Der politische Prozess in Lateinamerika seit Mitte des 20. Jahrhunderts gestaltete sich – aus mitteleuropäischer Sicht – recht ungewöhnlich: Im Laufe der 60er und frühen 70er fielen die politischen Systeme des (Sub-)Kontinents reihenweise der Machtübernahme durch autoritäre Regime zum Opfer, nur um bereits einige Jahre später eine erneute Transition hin zur Demokratie zu erfahren. Doch auch heute ist die lateinamerikanische Politik den westlichen Medien gerne noch die ein oder andere Meldung wert: Korruption, Populismus und „Linksruck“ sind dabei nur einige Schlagwörter, die man dieser Tage in Zeitung, Radio, Fernsehen etc. vernehmen kann und die bei der hiesigen Bevölkerung häufig Verwunderung, Unverständnis oder Ablehnung hervorrufen, da sie sich augenscheinlich von den Praktiken okzidentaler Politik unterscheiden. Die Ursache für diese Unterschiede ist meist schnell ausgemacht: die Mentalitäten und Werte der Lateinamerikaner würden sich von denen der Nordamerikaner und Europäer unterscheiden; sie hätten einfach eine andere „politische Kultur“.
Die folgenden Ausführungen widmen sich eben diesem Phänomen der politischen Kultur und deren Beschaffenheit auf dem lateinamerikanischen Kontinent. Ziel der Arbeit ist es, zu prüfen, ob die politische Kultur Lateinamerikas eine Stütze oder eher ein Hindernis für die dortigen, noch relativ jungen demokratischen Systeme darstellt. Dazu soll eingehend erklärt werden, woher das Konzept der politischen Kultur überhaupt stammt und was darunter eigentlich genau zu verstehen ist. Der zweite Punkt dient zur Erläuterung der Frage, welche Arten politischer Kulturen grundsätzlich unterschieden werden können und welche sich davon am ehesten als Grundlage für eine stabile Demokratie eignet. Des Weiteren sind die Einflussfaktoren, welche die politische Kultur Lateinamerikas geprägt haben, Gegenstand dieser Arbeit. Der vierte Abschnitt beschäftigt sich dann schließlich mit den Merkmalen der politischen Kultur in Lateinamerika, bevor in einem abschließenden Fazit ein Vergleich der Punkte zwei und vier die eingangs gestellte Frage nach dem demokratiefördernden oder –hemmenden Wesen lateinamerikanischer politischer Kultur beantworten soll.
Inhaltsverzeichnis
A. Einleitung
B. Die politische Kultur Lateinamerikas – Grundlage stabiler Demokratie?
1. Was ist „politische Kultur“?
2. Die politische Kultur stabiler Demokratie – „civic culture“
3. Grundlagen der politischen Kultur Lateinamerikas
4. Grundzüge der und Eckdaten zur politischen Kultur in Lateinamerika
C. Fazit
Zielsetzung & Themen der Arbeit
Diese Arbeit untersucht das Phänomen der politischen Kultur in Lateinamerika mit dem Ziel zu prüfen, ob die dort vorherrschenden Werte und Mentalitäten eine Stütze oder ein Hindernis für die Konsolidierung junger demokratischer Systeme darstellen.
- Analyse des theoretischen Konzepts der „politischen Kultur“ nach Almond und Verba.
- Untersuchung der historischen Wurzeln und kolonialen Prägungen (Hapsburg model) der Region.
- Evaluierung aktueller Eckdaten zur Einstellung der Bevölkerung gegenüber Demokratie und Institutionen.
- Gegenüberstellung lateinamerikanischer Merkmale mit dem Modell der „civic culture“.
- Diskussion über den Einfluss von Klientelismus, Patronage und Elitismus auf den demokratischen Prozess.
Auszug aus dem Buch
Die politische Kultur stabiler Demokratie – „civic culture“
Am Anfang ihrer Ausführungen stand die Suche nach den grundsätzlichen Arten politischer Kulturen. Um diese bestimmen zu können, unterteilten sie politische Systeme in vier Dimensionen, die es auf die kognitiven, affektiven und evaluativen Orientierungen der Bürger hin zu untersuchen galt: 1. Das System als Ganzes: Welches Wissen hat der Einzelne generell von seiner Nation, seinem politischen System und dessen Geschichte? Wie sind seine Gefühle hinsichtlich der Charakteristika dieses Systems? Wie beurteilt er diese? 2. Der Input: Welche Kenntnisse hat das Individuum von den Institutionen, mittels derer er Forderungen an die Politik herantragen kann (bspw. Parteien oder Interessengruppen)? Wie nimmt er sie gefühlsmäßig wahr und wie bewertet er sie? 3. Der Output: Was weiß der Einzelne über die Strukturen und Akteure (bspw. Behörden oder Gerichte), die in der Umsetzung politischer Entscheidung eine Rolle spielen? Wie sind seine Gefühle und Meinungen im Hinblick auf diese? 4. Der Bürger selbst als politischer Akteur: Welche Kenntnisse hat der Einzelne von seinen politischen Mitwirkungsmöglichkeiten? Wie steht er zu diesen? Wie bewertet er sie? Wie sieht er seine Rolle im politischen Prozess?
„Auf dieser Grundlage formulierten sie dann drei reine Typen politischer Kultur: (1) Die Parochialkultur wird durch das weitgehende Fehlen von Orientierungen jeglicher Art gegenüber allen Objekten des politischen Systems gekennzeichnet, d. h. die Bevölkerung ist sich kaum bewusst, dass sie selbst eine Rolle in der Politik spielen könnte, stellt keine Ansprüche an die Politik, interessiert sich wenig für die Herrschaftsstrukturen und bewertet diese auch nicht. (2) Als typisches Muster der Untertanenkultur definierten sie ein zwar umfangreiches Wissen über Politik und die Existenz von (überwiegend positiven) Gefühlen gegenüber dem Regime sowie Bewertungen des Outputs, jedoch eine fehlende Wahrnehmung der Inputstrukturen und keine (bzw. negative) Orientierungen gegenüber der eigenen Rolle als politischer Akteur. (3) Als charakteristisch für eine Partizipationskultur galt, dass Bürger Kenntnisse, (positive) Gefühle und Bewertungen gegenüber allen diesen Objekten zeigen, sich ihrer Möglichkeiten als politische Akteure bewusst sowie jederzeit zur politischen Aktivität bereit sind.“
Zusammenfassung der Kapitel
A. Einleitung: Diese Einleitung führt in das Thema der lateinamerikanischen politischen Kultur ein und stellt die Forschungsfrage nach deren Vereinbarkeit mit stabilen demokratischen Systemen.
B. Die politische Kultur Lateinamerikas – Grundlage stabiler Demokratie?: Dieses Kapitel bildet den Hauptteil der Arbeit, in dem zunächst der Fachbegriff der politischen Kultur definiert, das Modell der „civic culture“ erläutert und schließlich die spezifisch lateinamerikanischen Grundlagen sowie aktuellen Merkmale anhand von Umfragedaten analysiert werden.
C. Fazit: Die Zusammenfassung bewertet die Untersuchungsergebnisse und stellt fest, dass die politische Kultur Lateinamerikas zwar Züge einer Zivilkultur aufweist, aber durch koloniale Erblasten und strukturelle Defizite in ihrem demokratiefördernden Charakter eingeschränkt bleibt.
Schlüsselwörter
Politische Kultur, Lateinamerika, Demokratie, Civic Culture, Hapsburg Model, Autoritarismus, Klientelismus, Patronage, Partizipation, Institutionenvertrauen, Politische Sozialisation, Elitismus, Konsolidierung, Transformation, Korporatismus.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit im Kern?
Die Arbeit untersucht, ob die politische Kultur in Lateinamerika die Stabilität der dortigen jungen Demokratien stützt oder behindert.
Welche zentralen Themenfelder werden bearbeitet?
Im Zentrum stehen die Konzepte der politischen Kultur nach Almond und Verba, die historische kolonialgeschichtliche Prägung der Region sowie die aktuelle Einstellung der Bevölkerung zu demokratischen Institutionen.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist es, zu prüfen, inwieweit die lateinamerikanische politische Kultur mit dem Modell der „civic culture“ (Zivilkultur) übereinstimmt, welches als Grundlage für stabile Demokratien gilt.
Welche wissenschaftliche Methode wird in der Arbeit verwendet?
Die Arbeit basiert auf einer theoretischen Literaturanalyse sowie der Auswertung empirischer Umfragedaten (z. B. Latinobarómetro), um das politische Denken und Handeln in der Region zu bewerten.
Was wird im Hauptteil der Arbeit genau behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Begriffsklärung, die theoretische Herleitung der „civic culture“, die historische Analyse der kolonialen Erblast und die Darstellung aktueller politischer Merkmale wie Klientelwesen und Patronage.
Durch welche Schlüsselwörter lässt sich die Arbeit am besten charakterisieren?
Die Arbeit zeichnet sich durch Begriffe wie Politische Kultur, Lateinamerika, Demokratie, Hapsburg Model, Klientelismus und Partizipation aus.
Warum wird das „Hapsburg model“ als Erklärungsansatz herangezogen?
Das „Hapsburg model“ nach Howard J. Wiarda erklärt die autoritären, hierarchischen und absolutistischen Züge, die bis heute in der politischen Tradition Iberoamerikas nachwirken.
Welche Rolle spielt die ökonomische Situation in der Arbeit?
Die Arbeit zeigt, dass die Zustimmung der Lateinamerikaner zur Demokratie stark von der jeweiligen wirtschaftlichen Lage abhängt, was teilweise eine Indifferenz gegenüber autoritären Systemen zur Folge haben kann.
Ist die politische Kultur Lateinamerikas nach Ansicht des Autors statisch?
Nein, der Autor betont, dass politische Kultur als Prozess zu verstehen ist und sich durch sozioökonomische Veränderungen und Demokratisierungsbemühungen wandeln kann.
- Quote paper
- Michael Neureiter (Author), 2009, Die politische Kultur Lateinamerikas - Grundlage stabiler Demokratie?, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/139247