Die politische Kultur Lateinamerikas - Grundlage stabiler Demokratie?


Studienarbeit, 2009
25 Seiten, Note: 1,0

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

A. Einleitung

B. Die politische Kultur Lateinamerikas – Grundlage stabiler Demokratie?
1. Was ist „politische Kultur“?
2. Die politische Kultur stabiler Demokratie – „civic culture“
3. Grundlagen der politischen Kultur Lateinamerikas
4. Grundzüge der und Eckdaten zur politischen Kultur in Lateinamerika

C. Fazit

D. Literaturverzeichnis

A. Einleitung

Der politische Prozess in Lateinamerika seit Mitte des 20. Jahrhunderts gestaltete sich – aus mitteleuropäischer Sicht – recht ungewöhnlich: Im Laufe der 60er und frühen 70er fielen die politischen Systeme des (Sub-)Kontinents reihenweise der Machtübernahme durch autoritäre Regime zum Opfer, nur um bereits einige Jahre später eine erneute Transition hin zur Demokratie zu erfahren.[1] Doch auch heute ist die lateinamerikanische Politik den westlichen Medien gerne noch die ein oder andere Meldung wert: Korruption, Populismus und „Linksruck“[2] sind dabei nur einige Schlagwörter, die man dieser Tage in Zeitung, Radio, Fernsehen etc. vernehmen kann und die bei der hiesigen Bevölkerung häufig Verwunderung, Unverständnis oder Ablehnung hervorrufen, da sie sich augenscheinlich von den Praktiken okzidentaler Politik unterscheiden. Die Ursache für diese Unterschiede ist meist schnell ausgemacht: die Mentalitäten und Werte der Lateinamerikaner würden sich von denen der Nordamerikaner und Europäer unterscheiden; sie hätten einfach eine andere „politische Kultur“.

Die folgenden Ausführungen widmen sich eben diesem Phänomen der politischen Kultur und deren Beschaffenheit auf dem lateinamerikanischen Kontinent. Ziel der Arbeit ist es, zu prüfen, ob die politische Kultur Lateinamerikas eine Stütze oder eher ein Hindernis für die dortigen, noch relativ jungen demokratischen Systeme darstellt. Dazu soll eingehend erklärt werden, woher das Konzept der politischen Kultur überhaupt stammt und was darunter eigentlich genau zu verstehen ist. Der zweite Punkt dient zur Erläuterung der Frage, welche Arten politischer Kulturen grundsätzlich unterschieden werden können und welche sich davon am ehesten als Grundlage für eine stabile Demokratie eignet. Des Weiteren sind die Einflussfaktoren, welche die politische Kultur Lateinamerikas geprägt haben, Gegenstand dieser Arbeit. Der vierte Abschnitt beschäftigt sich dann schließlich mit den Merkmalen der politischen Kultur in Lateinamerika, bevor in einem abschließenden Fazit ein Vergleich der Punkte zwei und vier die eingangs gestellte Frage nach dem demokratiefördernden oder –hemmenden Wesen lateinamerikanischer politischer Kultur beantworten soll.

B. Die politische Kultur Lateinamerikas – Grundlage stabiler Demokratie?

1. Was ist „politische Kultur“?

Als Begründung für divergierende politische Abläufe und Entwicklungen in verschiedenen Nationen wird, wie in der Einleitung dargestellt, oftmals der Begriff der „politischen Kultur“ gebraucht. Dabei wird der Ausdruck jedoch in vielen Fällen angewandt, ohne ihn näher zu spezifizieren bzw. mit Inhalt zu füllen, wodurch er nicht viel mehr darstellt als eine leere Phrase. Politische Kultur ist ein schwer zu greifendes Phänomen, das in vielgestaltiger, meist latenter Form auftritt. Die relative Unschärfe des Begriffes macht es also zwingend notwendig, ihn näher zu bestimmen, will man politische Gemeinwesen (wie bspw. die Nationen Lateinamerikas) auf diesen Faktor hin untersuchen.

Das Konzept der politischen Kultur, wie es heute in den Sozialwissenschaften gebräuchlich ist, geht auf die beiden US-amerikanischen Politikwissenschaftler Gabriel Almond und Sidney Verba zurück. Zu einer Zeit, in der die Vergleichende Regierungslehre ausschließlich auf die Betrachtung politischer Institutionen und Eliten fixiert war, suchten sie nach einer Erklärung dafür, dass einige der vor dem Zweiten Weltkrieg neu entstandenen Demokratien sehr schnell wieder zugrunde gingen, andere jedoch Bestand hatten; und das, obwohl sich deren institutionelle Voraussetzungen oft ähnelten. Almond und Verba waren daher der Auffassung, dass es neben dem Institutionengefüge und der Ökonomie einen weiteren Faktor geben müsse, der über die Stabilität eines politischen Systems entscheide. In ihrer 1963 veröffentlichten Untersuchung The Civic Culture gaben sie dieser von der Politikwissenschaft bis dato relativ unbeachteten Variablen den Namen „political culture“.[3] In den folgenden Jahren wurde das Konzept der politischen Kultur von anderen Forschern aufgegriffen, analysiert, teilweise kritisiert sowie von verschiedener Seite weiterentwickelt und stellt mittlerweile eine feste Größe innerhalb der Politikwissenschaft dar. Die sog. „Politische Kulturforschung“ ist heute ein integraler Bestandteil der Teildisziplin der Vergleichenden Regierungslehre.

In The Civic Culture definieren Almond und Verba politische Kultur als “attitudes toward the political system and its various parts, and attitudes toward the role of the self in the system”.[4] Hierbei wird bereits deutlich, worum es sich bei dem Konzept der politischen Kultur handelt: es geht um “attitudes”, also um Einstellungen bzw. Mentalitäten, welche bei der Bevölkerung bezüglich ihres politischen Systems herrschen und in welcher Rolle sie sich selbst darin sehen. Unter dem Begriff werden demnach die politischen Ansichten und Meinungen der einzelnen Bürger subsumiert. Weitere Erkenntnisse sind aus dieser Definition erst einmal nicht zu gewinnen.

Daher empfiehlt es sich, für eine nähere Bestimmung des Begriffes die einschlägigen politikwissenschaftlichen Lexika zu Rate zu ziehen. Ein Beispiel für einen solchen Sammelband ist das Lexikon der Politikwissenschaft, welches hierzu feststellt: „Politische Kultur/Kulturforschung, Bezeichnung für die subjektive Dimension der gesellschaftlichen Grundlagen Politischer Systeme. Politische Kultur bezieht sich auf unterschiedliche politische Bewußtseinslagen, [sic] Mentalitäten, typische bestimmten Gruppen oder ganzen Gesellschaften zugeschriebene Denk- und Verhaltensweisen. Sie umfaßt [sic] alle politisch relevanten individuellen Persönlichkeitsmerkmale, latente in Einstellungen und Werten verankerte Prädispositionen zu politischem Handeln, auch in ihren symbolhaften Ausprägungen, und konkretes politisches Verhalten. Solche Prädispositionen zu politischen Handlungen können als Meinungen (beliefs), Einstellungen (attitudes) und Werte (values) auf einer zentral-peripheren Achse liegend angesehen werden, wobei Werte die intensivsten und beständigsten und Meinungen die oberflächlichsten Prädispositionen darstellen. Eine weitere analytische Unterscheidung bezieht sich auf unterschiedliche Komponenten einer Einstellung. So kann man gefühlsmäßige (affektive), wissensmäßige (kognitive) und wertende (evaluative) Aspekte unterscheiden.“[5] In dieser äußerst gehaltvollen Definition sind sogleich mehrere Implikationen enthalten, die nun im Folgenden erläutert werden sollen.

Politische Kultur stellt also die „subjektive Dimension der gesellschaftlichen Grundlage Politischer Systeme“ dar. Dieser Satz verdeutlicht, dass das von Almond und Verba entwickelte Konzept auf die Erforschung der einzelnen Subjekte abzielt, d. h. auf die Erfassung der politischen Orientierungen, welche bei den verschiedenen Individuen einer Nation vorherrschen. Zusammengefasst ergeben diese Einzelmeinungen ein gesamt-gesellschaftliches Denkmuster, in dem das politische System eingebettet ist.[6] Dadurch wird auch klar, dass das Bestehen eines politischen Systems in gewisser Weise von der politischen Kultur, in die es eingebettet ist, abhängig ist. Das war auch der eigentliche Grundgedanke, den Almond und Verba bei der Konzeption der politischen Kultur im Sinn hatten. Ihr Ziel war es nämlich, herauszufinden, unter welchen Bedingungen die Stabilität eines politischen Systems gewährleistet werden könne, vor allem im Hinblick auf die Überlebensfähigkeit von (jungen) Demokratien. So kamen sie zu dem Schluss, dass für den dauerhaften Bestand eines Systems eine gewisse Kongruenz von politischer Struktur und politischer Kultur unumgänglich sei. Zusammenfassend lässt sich also sagen, dass im Zentrum des Konzepts der politischen Kultur die Untersuchung und Erfassung der in einer Bevölkerung vorhandenen politischen Orientierungen im Hinblick auf deren system-stabilisierende oder –destabilisierende Wirkung steht.[7] Die Politische Kulturforschung ist demnach von hoher praktischer Relevanz, da sie die Voraussetzungen für den längerfristigen Bestand von Demokratien zu ermitteln sucht.

Des Weiteren wird durch die Definition ersichtlich, dass eine politische Kultur aus verschiedenen Arten an politischen Orientierungen besteht und dass sich das Konzept nur dann vollständig begreifen lässt, wenn man es in seine „Einzelteile“ zerlegt. Ganz im Sinne von Almond und Verba unterscheidet das Lexikon der Politikwissenschaft daher zwischen affektiven, kognitiven und evaluativen Aspekten politischer Kultur.[8] Affektive Orientierungen beziehen sich auf die Gefühle des Menschen, die er gegenüber dem politischen System, in dem er lebt, hegt. Beispiele hierfür wären die Sympathie bzw. Antipathie eines Bürgers für einen bestimmten Politiker, sein Stolz auf die Verfassung oder sein Vertrauen zu Mitbürgern. Mit dem Begriff der kognitiven Orientierungen sind die Kenntnisse des Einwohners eines politischen Systems über dessen Strukturen und Prozesse gemeint, also bspw. über die Parteien und deren Programme sowie die Beschaffenheit des Wahlrechts. Der evaluative Aspekt politischer Kultur meint die Beurteilung des politischen Systems durch den Bürger, welche anhand eines Soll-Ist-Vergleiches erfolgt. Hierunter fallen bspw. die Bewertung der Leistung einer Regierung oder der demokratischen Qualität einer Partei. Neuere Ansätze zum Thema politische Kultur fügen dem Ganzen zwei weitere Orientierungsarten hinzu, nämlich die normativen und die konativen. Erstere beschreiben die Idealvorstellungen des Individuums in Bezug auf Politik, z. B. wie er generell zur Demokratie als Regierungsform steht, letztere drücken die Verhaltensdispositionen aus, die sich für den Einzelnen aus seinen politischen Ansichten ergeben, bspw. seine Wahlabsicht oder auch eine evtl. Putschabsicht.[9] Die fünf dargestellten Elemente bilden zusammen die politische Orientierung einer Person. Fasst man diese für alle Bürger einer Nation zusammen, so ergibt sich deren politische Kultur.

Abschließend sei zur politischen Kultur noch angemerkt, dass sie nicht als ein statisches Phänomen verstanden werden darf, sondern eher als eine Art Prozess. Sie ist „das Ergebnis von Kindheitssozialisationen, Erziehung, Medieneinfluß [sic] und Erfahrungen im Erwachsenenleben mit den Leistungen von Regierung, Gesellschaft und Wirtschaft“.[10] Zur Beantwortung der Frage, warum die politische Kultur eines Systems so ist, wie sie nun einmal ist, muss der Blick also vor allem auf die geschichtlichen Ereignisse in der entsprechenden Region gerichtet werden. Besonders einschneidende Erlebnisse können eine politische Kultur für einen langen Zeitraum determinieren. Jedoch verdeutlicht das Zitat auch, dass eine Einflussnahme auf die Entwicklung politischer Kultur grundsätzlich möglich ist. Zusammenfassend lässt sich hierzu also sagen, dass „politische Kultur – sofern sie sich in historischen Prozessen kontinuierlich entwickelt – eine das politische System stützende, aber auch permanent moderat modifizierende Funktion einnimmt, da sie in einem Kreislauf von Input- und Outputprozessen die politische Struktur beeinflusst und diese ihrerseits wiederum auf die politische Kultur einwirkt.“[11] Was dies für die Konsolidierungschancen junger Demokratien bedeutet, soll an späterer Stelle geklärt werden.

2. Die politische Kultur stabiler Demokratie – „civic culture“

Dass eine zur Demokratie nicht kongruente politische Kultur zu deren Zusammenbruch führen kann, wurde bereits an früherer Stelle erwähnt. Almond und Verba stellten sich daher die Frage, wie eine politische Kultur beschaffen sein müsste, um als Grundlage stabiler Demokratie gelten zu können. Zur Beantwortung dieser Frage stellten sie vielfältige Überlegungen an, die im Folgenden zusammenfassend dargestellt werden sollen.

Am Anfang ihrer Ausführungen stand die Suche nach den grundsätzlichen Arten politischer Kulturen. Um diese bestimmen zu können, unterteilten sie politische Systeme in vier Dimensionen, die es auf die kognitiven, affektiven und evaluativen Orientierungen der Bürger hin zu untersuchen galt:[12]

1. Das System als Ganzes: Welches Wissen hat der Einzelne generell von seiner Nation, seinem politischen System und dessen Geschichte? Wie sind seine Gefühle hinsichtlich der Charakteristika dieses Systems? Wie beurteilt er diese?
2. Der Input: Welche Kenntnisse hat das Individuum von den Institutionen, mittels derer er Forderungen an die Politik herantragen kann (bspw. Parteien oder Interessengruppen)? Wie nimmt er sie gefühlsmäßig wahr und wie bewertet er sie?
3. Der Output: Was weiß der Einzelne über die Strukturen und Akteure (bspw. Behörden oder Gerichte), die in der Umsetzung politischer Entscheidung eine Rolle spielen? Wie sind seine Gefühle und Meinungen im Hinblick auf diese?
4. Der Bürger selbst als politischer Akteur: Welche Kenntnisse hat der Einzelne von seinen politischen Mitwirkungsmöglichkeiten? Wie steht er zu diesen? Wie bewertet er sie? Wie sieht er seine Rolle im politischen Prozess?

[...]


[1] Vgl. Wiarda, Howard J.: The Soul of Latin America. The Cultural and Political Tradition. New Haven & London 2001. S. 303 ff.

[2] Vgl. Niebel, Ingo: Neopopulismus oder Emanzipation? In: Bundeszentrale für politische Bildung: Aus Politik und Zeitgeschichte. Lateinamerika. 51-52/2006. S. 12-17.

[3] Vgl. Westle, Bettina: Politische Kultur. In: Lauth, Hans-Joachim (Hrsg.): Vergleichende Regierungslehre. Eine Einführung. Wiesbaden 2006. S. 270-288.

[4] Almond, Gabriel A./Verba, Sidney: The Civic Culture. Political Attitudes and Democracy in Five Nations. Princeton 1963. S. 13.

[5] Berg-Schlosser, Dirk: Politische Kultur/Kulturforschung. In: Nohlen, Dieter/Schultze, Rainer Olaf (Hrsg.): Lexikon der Politikwissenschaft. Theorien, Methoden, Begriffe. Band 2 N-Z. München 2005. S. 743-748.

[6] Vgl. Thesing, Josef: Politische Kultur in Lateinamerika – Einführung. In: Thesing, Josef (Hrsg.): Politische Kultur in Lateinamerika. Mainz 1994. S. 11-23.

[7] Vgl. Schuppert, Gunnar Folke: Politische Kultur. Baden-Baden 2008. S. 5 ff.

[8] Vgl. Almond und Verba 1963, a. a. O., S. 15.

[9] Vgl. Schuppert 2008, a. a. O., S. 9.

[10] ebd., S. 11.

[11] Westle 2006, a. a. O., S. 277.

[12] Vgl. Almond und Verba 1963, a. a. O., S. 15 ff.

Ende der Leseprobe aus 25 Seiten

Details

Titel
Die politische Kultur Lateinamerikas - Grundlage stabiler Demokratie?
Hochschule
Katholische Universität Eichstätt-Ingolstadt
Veranstaltung
Regierungssysteme und politischer Prozess in Lateinamerika seit 1950
Note
1,0
Autor
Jahr
2009
Seiten
25
Katalognummer
V139247
ISBN (eBook)
9783640481910
ISBN (Buch)
9783640481798
Dateigröße
492 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Politische Kultur, Politik, Kultur, Demokratie, Lateinamerika, Südamerika, Iberoamerika
Arbeit zitieren
Michael Neureiter (Autor), 2009, Die politische Kultur Lateinamerikas - Grundlage stabiler Demokratie?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/139247

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