Hannah Arendt beschreibt im „Vorwort“ und den „Abschließenden Bemerkungen“ ihres Werks „The Origins of Totalitarianism“ (1951) die Motivation und das Ergebnis ihres Versuchs, der Gegenwart sowie der unmittelbaren Vergangenheit des Dritten Reichs eine Sinndeutung zu geben. Ihre Motivation liegt darin, den geschehenen Bruch der kulturellen Strukturen zu verstehen, ohne es durch Relativierungen und historische Herleitungen zu trivialisieren. Sie will sich mit ihrer Zielsetzung sowohl von Tendenzen zu einem optimistischen Fortfahren auf Basis einer für intakt gehaltenen Vergangenheit, als auch von anti-utopischem Pessimismus abgrenzen. Der absolute Bruch in der menschlichen Kultur bedarf einer neuen politischen Ethik der Menschenrechte.[...]
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
1.1 Hannah Arendt und der Bruch der Zivilisation
1.2 Hermann Aubin und die Tradition des Abendlandes
2. Theoretische und historische Standortbestimmung
2.1 Arendts Absage an die Tradition
2.2 Aubins historische Herleitung Deutschlands in Europa
3. Synthese und Interpretation
3.1 Vergleich der Ansätze zur Bewältigung der Nachkriegszeit
3.2 Rezeption und Zielgruppenorientierung
Zielsetzung & Themen der Arbeit
Die vorliegende Arbeit untersucht zwei grundlegend entgegengesetzte Versuche der geistigen Standortbestimmung in der frühen Bundesrepublik Deutschland. Dabei wird die radikale Bruchthese Hannah Arendts mit dem traditionalistischen Geschichtsbild Hermann Aubins konfrontiert, um die ideengeschichtlichen Spannungsfelder der Nachkriegszeit zu analysieren.
- Totalitarismustheorie und der Bruch der kulturellen Zivilisation
- Die Rolle des Abendlandbegriffs in der deutschen Nachkriegsidentität
- Historische Herleitung von nationaler Identität und Tradition
- Die gegensätzliche Bewertung des Verhältnisses von Deutschland, Europa und Russland
- Diskursanalyse der politischen Ethik nach dem Nationalsozialismus
Auszug aus dem Buch
Aubin und Arendt: Rückbesinnung auf das Abendland oder totalitärer Bruch der Zivilisation?
Hannah Arendt beschreibt im „Vorwort“ und den „Abschließenden Bemerkungen“ ihres Werks „The Origins of Totalitarianism“ (1951) die Motivation und das Ergebnis ihres Versuchs, der Gegenwart sowie der unmittelbaren Vergangenheit des Dritten Reichs eine Sinndeutung zu geben. Ihre Motivation liegt darin, den geschehenen Bruch der kulturellen Strukturen zu verstehen, ohne es durch Relativierungen und historische Herleitungen zu trivialisieren. Sie will sich mit ihrer Zielsetzung sowohl von Tendenzen zu einem optimistischen Fortfahren auf Basis einer für intakt gehaltenen Vergangenheit, als auch von anti-utopischem Pessimismus abgrenzen. Der absolute Bruch in der menschlichen Kultur bedarf einer neuen politischen Ethik der Menschenrechte.
Mit diesem Bruch ist ihr Untersuchungsgegenstand gemeint, die totalitäre Herrschaft, die ihre Methode im Prinzip des Lagers perfektioniert hat. Dieses Herrschaftsprinzip des Totalitarismus erfährt eine Definition auf mehreren Ebenen: Totale Herrschaft bedarf der Existenz „einer Autorität, einer Lebensweise, einer Ideologie“ (Arendt: Totalitarismus, 1998, S. 14). Dieser Definition zufolge stellen sowohl die Herrschaftsform des Deutschlands des dritten Reichs, als auch das stalinistische Russland totalitäre Systeme dar. Obgleich ein endgültiger Sieg des Totalitarismus für Arendt höchst unwahrscheinlich erscheint, ist seine Existenz dennoch ein Symptom der spezifischen Probleme der Epoche.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Hier wird der theoretische Rahmen gesetzt, indem die gegensätzlichen Positionen von Hannah Arendt und Hermann Aubin bezüglich der deutschen Nachkriegsidentität eingeführt werden.
2. Theoretische und historische Standortbestimmung: Dieses Kapitel analysiert detailliert Arendts Ablehnung tradierter Werte angesichts des totalitären Zivilisationsbruchs und stellt ihr Aubins geschichtstheoretische Verortung Deutschlands im Abendland gegenüber.
3. Synthese und Interpretation: Der abschließende Teil bewertet die Intentionen beider Autoren, insbesondere vor dem Hintergrund ihrer Zielgruppen und der spezifischen politischen Anforderungen der 1950er Jahre.
Schlüsselwörter
Totalitarismus, Abendland, Hannah Arendt, Hermann Aubin, Ideengeschichte, Nationalsozialismus, Traditionsfindung, Zivilisationsbruch, Bundesrepublik Deutschland, Politische Ethik, Ideologie, Historische Herleitung, Antisowjetismus, Europa.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit?
Die Arbeit vergleicht zwei gegensätzliche intellektuelle Konzepte der frühen Bundesrepublik zur Frage, wie Deutschland nach dem Zivilisationsbruch des Nationalsozialismus geistig und historisch neu verortet werden kann.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die zentralen Themen sind die Totalitarismustheorie, das Konzept des "Abendlandes" als identitätsstiftendes Element sowie die Debatte um die Legitimität historischer Traditionspflege.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Ziel ist es, die ideengeschichtliche Diskrepanz zwischen Arendts radikaler Forderung nach einem Neuanfang und Aubins Versuch, Deutschland über eine abendländische Kontinuitätslinie in Europa zu legitimieren, herauszuarbeiten.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es wird eine ideengeschichtliche Quellenanalyse angewandt, die durch den komparativen Vergleich der zentralen Schriften von Arendt und Aubin sowie deren jeweilige Kontextualisierung erfolgt.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil beleuchtet die Definitionen totalitärer Herrschaft bei Arendt und stellt diesen Aubins Konstruktion einer positiven, historisch-christlichen Traditionslinie entgegen, die insbesondere die Rolle Deutschlands gegenüber dem Osten betont.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Totalitarismus, Abendland, Ideengeschichte, Zivilisationsbruch, Traditionsfindung und politische Ethik sind die prägenden Begriffe.
Wie bewertet die Arbeit Arendts Verhältnis zur Tradition?
Die Arbeit verdeutlicht, dass Arendt eine Rückbesinnung auf Traditionen als unzulässig ablehnt, da sie diese als Reaktion auf den kulturellen Bruch der Zivilisation durch den Totalitarismus als unfähig zur Bewältigung der aktuellen Probleme ansieht.
Welche Rolle spielt der Begriff "Abendland" bei Aubin?
Bei Aubin fungiert das "Abendland" als historisches Bindeglied und politisches Schutzschild gegen den Bolschewismus, wobei Deutschland eine zentrale Rolle als Verteidiger dieser abendländischen Identität zugeschrieben wird.
Warum wird in der Arbeit auf das Zielpublikum verwiesen?
Der Verweis auf das Zielpublikum (etwa die Bundeswehrsoldaten bei Aubin) dient dazu, die politische Intention der historischen Argumentation zu erklären, die eine selbstbewusste, deutschlandzentrierte Begründung erforderte.
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- Christoph Sprich (Autor), 2009, Aubin und Arendt: Rückbesinnung auf das Abendland oder totalitärer Bruch der Zivilisation?, Múnich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/139442