Zur Degradierung von Mangrove-Küsten – Ursachen und Wirkungen


Examensarbeit, 2008

72 Seiten, Note: 1,5


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Abbildungsverzeichnis

Tabellenverzeichnis

1. Zielsetzung und Hinführung zum Thema

2. Stand der Mangrove-Forschung

3. Erklärung des Themas

4. Methodische Vorgehensweise

5. Charakteristika, Verbreitung und Funktionen der Mangrove-Küste
5.1 Allgemeine Charakteristika des Ökosystems Mangrove
5.2 Verbreitung und Bestandsentwicklung der Mangrove-Küsten
5.3 (Schutz-)Funktionen der Mangrove-Küste und die Mangrove als Indikator für Degradierung
5.3.1 Überblick über die Funktionen der Mangrove-Küsten
5.3.2 Die Mangrove in ihrer Funktion als Küstenschutz
5.3.3 Indikatoren der Degradierung von Mangrove-Küsten

6. Ursachen der Degradierung anhand verschiedener Nutzungsarten und deren Wirkungen
6.1 Ursachen und Wirkungen der großräumigen Flächenumwandlung
6.1.1 Die Aquakultur als große Bedrohung der Mangrove-Bestände
6.1.2 Die Degradierung der Mangrove-Küste durch Holznutzung
6.1.3 Weitere anthropogene Nutzungsarten der Mangrove-Küste mit großem Flächenbedarf
6.2 Die Traditionelle Subsistenz-Nutzung im Wandel unter den Auswirkungen der großräumigen Flächenumwandlung
6.3 Wirkungen der großräumigen Flächenumwandlung auf die Fischerei

7. Diskussion der Ergebnisse

Quellenverzeichnis

Abbildungsverzeichnis

Abbildung 1: Human Development Index in Verbindung mit der Ausbreitung der Mangrove-Vegetation zwischen den Wendekreisen, sowie Gebiete mit hoher

Biodiversität und Bereiche mit noch ursprünglichem Naturraum

Abbildung 2: Interdisziplinäre Zusammenführung unterschiedlicher Themengruppen am

Beispiel eines ICZM-Konzeptes für MADAM

Abbildung 3: Greenpeace protestiert auf der COP8-Konferenz in Valencia gegen die

Mitwirkung der World Bank an der Shrimp-Aquakulturindustrie

Abbildung 4: Weltkarte zur Datenverfügbarkeit anhand der Anzahl nationaler

Schätzungen der Mangrove-Fläche der jeweiligen Länder

Abbildung 5: Mangrove-Sämling

Abbildung 6: Atemwurzeln (Pneumatophoren) der Mangrove. Im Vordergrund sind

Luftwurzeln, im Hintergrund Stelzwurzeln sichtbar

Abbildung 7: Horizontale Zonierung einer Mangrove-Küste (Indowestpazifik)

Abbildung 8: Weltweite Verbreitung der Mangroven (oben) und Anzahl der Mangrove-

Arten (unten): Die „westlichen“ Mangroven sind wesentlich artenreicher als die

„östlichen“ Mangroven

Abbildung 9: Verbreitung der Mangrove-Küste weltweit

Abbildung 10: Bestandsentwicklung der Mangrove-Flächen von 1980 bis 2002

Hochrechnung der Schätzungen aus den in Tabelle 2 angegebenen Werten

Abbildung 11: Veränderung der Küstenlinie durch Rodung von Mangrove-Wald und

Anlegen von Aquakultur-Teichen anhand von Luftbildern eines Küstenabschnittes bei Bangkok der Jahre 1950, 1999, 2008. Im Vergleich der Jahre 1999 und 2008 ist ein Zuwachs an Mangrove-Fläche erkennbar

Abbildung 12: Skizze der Entwicklung einer Teichanlage mit Eindeichung im Bereich der Mangrove-Küste anhand der heutigen, früheren und zukünftigen Situation

Abbildung 13: Vergleich eines Strandabschnittes von Khao Lak in Thailand vor und nach dem Tsunami des Jahres 2004. Die Küstenbereiche, in denen noch ein schmaler Mangrovestreifen vorhanden war, sind am wenigsten betroffen und erfuhren kaum eine Rückverlagerung

Abbildung 14: Überschwemmte Gebiete des Irawady-Deltas nach dem Wirbelsturm

Nargis im Jahr 2008. Gebiete mit Mangrove-Bestand sind deutlich geringer

überflutet worden

Abbildung 15: Mangrove-Sterben an der Mündung des Flusses Gambia in Gambia. Eine mögliche Ursache dafür könnten der Meeresspiegelanstieg und die dadurch veränderten hydrologischen Verhältnisse sein

Abbildung 16: Aquakulturanlagen an der Nordküste Javas

Abbildung 17: Verhältnis zwischen Aquakulturerzeugung und Fangmengen der

Fischereiproduktion von 1950-2030

Abbildung 18: Die Aquakultur von 1994-2003 nach jeweiligen Anteilen der Kontinente

Abbildung 19: Hauptgründe für die Abholzung von Mangroven nach Ländern

Abbildung 20: Aufgegebener Aquakultur-Teich

Abbildung 21: Zuwachs an Aquakulturflächen am Golf von Fonseca in Honduras im

Vergleich der Jahre 1987 und 2008

Abbildung 22: Verschiedene Stadien der Flächennutzung durch Aquakultur an der Südküste von Bali. Nach der Nutzung wird die aufgegebene Fläche wieder aufgeforstet. Im Bereich der Wiederaufforstung sind die Teichstrukturen noch erkennbar

Abbildung 23: Früher erreichte der mächtige Mangrovenbaum Heratia fomes Höhen bis zu 50 m und Stammumfänge von mehreren Metern. Heute sind Stammumfänge

über 15 cm eine Seltenheit

Abbildung 24: Die große Ausbreitung niedriger Büsche zeigt ein fortgeschrittenes

Stadium der Degradierung an

Abbildung 25:Ausbreitung der Mangrovebewaldung im Irawady-Delta der Jahre 1978,

1995 und 2008 und flächenhafte Darstellung nach Reisfeldern, degradierter

Mangrove und unveränderter Mangrove (Unteres Bild). Von 1978 zu 1995 wurde die Mangrove-Fläche erheblich reduziert. Von 1995 zu 2008 gibt es ebenfalls,

wenn auch geringeren Ausmaßes, einen Rückgang (z.B. am Ostufer des Irawady)

Abbildung 26: Wiederhergestellter, teilweise renaturierter Küstenabschnitt Bang Tao Beach auf Phuket in Thailand. Die heutige Nutzung des ehemaligen Zinntagebaus setzt sich aus Hotelanlagen und einem Golfplatz zusammen. Die ausgebaggerten Seen tragen durch ihre Fragmentierung hinter der Küstenlinie zu einer Erhöhung der Vulnerabilität im Falle von Flut- und Sturmereignissen bei

Abbildung 27: Infolge des Straßenbaus auf der Halbinsel Caeté im Nord-Osten

Brasiliens werden die landwärts gelegenen Mangrove-Gebiete nicht mehr

überflutet. Die gravierend veränderten, hydrologischen Bedingungen führten zu Degradierung und Absterben der Mangroven, welche schließlich gerodet wurden

Die starke Versalzung verhindert eine natürliche Wiederbesiedlung

Abbildung 28: Die (illegale) Landnahme beginnt in der Regel an den leichter zugänglichen und etwas über dem Flutniveau gelegenen Ufern und Dammufern der Flüsse und Gezeitenkanäle. Von dort aus findet eine ständige Ausweitung der

Reisfelder statt, was zu einer Fragmentierung des Mangrove-Areals führt

Abbildung 29: Starke Degradierung von an Siedlungsflächen grenzenden Mangrove-

Gebiete bei Santos, Brasilien. Verschmutzung und Holzeinschlag führen zum

Verschwinden größerer Bäume und einer Fragmentierung der noch ursprünglichen,

oder geringer degradierten Bereiche

Abbildung 30: Krabben-Sammler suchen im Schlick des Mangrovengestrüpps und ergreifen die Krabben blind in ihren tief sitzenden Höhlen

Abbildung 31: Die mühselig in der Mangrove gesammelten Krabben werden lebend gebündelt und auf den einheimischen Märkten verkauft

Abbildung 32: Verhältnis zwischen Küstenfischerei und Mangrove-Fläche auf den

Philippinen

Abbildung 33: Beitrag der Aquakultur zum Gesamtabsatz der weltweiten Fischerei von

1970 bis 2000

Tabellenverzeichnis

Tabelle 1: Entwicklung der Mangrove-Bestände in Thailand von 1993 bis 2004

Tabelle 2: Bestandsentwicklung der Mangrove-Küste von 1980 bis 2002 anhand von Angaben verschiedener Autoren. Die unterschiedliche Anzahl der in die Schätzungen einbezogener Länder macht einen Vergleich schwierig (vergleiche dazu Hochrechnung in Abbildung 10)

Tabelle 3: Gefährdungseinstufung aufgrund der Bestandsentwicklung der Mangrove-

Küsten von 1980 bis 2008 weltweit sowie nach Kontinenten

1. Zielsetzung und Hinführung zum Thema

Die vorliegende Arbeit beschäftigt sich mit der Degradierung von Mangrove-Küsten und den daraus entstehenden teils gigantischen Problemen für die ansässige Bevölkerung. Der Fokus ist auf die den Menschen betreffenden Auswirkungen gelegt. Mit diesem Beitrag soll ein Zugang zu dieser Problematik für Interessierte ermöglicht werden. Er kann aber auch zur Materialienbeschaffung und als Informationsbasis für Personen, die im Lehrbereich tätig sind, herangezogen werden. Die Arbeit soll nicht nur als geographische Sachanalyse dienen, sondern es kann auch ein Schulbezug durch die Verknüpfung der Mangrove-Degradierung mit Naturkatastrophen hergestellt werden. Das Wirbelsturmereignis in Myanmar im Mai des Jahres 2008 würde sich momentan als hervorragender und aktueller Einstieg in eine auf Naturkatastrophen bezogene Unterrichtseinheit eignen, in der die Mangrove-Degradierung eine wesentliche Rolle spielt. Zwar erfuhren der Wirbelsturm Nagris und seine zahllosen Opfer unmittelbar nach der Katastrophe eine starke Thematisierung in den Medien, jedoch blieb der Zusammenhang zwischen den hohen Opferzahlen und der starken Degradierung der Mangrove-Küsten nahezu in allen Berichten außen vor und befindet sich jenseits des Interesses der medialen Berichterstattung.

Das Ziel der Arbeit ist es, eine Einschätzung des Grades der Degradierung, beziehungsweise der Zerstörung der Mangrove-Küsten darzustellen. Mit quantitativen Aussagen, die die weltweite Bestandsentwicklung betreffen, wird versucht, das Ausmaß der Mangrove-Degradierung mit Attributen zu beschreiben, die von wenig bis hochgradig geschädigt reichen. Daraus erwächst gegebenenfalls eine Dringlichkeit, beziehungsweise eine mehr oder weniger akute Forderung hin zu nachhaltigeren Wirtschaftsweisen. Diese äußern sich in alternativen Nutzungen der Mangrove-Küsten im Vergleich zum rezenten Wirtschaften im Bereich der tropischen Küstenvegetation Mangrove.

Kausale Verbindungen zwischen den in den verschiedenen Nutzungsarten liegenden Ursachen mit den, wie am aktuellen Beispiel Myanmar ersichtlichen, verheerenden Wirkungen eines Verlusts der schützenden Funktionen der Mangrove-Küsten, werden ebenfalls in diesem Beitrag aufgezeigt. Die nachfolgende Hinleitung soll einen Einstieg in die Problematik und den aus der Mangrove-Nutzung resultierenden Auswirkungen erleichtern, einen aktuellen Bezug herstellen, die Notwendigkeit der Beschäftigung mit dieser Thematik verdeutlichen und einen Ausblick auf die behandelten Punkte der Arbeit geben.

Die Entwicklungsgeschichte des Menschen im Holozän, respektive seit den Anfängen des Ackerbaus in der Jungsteinzeit hat gezeigt, dass mit einer Ausbreitung des anthropogenen Lebensraumes immer ein gewisses Maß an Zerstörung des ursprünglichen Naturraumes vonstatten geht. Bereits in früheren Hochkulturen wurden die natürlichen Funktionen eines Raumes durch den wirtschaftenden Menschen herabgesetzt und oft ging dies bis hin zur totalen Zerstörung. So fing beispielsweise das Mayareich im neunten Jahrhundert nach Christus an zusammenzubrechen. Die Gründe hierfür liegen im großflächigen Roden der Waldbestände mit anschließender landwirtschaftlicher Übernutzung und damit einer Erhöhung der Vulnerabilität gegenüber Dürrekatastrophen. Den damaligen Akteuren konnte man noch zu Gute halten, dass sie weder über eine ausreichende Technik noch über das Wissen um Nachhaltigkeit verfügten, um einen schonenden Umgang mit den natürlichen Ressourcen zu bewerkstelligen. Daher müssen sich heutige Wirtschaftsweisen schwere Vorwürfe gefallen lassen. Heute verfügt man über eine weit entwickelte Technik und ein hochspezialisiertes Wissen, mit denen zukunftsorientierte Szenarien entworfen werden können und umweltschonendere Nutzungen natürlicher Ressourcen umsetzbar sind, um eine nachhaltige Entwicklung an der Schnittstelle Mensch-Umwelt zu realisieren.

Aber bereits die Bezeichnung von CRUTZEN & STOERMER (2000) unserer Zeit als "Anthropozän" verdeutlicht, dass der Naturraum schon längst menschlicher Nutzung und somit einem bestimmten Ausmaß an Degradierung und Zerstörung unterworfen ist. Dies äußert sich auf globaler Ebene in der sich zunehmend verschärfenden Diskussion über die Klimaerwärmung und den bereits spürbaren Folgen. Der Anteil des Menschen an diesem Klimawandel liegt vor allem in der Nutzung fossiler Brennstoffe begründet. Der Meeresspiegelanstieg und die Zunahme von tropischen Wirbelstürmen sind nur zwei der mittlerweile hinlänglich bekannten negativen Auswirkungen des Klimawandels.

Die Degradierung bis hin zur Zerstörung natürlicher, nicht-mineralischer Ressourcen in Form von Ökosystemen trägt jedoch ebenfalls erheblich zu einer Verschlechterung der Lebensbedingungen der unmittelbar ansässigen Bevölkerung bei. Vor allem in Regionen mit dichter Besiedlung, die direkt an tropische Küsten grenzen, erhöht sich das Risiko spontaner Flut- und Wirbelsturmereignisse ohnehin schon durch die oben genannten Punkte. Wenn hinzukommend noch die natürlichen Ressourcen für den subsistenziellen Lebensunterhalt zerstört werden, ist dies mit einer steigenden Vulnerabilität und einer verringerten Pufferkapaziät gegenüber Katastrophenereignissen verbunden.

An vielen Orten der Erde wird nicht nachhaltig gewirtschaftet und der schnelle Profit wird auf Kosten zukünftiger Generationen favorisiert. In der Regel geschieht dies auch zu Ungunsten der ärmeren Bevölkerungsschichten. Durch die schlechte wirtschaftliche Lage und das starke Bevölkerungswachstum in ärmeren Ländern erhöht sich der Nutzungsdruck und der Raumanspruch zunehmend auf bisher nicht oder wenig genutzte Räume und Peripherien sowie deren Ressourcen und Ökosysteme.

Wie bereits erwähnt sind gerade Küstenregionen und deren Bewohner betroffen. Laut JESCHKE (1996:153-155) leben vierzig Prozent der Weltbevölkerung in maximal fünfzig Kilometer breiten Küstenstreifen, in denen auch mehr als fünfzig Prozent der weltweiten biologischen Produktion stattfindet. Dabei sind die in tropischen Gewässern liegenden Gebiete durch oben genannte Faktoren besonders durch eine erhöhte Vulnerabilität gekennzeichnet.

Die natürliche Küstenvegetation spielt hierbei eine wichtige Rolle. Die an tropischen Meeresküsten vorkommenden Mangrovewälder, die als so genannte "Fringes" (deutsch: Gürtel, Saum) die Küste säumen, leisten einen erheblichen Beitrag zum Schutz und zum Lebensunterhalt der lokalen Bevölkerung. In den vergangenen dreißig Jahren wurde diese bis dahin vorwiegend in Subsistenzwirtschaft genutzte Küstenzone jedoch erheblich verändert. Die traditionelle Nutzung, die vorwiegend zur Eigenversorgung dient, musste zunehmend einer industriellen, weltmarktorientierten Nutzung weichen. Vor allem die in Aquakulturen auf ehemaligem Mangrovengebieten produzierten Shrimps, sowie die intensive Nutzung des begehrten Holzes, trugen und tragen zu einem erheblichen Verlust an Mangrove-Wäldern und deren Funktionen bei. Begleitend dazu stellen sich vermehrt soziale Probleme ein, da die industrielle die subsistenzorientierte Nutzung mehr und mehr bedrängt, beziehungsweise verdrängt.

Die Umwandlung zu Aquakulturen, die so genannte "Blaue Revolution", wurde Anfang der Achtziger noch als Lösung der globalen Ernährungssituation gepriesen. Jedoch erwies sich die Subventionierung der Aquakulturen nicht als neu erschlossene Proteinquelle für die Armen, sondern vielmehr als wirtschaftlich äußerst lukrativer Exportschlager, der Wenigen zu großen Gewinnen verhalf. Weite Teile der bedürftigen Bevölkerung gingen dabei leer aus. Viele verloren ihre Existenzgrundlage, wenn diese eng mit den Mangroven verflochten war.

Um einen Ausblick auf die Gliederung dieser Arbeit zu geben, sollen hier kurz die nun folgenden Kapitel chronologisch vorgestellt werden. Zuerst wird auf den Stand der Forschung eingegangen, der sich zunächst mit einem historischen Anriss der menschlichen Interaktion mit der Mangrove auseinandersetzt. Richtungsweisende Abkommen und Organisationen, die auf die Entwicklung der Mangrove-Küste Einfluss nahmen, beziehungsweise nehmen, werden ebenfalls vorgestellt. Mit Hilfe der Fragen "Was wurde bisher erreicht?" und "Wo besteht noch Forschungsbedarf?" werden die bereits erzielten Errungenschaften sowie die Defizite in der Mangrove-Forschung dargestellt. An dieses Kapitel anschließend erfährt die bereits eingangs vorgestellte Zielsetzung der Arbeit nochmals eine differenziertere und ausführlichere Auseinandersetzung. Nach der Vorstellung der methodischen Vorgehensweise werden im umfangreichsten Teil der Arbeit die Verbreitung, die Charakteristika der Mangrove sowie die Ursachen und Wirkungen menschlichen Wirtschaftens in diesen Räumen behandelt. In einer darauf folgenden Diskussion der Ergebnisse wird schließlich zusammenfassend das bereits erwähnte Ausmaß der Schädigung dahingehend zu interpretieren versucht, dass eine Dringlichkeitseinstufung erarbeitet wird. Daraus ergibt sich je nach Grad der Schädigung ein möglicherweise hoher Bedarf an verstärkter Umsetzung nachhaltigerer Wirtschaftsweisen.

2. Stand der Mangrove-Forschung

Dieses Kapitel zeigt die bis heute verlaufene Entwicklung der Forschung auf, und grenzt bisherige Errungenschaften von rezenten Defiziten in der Forschung ab. Daraus ergibt sich zunächst ein historischer Überblick der Mangrove-Forschung, welcher letztlich zur heutigen Gegenwart führt. Der eigentliche Βeginn der Forschung auf diesem Gebiet ist Mitte des 20. Jahrhunderts zu suchen, als die Forschung auf wissenschaftlicher Basis begann. Eine stetige Weiterentwicklung der technischen Möglichkeiten, wie zum Beispiel der Einsatz von Satellitenbildern, hat zu einem sich fortwährend erweiternden Methodenspektrum geführt. Dadurch sind heute umfassendere wie effektivere Untersuchungen und Erhebungen zur Entwicklung der Mangrove-Küsten verfügbar als noch vor einigen Jahren. Zusätzlich zeigt der heutige Forschungsstand, auf welchen Gebieten noch Forschungsbedarf besteht, und verweist auf Problemstellungen, die gegenwärtig noch nicht ausreichend beantwortet werden können.

Erst mit der zunehmenden Zerstörung der Mangrove-Küsten und der damit einsetzenden Umweltprobleme entwickelte sich ein wissenschaftliches Interesse zur Erforschung dieser Ökosysteme. Jedoch erkannten bereits die frühzeitlichen Menschen den Wert der Mangrove-Küsten. Archäologen wiesen eine Nutzung seit dem ersten Kontakt zwischen Mensch und Mangrove nach. In der Antike wurden erstmals die positiven Einflüsse der Mangroven auf andere Ökosysteme, wie beispielsweise die vorgelagerte Küstenfauna, beschrieben. So berichten bereits Alexander der Große (356-323 v.Chr.) und Eratosthenes (245-204 v.Chr.) von den überaus reichhaltigen Fischgründen der Küstengewässer vor den Mangrove-Säumen der arabischen Halbinsel. Letztgenannter verfasste sogar detaillierte Abhandlungen über die Biodiversität der Mangroven (vgl. VANNUCCI 2003:130).

Aus der Zeit der beginnenden Kolonialisierung der Karibik und Südamerikas im 16. und 17. Jahrhundert sind Aufzeichnungen der Portugiesen, Spanier und Engländer bekannt. Erstere gaben der Bezeichnung "Mangrove" auch ihren Ursprung. Die Portugiesen übernahmen vermutlich aus Afrika das Wort "mangue", welches schließlich die Spanier zu "mangle" und die Engländer zu "mangrove" umformten (nach VANNUCCI 1989 aus LACERDA et al. 2003:56-57). Aus dieser Zeit sind auch die ersten nicht-subsistenziellen Nutzungen bekannt. Es begann ein Exporthandel in Mittel- und Südamerika mit Hölzern und anderen Produkten aus den Mangrove-Wäldern. Die starke Beanspruchung führte in den folgenden Jahrhunderten bereits zu Schutzmaßnahmen im amerikanischen und süd-ostasiatischen Raum, um die Bestände weiterhin wirtschaftlich nutzen zu können (nach VANNUCCI 1999 aus LACERDA et al. 2003:57). Die genutzten Bestände erfuhren dennoch bereits eine starke Degradierung, die teilweise einer vollständigen Zerstörung gleichkam. Ab dem Jahr 1925 erstellten die englischen Kolonieherren in Süd-Ost-Asien so genannte "working plans" zur Bewirtschaftung der Mangrove-Küsten. Diese zählen zu den ersten Erhebungen und Bestandserfassungen aus der Luft und geben bereits Auskunft über den Zustand der Mangroven, indem der Baumbestand pro Hektar gezählt wurde (nach STAMP 1925 aus HEYMANN & LÖFFLER 1997:293).

Die zu Kolonialzeiten erfolgte frühe Degradierung und Zerstörung erlebte ab den späten 1970er Jahren ein bis dahin nie erreichtes Ausmaß. Hier beginnt der Zeitraum, in welchem die Mangrove-Bestände ihre stärkste Reduzierung erfuhren und einer solchen noch bis heute ausgesetzt sind. So wurde im Jahre 1996 die durch menschliche Nutzung degradierte und zerstörte Fläche ursprünglichen Mangrove-Waldes allein in Süd-Ost-Asien auf rund 50 Prozent geschätzt (vgl. UTHOFF 1996:168). UTHOFF erwähnt jedoch keinen bestimmten Zeitpunkt der Korrelation der natürlichen und ursprünglichen Bestände mit den heutigen. Dies mag daran liegen, dass vor den 1970er Jahren das Ausmaß, in dem menschliches Wirtschaften auf die Mangroven übergriff, erheblich geringer war als jenes, das in den folgenden 30 Jahren erreicht wurde.

Verschiedene Faktoren haben die Umwandlung zu menschlicher Nutzfläche beschleunigt. Dazu zählen die so genannte "Blaue Revolution" seit den späten 1970er Jahren, verbunden mit dem schlechten Image der Mangrove-Küsten und dem erhöhten Nutzungsdruck durch die rasch ansteigende Weltbevölkerung, sowie die vielerorts schwierigen politischen und wirtschaftlichen Verhältnisse in den äquatornahen Ländern mit Mangrove-Beständen (siehe Abbildung 1).

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 1: Human Development Index in Verbindung mit der Ausbreitung der Mangrove-Vegetation zwischen den Wendekreisen, sowie Gebiete mit hoher Biodiversität und Bereiche mit noch ursprünglichem Naturraum.

Quelle: verändert nach SNEL & AHLENIUS 2004:10, Internet

Die "Blaue Revolution" als Pendant zur "Grünen Revolution" im Agrarsektor wurde Ende der 1970er Jahre als Lösung zur Frage der Ernährung vor allem in meeresnahen, tropischen Entwicklungsländern gesehen. Verschiedene Formen von Aquakulturen sollten auf lange Sicht als eine nicht versiegende Quelle proteinreicher Nahrung fungieren. Da Aquakulturen anfänglich noch stark von Jungtierbeständen aus natürlichen Beständen abhingen und zumeist auch Salzwasser benötigen, lag es nahe, diese Nutzungsform in den bis dahin von Mangrove bestanden Gebieten anzusiedeln. Projekte und Initiativen von verschiedenen global operierenden Organisationen, wie beispielsweise der FAO (Food and Agricultural Organisation) und der World Bank, förderten diese Entwicklung hin zur Aquakultur. Ziel war neben der Verbesserung der Ernährungssituation auch eine Entlastung der schon damals stark beanspruchten Fischgründe.

Das teilweise noch heute vorhandene, schlechte Image der Mangrove-Küsten und der unzureichende Forschungsstand äußerten sich in einem fehlenden ökologischen Bewusstsein. Die Bezeichnung der Mangrove-Bereiche als "cultivable wasteland" der World Bank aus dem Jahre 1976 belegt die geringe Wertschätzung der Mangrove-Ökosysteme (nach WORLD BANK 1976 aus HEYMAN & LÖFFLER 1997:292). In anderen Quellen werden die Gezeitenwälder auch als faulige, modrige, undurchdringliche, düstere, schwarze Sümpfe mit zahllosen Fliegen beschrieben (vgl. PAUL & SCHNACK 2006:175). Vor dem Hintergrund dieser Bewertung der Mangroven wird nachvollziehbar, warum der Vorgang der Flächenumwandlung von der bisher nur subsistenziell genutzten Fläche hin zu einer industriell orientierten Nutzung, auch als "Inwertsetzung" bezeichnet wurde (vgl. UTHOFF 1996a:167).

Das starke Bevölkerungswachstum in Entwicklungsländern bringt eine Ausbreitung von spontanen Siedlungsflächen und einen erhöhten Nutzungsdruck auf bisher nicht bewirtschaftete Gebiete mit sich. Die sozialen Probleme, die mit der Verknappung der natürlichen Ressourcen einhergehen, haben auch die Mangrove-Küsten in Mitleidenschaft gezogen. In finanzschwachen Ländern spielt daher die Umweltproblematik eine meist untergeordnete Rolle. Im Vordergrund stehen die Ernährungssituation der Bevölkerung und eine Verbesserung der wirtschaftlichen Lage. Daher werden finanzielle Mittel auch nur bedingt in eine nachhaltige Nutzung der mit Mangrove bestandenen Küstengebiete gelenkt. Zudem ist der Export von Aquakultur-Produkten, vorzugsweise Shrimps, eine lukrative Einnahmequelle und eine Möglichkeit zur Devisenbeschaffung. Abbildung 1 zeigt anhand des HDIs (Human Development Index), dass in den Gebieten, in denen sich die Mangrove-Küsten befinden, vor allem entwicklungsschwache Länder liegen.

Mit diesen hier nur in Kürze veranschaulichten Faktoren haben auch Wissenschaftler und Umweltorganisationen, die sich um ein besseres Verständnis der Funktionen von Mangrove-Küsten bemühen und sich für deren Schutz einsetzen, bereits seit Jahren zu kämpfen. Erst mit den einsetzenden Auswirkungen der Mangrove-Zerstörung seit den späten 1980er Jahren gingen auch eine Intensivierung der Forschung und die Entwicklung eines ökologischen Bewusstseins einher. Mit zu Grunde lag auch hier ein wirtschaftliches Interesse, da das Entfernen der natürlichen tropischen Küstenvegetation bereits nach wenigen Jahren intensive Folgekosten nach sich zog. Beispielsweise setzte eine verstärkte Erosion der Küstenbereiche ein, welche sich ihrer natürlichen Sedimentfänger beraubt sah. Als Konsequenz mussten teure Stabilisierungsmaßnahmen durchgeführt werden.

Die Mangroven zählen mittlerweile zu den naturwissenschaftlich am besten erforschten tropischen Ökosystemen weltweit. Jedoch ist ein ökosystemarer Ansatz nötig, der eine Integration der zahlreichen Einzeluntersuchungen möglicht macht, und durch den Kausalzusammenhänge hergestellt werden können. Insbesondere der Einbezug von sozialen und wirtschaftlichen Faktoren ist hierbei von größter Bedeutung, um auf lokaler Ebene wirksame Konzepte zur Interaktion zwischen Mensch und Mangrove-Küsten zu erstellen (vgl. PAUL & SCHNACK 2006:187). So vereint die Mangrove-Forschung mehrere zum Teil sehr spezielle Wissenschaftsdisziplinen, deren Kooperation eines weiteren Ausbaus bedarf. Um einen Einblick in die Vielfältigkeit der Forschungsgebiete zu geben, soll im Nachfolgenden eine Aufzählung nur einiger dieser Wissenschaftsfelder dienen. Im Vorwort zu LACERDAS Buch "Mangrove Ecosystems" aus dem Jahr 2002 nennt STEYAERT unterschiedliche

Tätigkeitsbereiche in der Mangrove-Forschung: "bio-ecology, bio- and geo-chemistry, water and sediments dynamics, taxonomy, phylogeny [Anmerkung des Verfassers: zu deutsch: Stammesgeschichte], palaeogeography, paleontology and genetics. [...] physiology, phenology, species variability, hybridism [A.d.V.: zu deutsch: Mischbildung], speciation [A.d.V.: zu deutsch: Artbildung], palynology [A.d.V.: zu deutsch: Pollenforschung], microbiology and nutrients turnover rate in soils and waters, and soil sciences" (STEYAERT 2002:IX). Im selben Buch wird auf SNEDAKER verwiesen, der das Fehlen eines weltweiten Konsenses über die Zukunft der Mangrove-Forschung bemängelt und beispielsweise eine größere Integration von sozialen und anthropologischen Studien fordert (nach SNEDAKER 1999 aus LACERDA et al. 2002:62).

Die Entwicklung in der Wissenschaft seit Beginn der "Blauen Revolution" Ende der 1970er Jahre zeigt, dass man im Vergleich zu den damaligen Handlungsweisen heute bereits auf erhebliche Fortschritte zurückblicken kann. Der Umgang mit den Mangrove-Küsten beschränkte sich zunächst auf ein reines Ressourcenmanagment und wurde Ende der 1980er Jahre um Konzepte zum Umweltmanagement erweitert. Nach und nach entwickelten sich daraus integrative Ansätze, die diese eher gegensätzlichen Begriffe miteinander verbanden (vgl. JESCHKE 1996:156). Jedoch konnten die wissenschaftlichen Errungenschaften bisher kaum dazu beitragen, die starke Bedrohung der Mangrove-Küsten durch den wirtschaftenden Menschen zu mildern. Die formale Erkenntnis um die Bedeutung und die Funktionen der tropischen Gezeitenwälder ist heute bei Regierungen, internationalen Entwicklungs- organisationen, nicht-regierungsgestützen Organisationen und in der allgemeinen Öffentlichkeit weitgehend vorhanden. Die Umsetzung von Schutzbestimmungen und nachhaltigen Wirtschaftsweisen gestaltet sich aber nach wie vor äußerst schwierig. Vor allem die lokale Ebene der Entwicklungsländer ist weitgehend eines solchen Einflusses entzogen. Die Effektivität der erzielten Fortschritte zitiert ERFTEMEIJER in einem Beitrag aus dem Jahr 2001 zur Mangrove-Degradierung treffend: "Whilst efforts are being made in many countries to restore degraded mangroves and to conserve the remaining healthy stands, conservation and management still lag far behind the destruction" (nach KATHIRESAN & BINGHAM 2001 aus ERFTEMEIJER 2001:204). Daher sind die zahlreichen Bestrebungen um Nachhaltigkeit beim Wirtschaften in den Mangrove-Gebieten in heutiger Form dahingehend noch zu ungenügend entwickelt, als dass sie den Mangrove-Rückgang entscheidend eindämmen könnten.

Es werden mehr integrative Fallstudien und Projekte als noch vor einigen Jahren durchgeführt. Die Vernetzung und Koordination der Forschung in global operierenden Initiativen und Organisationen hat sich ebenfalls stetig weiterentwickelt. Das Beispiel des vom deutschen "Bundesministerium für Bildung und Forschung" mitgetragenen Verbundprojektes MADAM (Mangrove Dynamics and Management) in Brasilien zeigt, wie eine kooperative Organisation und eine Zusammenführung der Ergebnisse vieler Arbeiten als Beitrag zu einem nachhaltigen Umwelt- und Ressourcenmanagement funktionieren kann. Das Projekt liefert Empfehlungen und Entscheidungshilfen für politisches Handeln. Die Entwicklung dieser Zielsetzungen ist die größte Herausforderung des Projekts (vgl. BERGER 2002:223). Den übergeordneten Rahmen derartiger Projekte stellt das ICZM (Integrated Coastal Zone Management) dar, das mit dem "Coastal Zone Management Act" bereits 1972 als CZM (Coastal Zone Management) initiiert wurde und zunächst nur auf ein reines Ressourcen-Management beschränkt war, ehe in den 1980er Jahren auch Konzepte zum Umweltmanagement hinzukamen (vgl. JESCHKE 1996:155-156). Abbildung 2 gibt einen Überblick über die interdisziplinäre Zusammenführung einzelner Wissenschaftsbereiche des MADAM-Projektes als ICZM-Konzept.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 2: Interdisziplinäre Zusammen- führung unterschiedlicher Themengruppen am Beispiel eines ICZM-Konzeptes für MADAM.

Quelle: JESCHKE 1996:156

In global operierenden Organisationen wird versucht, eine weltweite Vernetzung der verschiedenen Akteure in der Mangrove-Forschung, unter anderem auch im Rahmen eines ICZM, herzustellen. Zahlreiche Konferenzen werden und wurden bereits initiiert, um einen wissenschaftlichen Austausch und eine Förderung der Kommunikation zwischen Politik und Umwelt voranzutreiben. Zu diesen mehr oder weniger direkt beteiligten Organisationen zählen unter anderen die OECD (Organisation for Economic Co-operation and Development), die IOC (Intergovernmental Ozeanographic Commission), die IPCC (Intergovernmental Panel on Climate Change), die World Bank, die FAO und die UN (United Nations), um hier nur einige zu nennen. Bei der großen Anzahl an Institutionen kann in dieser Arbeit nur eine Auswahl der Bedeutendsten einbezogen werden.

Das Treffen von Abkommen und das Entwickeln international angedachter Handlungsrichtlinien haben sich diese Organisationen ebenfalls zur Aufgabe gemacht. Allerdings ist die Mangrove-Küste kaum direkt, sondern zumeist lediglich indirekt über beispielsweise Diskussionen zur Aquakultur thematisiert worden. So haben Beschlüsse zu einer nachhaltigeren Aquakulturbewirtschaftung auch unmittelbare Auswirkungen auf die angrenzenden Mangrove-Bestände. Der von der FAO entwickelte "Code of Conduct for Responsible Fisheries" aus dem Jahre 1995 benennt Richtlinien für eine nachhaltige Fischerei und beinhaltet Artikel zu Problemen in der Aquakulturentwicklung (vgl. HENN 2002:97, Internet). Zuvor fand im Jahre 1992 in Rio de Janeiro die richtungweisende UNCED (United Nations Conference in Environment and Development) statt, die die Aufmerksamkeit von Regierungen und Fischindustrie auf ökosystemare Dimensionen das Management betreffend, richtete (vgl. FAO 2000, Internet).

Des Weiteren engagieren sich Umweltschutzorganisationen wie Greenpeace, GNF (Global Nature Foundation), WWF (World Wildlife Fund),

ISME (International Society for Mangrove Ecosystems), FUNDECOL (Fundacion de Defensa Ecologica) und noch zahlreiche weitere, für die Erhaltung der Mangrove-Wälder. Die Umweltschützer stehen zum Teil im Konflikt mit der World Bank und anderen Finanzinstitutionen, denen sie zur Last legen, unter dem Mantel der nachhaltigen Förderung der Aquakultur einen nicht unerheblichen Beitrag zur Mangrove- Zerstörung zu leisten. Auf der "Ramsar Convention on

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 3: Greenpeace pro- testiert auf der COP8-Kon- ferenz in Valencia gegen die Mitwirkung der World Bank an der Shrimp-Aquakulturindustrie. Quelle: GREENPEACE 2002, Internet

Wetlands" im Jahr 2002 in Valencia demonstrierten Umweltschützer mit dem Motto: "World Bank: Stop Mangrove Destruction" gegen die finanzielle Unterstützung von Aquakulturen seitens der World Bank (siehe Abbildung 3) (vgl. GREENPEACE 2002, Internet). Die Beteiligung der FAO an den Tagungen der Ramsar Convention lässt es ebenfalls als fraglich erscheinen, ob die FAO, die eng mit der World Bank zusammenarbeitet und sich zur Unterstützung nachhaltiger Wirtschaftsweisen bekennt, tatsächlich auch ihre ausgegebenen Maximen einhält. In einem FAO-Newsletter aus dem Jahr 2006 verdeutlicht ein hochrangiger FAO-Mitarbeiter die heren Ziele folgendermaßen: “Conservation of wetland ecosystems is essential not only for sustainable fresh water supply but also for preserving biodiversity and ensuring other services necessary to the health and well-being of people around the world” (FAO 2006, Internet).

Einen weiteren wichtigen Bereich in der heutigen Mangrove-Forschung stellt die unzureichende Datenlage der weltweiten Mangrove-Bestände dar. Die existierenden Daten und Erhebungen basieren häufig auf nicht sinnvollen Methoden und sind daher in vielen Fällen oft nichts mehr als vage Schätzungen. Oft fehlt eine Angabe der zur Erhebung eingesetzten Methoden völlig. Den Daten fehlt daher vielfach der empirische Beleg, was sich in teilweise großen Abweichungen und ungleichen Ergebnissen in unterschiedlichen Quellen äußert. Unbestritten ist jedoch, dass die Bestände stark rückläufig sind. Genaue Angaben zum Ausmaß und der Geschwindigkeit der Bestandsverringerung lassen hingegen einen zu großen Interpretationsspielraum zu. Dadurch werden die für die rezente Degradierung und Zerstörung vieler Mangrove-Gebiete verantwortlichen Akteure in ihrer Position zusätzlich gestärkt. Die Folgen sind Verharmlosung der Probleme und die Verwendung von Zahlen, die dem eigenen Interesse am dienlichsten sind. Wie bereits erwähnt gestaltet sich das Daten-Management in ärmeren Ländern als besonders schwierig, da zum einen die finanziellen Mittel fehlen und zum anderen die Daten bewusst manipuliert werden. Vermutlich soll das Kaufverhalten der Konsumenten in den Abnehmerländern nicht von Nachrichten über mögliche Umweltschäden gestört werden.

Die verwirrende Datenlage soll hier in Kürze am Beispiel der Mangrove-Bestände von Thailand dargestellt werden. So gibt das Royal Forest Department of Thailand (RDF) für den Zeitraum von 1993 bis 2004 steigende Zahlen an (siehe Tabelle 1).

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Tabelle 1: Entwicklung der Mangrove-Bestände in Thailand von 1993 bis 2004.

Quelle: Eigene Darstellung nach RDF 2002, Internet

Als Begründung dafür werden die seit den 1960ern betriebenen Wiederauf- forstungsmaßnahmen angeführt, durch die mehr Mangrove-Gebiet aufgeforstet als zerstört wurde (nach PLATHONG 1998 aus ERFTEMEIJER 2002:207). Die heutigen Zahlen des RDF von 2,758 km² (siehe Tabelle 1) weichen in anderen Quellen nicht gravierend ab. Die FAO gibt beispielsweise 2,440 km² für das Jahr 2005 an (FAO 2007:24, Internet). Wenn man von dem Bestand von 3,679 km² im Jahr 1961 ausgeht (nach KLANKAMSON & CHARUPAT 1982 nach AKSORNKOAE 1987 aus UTHOFF 1996:160), wäre dies ein Rückgang von 25 Prozent bis zum Jahr 2004. UTHOFF (1996:160) gibt für den Zeitraum von 1961 bis 1986 einen jährlichen Verlust von 40 km² pro Jahr an. Würde man dies mit dem gleichen jährlichen Verlustwert bis zum Jahr 2004 weiterrechnen, käme man auf einen Rückgang der Mangrove-Bestände von 53 Prozent seit dem Jahr 1961. Andere Autoren geben sogar bereits für die frühen 1990er Jahre eine Reduzierung der Bestände um 50 Prozent der ursprünglichen Fläche an (nach SPALDING et al. 1997 aus EWEL et al. 1998:88). Auch angesichts des oft erwähnten starken Ausbaus der Aquakulturflächen in den Mangrove-Küsten, muss von massiven Einbußen seit Beginn der Blauen Revolution ausgegangen werden. Dies stellt die in Tabelle 1 angeführten Zahlen des RDF erheblich in Frage.

Diese regionale Problematik setzt sich auch auf internationaler Ebene fort, da die lokal erhobenen Daten für eine weltweite Bestandserfassung zusammengefasst werden. Abbildung 4 zeigt die Anzahl der Schätzungen der Bestände pro Land in globalem Vergleich. Thailand gehört hier, trotz der erläuterten Unstimmigkeiten, zu den am besten kartierten Ländern. Daher ist ein Ausbau der Kartierung der Mangrove-Wälder dringend nötig.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 4: Weltkarte zur Datenverfügbarkeit anhand der Anzahl nationaler Schätzungen der Mangrove-Fläche der jeweiligen Länder.

Quelle: Eigene Darstellung nach RDF 2002

Die technischen Vorraussetzungen sind vorhanden, es mangelt allerdings an deren Umsetzung. Für die aus der Fernerkundung gewonnenen Luft- und Satellitenbilder ist spezifisches Interpretationsfachwissen nötig.

[...]

Ende der Leseprobe aus 72 Seiten

Details

Titel
Zur Degradierung von Mangrove-Küsten – Ursachen und Wirkungen
Hochschule
Universität Stuttgart  (Institut für Geographie)
Veranstaltung
Zulassungsarbeit
Note
1,5
Autor
Jahr
2008
Seiten
72
Katalognummer
V139437
ISBN (eBook)
9783640490011
ISBN (Buch)
9783640489695
Dateigröße
9998 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Degradierung, Mangrove, Tropische Wattküste, Thailand, Brahmaputra, Myanmar, Ecuador, Brasilien, Madam, ICZM, Viviparie, Tsunami 2004, Irawady, Gambia, Aquakultur, Java, Fonseca, Caete, Santos, Shrimps
Arbeit zitieren
Julian Schatz (Autor), 2008, Zur Degradierung von Mangrove-Küsten – Ursachen und Wirkungen, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/139437

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