham Trembley, im 18. Jahrhundert, die Vorstellung, sowohl der Ovisten, als auch der Spermisten, mit seiner Beobachtung der Regeneration beim Süßwasserpolypen. Solche Tiere haben die Eigenschaft, dass sich, bei einer Zerstückelung ihres Körpers, jedes Einzelteil wieder zu einem vollständigen Individuum entwickelt. Als Albrecht von Haller, ein Pionier der Physiologie, auf dieses Phänomen aufmerksam wurde, prophezeite er das Ende der lange anerkannten Präformationslehre. Er selbst wandte sich daraufhin zuerst der Epigenese zu. Dies ist die Lehre, dass es bildende Kräfte gibt, die die Keimesentwicklung, ausgehend von unstrukturierter Materie, lenken. Anscheinend war ihm jedoch die Vorstellung einer mysteriösen Kraft zu furchteinflößend und zu diffus, denn er kehrte schließlich zur Präformation zurück. Obwohl Kräfte, wie die des Magneten oder solche zur Bildung von Salzkristallen, allgemein anerkannt wurden, traf dies auf diejenigen, die einen ganzen Organismus erzeugen nicht zu. Es herrschte die Vorstellung, dass zur Erschaffung, von so etwas Komplexen, wie Lebewesen, eine Art von Intelligenz vorhanden sein müsste (vgl. Hausmann 2009: 50-53).

Einige Wissenschaftler hatten aber mit der Epigenese weniger Probleme als ihre Kollegen. Dazu zählte beispielsweise Caspar Friedrich Wolff. Er hatte sich nicht nur jahrelang mit Hühnerembryos beschäftigt, ohne auf so etwas wie einen Homunkulus zu stoßen, er hatte auch eine beachtliche Sammlung von konservierten menschlichen Monstrositäten angelegt und untersucht. Solche Missbildungen konnten wohl kaum, im Sinne der Präformation, willentlich von Gott erschaffen worden sein. Mit der Theorie der bildenden Kräfte, der „vis essentialis“, konnte man sie aber als zufällige Fehler erklären (vgl. ebd.: 54-55).

Auch andere Gelehrte argumentierten gegen die Präformationslehre. Der Botaniker Joseph Kölreuter untersuchte, als einer der Ersten, die Sexualität der Pflanzen und erkannte dabei, dass es zu Hybriden kommen konnte. Seine Experimente zeigten, dass es im Ergebnis gleichgültig war, ob man die Pollen der einen Art auf die Narbe der anderen brachte oder umgekehrt. Diese Beobachtung überzeugte ihn von der Gleichwertigkeit der Geschlechter und somit von der Widerlegung der ovistischen und der spermistischen Sichtweise. Es wurde nun aber, durch die Erschaffung von Kreuzungen, auch die Frage nach der Konstanz der Arten aufgeworfen. Konnten neue Varietäten entstehen? Einer der bedeutendsten Biologen, Carl von Linné, der 1735 die heute gültige Taxonomie und Nomenklatur formulierte, hat sich am Ende seines Lebens, in den siebziger Jahren des 18. Jahrhunderts, kritisch zu dem Dogma der Konstanz der Arten geäußert. Etwa zu dieser Zeit wurde man auch erstmals auf den Autodidakten Jean-Baptiste, Chevalier de Lamarck aufmerksam (vgl. ebd.: 59-73).

Lamarck

Lamarck wird von modernen Biologen gerne belächelt. Er gilt schließlich als der, der behauptete, dass Giraffen lange Hälse hätten, weil sich ihre Vorfahren stetig nach den Blättern an den Ästen von Bäumen gestreckt hätten und sich dies erblich auf die Hälse ihres Nachwuchses ausgewirkt habe. Er erklärte auch den aufrechten Gang des Menschen dadurch, dass sich seine affenähnlichen Vorfahren immer wieder über das Steppengras erhoben hätten, um in die Ferne zu schauen. Doch man tut ihm, mit einer solchen Herabwürdigung seiner Leistungen, Unrecht (vgl. Hausmann 2009: 73).

Lamarck wurde 1744 in Picardie, im Nordwesten Frankreichs, als jüngster Sohn einer verarmten Adelsfamilie geboren. Er war ein Geist der Aufklärung und erfand die Bezeichnung „Wirbellose Tiere“, sowie den Begriff „Biologie“ zeitgleich mit Treviranus. Für die wirbellosen Tiere entwickelte er eine Klassifizierung, die noch heute gültig ist und neben Cuvier gilt er außerdem als Begründer der Paläontologie. Er war Republikaner, Atheist und überzeugter Materialist (vgl. Douart/Leiser 2002: 35-36). Was ihn aber letztendlich so bedeutend macht, ist, dass er als derjenige Biologe gilt, der vor Darwin, den Gedanken der Evolutionstheorie am nächsten gekommen ist. Einige seiner Überlegungen könnten, nach der Auffassung mancher, sogar Schwächen in der etablierten Evolutionstheorie zu überwinden helfen (vgl. Lefèvre 1997: 1).

Seine Transformationstheorie der Arten fußte wohl auf der Erkenntnis, dass sowohl im Tier, wie auch im Pflanzenreich, die natürliche Distribution linear nach Komplexität anzuordnen ist und die scharfe Trennung der Taxa ein Artefakt unserer Klassifikation ist. Aus seiner mechanistischen Sichtweise entwickelte sich eine epigenetische Theorie der Ontogenese, die nahtlos in seine Transformationstheorie der Arten überging. 1802 schrieb er bereits, dass „durch die ununterbrochene Wirkung dieser Ursachen oder dieser Naturgesetze, einer langen Zeit und einer fast unfassbaren Mannigfaltigkeit der einwirkenden Einflüsse die Lebewesen aller Ordnungen sukzessive gebildet worden sind“. Geänderte Bedingungen zwingen demnach die betroffenen Lebewesen zu einer Änderung ihrer Gewohnheiten, was einen neuartigen Gebrauch von Organen erfordert. Dies führe zu Modifikationen der Organe, welche dann weitervererbt werden (vgl. ebd.: 18-22). Lamarcks Theorie besagte, dass die Organismen in ihren progressiven Veränderungen eine Tendenz in Richtung höherer Komplexität aufweisen würden. Dieser Prozess resultiere aus einer „Kraft“ die den Tieren innewohnt und welche es ihnen erlaubt, sich ihrem Milieu anzupassen. Die Variationen würden also durch die Umweltbedingungen entstehen (vgl. Sandin1999: 24). Die Mechanismen seiner Theorie waren weniger hart und unerbittlich, als die von Darwin. Es gab bei ihm eine Art „instruktive“, kooperative Interaktion zwischen Organismen und ihrer Umgebung (vgl. Lipton 2006: 42). Ein Schmied, zum Beispiel, entwickelt berufsbedingt kräftige Muskeln, die er dann an seine Kinder vererben würde. Auf diese Weise würde die Evolution schnell und effektiv verlaufen, denn jede neue Generation erntet die Früchte der vorhergehenden (vgl. Buskes 2008: 21-22). Ein moderneres Beispiel für diesen Effekt, wäre, dass die veränderte Körpergröße oder –form, die durch Unterschiede in der Nahrung bedingt ist, an den Nachwuchs weitervererbt wird (vgl. Steele/Lindley/Blanden 1998: 8).

Als Ernst Haeckel 1909 eine Festrede zum 100. Geburtstag von Charles Darwin hält, geht er auch detailliert auf Lamarcks Verdienste ein und stellt nicht nur fest, dass er seiner Zeit weit vorausgewesen sei, sondern sieht ihn mit Darwin sogar auf einer Stufe stehend. Er sprach von der Lamarck-Darwinschen Theorie. Er tat dies, weil Lamarck der erste war, der die Grundgedanken der Abstammungslehre und Umbildungslehre erkannte und formulierte. Er sah die Faktoren Anpassung und Vererbung als die bedeutendsten in der Entwicklung des Lebens und schloss auch den Menschen nicht von diesem Prozess aus. Die gemeinsame Wurzel aller Wesen vermutete er in den niedersten Tieren, die durch Urzeugung aus anorganischer Materie entstanden seien (vgl. Haeckel 2008: 12-15). Seine Gedanken über die Entstehung des Menschen gipfeln in seiner Beschreibung des Menschen als zweihändigen Säuger in seinem Buch Zoologische Philosophie, in dem er ausführlich die Abstammung des Menschen von hochentwickelten Affen formuliert (vgl. Continenza 2009: 16-17). Selbst Ernst Mayr, der führende Vertreter des Neodarwinismus, und somit eigentlich ein Gegner des Lamarckismus, hält Lamarck für den eigentlichen Pionier (vgl. Lipton 2006: 41).

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Ende der Leseprobe aus 21 Seiten

Details

Titel
Darwin, Lamarck und die Epigenetik
Hochschule
Technische Universität Darmstadt  (Institut für Philosophie)
Veranstaltung
Charles Darwin als Philosoph
Note
1,3
Autor
Jahr
2009
Seiten
21
Katalognummer
V139246
ISBN (eBook)
9783640490820
ISBN (Buch)
9783640490950
Dateigröße
424 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Darwin, Lamarck, Epigenetik, Evolution, Darwinismus, Neodarwinismus, Lamarckismus, Dawkins
Arbeit zitieren
Patrick Zimmerschied (Autor), 2009, Darwin, Lamarck und die Epigenetik, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/139246

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