Kinder als wichtige ethnologische Informanten und Thema der "advocacy anthropology"


Hausarbeit, 2007

24 Seiten, Note: 2,3


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

A Kinder- Informantenpotential für die ethnologische Arbeit und Thema der advocacy anthropology ?

I. Inwieweit können Kinder als Akteure angesehen werden?
I. 1. Definition der Begriffe Akteur und Aktion
I. 1.1 Definition Akteur
I. 2 Intelligenz als essentielle Voraussetzung des Akteur- Seins
I. 3. Erfüllung weiterer Kriterien des Akteur- Seins

II. Fallbeispiele zu den beachtlichen kognitiven Leistungen bei Kindern
II. 1 Fallbeispiel zu eigenständiger Problemlösung bei Dreijährigen
II. 2 mathematische Logik bei Fünfjährigen

III. weitere Beispiele des Aktionismus bei Kindern
III 1. anhand sozialer Gesichtspunkte- peer groups
III. 2 in Bezug auf Erziehung: individuell unterschiedliche Reaktionen
III. 3 Kinder als indirekte Akteure durch Interaktion

IV. Voraussetzungen zur effektiven Forschung mit Informanten in der advocacy anthropology
IV. 1 ´Kinder´ als Gegenstand der advocay anthropology
VI. 2. Wahrnehmung von Kindern
IV. 2. 1 Exkurs: Kinder wie alte Menschen oftmals unterschätzt
IV. 3 Zugang zu Wissensressourcen zur Geringhaltung der Beeinflussbarkeit
IV. 4 Exkurs: Philosophie mit Kindern

C Kinder als ernst zunehmende und wichtige Informanten- in der ethnologischen Forschung wie im gesellschaftlichen Leben

Quellenverzeichnis

A Kinder- Informantenpotential für die ethnologische Arbeit und Thema der advocacy anthropology ?

Darüber, dass Kinder Individuen sind, die durch kontextabhängig verschiedene Faktoren wie etwa die Familie oder die Gesellschaft und das soziale Milieu, in welchen sie leben, spezifisch sozialisiert werden und individuelle Charaktereigenschaften mitbringen, ist man sich in allen wissenschaftlichen Disziplinen, die sich mit diesem Thema beschäftigen, einig. Die zentralen Fragen in dieser Arbeit sollen sein, ob Kinder wichtige Informanten für die ethnologische Forschung darstellen können und ob die advocacy anthropology nicht verstärkt etwas für diese leisten kann.

Doch wie lässt sich das begründen? Was können Kinder in Bezug auf Gewinnung fundierter Daten wirklich leisten? Wie lässt sich das belegen? Kann man Kinder als vollwertige Akteure betrachten? Und wenn ja, ab welchem Alter und unter welchen Voraussetzungen können sie im gesellschaftlichen Prozess agieren?

Um herauszuarbeiten, ob und inwieweit auch schon relativ junge Kinder als Akteure im ethnologischen Sinn verstanden werden können, scheinen Erkenntnisse der Pädagogik, Psychologie und Philosophie ebenso wichtig zu sein, wie die der Ethnologie selbst, wo doch die Ethnologie als ganzheitliche Wissenschaft praktisch alle Bereiche des menschlichen Lebens als ihren Untersuchungsgegenstand beansprucht.

Die Ethnologie ist eine Wissenschaft, die ihr Augenmerk nicht zuletzt darauf legt, wie Menschen in verschiedenen kulturellen Kontexten miteinander interagieren.

Der erste Teil meiner Arbeit beschäftigt sich mit den Voraussetzungen und Kriterien aus soziologischer wie aus pädagogisch-psychologischer Sicht, die Individuen zu Akteuren machen und prüft die Gegebenheiten in Bezug auf Kinder vom Säuglinsalter bis zur frühen Kindheit.

Der zweite Teil gibt anhand von Fallbeispielen einen Einblick in die kognitiven Leistungen von Kindern zu Beginn und am Ende der frühen Kindheit.

Im dritten Teil werde ich verstärkt auf den Aktionismus von Kindern eingegangen: Anhand des speziellen Beispiels von peer groups, wie auch im Allgemeinen in Bezug auf Erziehung, und schließlich wird die Interaktion von Kindern mit ihrer Umwelt beleuchtet werden, wobei keine Alterseinschränkung vorgenommen wird.

Im letzten Teil werden schließlich die in den vorhergehenden Punkten der Arbeit herausgestellten Ergebnisse verwendet, um auf die anfängliche Fragestellungen, inwieweit Kinder vollwertige Informanten für die advovacy anthropology darstellen, eine Antwort zu geben. Weiterhin wird diese ethnologische Richtung vorgestellt werden.

Dazu wird weiterhin auf die spezielle Art der Wahrnehmung von Kindern, im Gegensatz zu der von Erwachsenen, im Allgemeinen, und in einem kleinen Exkurs auf alte Menschen als weitere oft zu wenig ernst genommene Altersgruppe eingegangen und die Verbindung aufgezeigt. Weiterhin wird der Grad der Beeinflussbarkeit bei Kindern geprüft werden. Ein weiterer Exkurs über einen erfolgreichen Versuch in der Philosophie, wissenschaftlich mit Kindern zu arbeiten, schließt daran an.

Nach der interdisziplinären wissenschaftlichen Beleuchtung dieser verschie-denen Gesichtspunkte, soll der ethnologische Leitgedanke dieser Arbeit durch die vielseitige Diskussion belegt und die These herausgestellt sein: Kinder können hilfreiche Informanten für die ethnologische Forschung sein so wie auch wechselseitig durch die advocacy anthropology einiges für Kinder geleistet werden kann.

Diese Arbeit soll sich also um Kinder als agierende Individuen drehen; aber um welche Altersgruppe handelt es sich überhaupt? Wenn man der allgemeinen Einteilung der Entwicklungspsychologie folgt, geht das Säuglings- und Krabbelalter von der Geburt bis zwei Jahre, die frühe Kindheit von zwei bis sechs und die mittlere Kindheit von sechs bis elf Jahre; das Alter von elf bis 21 Jahren nennt man Adoleszenz (Berk 2005: 9). Im Folgenden wird hauptsächlich auf die Altersgruppe bis zur frühen Kindheit eingegangen werden, da diese allgemein als die hauptsächliche Sozialisationsphase gilt, beziehungsweise in vielen Gesellschaften das Kind innerhalb dieses Zeitraumes erst zum sozialen Wesen „aufsteigt“. Dieses Alter ist daher besonders relevant bei der Belegung der Frage des „generellen Akteur- Seins“ von Kindern. Jedoch wird auch Bezug genommen auf ältere Kinder und Menschen aller Altersstufen, um zu zeigen, dass die Festsetzung der Fähigkeit zur Aktion vielmehr aufgrund anderer Eigenschaften als nur aufgrund des Alters eines Menschen vorgenommen werden sollte.

I. Inwieweit können Kinder als Akteure angesehen werden?

I. 1. Definition der Begriffe Akteur und Aktion

I. 1.1 Definition Akteur

Die sozialwissenschaftliche Definition des Begriffs ´Akteur´ lautet:

„Der Akteur zeigt menschliches Verhalten, mit dem er und andere Akteure einen subjektiven Sinn verbinden. Akteure knüpfen soziale Beziehungen, wenn sie Interesse an anderen Akteuren haben. Dieses Interesse kann in Ressourcen (z. B. Attraktivität, Kennenlernen anderer Akteure) oder in Ereignissen liegen. Diese Ereignisse können von anderen u.a . kontrolliert , genutzt oder verhindert. [Punkt im Original] werden oder der Akteur kontrolliert, nutzt oder verhindert selbst Ereignisse, um seine Bedürfnisse (z. B. Verzehr, Zuneigung) direkt oder indirekt zu befriedigen (als Mittel zur Bedürfnisbefriedigung). Die Interessen des Akteurs werden somit in Interaktions- und Machtbeziehungen gebildet. (Vgl. Haunschild, 1998, 113)“ (Küpper 2004/ 2005: 2).

Zwar ist diese Definition nicht speziell auf Kinder angewandt, jedoch schließt sie diese als Akteure mit ein. Denn schon in den naturgegebensten Interessen nach Selbsterhalt durch Nahrung und Zuwendung wenden Kinder Aktionen wie Schreien oder Lachen gegenüber Versorger- Personen an, um durch diese ihre Interessen befriedigt zu bekommen. Psychisch und sozial gesunde Erwachsene - oder auch schon ältere Kinder - reagieren auf derartige Verhaltensweisen mit der Bemühung um Bedürfnisbefriedigung - in diesen beiden Fällen mit Nahrungszuführung oder liebevoller Beschäftigung mit dem Kind.

Auch entwerfen Kinder schon „Theorien“, welche zielgerichtet ihre Handlungen bestimmen:

„Neuere Forschungsarbeiten haben gezeigt, dass das, was Kinder über ihre belebte und unbelebte Umgebung lernen, teilweise von ihren naiven Theorien abhängt“ (Goswami 2001: 365).

Wenn diese Theorien auch etwas einfacher gestrickt sein mögen - von dem Gesichtspunkt aus, dass Menschen geringeren Alters über einen geringeren Erfahrungsschatz, welcher die Theorien nährt, verfügen - so bedeutet das doch nicht, das diese unrichtiger wären als die von Erwachsenen. Auf den Stellenwert der Erfahrung bezüglich der Handlungsfähigkeit bezieht sich weiterhin das einführende Zitat in IV. 1.

I. 1. 2 Definition Aktion

Auch in den Ausführungen des Entwicklungspsychologen Jaan Valsiner findet sich dieses Verständnis von Aktion wieder: Valsiner bezieht sich auf die Definition von action und act nach Harré, Secord und Von Cranach: action sei “goal- directed behavior [,] [...] act [...] reserved to denote the meaning of some set of actions within a culture” (Valsiner 1987: 145).

Wenn man also eine Handlung weniger als Fertigkeit, die der durchschnittliche Mensch bis zu einem gewissen Alter erlernt hat, sieht, sondern vielmehr als etwas, was jeder Mensch egal welchen Alters, immer wieder ausführt, um ein bestimmtes Ziel zu erreichen, dann eröffnet sich uns ein Blickwinkel, der uns Kinder als handelnde und sich somit auf die Interaktion auswirkende Wesen nahe bringt. Dass Aktionen erst durch den kulturellen Kontext ihre Bedeutung erhalten, spricht sich ebenso für Kinder als Akteure aus, da sie ihre Handlungen innerhalb dieses Kontextes ausführen und die Reaktionen ihrer Mitmenschen darauf in diesen eingebettet sind.

An die Frage, inwieweit alle relevanten kognitive Fähigkeiten, welche in Psychologie und Pädagogik als essentiell für eine bewusst ausgeführte Handlung gesehen werden, Kindern zugeschrieben werden können, soll eine wissenschaftliche Aussage über die jüngsten Menschen heranführen:

„Zahlreiche Experimente von Baillargeon und anderen, in denen Kinder mit unmöglichen physikalischen Ereignissen konfrontiert wurden, zeigten, dass schon Säuglinge über Schlussfolgerungs- und Problemlösekompetenzen verfügen. […] Dass Kinder unter diesen Bedingungen erkannten, wie die unmöglichen Ereignisse zustande kommen, lässt darauf schließen, dass <<höhere>> kognitive Prozesse bereits im Alter von fünf Monaten vorhanden sind. Die bereits in frühster Kindheit entwickelten Fähigkeit, durch Imitation und Analogieschluss zu lernen [1] [...], spricht ebenfalls dafür, dass das Denken schon sehr kleiner Kinder erstaunlich hoch entwickelt ist“ (Goswami 2001: 111).

Piaget geht noch ein Stück weiter:

„Ein Grundgedanke in Piagets Theorie der kognitiven Entwicklung lautet, dass sich das Denken aus dem Handeln heraus entwickelt. Seiner Auffassung nach existiert vor und neben der Logik des Denkens eine Logik des Handelns.“ […] Für Piaget ist ein Säugling ein Wesen, das unermüdlich eingehende Informationen auf der Grundlage seiner Hypothesen interpretiert und uminterpretiert- Hypothesen, die es aus den sensomotorischen Erfahrungen mit der Welt, in der es lebt, abgeleitet hat“ (Goswami 2001: 339/ 340).

Dass relativ hoch entwickelte Kognition bei Kindern schon stattfindet, sei hiermit belegt; anhand der Fallbeispiele in II wird noch näher darauf eingegangen werden.

Dem kann man freilich entgegenstellen, dass eine Handlung, je jünger und abhängiger ein Mensch von der Versorgung durch Andere ist, nur innerhalb eines bestimmten Rahmens stattfinden kann, und daher die Anwendung dieser Fähigkeiten bei Kinder stark eingeschränkt ist, doch trifft dieses Kriterium nicht nur auf Kinder zu, wie in II. 3 näher erläutert werden wird.

I. 2 Intelligenz als essentielle Voraussetzung des Akteur- Seins

Das Maß der vorhandenen Intelligenz bei Kindern lässt sich also nicht so ohne weiteres einschränken, wie man es in Anbetracht des oft auftretenden gesellschaftlich normativen Verhaltens von Erwachsenen gegenüber Kindern annehmen muss:

Bei der Betrachtung der Aufstellung multipler Intelligenzen nach Gardner fällt auf, dass sechs der acht klassifizierten Intelligenzen bei Kindern schon in den Anfängen ihrer Entwicklung relativ weit ausgebildet sind. Gardner schreibt all diese unterschiedlichen Intelligenzformen in ihrer stark ausgebauten Form bestimmten Berufsgruppen zu - wie beispielsweise die interpersonelle einem Therapeuten. Sowohl die linguistische, als auch die logisch- mathematische, wie die musikalische, die körperlich-kinästhetische, die interpersonelle wie auch die intrapersonelle Intelligenz treffen laut ihrer Beschreibung auf die sich- natürlich noch in der Entwicklung befindlichen- entwickelnden Fähigkeiten von Kindern zu (vgl. Berk 2005: 406). Die räumliche Intelligenz ist jene unter ihnen, die noch am geringsten ausgebildet ist, da „Transformationen mit […] Wahrnehmungen auszuführen und Aspekte visueller Erfahrung bei Abwesenheit relevanter Reize zu erschaffen“ (Berk 2005: 406) für Kinder, welche vor allem durch Inter-Aktion leben und lernen, noch recht schwierig ist. Eine naturalistische Intelligenz können sie insofern noch nicht besitzen, als dass Klassifikation von Lebewesen eine mit zunehmendem Alter und schulischem Wissen zu erlernende Sache ist.

[...]


[1] Hervorhebungen durch Verfasserin.

Ende der Leseprobe aus 24 Seiten

Details

Titel
Kinder als wichtige ethnologische Informanten und Thema der "advocacy anthropology"
Hochschule
Johannes Gutenberg-Universität Mainz  (Institut für Ethnologie und Afrikastudien)
Veranstaltung
Geburt und Kindheit im interkulturellen Vergleich
Note
2,3
Autor
Jahr
2007
Seiten
24
Katalognummer
V139522
ISBN (eBook)
9783640493234
ISBN (Buch)
9783640492930
Dateigröße
480 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Kinder, Informanten, Thema
Arbeit zitieren
Carina Bauer (Autor), 2007, Kinder als wichtige ethnologische Informanten und Thema der "advocacy anthropology", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/139522

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