Als Michail Sergejewitsch Gorbatschow 1985 mit 54 Jahren zum Generalsekretär der KPdSU in der Sowjetunion gewählt wurde, konnte niemand die Tragweite seiner Reformen abschätzen. Für den deutschen Einigungsprozess kommt ihm eine besondere Rolle zu, da erst durch seine Entscheidungen oder auch Enthaltungen der Weg zur Einheit möglich war.
Zu den Populärsten Knotenpunkten der Politik von Gorbatschow zählen ohne Zweifel Glasnost und Perestroika. Das damit verbundene Reformkonzept sollte einen Beitrag zur Stabilität und Fortschrittlichkeit der UdSSR leisten. Offenheit und Umgestaltung, so die deutsche Übersetzung, sollte auch ein Leitfaden für die DDR ergeben, doch der Umgestaltungswille in Ost-Berlin konnte sich nicht festigen. Dagegen stießen die Signale aus Moskau in Bonn gegen Ende der 80er Jahre auf fruchtbaren Boden, was die bilateralen Beziehungen enorm verstärkte. Die Folge war eine Abwendung von der DDR hin zur BRD. Während in Ost-Berlin am status quo festgehalten und auf die alten Leitlinien geschworen wurden, veränderten sich die Verhältnisse zwischen Moskau und Bonn, deren Höhepunkt der Besuch des Generalsekretärs in der deutschen Hauptstadt war. Dieses Novum in der Geschichte der Beziehungen zwischen der Bundesrepublik und der Sowjetunion kann als erste Etappe zur Wiederherstellung der deutschen Einheit betrachtet werden.
Sehr sorgfältig wurden die Gespräche zwischen Gorbatschow und Kohl von Honecker verfolgt, der immer wieder versuchte den obersten Sowjet in die alten Bahnen zu lenken und sich vehement gegen den Klassenfeind aussprach. Gorbatschow aber erkannte das Potential der Bundesrepublik und versuchte seinen Reformkurs fortzuführen. Das Verhältnis zwischen DDR und der Sowjetunion spitzte sich zu und musste nun neu bewertet werden.
Diese Ambivalenz im Verhältnis der deutsch-sowjetischen Beziehungen soll den Hauptteil der vorliegenden Arbeit ausmachen. Nach einer kurzen Einführung in die Quellenlage, wird versucht werden die Situation zu skizieren in der sich die DDR vornehmlich befand. Das Abrücken von der Breschnew-Doktrin und die damit verbundene Glaubwürdigkeit der UdSSR bilden ein weiteres Kapitel, um deutlich zu machen welchen Möglichkeiten damit die Tür geöffnet wurden. Die Besuche von Gorbatschow in Bonn und Ost-Berlin bilden schließlich den Kernpunkt der Arbeit.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Literatur und Quellenlage
3. Die Ausgangslage
4. Von Breschnew zum neuen Pragmatismus
5. Deutsch-sowjetische Beziehungen
5.1.Gorbatschow und Kohl
5.2. Gorbatschow und Honecker
5.3. Gorbatschow in Berlin und der Sturz Honeckers
6. Fazit
7. Literatur- und Quellenverzeichnis
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht die ambivalente Dynamik in den deutsch-sowjetischen Beziehungen während der Ära Gorbatschow am Vorabend der deutschen Wiedervereinigung. Im Zentrum steht die Analyse, wie der sowjetische Reformkurs unter Michail Gorbatschow sowohl die Abwendung der Bundesrepublik von der DDR als auch die zunehmende politische Isolation der DDR-Führung unter Erich Honecker forcierte und somit maßgeblich zum Einigungsprozess beitrug.
- Die Auswirkungen von Glasnost und Perestroika auf das Verhältnis zwischen Moskau, Bonn und Ost-Berlin.
- Die Entwicklung des persönlichen und politischen Verhältnisses zwischen Michail Gorbatschow und Helmut Kohl.
- Die zunehmende Entfremdung und der Konflikt zwischen Gorbatschow und dem SED-Parteichef Erich Honecker.
- Die Abkehr der Sowjetunion von der Breschnew-Doktrin als Voraussetzung für die deutsche Einheit.
Auszug aus dem Buch
5. Deutsch-sowjetische Beziehungen
Das erste Treffen der beiden Staatsmänner im März 1985 war von einer negativen Grundstimmung geprägt, die mehrheitlich von Gorbatschow ausging. Er sah die BRD als den verlängerten Arm der USA, mit dem Ziel die BRD weiter nachzurüsten. Eben das gleiche Bild bot sich, als Außenminister Genscher im Juli 1986 Moskau bereiste. Gorbatschow sah sich durch die Rüstungspolitik der BRD bedroht und brachte das auch zum Ausdruck. Ein von der BRD vorgeschlagenes Gipfeltreffen wurde von Gorbatschow abgelehnt. Er hoffte auf einen Regierungswechsel in Deutschland, da ihm die SPD-Genossen mehr Gemeinsamkeiten versprachen.
Zum Höhepunkt der Konfrontation der beiden Staatsmänner kam es im Oktober 1986. Helmut Kohl verglich in einem Interview den Obersten Sowjet mit Goebbels und legte damit die beidseitigen Beziehungen auf Eis. Die Bundesregierung sprach von einer Panne im Kanzleramt, die von Gorbatschow geforderte Revidierung der Äußerung blieb jedoch aus.
Erst Richard von Weizsäcker konnte die Phase der Sprachlosigkeit mit seinem Besuch in Moskau im Juli 1987 verbessern. Ihm folgten der bayrische Ministerpräsident Franz Joseph Strauß, im Dezember 1987 sowie zwei Monate später dessen Amtskollege Lothar Spät. Als Antwort begann nun Moskau seinen Außenminister Edward Schewardnadse im Januar 1988 nach Bonn zu senden, was ein Treffen von Genscher in Moskau wiederum zur Folge hatte.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Diese Einleitung führt in die historische Zäsur durch Michail Gorbatschows Reformpolitik ab 1985 ein und formuliert die zentrale Fragestellung der Arbeit bezüglich der Ambivalenz der deutsch-sowjetischen Beziehungen.
2. Literatur und Quellenlage: Dieses Kapitel gibt einen Überblick über die verfügbare wissenschaftliche Literatur und die durch die Öffnung der Archive des Bundeskanzleramtes zugänglich gewordenen Primärquellen.
3. Die Ausgangslage: Hier wird die Situation der DDR in einem von den Supermächten geprägten Dualismus skizziert und analysiert, warum das SED-Regime trotz des Reformdrucks durch Glasnost und Perestroika an alten Strukturen festhielt.
4. Von Breschnew zum neuen Pragmatismus: Dieses Kapitel behandelt den graduellen Abschied der Sowjetunion von der Breschnew-Doktrin und die neue Außenpolitik Gorbatschows, die auf dem Prinzip der Nichteinmischung basierte.
5. Deutsch-sowjetische Beziehungen: Dieser Hauptteil analysiert die wechselhaften Beziehungen zwischen Bonn und Moskau, den Dialog zwischen Kohl und Gorbatschow sowie den gleichzeitigen politischen Bruch zwischen Gorbatschow und Honecker.
5.1.Gorbatschow und Kohl: Dieser Abschnitt beschreibt die Entwicklung des Vertrauensverhältnisses zwischen dem Bundeskanzler und dem sowjetischen Generalsekretär, das trotz anfänglicher Spannungen zu einer wichtigen Säule des Einigungsprozesses wurde.
5.2. Gorbatschow und Honecker: Hier wird der wachsende Konflikt zwischen Moskau und Ost-Berlin detailliert, wobei Honeckers Unverständnis für den Reformkurs Gorbatschows den Bruch zwischen den Verbündeten markiert.
5.3. Gorbatschow in Berlin und der Sturz Honeckers: Dieses Unterkapitel beleuchtet den Besuch Gorbatschows anlässlich des 40. Jahrestages der DDR, der den Endpunkt der fruchtlosen Zusammenarbeit und den unmittelbaren Vorboten der Ablösung Honeckers darstellt.
6. Fazit: Das Fazit fasst zusammen, dass die sowjetische Abkehr von der Einmischungspolitik und das neu entstandene deutsch-sowjetische Vertrauensverhältnis die entscheidenden Voraussetzungen für die deutsche Wiedervereinigung waren.
7. Literatur- und Quellenverzeichnis: Hier sind sämtliche im Text verwendete wissenschaftliche Monographien, Aufsätze und Archivdokumente systematisch aufgeführt.
Schlüsselwörter
Michail Gorbatschow, Helmut Kohl, Erich Honecker, DDR, Sowjetunion, Wiedervereinigung, Glasnost, Perestroika, Breschnew-Doktrin, Außenpolitik, SED, deutsch-sowjetische Beziehungen, Reformkurs, Systemwandel, Diplomatische Geschichte
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert die diplomatischen und politischen Entwicklungen der deutsch-sowjetischen Beziehungen zwischen 1985 und 1989, die maßgeblich zum Ende der DDR und zur deutschen Einheit führten.
Was sind die zentralen Themenfelder der Analyse?
Die zentralen Themen sind der sowjetische Reformkurs unter Michail Gorbatschow, das sich wandelnde Vertrauensverhältnis zwischen der Bundesrepublik und der UdSSR sowie die zunehmende politische Isolation der DDR-Führung.
Was ist das primäre Ziel der Arbeit?
Das Ziel ist es, die Ambivalenz in den Beziehungen aufzuzeigen und zu belegen, wie Gorbatschows Politik der Nichteinmischung den Weg für die deutsche Wiedervereinigung ebnete.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit basiert auf einer fundierten Literatur- und Quellenanalyse, unter Einbeziehung von Gesprächsprotokollen, Reden der Akteure und zeitgenössischer Fachliteratur.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil konzentriert sich auf die diplomatischen Annäherungsprozesse zwischen Bonn und Moskau sowie den gleichzeitigen, unaufhaltsamen Konflikt zwischen Gorbatschow und der DDR-Führung unter Honecker.
Welche Schlüsselbegriffe charakterisieren diese Arbeit?
Zu den prägenden Begriffen zählen Glasnost, Perestroika, der Abschied von der Breschnew-Doktrin, die sogenannte Schaukelpolitik Gorbatschows und der Prozess des Vertrauensaufbaus zwischen Kohl und Gorbatschow.
Welche Rolle spielte der Besuch Gorbatschows in Bonn 1989 für die Einigung?
Der Besuch bildete einen Wendepunkt, da er ein enges Vertrauensverhältnis zwischen Kohl und Gorbatschow etablierte und die Rolle der Bundesrepublik als Partner für die UdSSR in Europa festigte.
Wie reagierte Erich Honecker konkret auf Gorbatschows Reformpolitik?
Honecker reagierte mit strikter Ablehnung, verbot sowjetische Zeitschriften wie "Sputnik" und beharrte auf dem traditionellen Pfad des Sozialismus, was ihn schließlich politisch isolierte.
Warum wird der Sturz Honeckers in der Arbeit als "meilenweit von der Realität entfernt" bewertet?
Dies bezieht sich darauf, dass Honecker bis zum Moment seiner Absetzung durch das Politbüro die prekäre Lage seiner Herrschaft und den fehlenden Rückhalt durch Moskau völlig verkannte.
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- Norman Giolbas (Author), 2009, Gorbatschow und die deutsch-sowjetischen Beziehungen am Vorabend der Wiedervereinigung, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/139470