Weibliche Berufskarrieren in Pflegeberufen


Wissenschaftlicher Aufsatz, 2003
18 Seiten

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Historische Entwicklung der Pflege aus soziologischer Sicht

3. Systemexterne Voraussetzungen und Motive für den Einstieg in Pflegeberufe

4. Berufliche Entscheidungsprozesse (traditionell und modern) und Karriereplanung

5. Rollenverständnis der Frau in Führungspositionen

6. Karriere und Desillusionierung

7. Resumée

Literatur

1. Einleitung

Diese Arbeit hat den Verlauf und die Entscheidungsprozesse weiblicher Karrieren in Pflegeberufen zum Thema. In diesem Zusammenhang sollen verschiedene Fragestellungen bearbeitet werden, die zum einen Mechanismen der Selbst- als auch der Fremdselektion in diesen Berufskarrieren verdeutlichen. Zum einen stellt sich die Frage nach der Rollenerwartung der Frau in der Gesellschaft. Wie schwer und unter welchen Umständen gelingt es Frauen Familie und Beruf miteinander zu vereinbaren? Wie beurteilt die Außenwelt Karrierewünsche und Kompetenzeinsatz von Frauen und welche Erwartungen hinsichtlich der Anforderungen des Pflegeberufes hat diese? Untersucht werden soll außerdem das Krankenhaus als Organisation bzw. System. Hier soll besonders die Frage nach organisatorischen Strukturen und in welcher Art diese Verhalten, Arbeitsorganisation und Karrierechancen beeinflussen gestellt werden. Von zentraler Bedeutung an dieser Stelle sind die Konfliktsituationen und Kommunikationsschwierigkeiten für die es aufgrund der sozialen Divergenz einer Krankenhausbelegschaft (Mann-Frau, Akademiker-Nichtakademiker, Medizin-Pflege) eine breite Basis gibt.

2. Historische Entwicklung der Pflege aus soziologischer Sicht

Die Frau im Rollenverständnis des 19. Jahrhunderts war ein unersetzlicher Faktor zur Produktion (Geburt, Erziehung) und Reproduktion (kontinuierliche Wiederherstellung der männlichen Arbeitskraft). Eine Abwertung empfing die Hausarbeit hingegen durch die Unterscheidung von der Erwerbsarbeit, wobei erstere den Arbeitscharakter durch nicht erworbenes Einkommen verlor und gesellschaftlich abgewertet wurde. Für diese „verborgenen Tätigkeiten“ entwickelte die Frau besondere Fähigkeiten wie Vermittlung von Geborgenheit, Empathie und Selbstlosigkeit, die nun in der bürgerlichen Ideologie als typisch weiblich galten.[1] Durch die Eröffnung sog. Mutterhäuser bekamen Frauen die Möglichkeit eine gesellschaftlich wichtige Aufgabe, wenn auch unentgeltlich, zu übernehmen. So wurde die Krankenpflege als Ausweitung der Hausfrauen- und Mutterrolle gesellschaftlich aufgewertet, zum Nutzen der Medizin hingegen abgewertet, da die Pflegetätigkeit von der medizinischen Tätigkeit des Arztes getrennt wurde und so eine klare Hierarchisierung eintrat.[2] Beim sog. Mutterhausprinzip, welches zum Teil bis zum Beginn des 20. Jh. ein Leitprinzip in der Krankenhausorganisation war, stand die Pflege des Kranken im Vordergrund. Der Arzt hatte lediglich eine konsiliarische Aufgabe. Er kam zur Visite oder medizinischen Eingriffen und verließ sich ansonsten auf die Beobachtungen des Pflegepersonals. Organisatorisch stand an der Spitze des Krankenhauses die Oberin, welche alle Bereiche außer der Medizindiagnostik, Therapie und Verwaltung leitete.[3] Diese Struktur änderte sich erst mit der verstärkten Beschäftigung von Ärzten an Krankenhäusern nach dem 1. Weltkrieg, was auf eine gestiegene Technisierung und Bedeutung der medizinischen Wissenschaften in den Krankenhäusern zurückzuführen ist. Obgleich der Pflegeberuf durch die Schaffung qualifizierter Berufsausbildungsmöglichkeiten im 20 Jh. eine deutliche Professionalisierung erfahren hat und auch eine Akademisierung von Teilbereichen der Pflegeberufe nicht aufzuhalten ist, ist seine hierarchische Position in der Arbeitswelt nahezu unverändert schlecht. Bischoff beschreibt dies wie folgt:

„ Die Berufsideologie der Krankenpflege darf deshalb nur in einer bestimmten Weise funktionieren: Nach außen als Leuchte der Menschlichkeit erscheinend, darf sie nach innen nichts verändern, sie darf sich höchstens individuell ändern, z.B. als individuelle Mehrarbeit für die Bedürfnisbefriedigung des Patienten, die über das übliche Maß hinausgeht.“[4]

Dieser klassischen aus dem weiblichen Rollenverständnis übernommenen Berufsideologie stehen die Strukturveränderungen in der Krankenpflege der letzten Jahre entgegen. Nach wie vor liegt der Frauenanteil in den Pflegeberufen bei 80 Prozent, es ist jedoch zu beobachten, dass Männer immer stärker in diesen Berufszweig eindringen und auch die Zahl männlicher Führungskräfte in Pflegeberufen ist überproportional gestiegen.[5] Als Gründe für diese Entwicklung sieht Rabe-Kleberg zum einen die stärker werdende Verweigerung von Frauen innerhalb von Streiks oder dem Ausschluss eines Pflegeberufes bei der Berufswahl bzw. dem Verlassen des Berufes, zum anderen ein zunehmendes Interesse von Männern an sozialen Berufen auch aufgrund ansonsten drohender Arbeitslosigkeit.[6]

An dieser Stelle soll der Wandel des Krankenhauswesens zwischen Tradition und neuen Strukturen genauer betrachtet werden um die Auswirkungen auf die Berufsbilder der Pflegeberufe einschätzen zu können. Mittlerweile sind Krankenhäuser Großunternehmen, die wie andere nach ökonomischen Kriterien geführt werden müssen. Verbunden ist dieser Anspruch hingegen mit dem gesellschaftlichen Auftrag der Krankenversorgung, eingebunden in ein Netz mit verschiedenen Trägerphilosophien (christlich, rechtlich-ökonomische Gesellschaftsformen). Im Mittelpunkt der Aufgaben dieser Einrichtung sollte der Patient und seine Bedürfnisse auf dem Weg zur Heilung stehen, in der Realität hingegen werden diese oftmals dominiert von ökonomischen, administrativen oder trägerspezifischen Motiven.[7] Ein Blick auf den Aufgabenbereich eines Krankenhauses offenbart zunächst die Bereiche der Krankenbehandlung und der Forschung und Ausbildung, wobei die Aufgaben sich in Diagnose, Therapie, Pflege, Hotelfunktion und Rehabilitation unterteilen lassen. Problematisch hingegen ist die Kompatibilität der Ziele untereinander, wie dies auch in den Kommunikationsproblemen der verschiedenen Berufsgruppen (Ärzteschaft, Verwaltung, Pflegedienst) untereinander zu erkennen ist. Anstatt einer Verzahnung dieser Tätigkeitsbereiche, mit dem Ziel einer Kenntnis von den zur jeweiligen Berufsausübung nötigen Voraussetzungen, setzt nach Wedel-Parlow (1993) durch die zunehmende Technisierung und Differenzierung der Berufsbilder eher eine „Versäulung“ ein, bei der die Kommunikation untereinander zunehmenden Schwierigkeiten unterworfen sein wird.[8] Betrachtet werden muss das Krankenhaus auch aus organisationssoziologischer Sicht. Aus Sicht Girschners sind Organisationen soziale Systeme, die „über ein unvermeidbares Maß an Konflikten, Streit und persönlichen Einschränkungen hinaus Unterdrückungsmaschinerien sind, in denen ausbeuterische Herrschaft, soziale Ungleichheit und Entfremdung vorherrschen können“.[9] Organisationen zeigen des Weiteren keine objektiven Strukturen sondern nach Türk (1989) subkulturspezifische Interaktionen, die abhängig vom Faktor Alter (z.B. der Organisation, der Mitarbeiter, der Abteilung) nicht starr sondern Veränderungen unterworfen sind.[10] Diese strukturelle Mobilität bedingt interne Konflikte und Veränderungen seitens der internen Kommunikation. Aufgrund des herrschenden „Rationalitätsmythos“ der durch die medizinisch-naturwissenschaftliche Arbeit stabilisiert wird können die Krankenhäuser dennoch reibungslos arbeiten, was aber auch eine Unterordnung aller anderen Teile der Organisation unter eben den medizinischen bedingt.[11] Darüber hinaus muss nach Türk davon ausgegangen werden, dass Organisationen nicht zielgerichtet arbeiten, sondern vornehmlich der rituellen Selbstdarstellung nach außen dienen.

3. Systemexterne Voraussetzungen und Motive für den Einstieg in Pflegeberufe

Ein bedeutendes Motiv für den Einstieg in den Pflegeberuf ist „das Arbeiten mit Menschen“. Hier erfahren Berufseinsteiger jedoch zumeist bereits zu Beginn ihrer beruflichen Laufbahn eine Desillusionierung. Im Arbeitsalltag dominiert heute nicht mehr der persönliche Kontakt, sondern festgelegte Ablaufzeiten für bestimmte Vorgänge wie Körperhygiene oder Hilfe bei der Nahrungsaufnahme.[12] Die Frauenforschung unterstellt bei der Berufswahl Krankenschwester, dass Anpassungsprozesse vor der Berufsfindung stattgefunden haben und Frauen aufgrund von Desillusionierungen von ihren eigentlichen Berufswünschen abgerückt sind.[13] Diese Anpassungsprozesse können durch verdeckte Normvermittlung (Eltern, Schule) und offene Ereignisse wie gezielte Gespräche stattfinden. Die Frauenforschung unterstellt ferner, dass Frauen, die sich für den Beruf Krankenschwester entscheiden, eine Verstärkung der Identifikation mit den weiblichen Aufgaben zur Folge hat und diese auch von der Außenwelt (Vorgesetzte, Patienten) erwartet werden.[14] In einer qualitativen Analyse auf Basis von 24 Interviews mit Pflegedienstleiterinnen befragte Gunhild Küpper ihre Gesprächspartner nach den Motiven für ihren Einstieg in einen Pflegeberuf. Dabei gaben 42 Prozent an sie hätten einem Vorbild nacheifern wollen, 38 Prozent der Pflegeberuf sei nicht ihr Traumberuf gewesen, 33 Prozent der Pflegeberuf sei ihr Traumberuf gewesen, 17 Prozent entschieden sich durch ein Schlüsselerlebnis, 4 Prozent wegen der Nähe zur Macht, 17 Prozent wegen Kranken in der Familie, 13 Prozent durch die Kirche und 4 Prozent um sich sozial zu engagieren.[15] Bei den Pflegedienstleiterinnen, die angaben ein Pflegeberuf sei ihr Traum gewesen bzw. sie hätten einem Vorbild nacheifern wollen, fanden keine wirklichen Entscheidungsprozesse für diesen Beruf statt. Große Einflussnahme nahm am Entscheidungsfindungsprozess die Familie, da die eigenen Vorstellungen als diffus bezeichnet werden können. Ein weiterer Aspekt, auf den Küpper an dieser Stelle hinweist ist, dass durch eine Vorbildperson die „typisch weiblichen Eigenschaften“ vorgelebt werden, Küpper sieht hier eine „soziale Vorstrukturierung“ der Berufswahl. Die Pflegedienstleiterinnen selbst sahen diese Vorstrukturierung jedoch nicht, sondern gaben an, die Berufswahl sei ihre eigene Entscheidung gewesen.[16] Die hohe Anzahl der Frauen, die angaben, der Pflegeberuf sei nicht ihr Traumberuf gewesen sind durchweg jünger als die, die angaben es sei ihr Traumberuf gewesen. Küpper geht davon aus, dass Unzufriedenheit durch Desillusionierung bei der Berufswahl ein Grund für die Entscheidung eine leitende Tätigkeit ausüben zu wollen, war. Die Befragten hatten zunächst, bei ihrer Berufswahl nicht an Aufstiegsmöglichkeiten gedacht, sondern einen Beruf gesucht, der in ihrem Umfeld auf Anerkennung stieß. Als überraschend bezeichnete Küpper die Tatsache, dass die meisten Befragten die Anforderungen für den Beruf der Pflegedienstleiterin eher als erlernbare Individualeigenschaften (z.B. „gut mit Menschen umgehen“), somit durchaus Rollenkonform, betrachteten.[17] Neben den rollenkonformen Aufgaben und Anforderungen spielten, besonders für die älteren Befragten, familienvorbereitende Aufgaben des Pflegeberufes eine Rolle bei der Berufswahl. Nach eigenen Angaben der Pflegedienstleiterinnen sind folgende Eigenschaften für ihren Beruf von Bedeutung: Kontaktfähigkeit (50 Prozent), Menschen helfen (67 Prozent), geduldig/belastbar (67 Prozent), keine (20 Prozent). Nach einer Studie von Rommelspacher heben Frauen die Relevanz des Kontakts mit Mitmenschen in ihrem Berufsalltag besonders hervor jedoch nur bedingt die Lebendigkeit und Sinnhaftigkeit ihrer Arbeit. Nach Küpper glorifizieren Pflegedienstleiterinnen besonders häufig ersteren Aspekt ihrer Arbeit und weichen damit oft von der Realität des Berufsalltags ab.[18] Während ältere Frauen überzeugt davon sind, dass weibliche Charaktereigenschaften entscheidend für die Ausübung seien, meinen jüngere Frauen dafür seien keine besonderen Fähigkeiten nötig. Wie Küpper so beschreibt auch Hohm als wesentliche Motive für einen Einstig in einen Pflegeberuf das „Arbeiten mit anderen Menschen“ wohingegen eigene Karrierechancen nur in geringem Maße als Motivation erscheinen. Weitere Motive für eine Entscheidung zur Weiterbildung nannten 34 Prozent positive oder negative Erfahrungen im Berufsalltag, 16 Prozent eine vorherige Karriereplanung, 14 Prozent einen Anstoß von Außen und 5 Prozent finanzielle Gründe. Es ist jedoch zu beachten, dass 40 Prozent der Weiterbildungen finanziell in ein Rehabilitationsprogramm eingebettet waren, so dass durch vorherige psychische oder physische Belastung von einer eingeschränkten Selektionsfreiheit ausgegangen werden muss.[19]

[...]


[1] Bischoff, S. 54ff

[2] Bischoff, S. 100

[3] Küpper, S. 71

[4] Bischoff, S. 159

[5] Küpper, S. 41

[6] in Küpper, S. 41

[7] ebd., S. 54

[8] in ebd., S. 56

[9] in ebd., S. 57

[10] in Küpper, S. 57

[11] ebd., S. 58

[12] ebd., S. 70

[13] ebd., S. 92

[14] ebd., S. 95

[15] Küpper, S. 117

[16] ebd., S. 120

[17] ebd., S. 123

[18] ebd., S. 125

[19] Hohm, S. 89ff

Ende der Leseprobe aus 18 Seiten

Details

Titel
Weibliche Berufskarrieren in Pflegeberufen
Autor
Jahr
2003
Seiten
18
Katalognummer
V139431
ISBN (eBook)
9783640495405
ISBN (Buch)
9783640495313
Dateigröße
454 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Pflegeberuf, Karriere, Pflege, Beruf, Fortbildung, Frauen, Krankenschwester, Krankenhaus, Arzt, Diskriminierung, Rollenverhalten, Krankenpflege, Mutterhaus, Rabe-Kleberg, Wedel-Parlow, Küpper, Studie, Pflegedienstleitung, Pflegedienst, Hohm, Altenpflege, Aufstiegsdiskriminierung, Baethge, Overbeck, Aufstieg
Arbeit zitieren
MA Guido Maiwald (Autor), 2003, Weibliche Berufskarrieren in Pflegeberufen, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/139431

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