Gott ist tot – eigentlich schon seit der französischen Revolution, spätestens jedoch seit Nietzsche. Auch Schopenhauers philosophische Abhandlungen über den Wegfall der Transzendenz und die Erkenntnis, dass jeder sein inhaltloses Leben ertragen müsse, beeinflussen den damaligen Zeitgeist, auch in Lateinamerika. Gleichzeitig entsteht die Domaine des Journalismus- viele lateinamerikanische Poeten waren zugleich auch Journalisten, haben also die frühere Idealsuche in der Poesie auf die wahre Welt verlegt. Zu Beginn des 19. Jahrhunderts ging die feste Struktur des Kolonialreiches verloren, ein kollektives Gefühl der Entwurzelung und der Überforderung erfasste die Menschen. Weiterhin veränderte die aufkommende Industrialisierung die Lebensstrukturen tief greifend. Die im Folgenden untersuchten Texte sind Ende des 19. Jahrhunderts entstanden, daher kann man davon ausgehen, dass der Zeitgeist der Entwurzelung das Lebensgefühl, den Kontext prägte, in dem die Gedichte verfasst wurden. Die Auswirkungen der soziokulturellen Veränderungen mögen demnach wohl auch in der zeitgenössischen Literatur und in intimsten Beziehungen ihre Spuren hinterlassen haben. Um in deduktiver Vorgehensweise die Belegung diese These herauszuarbeiten, konzentriere ich mich im Folgenden auf das Frauenbild eines speziellen Autors: jenes des Mexikaners Manuel Gutiérrez Nájera. Es kam zu einem Bruch in Nájeras Schaffen; seine sich teils widersprüchlich gegenüber stehenden Erwartungen bezüglich seiner intimen Beziehungen sollen vorgestellt und auf ihren Ursprung hin untersucht werden. Die These, dass die männlich- dichterische Sichtweise über Frauen die Essenz der Epoche wiederzugeben scheint, soll anhand der hauptsächlichen Betrachtung Nájeras belegt werden. Anhand des Beispiels des Nicaraguaners Rúben Darío als eines der bedeutendsten lateinamerikanischen Modernisten in Relation gesetzt, soll herausgearbeitet werden, wie sich die Frauenbilder in der damaligen Zeit konzipierten. Außerdem wird untersucht werden, inwiefern diese mit dem gesellschaftlich- politischen und wissenschaftlichen Kontext in Beziehung stehen. Die psychoanalytische Deutung von Nájeras Schaffen findet anhand ausgewählter Gedichte des Autors und Ausführungen Homi K. Bhabhas und Maya Nadigs statt. Zur folgenden Analyse, welche speziell Nájeras und Daríos Werk betrifft, wurde vor allem das Werk An art alienated from itself der Autorin lateinamerikanischer Studien Priscilla Pearsall herangezogen.
Inhaltsverzeichnis
A Zeitgenössischer gesellschaftlicher Kontext des literarischen modernismo
I. Frauenbilder bei Manuel Gutiérrez Nájera
I. 1 Ödipale Konzeption von Frauenfiguren
I .2 Die sexuell aktive Frau als abgewertetes Objekt
I. 3 Gegenüberstellung von de blanco und la duquesa job
II. Konzeption von Weiblichkeit bei Rúben Darío
II. 1 Atemlosigkeit angesichts der transzendentalen Kräfte der Frau?
II. 2 Sexismus und Dekadenz bei Darío
III. Wissenschaftlich- analytische Ausganspunkte
III. 1 Das Stereotyp- Definition
III. 2 Das Stereotyp nach Bhabha und in Bezug auf Nájeras Werk
III. 3 Psychoanaltische Annäherung an Erzeugung des weiblichen Stereotyps im Besonderen
III. 4 Sexismus in der Wissenschaft des 18. bis 20. Jahrhunderts
IV. Nájeras Werk- ein Spiegel der typisch modernistischen Verunsicherung
C Die „zerklüftete“ Identität im 19. Jahrhundert
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht die Konstruktion und Wahrnehmung von Frauenbildern in der Lyrik des lateinamerikanischen modernismo, wobei ein besonderer Fokus auf dem Werk von Manuel Gutiérrez Nájera im Vergleich zu Rubén Darío liegt. Die zentrale Forschungsfrage ist, wie sich die tiefgreifende soziokulturelle Verunsicherung der Epoche in der stereotypen, teils widersprüchlichen Darstellung weiblicher Figuren niederschlägt und welche psychologischen Mechanismen – wie etwa die Projektion von Fetisch und Phobie – dieser literarischen Praxis zugrunde liegen.
- Analyse der widersprüchlichen Frauenkonzeptionen bei Nájera (Mutterideal vs. Kurtisane).
- Vergleich der modernistischen Frauenentwürfe bei Manuel Gutiérrez Nájera und Rubén Darío.
- Psychoanalytische und kulturwissenschaftliche Fundierung der Stereotypenbildung (unter Einbezug von Homi K. Bhabha).
- Untersuchung des zeitgenössischen wissenschaftlichen Diskurses über Weiblichkeit und Sexualität.
- Darstellung der literarischen Suche nach Transzendenz in einer durch Industrialisierung und Dekadenz geprägten Welt.
Auszug aus dem Buch
I. 1 Ödipale Konzeption von Frauenfiguren
Schon der Titel gibt Aufschluss über den Inhalt: Weissheit, Reinheit. Die äußere Form von De blanco unterstreicht in ihrer Regelmäßigkeit die inhaltlich beschworene solide und zurückhaltende Natur, die Häuslichkeit und Milde der Frau, das weibliche Idealbild des Sprechers: Die zehn Strophen, die je aus sechs Versen bestehen, weisen durchgängig das Reimschema „aabccb“ auf; das Ende der dritten und sechsten Strophe jeder Zeile setzt eine Zäsur durch den rima aguda. Die Verwendung des männlichen Reims, der die Beschreibung der Frau gleichsam in der Mitte „gürtet“ und am Ende nochmals die Strophe zäsiert, also sozusagen einen Rahmen vorgibt, kann als angenommene Notwendigkeit der männlichen Herrschaft über die Frau, damit sie das Ideal darstellen kann, verstanden werden.
De blanco stellt einen Lobpreis des Weißen und Reinen dar: Zu Beginn des Gedichtes sind Teile der Natur und Dinge aus der sakralen Welt Huldigungsgegenstand: „¿Qué cosa más blanca que candido lirio?/ ¿ qué cosa más pura que místico cirio? (Garza a):1/2)1“. Dass der feuchte Dunst „virgen“ (4) ist, kann unter Umständen schon als Anspielung auf die gewünschte Reinheit oder Asexualität einer Frau verstanden werden. Dies schlägt eine Brücke zwischen der zunächst beschriebenen Dingwelt und den Personen, die den eigentlichen Gegenstand des Gedichtes darstellen. Die Nennung des gotischen Altars (6) ist als Verweis auf die Romantik zu lesen, welche Nájera nicht loslassen konnte, wie in I. bereits angeführt wurde. Er postuliere nach Pearsall die spirituelle Natur der Dichtung (Pearsall 1984:40). “In his defence of Romanticism he attacks not only Realism and Naturalism, but also the decadence which dominated European literature from the time of Baudelaire on” (41).
Zusammenfassung der Kapitel
A Zeitgenössischer gesellschaftlicher Kontext des literarischen modernismo: Das Kapitel erläutert den soziokulturellen Hintergrund der Epoche, geprägt von Industrialisierung, Entwurzelung und der Suche nach neuer Sinnstiftung in der Literatur.
I. Frauenbilder bei Manuel Gutiérrez Nájera: Es werden die zentralen Frauenentwürfe im Werk Nájeras analysiert, insbesondere die Ambivalenz zwischen dem reinen Mutterideal und der aktiv sexualisierten Frauenfigur.
I. 1 Ödipale Konzeption von Frauenfiguren: Eine detaillierte Gedichtanalyse von „De blanco“ zeigt die symbolische Verknüpfung von Reinheit, Weissheit und männlicher Kontrolle.
I .2 Die sexuell aktive Frau als abgewertetes Objekt: Das Gedicht „La duquesa Job“ wird als Kontrastprogramm untersucht, in dem das Begehren mit einer gleichzeitigen Geringschätzung der Frau als Objekt einhergeht.
I. 3 Gegenüberstellung von de blanco und la duquesa job: Dieses Kapitel führt die Analyse der beiden Extrempole zusammen und deutet sie als Ausdruck eines „satanischen Bruchs“ und der tiefen psychischen Zerrissenheit des Autors.
II. Konzeption von Weiblichkeit bei Rúben Darío: Die Untersuchung überträgt die Fragestellung auf Rubén Darío, um aufzuzeigen, wie sich der „neomystische“ Zugang zur Weiblichkeit bei anderen Modernisten manifestiert.
II. 1 Atemlosigkeit angesichts der transzendentalen Kräfte der Frau?: Das Kapitel beleuchtet den Wunsch nach transzendentaler Erfüllung in Daríos Lyrik, die bei ihm jedoch nicht durch Unterdrückung der Sexualität, sondern durch deren ästhetische Überhöhung angestrebt wird.
II. 2 Sexismus und Dekadenz bei Darío: Daríos Einordnung von Frauen als Luxusgegenstände wird hier im Kontext seiner ästhetischen Praxis und der Mimikry französischer Vorbilder erörtert.
III. Wissenschaftlich- analytische Ausganspunkte: Der theoretische Teil begründet den Einsatz psychoanalytischer Ansätze zur Erforschung der in den Gedichten manifestierten Frauenbilder.
III. 1 Das Stereotyp- Definition: Hier wird der Begriff des Stereotyps wissenschaftlich definiert und als Ausdruck einer starren, gesellschaftlich vermittelten Kategorisierung erläutert.
III. 2 Das Stereotyp nach Bhabha und in Bezug auf Nájeras Werk: Unter Rückgriff auf Homi K. Bhabha werden Fetischisierung und Ambivalenz als Strategien zur Abgrenzung und Identitätsbildung analysiert.
III. 3 Psychoanaltische Annäherung an Erzeugung des weiblichen Stereotyps im Besonderen: Dieses Unterkapitel widmet sich den kindheitsgeprägten Ursprüngen der Sensibilität Nájeras und der Abnabelung von mütterlichen Identifikationsmustern.
III. 4 Sexismus in der Wissenschaft des 18. bis 20. Jahrhunderts: Es wird dargelegt, dass die literarischen Frauenbilder des Modernismo im Einklang mit zeitgenössischen, pseudowissenschaftlichen Diskursen über „weibliche Natur“ standen.
IV. Nájeras Werk- ein Spiegel der typisch modernistischen Verunsicherung: Die Zusammenfassung der Ergebnisse unterstreicht den Rückzug des Dichters in die Dichtung als „Rettung“ vor der Vergänglichkeit und dem Identitätsverlust.
C Die „zerklüftete“ Identität im 19. Jahrhundert: Das Fazit fasst die Ergebnisse zusammen und kontextualisiert die modernistische Identitätskrise als eine zwanghafte Reaktion auf die ökonomischen und moralischen Umbrüche der Zeit.
Schlüsselwörter
Modernismo, Manuel Gutiérrez Nájera, Rubén Darío, Frauenbild, Stereotyp, Psychoanalyse, Homi K. Bhabha, Fetischismus, Dekadenz, Identität, Transzendenz, Geschlechterrollen, Sexualität, Industrialisierung, Romantik.
Hufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundlegend?
Die Arbeit analysiert die Konstruktion von Frauenbildern in der Lyrik lateinamerikanischer Modernisten, insbesondere bei Manuel Gutiérrez Nájera und Rubén Darío, und setzt diese in Bezug zu den soziokulturellen Krisen des 19. Jahrhunderts.
Welche zentralen Themenfelder werden bearbeitet?
Zentrale Themen sind die Desillusionierung des modernen Dichters, die Entfremdung von der Realität, die psychologische Funktion von Stereotypen sowie der Einfluss von Dekadenz und Industrialisierung auf das literarische Schaffen.
Was ist das primäre Ziel oder die zentrale Forschungsfrage?
Die Untersuchung zielt darauf ab, die Hintergründe für den „satanischen Bruch“ in Nájeras Frauenbildern zu erklären und aufzuzeigen, wie die Dichotomie zwischen dem „reinen“ Mutterideal und der „lasterhaften“ Frau der Bewältigung existentieller Ängste dient.
Welche wissenschaftlichen Methoden kommen zur Anwendung?
Es werden textimmanente Gedichtanalysen mit psychoanalytischen Theorien (u.a. von Homi K. Bhabha und Maya Nadig) sowie kulturwissenschaftlichen Diskursanalysen kombiniert, um die literarischen Texte in ihren zeitgenössischen Kontext einzuordnen.
Welche Inhalte dominieren den Hauptteil?
Der Hauptteil gliedert sich in die detaillierte Analyse der Gedichte von Nájera und Darío, die theoretische Definition des Stereotyps und die Einbettung in das medizinisch-wissenschaftliche Weltbild des 18. bis 20. Jahrhunderts.
Welche Begriffe charakterisieren diese Arbeit maßgeblich?
Die Arbeit wird durch Begriffe wie Identitätsverlust, Fetischisierung, männliche Projektion, Transzendenz und den spezifischen literarischen Kontext des Fin de Siècle bzw. des Modernismo charakterisiert.
Inwiefern spielt der „Chapultepec“ in der Argumentation eine Rolle?
Der Chapultepec dient als Beispiel für den Versuch Nájeras, trotz aller Verunsicherung und Dekadenz, flüchtige Momente in der Natur zu genießen, die als „beschauliche Sonntage“ einen Kontrapunkt zum harten Alltag setzen.
Wie bewertet die Autorin die Rolle der Prostitution in Nájeras Werk?
Die Prostitution wird nicht nur als soziales Faktum der Zeit interpretiert, sondern als notwendiges Gegenstück zum Eheideal, das es dem Mann ermöglichte, zwischen sexueller Ekstase und bürgerlicher Moral zu trennen, ohne das reine Bild der Ehefrau zu gefährden.
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- Carina Bauer (Author), 2009, Die Kluft zwischen den Extremen und der Zwang, der sie zu überbrücken sucht, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/139364