Es ist zu bezweifeln, dass die Engländer Edwards und Steptoe 1978, als sie das erste Kind in vitro zeugten, wussten, welche Handlungsmöglichkeiten sie, einfach durch die neue Verfügbarkeit, also die Erschaffung eines neuen, weil dem Menschen jetzt zugänglichen Gegenstandes, schaffen würden. Die Technik selber steht nicht außerhalb jeglichen wertenden Rahmens, sondern ist als menschliche Errungenschaft, als menschlich konstruierter Maßstab, der zu Erkenntnisse über die Welt führt, wie es so schön heißt, immer Teil dieses Rahmens und somit per se nicht wertfrei. Eine erste These lautet demnach: Der technisch zugänglich gemachte und erst geschaffene Gegenstand „verfügbarer Embryo“ konfrontiert den Menschen mit zwei Fragen. Erstens, was ist es, das wir unter dem Begriff „Embryo“ klassifizieren. Dies wäre eine erkenntnistheoretische Fragestellung. Zweitens stellt sich die Frage, wie wir diesen Gegenstand in unser bestehendes Begriffssystem integrieren – eine moralphilosophische und gesellschaftstheoretische Fragestellung. Zur Erkenntnistheorie ist zum Beispiel die Frage zu stellen, ob wir das, was wir mit dem Begriff „Embryo“ klassifizieren unter den Oberbegriff „Mensch“ fallen lassen. Es ist sofort augenscheinlich, dass diese klassifikatorische Entscheidung über den Umgang mit dem Gegenstand maßgeblich entscheidet.
Inhaltsverzeichnis
1 MEDIZINISCHE GEGENSTANDSBESTIMMUNG DER IN-VITRO-BEFRUCHTUNG
2 NÄHERE HINFÜHRUNG ZUM THEMA
3 DREI ARGUMENTATIONSWEGE FÜR DAS SCHICKSAL
2.1. NATÜRLICHKEIT IST MORALISCH
2.2. GOTTGEGEBENER NATÜRLICHER ABLAUF
2.3. ZUKUNFTSABSCHÄTZUNG REPRODUKTIONSMEDIZIN
4 TECHNIK ALS ERWEITERUNG DER WAHRNEHMUNG
4.1. EXKURS ZUR ERWEITERUNG DER WAHRNEHMUNG DURCH WAFFEN
4.2. TECHNIK UND WAHRNEHMUNG
5 ABSCHLUSSBETRACHTUNG
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht die ethische Problematik der In-vitro-Befruchtung und hinterfragt, wie technischer Fortschritt menschliche Handlungsspielräume erweitert und dabei traditionelle Wertmaßstäbe verändert. Ziel ist es, den Begriff der Technik kritisch zu durchleuchten und aufzuzeigen, wie sich durch den „verfügbaren Embryo“ neue ethische Herausforderungen für das menschliche Selbstverständnis ergeben.
- Ethische Bewertung der In-vitro-Befruchtung und Fortpflanzungsmedizin
- Die Rolle der Natur als moralische Norm im Vergleich zum technischen Fortschritt
- Technik als Erweiterung der menschlichen Wahrnehmung (am Beispiel von Waffen und Medien)
- Der Einfluss von Technologie auf das menschliche Selbstbild
- Logische und ethische Argumentationsstrukturen in der Bioethik
Auszug aus dem Buch
1 Medizinische Gegenstandsbestimmung der In-vitro Befruchtung
Bevor man sich mit ethischen Fragen bezüglich der Bewertung einer Technik auseinandersetzen kann, muss vorher geklärt werden, auf welche Weise die zur Disposition stehende Technik überhaupt eingesetzt wird bzw. werden kann und welches die Felder sind, auf denen sie prinzipiell ihre Anwendung findet bzw. finden kann. In der vorliegenden Arbeit dreht es sich um die Technik der In-vitro-Befruchtung. In der Öffentlichkeit ist diese Technik unter dem irreführenden Label „Retortenbaby“ zur ruhmlosen Berühmtheit gelangt. Dieses Label ist irreführend, da es den technisch eigentlich vorgenommenen Schritt falsch wiedergibt. Was also geschieht eigentlich bei der In-vitro-Befruchtung? Das technische Verfahren besteht im wesentlichen darin, dass die ersten 48 bis max. 72 Stunden der menschlichen Embryonalentwicklung, von der Befruchtung der Eizelle bis zu den frühen Zellteilungen, aus dem Eileiter der Frau ins Labor verlegt werden. „In-vitro“ heißt nichts anderes als „im Glas“. Die benötigten Eizellen werden der Frau durch einen operativen Eingriff (Bauchspiegelung) entnommen. Bevor dieser Eingriff vorgenommen wird, werden die Eierstöcke durch Hormongaben dazu stimuliert, in einem Zyklus mehrere Eier reifen zu lassen (Superovulation). Die entnommenen Eizellen werden in einer Lösung mit männlichen Samen befruchtet und bis zum 4- bis 8 Zellstadium kultiviert. Verläuft die Entwicklung in dieser Zeit normal, werden sie in die Gebärmutter übertragen. Die eigentliche Technik impliziert also keine Eingriffe in die embryonalen Zellen selbst. Die Embryonen werden in einem Stadium zurückverpflanzt, das auch bei normaler Befruchtung in vivo (im Körper) vor der Einnistung in der Gebärmutter liegt. Der Hauptanwendungsbereich der In-vitro Befruchtung ist die Behandlung von Unfruchtbarkeit bei Frauen mit defekten Eileitern.
Zusammenfassung der Kapitel
1 MEDIZINISCHE GEGENSTANDSBESTIMMUNG DER IN-VITRO-BEFRUCHTUNG: Dieses Kapitel definiert das technische Verfahren der In-vitro-Befruchtung und klärt über den irreführenden Begriff „Retortenbaby“ auf.
2 NÄHERE HINFÜHRUNG ZUM THEMA: Es wird die geschichtliche und kulturelle Tiefe des Kinderwunsches sowie die menschliche Neigung zur technischen Problemlösung beleuchtet.
3 DREI ARGUMENTATIONSWEGE FÜR DAS SCHICKSAL: Das Kapitel analysiert Argumente, die gegen technische Eingriffe in die Natur oder die göttliche Ordnung sprechen, inklusive der Problematik von Zukunftsprognosen.
4 TECHNIK ALS ERWEITERUNG DER WAHRNEHMUNG: Hier wird untersucht, wie Technik – von einfachen Werkzeugen bis hin zu modernen Flugzeugen – unsere Wahrnehmung und damit unsere Klassifikationsmaßstäbe der Welt verändert.
5 ABSCHLUSSBETRACHTUNG: Abschließend wird der Technikbegriff im Lichte der Familienähnlichkeit nach Wittgenstein reflektiert und die Notwendigkeit einer ethischen Auseinandersetzung mit dem menschlichen Selbstverständnis betont.
Schlüsselwörter
In-vitro-Befruchtung, Bioethik, Fortpflanzungsmedizin, Technikfolgenabschätzung, Menschliches Selbstverständnis, Natürlichkeit, Künstlichkeit, Embryo, Wahrnehmung, Handlungsspielraum, Arnold Gehlen, Hans Jonas, Paul Virilio, Ludwig Wittgenstein.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit befasst sich mit der ethischen Bewertung der Reproduktionsmedizin, insbesondere der In-vitro-Befruchtung, und untersucht die Auswirkungen dieser Technologie auf das menschliche Selbstverständnis.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die zentralen Themen umfassen die Spannung zwischen Natur und Kultur, die Definition von Technik als Erweiterung der menschlichen Wahrnehmung und die ethische Problematik des „verfügbaren Embryos“.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist es, Argumentationsmuster in der Bioethik zu analysieren und aufzuzeigen, wie technologische Neuerungen unsere moralischen Wertmaßstäbe verschieben.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Der Autor nutzt eine philosophische und ethische Analyse, ergänzt durch die Heranziehung anthropologischer und technikphilosophischer Ansätze (u.a. von Gehlen, Hastedt und Wittgenstein).
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die medizinische Grundlagenklärung, die kritische Prüfung von Argumenten gegen reproduktionsmedizinische Eingriffe sowie die Reflexion über Technik als Instrument, das Wahrnehmung und Gesellschaft prägt.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind In-vitro-Befruchtung, Bioethik, Menschliches Selbstverständnis, Technik als Organüberbietung und die Ambivalenz des technischen Fortschritts.
Warum wird der Begriff „Retortenbaby“ kritisiert?
Der Autor stuft das Label als irreführend ein, da es den tatsächlichen technischen Prozess der frühen Embryonalentwicklung außerhalb des Körpers sachlich ungenau wiedergibt.
Wie verändert Technik laut Autor unsere Wahrnehmung?
Technik wird als Mittel verstanden, das biologische Grenzen überbietet und dem Menschen neue Zugänge zur Welt ermöglicht, wodurch sich jedoch auch die Maßstäbe ändern, nach denen wir die Welt klassifizieren.
Welche Rolle spielt das „Argument der schiefen Ebene“?
Es dient dazu, den schleichenden Prozess der Veränderung menschlicher Weltsichten aufzuzeigen, bei dem kleine technologische Schritte langfristig fundamentale moralische Grenzen verschieben.
Wie steht der Autor zur Unfruchtbarkeitsbehandlung?
Er sieht in der Behandlung eileiterbedingter Unfruchtbarkeit bei einfachem Kinderwunsch ein moralisch weniger problematisches Feld, stellt jedoch kritische Fragen bei einer Ausweitung der Technik auf die Forschung oder Eizellmanipulation.
- Quote paper
- Alexander Krüger (Author), 2005, Technik und menschliches Selbstverständnis, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/139261