In dieser Hausarbeit geht es im Rahmen der ausgewählten Dramen Die Heilige Johanna der Schlachthöfe, Mutter Courage und ihre Kinder sowie Der gute Mensch von Sezuan darum, eine Reihe von Frauen zu untersuchen, die man im Brechtschen Sinne als ‚heroisch‘ bezeichnen kann, da sie gezwungen sind, unter äußerst schwierigen Lebensbedingungen folgenreiche existenzielle Entscheidungen zu treffen, und trotzdem dabei ihren Lebenswillen nicht verlieren. Es sind Figuren, deren Existenz sich innerhalb des gesellschaftlichen Spannungsverhältnisses entzweit, und die in eine moralisch gute, idealistische und altruistisch gesinnte Hälfte auf der einen sowie eine in bürgerlichen Ansichten verhaftete, ökonomisch handelnde, egoistische Hälfte auf der anderen Seite zerfällt. Alle drei jedoch fungieren als Repräsentanten der veränderbaren und zu verändernden Welt, in welcher das Scheitern des Individuums gleichsam als eine Kritik am ‚kapitalistischen System‘ aufgefasst werden kann, die im gleichen Atemzug die Ablösung des status quo durch den Sozialismus fordert. Die Heroinen sind diejenigen, die innerhalb dieser Verhältnisse zu überleben versuchen (Courage), als moralischer Werteträger Güte spenden (Shen Te) oder eben jene Einsichten in das System gewinnen, die zum Handeln gegen die eigenen idealistischen Grundsätze auffordern und die Person in einen Widerstreit mit sich selbst stürzen (Johanna).
Diese Arbeit enthüllt das ‚faustische Element‘ in den einzelnen Charakteren, die Motive ihres Handelns sowie die Ursachen und Folgen ihres Zwiespalts vor dem Hintergrund des jeweiligen gesellschaftlichen Kontexts.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Die Heilige Johanna der Schlachthöfe
2.1 Die missionarische Sozialreformerin und ihre Einsichten in das System
2.2 Das Verhältnis zu Mauler
2.3 Das Scheitern der bürgerlichen Johanna
2.4 Die späte Wandlung: Es hilft nur Gewalt wo Gewalt herrscht
3. Mutter Courage und ihre Kinder
3.1 Mutterinstinkt versus Handelsgeist
3.2 Die Courage, der Krieg und das Geschäft
3.3 Der aktive Widerstand der Schwachen: Kattrin als Gegenfigur
4. Der gute Mensch von Sezuan
4.1 Natürliche Güte und gesellschaftliche Wirklichkeit
4.2 Das Vernunftsprinzip - Shui Ta
4.3 Der idealisierte Frauentypus
5. Schlussbemerkungen
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht die heroischen Frauenfiguren in Bertolt Brechts Dramen "Die Heilige Johanna der Schlachthöfe", "Mutter Courage und ihre Kinder" sowie "Der gute Mensch von Sezuan", um den Zwiespalt zwischen moralischem Idealismus und ökonomischer Überlebensnotwendigkeit innerhalb kapitalistischer Strukturen zu analysieren.
- Analyse des "faustischen Elements" und des Zwiespalts in den Charakteren.
- Untersuchung des Spannungsverhältnisses zwischen persönlicher Güte und gesellschaftlicher Realität.
- Bewertung der Rolle des Individuums und der Veränderbarkeit gesellschaftlicher Verhältnisse.
- Kontrastierung von reformistischen Ansätzen mit revolutionärer Notwendigkeit.
- Deutung der weiblichen Rollenbilder als Sprachrohr für Brechts Gesellschaftskritik.
Auszug aus dem Buch
2.1 Die missionarische Sozialreformerin und ihre Einsichten in das System
Wir lernen Johanna zunächst in ihrer Eigenschaft als Missionarin an der Spitze der Schwarzen Strohhüte kennen, die gegen die elenden Zustände der Arbeiter sowie die gewaltbereite Atmosphäre auf den Schlachthöfen den Glauben an Gott wieder aufrichten will. Dies soll durch eben jene geschehen, welche auf der untersten Sprosse der sozialen Hierarchie stehen, mit dem Ziel, diese davor zu bewahren, gegen die schlechten Lebenszustände gewaltsam zu rebellieren und dadurch die eigene existentielle Situation nachhaltig zu verschlimmern. Als unkorrumpierbare Soldatin Gottes verteilt sie warme Suppen an die Armen und predigt eine Werteordnung, welche sich auf die Sorge um das menschliche Seelenheil und die himmlische Belohnung im Jenseits statt des Strebens nach besseren Lebensbedingungen im Diesseits stützt.
Die materielle Situation eines Menschen ist in ihrem Weltbild vom launischen Rad der Fortuna abhängig, das schließlich nicht jeden mit Reichtümern segnen kann, folglich „das Unglück (...) wie der Regen (kommt), den niemand machet und der doch kommt“(S.15)1. Die wirkliche Armut der Arbeiter sieht sie in deren niederem Genussstreben und Desinteresse für Gottes Wort begründet, dessen Befolgung jedoch als Brücke zu einem höheren, süßeren Dasein dient – freilich erst nach dem Tod. Symptomatisch für ihre Grundhaltung zu Anfang des Stückes ist die Auffassung, dass ausschließlich die selbst verschuldete Unvernunft für den Mangel an religiösem Glauben verantwortlich ist, wie auch die vehemente Abkehr von Gewalt, welche sie nicht als Instrument zur Verbesserung der Lebensbedingungen, sondern vielmehr als Weg ins sichere Chaos begreift.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Arbeit führt in die Thematik der heroischen Frauenfiguren bei Brecht ein und umreißt den methodischen Fokus auf deren inneren Zwiespalt in einem kapitalistischen Umfeld.
2. Die Heilige Johanna der Schlachthöfe: Das Kapitel analysiert Johannas Wandel von der naiven Missionarin zur desillusionierten Sozialreformerin, die die Notwendigkeit revolutionärer Gegengewalt erkennt.
3. Mutter Courage und ihre Kinder: Der Fokus liegt auf der Figur der Mutter Courage, die zwischen ihrem Mutterinstinkt und ihrer Rolle als vom Krieg profitierende Geschäftsfrau zerrissen ist.
4. Der gute Mensch von Sezuan: Es wird die Doppelpersönlichkeit Shen Tes/Shui Ta untersucht, die den unauflösbaren Widerspruch zwischen dem Wunsch nach Tugend und dem Überlebenskampf im kapitalistischen System verkörpert.
5. Schlussbemerkungen: Die Arbeit resümiert, dass alle untersuchten Frauen als Repräsentanten für die Notwendigkeit der gesellschaftlichen Veränderung stehen, auch wenn die spezifischen Lösungsansätze heute historisch kritisch betrachtet werden.
Schlüsselwörter
Bertolt Brecht, Heroische Frauenfiguren, Die Heilige Johanna der Schlachthöfe, Mutter Courage, Der gute Mensch von Sezuan, Gesellschaftskritik, Kapitalismus, Sozialreformerin, Existentieller Zwiespalt, Kapitalismuskritik, Tugenden, Feministische Perspektive, Dramenanalyse, Opportunismus, Klassenkampf.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit?
Die Arbeit beleuchtet das Handeln heroischer Frauenfiguren in drei zentralen Dramen von Bertolt Brecht unter dem Aspekt ihrer existentiellen Zerrissenheit.
Welche Dramen bilden die Grundlage der Untersuchung?
Die Analyse stützt sich auf "Die Heilige Johanna der Schlachthöfe", "Mutter Courage und ihre Kinder" sowie "Der gute Mensch von Sezuan".
Was ist das primäre Ziel der Forschungsarbeit?
Ziel ist es, die Motive des Handelns dieser Frauen sowie die Ursachen und Folgen ihres Zwiespalts im jeweiligen gesellschaftlichen Kontext zu interpretieren.
Welche wissenschaftliche Methode kommt zum Einsatz?
Der Verfasser nutzt eine literaturwissenschaftliche Werkanalyse, ergänzt durch die Einbeziehung fachspezifischer Sekundärliteratur zu Brechts Stücken.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil widmet sich detailliert der Charakterzeichnung der Protagonistinnen, ihrer Entwicklung oder Nicht-Entwicklung und ihrer Rolle als Sprachrohr gesellschaftlicher Kritik.
Durch welche Schlüsselwörter lässt sich die Arbeit am besten charakterisieren?
Zu den Kernbegriffen zählen Brecht, gesellschaftlicher Zwiespalt, Kapitalismuskritik, moralische Ideale und ökonomische Notwendigkeit.
Wie unterscheidet sich Kattrin von der Mutter Courage?
Kattrin wird als Gegenfigur dargestellt, die durch ihre spontane, opferbereite Menschlichkeit und den aktiven Widerstand gegen die kriegerischen Verhältnisse auffällt, während ihre Mutter opportunistisch handelt.
Welche Bedeutung kommt der Figur Shui Ta im "Guten Menschen von Sezuan" zu?
Shui Ta fungiert als das "Vernunftprinzip" und als das alter ego von Shen Te; er vertritt die rücksichtslose ökonomische Logik, die für das materielle Überleben in einer korrupten Welt als notwendig erachtet wird.
- Quote paper
- Marcus Münch (Author), 1999, Heroische Frauenfiguren in den Dramen Bertolt Brechts, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/139369