Was sind die konkreten Ursachen für die Reaktion der Altgläubigen?
In der vorliegenden Arbeit wird das Thema des russischen Raskol dargestellt. Am Anfang werden die Schwierigkeiten der Epoche des 16. Jahrhundert kurz geschildert. Es waren schwere Zeiten nicht nur für die Moskauer Macht, sondern auch für die russische Orthodoxie. In weiteren Kapiteln, die den Kern dieser Arbeit bilden, werden die Trennungsgründe der Altgläubigen von der offiziellen orthodoxen Kirche genannt und näher erläutert. Hinter der eifrigen Durchsetzung neuer Reformen innerhalb der Kirche stand Patriarch Nikon. Es ging ihm darum, die Orthodoxie zurück zu dem ursprünglichen griechischen Ritus zu bringen, was aber auf die Glaubenssätze der Altgläubigen, die jegliche Modernisierung der Orthodoxie grundsätzlich abgelehnt haben, gestoßen ist.
Die Arbeit wurde in Anlehnung an Георгий Флоровский (1893 – 1979) Werk: – „Пути Русского Богословия“ durchgeführt. Er behandelt das Thema aus einer theologischen Perspektive, in dem er verschiedene historische Quellen und Zusammenhänge darstellt. Interessant sind auch seine Hinweise auf westlich-lateinische Einflüsse auf die russische Orthodoxie.
Auch die Paradox-theorie von Kostomarov (1817 – 1885), die besagt, dass die Staroobrjadcy (unabsichtlich) etwas Neues erschaffen haben – eine neue russische Seele, wird am Ende dieser Arbeit erläutert.
Inhaltsverzeichnis
Einleitung
Russland im 16. und 17. Jahrhundert
Смута – Zeiten der Wirren
17. Jahrhundert
Das dritte Rom
Entstehung des Raskol
Kirchenbücherrevision
Reformen
Patriarch Nikon
Auf der Flucht vor dem Antichristen
Das Neue Phänomen
Eschatologische Prophezeiungen
Von der Angst vor dem Antichristen zum Selbstvertrauen
Schlussfolgerung
Zielsetzung & Themen
Diese wissenschaftliche Arbeit untersucht das historische Phänomen des Raskol (Schisma) innerhalb der russisch-orthodoxen Kirche im 17. Jahrhundert. Im Zentrum steht die Forschungsfrage, welche konkreten Ursachen zu der heftigen Reaktion der Altgläubigen auf die kirchlichen Reformen führten und wie diese Spaltung die Entstehung der russischen Volkspsyche beeinflusste.
- Historischer Kontext Russlands im 16. und 17. Jahrhundert
- Die Rolle der Kirchenreformen unter Patriarch Nikon
- Ideologische Grundlagen des Raskol
- Eschatologische Ängste und die Erwartung des Antichristen
- Die Entwicklung vom religiösen Widerstand zum Selbstvertrauen
Auszug aus dem Buch
Auf der Flucht vor dem Antichristen
Раскол гонялся за стариною, старался как бы точнее держаться старины; но раскол был явление новой, а не древней жизни.
(Kostomarov; 1817-1885)
Im Raskol liegt nach Kastomarov ein fatales Paradoxon. Die Altgläubigen stellen keine Rückkehr zum Leben des alten Russlands dar, sondern nur eine Art unerfülltes Träumen davon. Raskol ist Verzweigung, die aus ihren Ängsten und ihrer Frustration entsprang. Das Leben war erfüllt von einem enormen Gefühl des Verlustes, aber gleichzeitig von einem Gefühl der Erwartung und eines starken Verlangens nach der Geisteserretung. Die sinnlosen Probleme des Alltags waren in diesem Zustand der Bangigkeit und des Misstrauens zweitrangig. Man kann aber in diesem Zusammenhang nicht von einer Stagnation sprechen. Laut Kostomarov lag die Ursache ihren Widerstand nicht in den Versuchungen des Klerus, die krampfhafte Bindung der Altgläubigen an einen individuellen Ritus zu zerstören, sondern in ihrer grundlegenden apokalyptischen Überzeugung und im nahen Kommen des Antichristen.
Zusammenfassung der Kapitel
Einleitung: Einführung in die Problematik des russischen Raskol unter Berücksichtigung theologischer und historischer Perspektiven.
Russland im 16. und 17. Jahrhundert: Analyse der politischen Instabilität und der geistigen Erschütterungen im Zarenreich, insbesondere während der Smuta.
Entstehung des Raskol: Untersuchung der Ursachen der kirchlichen Spaltung und des Kampfes für die Bewahrung religiöser Traditionen.
Kirchenbücherrevision: Erläuterung der technischen und inhaltlichen Probleme bei der Korrektur liturgischer Texte unter Nikon.
Reformen: Darstellung des Widerstands gegen die administrativen und gottesdienstlichen Umgestaltungen durch das Zarenhaus und die Hierarchie.
Patriarch Nikon: Kritische Betrachtung der Rolle Nikons bei der Durchsetzung der Reformen und dessen Konfliktpotenzial.
Auf der Flucht vor dem Antichristen: Analyse der tiefsitzenden apokalyptischen Ängste des Volkes und der daraus resultierenden Weltanschauung.
Schlussfolgerung: Zusammenfassende Bewertung der Bedeutung des Schismas für die russische Identitätsbildung und das Paradoxon zwischen Glaubensverlust und Selbstvertrauen.
Schlüsselwörter
Raskol, Altgläubige, Russische Orthodoxie, Patriarch Nikon, Smuta, Antichrist, Eschatologie, Kirchenreform, Liturgie, Drittes Rom, Dogmatik, Glaubensspalte, Volkspsyche, Schisma, Tradition.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Hausarbeit grundsätzlich?
Die Arbeit behandelt die Ursachen und Auswirkungen des russischen Schismas (Raskol) im 17. Jahrhundert, das die russisch-orthodoxe Kirche nachhaltig spaltete.
Welche zentralen Themenfelder werden bearbeitet?
Zentrale Themen sind der politische und soziale Kontext der Epoche, die dogmatischen Konflikte um liturgische Korrekturen und die apokalyptische Grundstimmung der Bevölkerung.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Es wird untersucht, warum die Altgläubigen eine Modernisierung der Riten kategorisch ablehnten und welche tiefer liegenden gesellschaftlichen Brüche der Widerstand offenbart.
Welche wissenschaftliche Methode verwendet die Autorin?
Die Arbeit stützt sich auf eine hermeneutische Analyse theologischer und historischer Quellen, insbesondere unter Rückgriff auf das Werk von Georgi Florowski sowie die Theorien von N.I. Kostomarow.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil befasst sich mit der Kirchenbücherrevision, dem Wirken von Patriarch Nikon, der Rolle von Zarenpolitik und den eschatologischen Prophezeiungen, die das Volk in eine tiefe Identitätskrise stürzten.
Welche Schlüsselbegriffe charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind Raskol, Altgläubige, Antichrist, Orthodoxie, Drittes Rom sowie das Konzept der "neuen russischen Seele".
Warum lehnte das Volk die "Kirchenbücherrevision" so stark ab?
Die Ablehnung beruhte auf dem Misstrauen gegenüber westlichen Einflüssen und der Überzeugung, dass die Änderungen eine Verfälschung des heiligen Ritus darstellten und die Gnade Gottes gefährdeten.
Inwiefern beeinflusste die Angst vor dem Antichristen das Verhalten der Altgläubigen?
Diese Angst führte zu einer eschatologischen Weltsicht, in der weltliche Institutionen als dem Antichristen verfallen angesehen wurden, was die Gläubigen in den Rückzug ins Private oder ins Exil zwang.
- Arbeit zitieren
- Katarina Macova (Autor:in), 2022, Raskol: Flucht aus den Trümmern des alten Lebens. Russland im 17. Jahrhundert, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1395006