Freinetpädagogik in der Schule für Schüler mit Beeinträchtigungen im Bereich der geistigen Entwicklung


Seminararbeit, 2009

43 Seiten, Note: 1,7


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Célestin Freinet – Kurzbiographie

3 Grundgedanken von Célestin Freinet

4 Elemente und Techniken der Freinet Pädagogik und ihre Bedeutung für das Kind
4.1 Freie Entfaltung der Persönlichkeit
4.2 Kritische Auseinandersetzung mit der Umwelt
4.3 Selbstverantwortung des Kindes
4.4 Kooperative Arbeit und gegenseitige Verantwortlichkeit

5 Die Geistigbehindertenpädagogik und ihre Unterrichts- prinzipien
5.1 Ziele und Aufgaben schulischer Erziehung von Schülern mit
Beeinträchtigungen im Bereich der geistigen Entwicklung
5.2 Didaktische Aspekte
5.3 Unterrichtsprinzipien
5.4 Unterrichtsmethoden

6 Vergleich der Freinet-Pädagogik und der Geistigbehindertenpädagogik und Möglichkeiten der Verbindung im Unterricht
6.1 Gemeinsamkeiten der Pädagogik von Freinet und der
Geistigbehindertenpädagogik hinsichtlich der Grundgedanken
6.2 Elemente der Freinet-Pädagogik im Bezug zu den didaktischen Aspekten der
Geistigbehindertenpädagogik
6.3 Prinzipien der Geistigbehindertenpädagogik und der Freinet-Pädagogik im
Vergleich

7 Grenzen der Integration von Techniken der Freinet- Pädagogik in die Geistigbehindertenpädagogik

8 Literaturverzeichnis

9 Internetquellenverzeichnis

1 Einleitung

„Wenn die bestimmen…

‚Wenn die auf dem Bürgermeisteramt oder die in der Gewerkschaft bestimmen’, sagte der phlegmatische Schäfer und kaute die Worte, ‚dann doch, weil wir sie bestimmen lassen. Wir diskutieren sehr wohl, im Café oder auf den Wegkreuzungen, wenn uns nichts zur Eile treibt, die Sonne hell scheint, und der Bach zu unseren Füßen murmelt. Da, unter uns, bauen wir die Welt neu zusammen. Gott selbst bekommt seinen Teil Kritik ab, und es fehlt nur wenig, und wir würden ihm Konkurrenz machen. Aber wenn es in einer Versammlung darum geht, seine Sache vor denen, die wir kritisieren, vorzutragen und ihnen von Angesicht zu Angesicht gegen über die ‚männliche’ Position, die wir unter uns einnehmen, zu vertreten, dann gibt´s da auf einmal keine ‚Männer’ mehr. Nur noch Schafe oder Knechte. Und wir beklagen uns über das Ergebnis!

Natürlich stimmt, sie sind es gewohnt zu sprechen und zu bestimmen und wir, unsere Funktion ist es, zu schweigen und zu gehorchen. Und trotzdem, wir haben doch genauso viel im Kopf wie sie, und in unserer Sprache fehlt uns auch nicht die Beredsamkeit. Wir sind nur gefesselt mit einer Kette, die wir nicht zerreißen können. Das Schlimme ist nur: wir sind es, die diese Kette für unsere eigenen Kinder schmieden und sie ihnen weitergeben!

Wenn sie uns nämlich hartnäckig Widerstand leisten, weil sie glauben recht zu haben gegen unser Recht und unsere Autorität, wenn sie bis zu Zorn und Tränen und – das stimmt – ohne Respekt vor formalen Hierarchien verteidigen, was ihr Gut und ihre Freiheit sind, dann nennen wir ihren Mut Unverschämtheit und ihr Forderungen respektlose Ungezogenheiten.

Vielleicht wenn ihr, Erzieher, ihnen helfen würdet, ihre Persönlichkeit zu festigen, so wir ihr ihnen Rechtschreibung und Rechnen beibringen wollt; wenn ihr sie mit der gleichen pädagogischen Wissenschaftlichkeit, die ihr anwendet, damit sie gehorchen, darin üben würdet, ihre Würde zu behalten, wenn ihr genau soviel Mühe, wie ihr euch gebt, um sie zu Schülern zu machen, darauf verwenden würdet, Menschen aus ihnen zu machen, dann hätten wir vielleicht morgen Generationen, die sich verteidigen könnten gegen die Schwätzer und Politiker, die uns heut führen.

Aber um euch niederzuhalten, werden die, die bestimmen, sagen, eure Forderungen seien unverschämt, weil ihr Vorschriften und vorgesetzte missachtet, und ihr hättet vor der Wissenschaft den Respekt verloren, den man Götzen und Göttern schuldig ist.’“ (Freinet, Célestin 2000, 105f).

Die Reformpädagogik des beginnenden 20. Jahrhunderts hatte das Ziel, eine Pädagogik zu schaffen, die den Bedürfnissen des Kindes entsprach. Der französische Reformpädagoge, Célestin Freinet begründete eine Pädagogik, die ihm das Unterrichten und den Schülern das Lernen erleichtern sollte. Anstelle von Lehrunterweisungen traten Exkursionen und Erkundungen der Umgebung. Mit der von ihm entwickelten Schuldruckerei eröffnete sich für die Schüler die Möglichkeit, eigene Texte zu setzten, eigene Zeitungen herauszubringen und durch Korrespondenz mit anderen Klassen ihr Gedanken weiter zu geben. Durch die Abtrennung von Klassenzimmerecken und die daraus entstehenden Ateliers ermöglichte er den Schülern gleichzeitig zu verschiedenen Themenbereichen zu experimentieren und zu arbeiten. Freinets Interesse galt im Gegensatz zu vielen anderen Reformpädagogen der 20er Jahre jedoch nicht der Entwicklung einer besonderen Modeleinrichtung, sondern vielmehr der Veränderung der normalen Staatsschule von innen heraus.

Diese Arbeit möchte heraus arbeiten, inwieweit eine Pädagogik im Sinne Freinets an Schulen für Geistig Behinderte möglich ist. Hierzu möchte ich zunächst das Leben Célestin Freinets näher vorstellen und seine Grundgedanken zu Pädagogik und Schule erläutern, um dann zu ausgewählten Elementen und Techniken der Freinet-Pädagogik zu kommen. Im Anschluss daran werde ich die Unterrichtsprinzipien und –methoden der Geistigbehindertenpädagogik herauskristallisieren. Im darauf folgenden Gliederungspunkt werde ich untersuche, ob die Grundsätze und Techniken der Freinet-Pädagogik auch an Schulen für geistig Behinderte anwendbar sind. Zum Schluss sollen mögliche Problemfelder und Grenzen aufgezeigt werden, die sich bei der Einführung dieses Unterrichtsprinzips ergeben können.

2 Célestin Freinet – Kurzbiographie

„Mein einziges Talent als Pädagoge besteht darin,

dass ich mich meiner eigenen Kindheit sehr gut erinnern kann.

Ich fühle und begreife als Kind die Kinder, dich erziehe, und erkenne als Kind und

Erwachsener zugleich die Irrtümer einer Wissenschaft, die ihren Ursprung vergessen hat.“

(Célestin Freinet, zit. n. Kamutzki, Claudia 2009)

Célestin Freinet wird am 15. Oktober 1896 als fünftes von acht Kindern in dem kleinen Dorf Gars in der Provence geboren. Als Bauernsohn wächst er inmitten der Natur und der ländlichen Gemeinschaft auf und ist schon früh an landwirtschaftliche Arbeit gewöhnt. Dies prägt später mitunter sein Empfinden und seine Lebensphilosophie. In der Volksschule ist Freinet ein guter Schüler, langweilt sich aber oft. Die Zeit in der weiterbildenden Schule mit ihren unverständlichen Lehrbüchern und körperlichen Züchtigungen wird für ihn zur Qual. Dennoch ist Célestin Freinet ein erfolgreicher Schüler und so beginnt er 1913 seine Ausbildung am Lehrerseminar auf der Ecole Normale in Nizza. Schon hier hat er das Ziel den Dorfkindern die Chance auf eine bessere Zukunft zu eröffnen. Als er 1915, nach Ausbruch des Ersten Weltkriegs, zum Kriegsdienst eingezogen wird, muss er seine Ausbildung abbrechen.

Im Alter von 20 Jahren kehrt er mit mehreren Schussverletzungen und einer schweren Lungenverletzung vom Schlachtfeld zurück. Mehrere Jahre wird er aufgrund seiner Kriegsverletzungen medizinisch behandelt und letztendlich 100 % schwerbeschädigt mit einer kleinen Pension ins Zivilleben entlassen. Freinet will jedoch nicht sein restliches Leben als Frührentner verbringen und bewirbt sich als Lehrer einer Jungenklasse in der Dorfschule von Bar-sur-Loup. Dort tritt er im Januar 1920 seine erste Stelle an. Vielen Biografien zufolge soll sein Lungenleiden ihn dazu gezwungen haben einen Unterrichtsstil zu suchen, der ihn entlastet und seine Schüler zu mehr Aktivität ermuntert – die „Pädagogik der Selbsttätigkeit“. Große Zweifel hat der Junglehrer an der Wirksamkeit des ihm abverlangten Frontalunterrichts, da der dozierende Unterricht keine Beziehung zum Leben der Kinder aufweist. Freinet vertieft sich in die pädagogischen Schriften von Rabelais, Montaigne und Rousseau. Auf Studienreisen durch Europa lernt er Vertreter der Reformpädagogik, wie Hermann Lietz, Maria Montessori und John Dewey kennen und gewinnt Einblicke in deren Schriften und Schulversuche. 1923 nimmt er an einem der ersten Kongresse der Reformpädagogen in Montreux teil. Seine anfängliche Faszination von den Zielen und Projekten der Reformpädagogen schlägt schnell in Enttäuschung über. Er kritisiert die überaus reich ausgestatteten Versuchsschulen und wirft den Reformpädagogen vor eine intellektuelle Forschung zu betreiben ähnlich einer Laboratoriumsatmosphäre. Sie würden beginnen sich von dem in Armut verhafteten sozialen Milieu ihrer Schüler abzugrenzen. Auch mit den reformpädagogischen Ansätzen von Montessori und Ovide Decroly, die Ärzte oder aus anderen Fachberufen sind, kann sich Freinet nicht anfreunden, da ihre pädagogischen Vorstellungen stark von ihrem eigentlichen Spezialgebiet beeinflusst bleiben. Freinet jedoch ist Lehrer mit Haut und Haaren und misstraut derartigen Spezialisten. Er wendet sich gegen jegliche Form von Dogmatik und abstakt bleibende pädagogische Vorschläge. So arbeitet er zeitlebens daran seine Vorstellungen, die er aus dem Schulalltag gewinnt, materiell umzusetzen und neue konkrete Unterrichtshilfen zu entwickeln. Das praktische und erfahrungsbezogene Vorgehen ist ein charakteristisches Merkmal für Freinets Arbeitsweise.

Ebenfalls im Jahr 1923 kauft der Pädagoge eine Druckpresse und lässt seine Schüler freie Texte ohne vorgegebenes Thema schreiben und drucken. Bald entstehen daraus Klassenzeitungen. Die Praxis des freien Textes und der Schuldruckerei ersetzen allmählich die herkömmlichen Schulbücher und helfen, "den Kindern das Wort zu geben". Die Druckerei wird zum Symbol der rasch wachsenden Freinet-Bewegung, die untereinander durch ein Netz von Kooperation, Korrespondenz sowie Treffen und Tagungen verbunden ist (vgl. Freinet, Elise 1981).

1924 gründen Freinet und zahlreiche gleichgesinnte Kollegen eine "Kooperative", die pädagogische Zusammenarbeit organisiert und Arbeitsmittel und Materialien herausgibt ("Coopérative de l'Enseignement Laïc", C.E.L.), aus der allmählich die französische Lehrerbewegung der "Ecole Moderne" ("Moderne Schule") hervorgeht. Ihr Ziel ist es, die alte Buch- und Paukschule von innen heraus umzugestalten - durch die Kooperation zwischen einer stetig wachsenden Zahl von Lehrerinnen und Lehrern. Ihre politischen Absichten unterscheiden diese Bewegung von anderen reformpädagogischen Strömungen: Als "Pädagogik des Volkes" erstrebt sie emanzipatorische Ziele und ergreift Partei für die Kinder der Unterprivilegierten. Auf Einladung revolutionärer Gewerkschaftler fährt Freinet 1925 mit einer Delegation in die junge Sowjetunion, wo er die beeindruckende pädagogische Arbeit Makarenkos kennen lernt. Im selben Jahr lernt er auch die Pädagogin Elise kennen, seine spätere Frau, Weggefährtin und Zeit seines Lebens engste Mitarbeiterin. Freinet arbeitet weiter an der Verwirklichung einer praktischen Pädagogik, verwendbar in einer ärmlichen Klasse. Am nächsten steht ihm der Belgier Ovide Decroly, von dem er sich stark inspirieren lässt. Er nimmt seine Schüler an Nachmittagen zu Erkundungsgängen in der Natur oder zu Handwerkern mit. Weiterhin bringt er mit ersten handwerklichen Aktivitäten Leben in die Klasse. Er beginnt Briefwechsel mit anderen Schulklassen anhand freier Texte, Zeichnungen und sonstigen Produkten aus der Arbeit der Klasse. Célestin Freinet führt den Schulfilm in seiner Klasse ein, plädiert auf Lehrertreffen für die Nutzung des Rundfunks, der Schallplatte und experimentiert mit selbstgebauten Druckpressen.

Auch außerhalb der Schule arbeitet Freinet entsprechend seiner politischen Überzeugung für eine Veränderung der sozialen Verhältnisse.

1926 produziert Freinet seine erste eigene Schuldruckpresse und entwickelt in den Folgejahren noch einfachere, handlichere Modelle, um die Schuldruckerei massenhaft verbreiten zu können. Immer mehr französische Schulklassen treten in Korrespondenz und tauschen Texte, Klassenzeitungen und Arbeitsergebnisse aus. Im gleichen Jahr heiratet er Elise. Freinet arbeitet aktiv in der Gewerkschaft und wird Mitglied der Französischen Kommunistischen Partei (die ihn Anfang der 50er Jahre wieder ausschließen wird: Er und seine pädagogische Bewegung lassen sich nicht auf "Parteilinie" bringen.). 1927 findet der erste Kongress der "Ecole Moderne" statt, der fortan jährlich stattfindet. Die "Kooperative" vertreibt Druckereien, Arbeitskarteien, "Nachschlagekisten" und Lesehefte - Arbeitsmittel, die nun endgültig die Schulbücher verdrängen und selbstorganisierte "Freie Arbeit" ermöglichen. Seine Frau und er wechseln ein Jahr später nach St. Paul de Vence an eine Schule, an der beide unterrichten können. Die wachsende pädagogische Bewegung, die die Grundlagen der bestehenden Schule in Frage stellt, bringt heftige Konflikte mit der Schulbürokratie mit sich. Als Schüler Freinets in einem öffentlichen Text über ein kirchliches Fest, bei dem drei Schüler betrunken waren berichteten, bricht ein offener Schulkampf aus, der sich bald zu einer brisanten schulpolitischen Auseinandersetzung auf nationaler Ebene entfaltet. Diese endet mit der Entlassung Freinets aus dem Schuldienst. Fest entschlossen seine Arbeit fortzusetzen, eröffnen Célestin und Elise Freinet ein privates Landeserziehungsheim in Vence, das bald zum Zentrum praktischer pädagogischer Forschung wird. Im Zentrum der Schule steht die praktische, sinnvolle, schöpferische und das Kind entfaltende Arbeit. Mit dem Sieg der französischen Volksfront erfährt die Freinet-Bewegung einen weiteren Aufschwung, bevor ihr durch die faschistischen Regierungen und den 2. Weltkrieg ein Ende gesetzt wird. Politisch als unsichere Person eingestuft, wird Freinet mehrmals verhaftet und in Internierungslager gebracht. Während dieser Zeit verfasst er grundlegende pädagogische Arbeiten. Nach seiner Entlassung organisiert er an führender Stelle die regionale Widerstandsbewegung ("Résistance") mit. Gleich nach Kriegsende findet der erste Kongress der Nachkriegszeit statt. 1946 erscheint sein Buch "L'Ecole Moderne Française", in dem er seine pädagogischen Ideen zusammenfasst. Ein Jahr später kann er seine Privatschule wieder eröffnen.1948 begründet Freinet das "Institut Coopérative de l'Ecole Moderne" (ICEM), dessen Arbeitsschwerpunkt die Erprobung, Weiterentwicklung und der Vertrieb von Arbeitsmitteln ist, und das regionale Lehrertreffen koordiniert. Bis 1962 tätigt er zahlreiche Veröffentlichungen. Im Jahre 1961 wird die "Féderation Internationale des Mouvements de l'Ecole Moderne" (FIMEM) ins Leben gerufen, die zur Koordinierung der Freinet-Bewegungen in verschiedenen Länden dienen soll: Aus der Kooperation weniger französischer Volksschullehrer ist eine internationale pädagogische Reformbewegung geworden, die in über 40 Ländern vertreten ist.

In Caen findet 1962 ein internationaler Kongress mit starker deutscher Beteiligung statt. Am 8. Oktober 1966 stirbt Célestin Freinet in Vence.

3 Grundgedanken von Célestin Freinet

Die Grundgedanken von Célestin Freinet stellen den theoretischen Hintergrund der Pädagogik Freinets dar. Die einzelnen Elemente stehen dabei in einem inneren Zusammenhang. Als Praktiker und Materialist geht Freinet als junger Grundschullehrer von seinen eigenen Unterrichtserfahrungen aus. Geschwächt durch den Krieg und seinen gesundheitlichen Beeinträchtigungen beginnen ihn Disziplinschwierigkeiten in seiner Jungenklasse in Bar-sur-Loup sehr zu stören. Die Kinder zeigen geringes Interesse an den sterilen Lektionen der Schulbücher, hängen ihren Tagträumen nach, schweifen mit ihren Blicken nach draußen ab und sind geprägt von körperlicher Unruhe. So begreift Freinet schnell, dass die alte Schule der Jahrhundertwende mit ihrem Frontalunterricht, ihren abstrakten Lernvorgängen, mit ihrer lediglich auf Sprache ausgerichteten Methode und ihren starren Stundenplänen eine unnatürliche und drückende Atmosphäre schafft, bei der das Leben außerhalb der Klasse bleibt. Durch Gedankenaustausch mit Vertretern der Reformpädagogik und dem Lesen pädagogischer Klassiker versucht Freinet einen anregenden Lernraum zu schaffen, in dem Schüler und Lehrer wieder freudvoll miteinander leben und arbeiten können. Seine Kritik der Schule und seine erzieherische Philosophie orientiert sich an den Kernbegriffen: Leben, Arbeit und natürliche Methode. Leben heißt für Freinet, eigene Erfahrungen machen, aktiv handelnd die Dinge dieser Welt erproben und ihnen auf den Grund gehen. Seiner Ansicht nach ist das Lebenspotential, welches in jedem Menschen innewohnt, die positive Kraft, die die Entwicklung der Person vorantreibt. Dies geschieht in einem fortlaufenden Prozess wechselseitigen Austauschs mit der personalen und materiellen Umwelt (vgl. Laun 1983, S. 38).

Der zweite Kernbegriff Freinets Pädagogik ist die Arbeit als elementares Bedürfnis aller Menschen. Er geht davon aus, dass das Spiel eine unkindliche Tätigkeit ist, das sich das Kind nur aussucht, wenn die ihm vorgeschlagene Arbeit zu schwierig oder zu langweilig ist. Normalerweise, so Freinets Überzeugung, strebt das Kind von Beginn an danach, mit den Eltern und wie sie zu arbeiten, es ihnen gleichzutun. Planvolle und zielgerichtete Arbeit an konkreten Problemen hat für ihn einen hohen positiven Wert. Arbeit hilft die vielfältigen Probleme des Alltags zu lösen, sie schafft Werte und verbessert die materiellen Grundlagen des Lebens.

Lernen, als dritter Kernpunkt, ist für Freinet handlungsorientiert. Freinet geht davon aus, dass jedes Kind alle wichtigen Erfahrungen selbst von neuem machen muss. Hierzu eignen sich besonders das Ertasten, Erforschen seiner Umwelt. Eingebettet in seine Gruppe und in enger Verbindung mit seiner Umwelt geht das Kind daran die Beschaffenheit seiner Welt, Werte und Beziehungen herauszufinden: dies ist lebendiges Lernen, so Freinet (vgl. Laun 1983, S. 40).

Demzufolge besteht der Sinn der Schule darin, zu Techniken anzuleiten, die in gemeinsamer Anstrengung Lösungen für Probleme bieten, die das Leben selbst stellt. Da der Unterricht, so Freinets Auffassung, der Organisation der Arbeit dient, muss er sachbezogen, sinnvoll und erfahrungsorientiert sein. Wissen und Kenntnisse, die eine schulische Bedeutung haben sollen, werden auf ihren Gebrauchswert bezogen und an ihm gemessen. Die Pädagogik Freinets legt großen Wert auf darauf Neugierverhalten auszulösen und Erfahrungslernen zu unterstützen. Hierzu wurden differenzierte Arbeitsmittel und besondere Organisationsformen der Klasse entwickelt, die es jedem Kind erlauben gemäß seinen Interessen, seinen Talenten uns seinen individuellen Lernrhythmus vorzugehen. Die Produkte der Schüler, werden nicht, wie bisher üblich am Schuljahresende in den Mülleimer geworfen, sondern gemeinsam besprochen und gesammelt. Texte und Zeichnungen der Kinder werden im Klassenzimmer aufgehängt, in Schulalben der Klassenkameraden geklebt, an Briefkorrespondenten geschickt, von Eltern und Bekannten gelesen und finden somit weit über den Unterricht hinaus Beachtung und Aufmerksamkeit. Die Produktionen sorgen für Bewunderung, Lob, aber auch für Kritik und weiteren Fragen. So entwickeln sich Dialoge, die von außen wieder auf die Klasse zurückwirken und der Kreis schließt sich. Durch diese „natürliche Methode“, die Freinet als Gegenbegriff zur Stoffvermittlung im traditionellen Unterricht sieht, erhält das Kind ein realistisches Bild über sich selbst und seine Fähigkeiten. Die eigenständigen Suchprozesse des Kindes nach der ‚natürlichen Methode’ münden in eine Befreiung aus hierarchischen Lehrverhältnissen. Das Kind lernt sehr früh, dass es etwas kann, dass es selbst in der Lage ist Antworten auf seine Fragen zu finden, dass es Vertrauen in seine Fähigkeiten haben kann und nicht, dass es einen Lehrer gibt, der das Wissen besitzt und lektionsweise den Kindern einverleibt. Diese Art von Lernen, bei der das Kind sich an neue, unbekannte Sachverhalte herantastet, bezeichnet Freinet als „entdeckendes Lernen“. Er erkannte, dass man erfahrungsorientiertes Wissen niemandem überstülpen oder portionsweise eintrichtern kann. Es zählt nicht das Wissen als Endergebnis, sondern die Erfahrungen, die schließlich dorthin geführt haben und zum Inhalt des Klassenlebens werden. Somit sind auch Rückzug, Passivität und destruktives Sozialverhalten für Freinet ein Hinweis darauf, dass der Austauschprozess des Kindes mit seiner Umwelt unterbrochen wurde. Kapselt sich ein Kind ab und entwickelt Ersatzhandlungen, durch die es vermeidet echte Erfahrungen zu machen, weil diese immer mit einem Risiko des Misserfolgs verbunden sind, so sind diese Kinder zu früh und zu eindringlich in ihren Lernprozessen enttäuscht worden. Um dies zu beheben, bedarf es nach Freinet, der positiven Kraft von Erfolgserlebnissen. Die Freinetpädagogik versteht sich daher auch als Pädagogik des Erfolges. Sie arbeitet gegen die Angst vor dem Schulversagen, will Erfolg versprechende Lernerfahrungen ermöglichen und Freude und Befriedigung über erfolgreiche Arbeit erwecken, die auf die Klasse zurückwirken.

Auch die Lehrerrolle ist vom Erfolgsgedanken geprägt. Es gilt den Kindern nahe zu sein, ihnen beizustehen, den Austauschprozess im Fluss zu halten, geeignete Arbeitsmittel vorzuschlagen und Techniken zur Verfügung zu stellen, die zu entdeckendem Lernen einladen und Erfolgserlebnisse anbahnen. Der Lehrer sucht nicht nach Fehlern, sondern achtet darauf, dass die Suchbewegungen nicht ins Leere laufen und das Kind zu sehr enttäuscht wird, Irrtümer aber dennoch möglich bleiben.

Um diese positiven Absichten didaktisch umsetzen zu können, schuf Freinet die praktischen Grundlagen einer materialistischen Pädagogik. Hierzu ist es von Nöten das Klassenzimmer umzugestalten, indem man Arbeitsmittel beschafft, die in Verbindung mit neuen Arbeitstechniken und Organisationsformen das Leben in der Schule verändern. Hierzu zählen u. a. die Druckerei, Handwerkszeuge und Handwerksmaterialien, elektrische Geräte, Schallplatten, Baukästen, Bücher und viele andere nützliche Dinge. Das Klassenzimmer ähnelt schließlich einer Werkstatt, einem Ort, an dem die Kinder ihre Arbeitsprodukte ausstellen können, der Lust und Spaß am Lernen weckt und an dem sie sich wohl fühlen.

4 Elemente und Techniken der Freinet Pädagogik und ihre Bedeutung für das Kind

Im System Schule werden die Gefühle, Bedürfnisse und Interessen des Kindes unzureichend berücksichtigt. Oftmals muss der Schüler einer Norm entsprechen, deren Einhalten durch den Erzieher und Lehrer kontrolliert wird. Dagegen wehrt sich die Pädagogik Freinets. Eines ihrer wesentlichen Grundprinzipien ist das Recht auf Verschiedenheit. „Es liegt nicht an den Kindern, den Normen der Schule zu entsprechen; es ist Aufgabe der Schule, der Verschiedenheit der Kinder Rechnung zu tragen“ (Baillet 1989, S. 17). Das Kind soll in der Schule die Möglichkeit haben, sich zu einem Subjekt zu entfalten, zu einer für sich selbst verantwortlichen Persönlichkeit. Hierzu ist es erforderlich, dass der Erzieher die kindlichen Bedürfnisse berücksichtigt. Nach Baillet gibt es vier Punkte der erzieherischen Haltung:

- Das Recht des Kindes, sich in seiner eigenen Persönlichkeit zu entfalten, wird vom Erzieher respektiert.
- Das Kind erhält die Möglichkeit seinen natürlichen Wissensdrang aktiv in der kritischen Auseinandersetzung mit seiner Umwelt zu befriedigen.
- Der Erzieher lehrt das Kind für seine Arbeit selbst Verantwortung zu übernehmen.
- Er ermöglicht ihm ein positives soziales Leben als mitverantwortliches Glied der Klassengruppe (Baillet 1989, S. 17).

Damit diese Punkte umgesetzt werden können, bedarf es bestimmten Unterrichtstechniken und Arbeitsmitteln. Nachfolgend sollen erörtert werden, welche Techniken jedem der vier Punkte entsprechen und inwieweit sie für die kindliche Entwicklung relevant sind. Meine Ausführungen lehnen sich an Baillet an.

4.1 Freie Entfaltung der Persönlichkeit

Kinder haben grundsätzlich ein natürliches Mitteilungs- und Kommunikationsbedürfnis. Um diesem gerecht zu werden, ist es unerlässlich ihnen das Recht auf freie Entfaltung ihrer Persönlichkeit zuzugestehen. Hierzu zählt die Chance, sich ohne jeden Zwang auszudrücken wie auch die Möglichkeit des Austauschens, der Kommunikation. Es ist dabei besonders wichtig, dass der Lehrer dieses Kommunikationsbedürfnis des Kindes in vielen Bereichen möglich macht ohne es festzulegen. Das Kind soll selbst entscheiden können, welche Ausdruckstechnik ihm zusagt und welche nicht. Mehrere Unterrichtstechniken sind hier zu nennen: Freier Text, Schuldruckerei, Klassenzeitung und Korrespondenz.

Freier Text

Freinet hat den Begriff „Freier Text“ aus der Reformpädagogik übernommen, um das Schreiben in der Freinet-Klasse durch einen deutlichen Gegenbegriff zu Pflichtaufsätzen, Diktaten, Lesebuchabschriften und ähnlichen Übungen des Erstschreibunterrichts zu schaffen. Freier Text bedeutet sich mitzuteilen, eingebettet in Prozesse wirklicher Kommunikation, schreibend seine Gedanken, Erlebnisse, Träume und Phantasien zu bearbeiten. Dies geschieht frei von Zwängen zeitlicher, formaler und inhaltlicher Vorgaben schulischer Rituale. Der Text kann geschrieben werden, wann und wo das Kind es wünscht, egal an welchem Ort und auf welcher Unterlage oder mit welchen Schreibutensilien. Der Text wird nicht nach orthographisch-grammatikalischen Normen bewertet, was aber nicht bedeutet, dass keine Methoden verwendet werden, um Rechtschreibung und Grammatik zu lernen. In der Freinet-Klasse werden die Texte gesammelt und regelmäßig von dem Kind, das sie geschrieben hat, vorgelesen. Die Klasse entscheidet sich für ein oder zwei Texte, die besonders spannend, lebendig oder einfach schön sind. Gemeinsam werden die Niederschriften dann bearbeitet, was heißt, dass unverständliche Worte ausgetauscht oder Unklarheiten beseitigt werden. Es geht aber keineswegs um eine Normierung des Textes, sondern um „die geduldige, sensible Freilegung einer authentischen Mitteilung, einer persönlichen ‚Botschaft’ an andere Mitglieder der Klassengruppe“ (Laun 1983, S. 67).

Korrigierte Texte kommen in das Atelier Druckerei in der Klasse.

Schuldruckerei

Es wird im gemeinsamen Arbeitsplan festgelegt, wann der Setzkasten frei ist, damit der Schüler seinen Text setzen kann. Der Aufbau der Seite, Art und Größe der Schrifttypen werden dabei vom Kind selbst gewählt. Anschließend wird gedruckt. Ein Schüler färbt den Druckstock, ein anderer legt die sauberen Blätter ein und der dritte räumt die fertigen Drucke zum Trocknen weg.

Die Druckerei in der Schule ist ein Mittel, welches das kindliche Schreiben aufwertet. Die Texte werden veröffentlicht, d.h. Lehrer, Klassenkameraden Eltern und Briefpartner lesen sie. Die gedruckten Seiten haben für den Leser meist einen besonderen Wert, da sie einem offiziellen Text gleichgesetzt werden. Die Kinder sehen, dass sie ernst und wichtig genommen werden. Es ist identitätsfördernd für die Schüler zu erfahren, sich erfolgreich anderen gegenüber mitgeteilt zu haben, von anderen wahrgenommen und für seine Sprachproduktion bestätigt zu werden. Der Erwerb und die Einübung von Lesen und Schreiben durch die Druckerei in der Schule sind in Verfahren sprachlicher Kommunikation mit tatsächlich vorhandenen und reagierenden Lesern eingebettet. Ein Austauschprozess kann beginnen. Weiterhin erlaubt das eigene Drucken dem Kind, gedruckte Texte kritisch zu beurteilen.

[...]

Ende der Leseprobe aus 43 Seiten

Details

Titel
Freinetpädagogik in der Schule für Schüler mit Beeinträchtigungen im Bereich der geistigen Entwicklung
Hochschule
Universität Leipzig  (Institut für Förderpädagogik)
Veranstaltung
Reformpädagogische Ansätze in der Geistigbehindertenpädagogik
Note
1,7
Autor
Jahr
2009
Seiten
43
Katalognummer
V139339
ISBN (eBook)
9783640492695
ISBN (Buch)
9783640492480
Dateigröße
646 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Freinetpädagogik, Schule, Schüler, Beeinträchtigungen, Bereich, Entwicklung
Arbeit zitieren
Nadja Hinze (Autor), 2009, Freinetpädagogik in der Schule für Schüler mit Beeinträchtigungen im Bereich der geistigen Entwicklung, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/139339

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