Die Zukunft scheint ungewiss und der Bekanntheitsgrad des Bandonions schwindet. Sieht man von geübten Spielern und Zuhörern einmal ab, scheitert schon die konkrete Benennung solcher Instrumente. Verwirrt durch geschichtliche Namensgebung, ist es auch nicht verwunderlich, dass viele Menschen nicht den Unterschied, zwischen Harmonika, Handharmonika, Ziehharmonika, Bandonion, Akkordeon oder beispielsweise Konzertina kennen. Ferner sind die Formen und Ausprägungen des Bandonions wiederum eine Sache für sich, die sich in dem Tonumfang und Anordnung der Töne variantenreich unterscheiden. Erst Ende der zwanziger Jahre einigte man sich auf das so genannte Einheitsbandonion (144 Töne)
was eine Art Norm vorgeben sollte.
Wird nach dem Erfinder gesucht wird in viele Lexika und Überblickswerken auf Heinrich Band verwiesen, der dem Instrument seinen Namen gab: „Bandoneon, ein von dem Krefelder Musiklehrer Heinrich Band 1846 entwickelter Konzertinatyp in meist quadratischer Form mit wechseltöniger Mechanik und einem eigenen Griffsystem Anlass an dem Sachverhalt zu zweifeln bietet hingegen ein Lexikonartikel des neuen Universallexikons von Bertelsmann. Unter dem Begriff Bandoneon ist folgendes zu lesen: „Bandoneon, eine Konzertina mit mehr als 88 Tönen, die der Krefelder Händler H. Band (*1821-1860+) seit etwa 1845 herstellen ließ.“ Hier wird demnach nicht darauf verwiesen, das Heinrich Band das Bandonion auch selbst gebaut hatte oder er auch der Erfinder des Instrumentes sein sollte. Allerdings hat schon Karl Oriwohl in seinem Buch über das Bandonion fatale Irrtümer über das Bandonion richtig gestellt.7 Darunter eben auch das Bertelsmann-Lexikon hier von 1953.
Die Frage nach dem Erfinder ist ungewiss, wenn die Primärquellen angeschaut werden.
Allenfalls zweifelhafte Indizien verweisen auf Heinrich Band als Erfinder des Bandonions.
Wird also Heinrich Band zu Unrecht die Erfindung des Bandonions angerechnet oder irrt sich das Bertelsmann-Lexikon, wenn es behauptet, dass Band seine Instrumente nur herstellen ließ?
Diese Frage über den Ursprung des Erfinders soll im Mittelpunkt des Aufsatzes stehen, nachdem eine knappe Einführung in Quellen und Literatur sowie in Vorgeschichte und Einordnung des Instrumententyps vorgenommen wird.
Struktur der wissenschaftlichen Untersuchung
1. Einleitung
2. Literatur
3. Vorgeschichte
4. Einordnung des Instrumentes und Beschreibung
5. Die Erfindung des Bandonion
5.1. Zeitlich Einordnung
5.2. Die Fakten für Heinrich Band
5.3. Die Fakten gegen Band
6. Fazit
7. Perspektive
Zielsetzung & Themen der Arbeit
Die vorliegende Arbeit untersucht kritisch die historisch verbreitete Zuschreibung des Bandonions an den Krefelder Musikalienhändler Heinrich Band. Anhand einer Analyse von Primärquellen, Archivunterlagen und historischen Werbeanzeigen wird hinterfragt, ob Band tatsächlich als Erfinder des Instrumentes gelten kann oder ob seine Rolle eher in der Vermarktung und Weiterentwicklung bestehender sächsischer Instrumententypen lag.
- Historische Herleitung des Bandonions aus der Familie der Instrumente mit durchschlagenden Zungen.
- Kritische Prüfung der biographischen Daten und geschäftlichen Aktivitäten von Heinrich Band.
- Vergleich der regionalen Produktionsstrukturen zwischen Krefeld und der sächsischen Instrumentenbauregion (Chemnitz).
- Untersuchung weiterer relevanter Akteure wie C.F. Uhlig, C.F. Reichel und Carl Friedrich Zimmermann.
- Diskussion über die begriffliche Unschärfe und die Etikettierung bei der Namensgebung historischer Handzuginstrumente.
Auszug aus dem Buch
5. Die Erfindung des Bandonion
Zu allererst muss gesagt werden, dass dieses Handzuginstrument nur eine Weiterentwicklung der Konzertina bleibt. Es ist kein eigenständiges Musikinstrument, sondern ist in der Tradition der Instrumente mit durchschlagenden Zungen zu verstehen. Weder die Tonentstehung noch die Handhabung wird verändert. Das neue an dem Bandonion sind die erweiterten Töne und damit auch die variantenreichere Kombinierbarkeit der Akkorde. Die von Oriwohl angesprochene Angabe, dass unter einer Konzertina ab 88 Tönen nun ein Bandonion zu verstehen sei, ist auch zweifelhaft, da es nachweislich ein Instrument gibt, das als Bandion bezeichnet wird, das aber nur 56 Töne besitzt. Somit fällt die Einordnung gewisser Instrumente anhaltend schwer. Immer wieder sind besonders in Online-Auktionshäuser Anzeigen zu lesen, die ein Instrument unter dem Namen Akkordeon, Konzertina und Bandonion verkaufen. Eine konkrete Definition, was als Bandonion zu verstehen ist, fehlt jedoch.
Weiterhin gibt es keine eindeutige Quelle darüber, wer das Bandonion erfunden hat. Ein Instrument von Heinrich Band, dem die Erfindung derzeit überwiegend zugeschrieben wird, ist nicht existent. Die Quellen mit denen bewiesen wird, dass eben dieser Krefelder Musikalienhändler auch der Erfinder sein soll, sind allesamt zweifelhaft. Auf der anderen Seite reichen Quellen von anderen Protagonisten hingegen auch nicht aus, um zu beweisen, dass diese möglicherweise Vater des Instrumentes sein könnten. Wir befinden uns in dieser Angelegenheit in einem Prozess voller Indizien, die mit kontrollierter Phantasie bewertet werden müssen. Kommen wir nun zu den vorliegenden Quellen, die keine Gewähr auf Vollständigkeit besitzen sollen. Alle verwendeten Quellen sind im Text sowie im Anhang in dem mir vorliegenden Zustand abgedruckt.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Arbeit beleuchtet die abnehmende Bedeutung und Bekanntheit des Bandonions in Deutschland und ordnet es in seinen historischen Kontext als Instrument des Tangos ein.
2. Literatur: Dieser Abschnitt bewertet die existierende Fachliteratur zu den Themen Bandonion und Konzertina und identifiziert die für die Untersuchung wichtigsten Archive.
3. Vorgeschichte: Hier wird die Entwicklung der Instrumente mit durchschlagenden Zungen von der chinesischen Sheng bis hin zur ersten deutschen Konzertina von C.F. Uhlig nachgezeichnet.
4. Einordnung des Instrumentes und Beschreibung: Es wird die technische Beschaffenheit sowie die Schwierigkeit der Klassifizierung des Bandonions aufgrund seiner vielfältigen Entwicklungsstufen erörtert.
5. Die Erfindung des Bandonion: Das Kernkapitel hinterfragt kritisch die Rolle von Heinrich Band bei der Erfindung und untersucht alternative historische Akteure und Produktionsorte.
6. Fazit: Die Untersuchung schlussfolgert, dass die Erfindung nicht zweifelsfrei Heinrich Band zugeschrieben werden kann und plädiert für eine differenziertere Sichtweise auf sächsische Hersteller.
7. Perspektive: Abschließend wird die aktuelle Situation des Bandonions und das Potenzial zur Bewahrung dieses kulturellen Erbes durch Museen und Stadtmarketing diskutiert.
Schlüsselwörter
Bandonion, Heinrich Band, Konzertina, Handzuginstrumente, Musikgeschichte, Instrumentenbau, C.F. Uhlig, Carl Friedrich Zimmermann, Krefeld, Chemnitz, durchschlagende Zungen, Tango, Musikinstrumente, historische Forschung, Akkordeon.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundlegend?
Die Arbeit untersucht die historische Herkunft des Bandonions und stellt die populäre, aber wissenschaftlich umstrittene Zuschreibung der Erfindung an Heinrich Band in Frage.
Was sind die zentralen Themenfelder der Untersuchung?
Zentral sind die historische Entwicklung der Balginstrumente, der Vergleich regionaler Produktionsstandorte (Sachsen vs. Krefeld) sowie die Analyse zeitgenössischer Dokumente und Quellen.
Was ist das primäre Ziel der Forschungsfrage?
Das Ziel ist es, anhand von Archivbelegen zu klären, ob Heinrich Band tatsächlich der Erfinder des Bandonions ist oder ob ihm diese Rolle fälschlicherweise zugeschrieben wurde.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Der Autor nutzt die historische Quellenanalyse, vergleicht Anzeigentexte aus Adressbüchern und Zeitungen des 19. Jahrhunderts und zieht biographische Daten sowie Patentunterlagen zur Beweisführung heran.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Vorgeschichte des Instruments, die Untersuchung der Indizien für und gegen Heinrich Band als Erfinder sowie die Vorstellung weiterer Akteure wie C.F. Uhlig und Carl Friedrich Zimmermann.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren diese Arbeit?
Wichtige Begriffe sind Bandonion, Heinrich Band, Instrumentenbau, Konzertina, Musikgeschichte, Archivforschung und industrielle Entwicklung im 19. Jahrhundert.
Warum wird die Erfindung von Heinrich Band als zweifelhaft dargestellt?
Es existiert kein physischer Prototyp aus Bands Zeit, und linguistische Analysen seiner Werbeanzeigen lassen darauf schließen, dass er Instrumente eher verkaufte oder nur endfertigte, anstatt sie in eigener Fabrik zu produzieren.
Welche Rolle spielten die sächsischen Instrumentenbauer für das Bandonion?
Sachsen, insbesondere Chemnitz, war das Zentrum der Handzuginstrumentenproduktion. Akteure wie C.F. Uhlig verfügten über die technischen Werkzeuge, um diese Instrumente in Masse herzustellen, was die Krefelder Produktion in Frage stellt.
Welchen Einfluss hat die "begriffliche Unschärfe" auf die historische Einordnung?
Die Begriffe Bandonion, Konzertina und Akkordeon wurden im 19. Jahrhundert häufig synonym oder ungenau verwendet, was die historische Zuordnung einzelner Instrumententypen zu einer bestimmten Person erschwert.
- Quote paper
- Norman Giolbas (Author), 2009, Das Bandonion und seine Erfinder, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/139521