Die Reformpädagogik des beginnenden 20. Jahrhunderts hatte das Ziel, eine Pädagogik zu schaffen, die den Bedürfnissen des Kindes entsprach. Der französische Reformpädagoge, Célestin Freinet begründete eine Pädagogik, die ihm das Unterrichten und den Schülern das Lernen erleichtern sollte. Anstelle von Lehrunterweisungen traten Exkursionen und Erkun-dungen der Umgebung. Mit der von ihm entwickelten Schuldruckerei eröffnete sich für die Schüler die Möglichkeit, eigene Texte zu setzten, eigene Zeitungen herauszubringen und durch Korrespondenz mit anderen Klassen ihr Gedanken weiter zu geben. Durch die Abtrennung von Klassenzimmerecken und die daraus entstehenden Ateliers ermöglichte er den Schülern gleichzeitig zu verschiedenen Themenbereichen zu experimentieren und zu arbeiten. Freinets Interesse galt im Gegensatz zu vielen anderen Reformpädagogen der 20er Jahre jedoch nicht der Entwicklung einer besonderen Modeleinrichtung, sondern vielmehr der Veränderung der normalen Staatsschule von innen heraus.
Diese Arbeit möchte heraus arbeiten, inwieweit eine Pädagogik im Sinne Freinets an Schulen für Geistig Behinderte möglich ist. Hierzu wird zunächst das Leben Célestin Freinets näher vorgestellt und seine Grundgedanken zu Pädagogik und Schule erläutert, um dann zu ausgewählten Elementen und Techniken der Freinet-Pädagogik zu kommen. Im Anschluss daran werden die Unterrichtsprinzipien und –methoden der Geistigbehinderten-pädagogik herauskristallisiert. Im darauf folgenden Gliederungspunkt wird untersucht, ob die Grundsätze und Techniken der Freinet-Pädagogik auch an Schulen für geistig Behinderte anwendbar sind. Zum Schluss sollen mögliche Problemfelder und Grenzen aufgezeigt werden, die sich bei der Einführung dieses Unterrichtsprinzips ergeben können.
Inhaltsverzeichnis
1 EINLEITUNG
2 CÉLESTIN FREINET – KURZBIOGRAPHIE
3 GRUNDGEDANKEN VON CÉLESTIN FREINET
4 ELEMENTE UND TECHNIKEN DER FREINET PÄDAGOGIK UND IHRE BEDEUTUNG FÜR DAS KIND
4.1 FREIE ENTFALTUNG DER PERSÖNLICHKEIT
4.2 KRITISCHE AUSEINANDERSETZUNG MIT DER UMWELT
4.3 SELBSTVERANTWORTUNG DES KINDES
4.4 KOOPERATIVE ARBEIT UND GEGENSEITIGE VERANTWORTLICHKEIT
5 DIE GEISTIGBEHINDERTENPÄDAGOGIK UND IHRE UNTERRICHTS-PRINZIPIEN
5.1 ZIELE UND AUFGABEN SCHULISCHER ERZIEHUNG VON SCHÜLERN MIT BEEINTRÄCHTIGUNGEN IM BEREICH DER GEISTIGEN ENTWICKLUNG
5.2 DIDAKTISCHE ASPEKTE
5.3 UNTERRICHTSPRINZIPIEN
5.4 UNTERRICHTSMETHODEN
6 VERGLEICH DER FREINET-PÄDAGOGIK UND DER GEISTIGBEHINDERTENPÄDAGOGIK UND MÖGLICHKEITEN DER VERBINDUNG IM UNTERRICHT
6.1 GEMEINSAMKEITEN DER PÄDAGOGIK VON FREINET UND DER GEISTIGBEHINDERTENPÄDAGOGIK HINSICHTLICH DER GRUNDGEDANKEN
6.2 ELEMENTE DER FREINET-PÄDAGOGIK IM BEZUG ZU DEN DIDAKTISCHEN ASPEKTEN DER GEISTIGBEHINDERTENPÄDAGOGIK
6.3 PRINZIPIEN DER GEISTIGBEHINDERTENPÄDAGOGIK UND DER FREINET-PÄDAGOGIK IM VERGLEICH
7 GRENZEN DER INTEGRATION VON TECHNIKEN DER FREINET-PÄDAGOGIK IN DIE GEISTIGBEHINDERTENPÄDAGOGIK
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht die Anwendbarkeit der Freinet-Pädagogik im Kontext von Schulen für Kinder mit Beeinträchtigungen im Bereich der geistigen Entwicklung, wobei Gemeinsamkeiten sowie didaktische Verbindungsmöglichkeiten im Vordergrund stehen.
- Biografie und Grundgedanken von Célestin Freinet
- Elemente und Techniken der Freinet-Pädagogik
- Unterrichtsprinzipien der Geistigbehindertenpädagogik
- Vergleich der beiden pädagogischen Ansätze
- Grenzen und Möglichkeiten der Integration im Unterricht
Auszug aus dem Buch
Tastendes Versuchen
Der Begriff ‚tastendes Versuchen’ ist Ausdruck für forschendes Verhalten angesichts einer Fragestellung. "Wenn es Kinder gäbe, die ausschließlich in der Schule gelernt hätten - und nirgendwo sonst - würde man den totalen Mißerfolg dieser Lernform feststellen. Wir meinen, und die Erfahrung liefert uns in jedem Moment den Beweis, daß das Kind sich selbst erzieht - nicht durch von außen herangetragenen Unterricht, sondern durch experimentelles Versuchen (tâtonnement experimental) im Leben" (FREINET/ ROBIC 1964, zit. n. LAUN 1982, S. 52-54).
Die Kinder sollen ihre Umwelt kritisch betrachten lernen. Damit ihre fundamentalen Bedürfnisse Beachtung finden, wird ihnen das ‚tastende Versuchen’ in allen Bereichen ermöglicht: beobachten, experimentieren, Fragen an ihre Umwelt und Fragen an die Vergangenheit stellen, Beziehungen herstellen, Hypothesen entwerfen und auf ihre Richtigkeit hin überprüfen, sich irren und neu anfangen. Es geht nicht in jedem Fall darum absolute Bestätigung zu erlangen, sondern hauptsächlich sich forschendes Verhalten anzueignen, das durch Überlegung und Erfahrung untermauert wird. Solche Erfahrungen stellen ferner Bezugspunkte für spätere Ableitungen dar. Bei diesem Lern- und Verstehensvorgang liegt der Ausgangspunkt beim Kind, und seine Wichtigkeit liegt in dessen tiefgreifender Motivation.
Zusammenfassung der Kapitel
1 EINLEITUNG: Einführung in die Thematik der Reformpädagogik nach Freinet und Formulierung der Fragestellung zur Anwendbarkeit an Schulen für geistig Behinderte.
2 CÉLESTIN FREINET – KURZBIOGRAPHIE: Darstellung des Lebensweges von Célestin Freinet und der Entstehung seiner pädagogischen Ansätze aus der eigenen Schulerfahrung und Praxis heraus.
3 GRUNDGEDANKEN VON CÉLESTIN FREINET: Erläuterung der theoretischen Basis, insbesondere der Kernbegriffe Leben, Arbeit und natürliche Methode im Kontext einer handlungsorientierten Pädagogik.
4 ELEMENTE UND TECHNIKEN DER FREINET PÄDAGOGIK UND IHRE BEDEUTUNG FÜR DAS KIND: Detaillierte Beschreibung praktischer Methoden wie Freier Text, Schuldruckerei, Klassenzeitung und deren Beitrag zur Persönlichkeitsentwicklung.
5 DIE GEISTIGBEHINDERTENPÄDAGOGIK UND IHRE UNTERRICHTS-PRINZIPIEN: Analyse der Ziele, didaktischen Aspekte und Methoden der Geistigbehindertenpädagogik gemäß aktuellen Richtlinien.
6 VERGLEICH DER FREINET-PÄDAGOGIK UND DER GEISTIGBEHINDERTENPÄDAGOGIK UND MÖGLICHKEITEN DER VERBINDUNG IM UNTERRICHT: Gegenüberstellung der Konzepte und Identifizierung gemeinsamer Schnittmengen für die Unterrichtspraxis.
7 GRENZEN DER INTEGRATION VON TECHNIKEN DER FREINET-PÄDAGOGIK IN DIE GEISTIGBEHINDERTENPÄDAGOGIK: Reflexion über strukturelle, personelle und materielle Schwierigkeiten bei der Umsetzung der Freinet-Methoden an Schulen für geistig Behinderte.
Schlüsselwörter
Freinet-Pädagogik, Geistigbehindertenpädagogik, Reformpädagogik, Handlungsorientierung, Selbstverantwortung, Schuldruckerei, Freier Text, Klassenrat, Inklusion, Differenzierung, Ganzheitlichkeit, entdeckendes Lernen, Lernumgebung, sonderpädagogische Förderung, Unterrichtsmethoden
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der vorliegenden Arbeit im Kern?
Die Arbeit untersucht, inwieweit die pädagogischen Ansätze von Célestin Freinet an Schulen für geistig Behinderte übertragen und in den dortigen Unterricht integriert werden können.
Welche zentralen Themenfelder werden behandelt?
Im Fokus stehen die Freinet-Pädagogik mit ihren Techniken sowie die Didaktik und die Unterrichtsprinzipien der Geistigbehindertenpädagogik.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Die Arbeit verfolgt das Ziel, Schnittpunkte zwischen beiden pädagogischen Systemen zu identifizieren und die Möglichkeiten sowie Grenzen der Integration von Freinet-Methoden in den Unterricht von Schülern mit geistigen Beeinträchtigungen aufzuzeigen.
Welche wissenschaftliche Methode verwendet die Autorin?
Die Arbeit basiert auf einer Literaturanalyse, in der pädagogische Konzepte gegenübergestellt und auf ihre Kompatibilität mit den besonderen Anforderungen der Geistigbehindertenpädagogik geprüft werden.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Darstellung der Freinet-Pädagogik, die Analyse der Geistigbehindertenpädagogik und den systematischen Vergleich beider Ansätze hinsichtlich ihrer Prinzipien und praktischen Anwendbarkeit.
Welche Schlüsselbegriffe charakterisieren die Arbeit?
Zu den prägenden Begriffen zählen Freinet-Pädagogik, handlungsorientiertes Lernen, Selbstverantwortung, Differenzierung und die Berücksichtigung individueller Bedürfnisse von Schülern mit geistiger Behinderung.
Wie bewertet die Autorin die Rolle des Lehrers in diesem Kontext?
Der Lehrer wird als Partner und Initiator gesehen, der eine anregende Lernumgebung schafft und dem Schüler Freiräume zur Selbstentfaltung lässt, wobei in der Geistigbehindertenpädagogik ein höheres Maß an Lenkung notwendig sein kann.
Welche spezifischen Grenzen nennt die Autorin für die Integration?
Die Autorin benennt insbesondere den vorgegebenen Lehrplan, materielle Einschränkungen, die Heterogenität der Schülerschaft sowie die Notwendigkeit, Aufgaben an den spezifischen Förderbedarf der Schüler anzupassen.
- Quote paper
- Nadja Hinze (Author), 2009, Freinetpädagogik in der Schule für Schüler mit Beeinträchtigungen im Bereich der geistigen Entwicklung, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/139339