Die folgende Arbeit beschäftigt sich mit der globalen Gerechtigkeit nach Peter Singer und Odera Oruka und der Frage, inwieweit transkulturelles Philosophieren den gerechtigkeitstheoretischen Provinzialismus überwinden kann.
Der gegenwärtige Zustand der abendländischen Philosophie lässt sich unter Heranziehung des Gleichnisses vom Brunnenfrosch veranschaulichen, in welchem der chinesische Philosoph Chuang Tzu (369 vor Christus) von einem Frosch in einem Brunnen berichtet, der nur einen kleinen, runden Teil des Himmels sehen kann. Indem der Frosch diesen Ausschnitt des Himmels mit dem ganzen Himmel verwechselt, setzt er seine eigene begrenzte Perspektive absolut. Es ist die irrtümliche Gleichsetzung des Perspektivischen mit dem Absoluten, die Erhöhung einer relativen Sichtweise zu einer normativen Sichtweise, mit welcher zwangsläufig ein Ausschluss alternativer Blickwinkel auf den Himmel einhergeht.
Indem die einseitige Froschperspektive der Gegenwartsphilosophie unser Verständnis, unseren Blick auf die Welt und auf den Menschen auf eine eurozentrische Sicht reduziert, erfüllt sie ihren Anspruch nach der Suche universaler Erkenntnis oder allgemeingültiger Aussagen nicht. Insbesondere unter Berücksichtigung der ökonomischen, politischen und ökologischen Interdependenz der Welt bedarf es einer Gegenwartsphilosophie, die der kulturellen, sozialen und politischen Pluralität der Lebenswelten gerecht wird. Denn nur wenn möglichst viele heterogene Stimmen gehört, wahrgenommen und einbezogen werden, kann die Philosophie globalen Herausforderungen begegnen und diesen letztlich mit Lösungsansätzen entgegentreten, die der Interdependenz der gesamten Welt - und nicht nur der westlichen - Rechnung tragen.
Folglich versteht sich die vorliegende Arbeit als Beitrag zum noch jungen Projekt der Interkulturellen Philosophie , das „auf einer Philosophie des Aufsuchens gründet, die uns Menschen ein neues Mitsein ohne jeglichen exklusiven normativen Gehalt verspricht.“
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
1.1Die Froschperspektive der abendländischen Philosophie
1.2Der anglo-amerikanische Provinzialismus in der globalen Gerechtigkeitstheorie
2. Globale Gerechtigkeit bei Peter Singer: Die Pflicht den Armen zu helfen
2.1Die „Kind im Teich“- Allegorie
2.2Der Begriff der Armut und distributive Gerechtigkeit bei Peter Singer
2.3Die Hilfsrhetorik gegenüber dem Empfängersubjekt als „epistemic objectification“
3. Odera Oruka und das Recht auf ein menschliches Minimum
3.1Odera Orukas Philosophieverständnis
3.2Das Recht auf ein menschliches Minimum
3.3Eine moralische Verpflichtung zur Entwicklungshilfe: Peter Singer und Odera Oruka im Dialog
4. Fazit
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht, inwiefern ein transkulturelles Philosophieren dazu beitragen kann, den gerechtigkeitstheoretischen Provinzialismus zu überwinden, indem sie die eurozentrische Perspektive kritisch beleuchtet und Stimmen des globalen Südens in den Diskurs einbezieht.
- Kritik an der eurozentrischen Froschperspektive in der Philosophie
- Analyse von Peter Singers Theorie der globalen Gerechtigkeit
- Konzept des Rechts auf ein menschliches Minimum bei Odera Oruka
- Epistemic objectification als Hindernis für gerechte Diskursformen
- Transkulturelles Philosophieren als Weg zur Überwindung globaler Machtasymmetrien
Auszug aus dem Buch
2.3 Die Hilfsrhetorik gegenüber dem Empfängersubjekt als „epistemic objectification“
Während Singer das Bild von Armut als unvorhersehbares und unvermeintliches Übel entwirft, stellt das ertrinkende Kind eine Allegorie für hilfsbedürftige Subjekte dar. Mit der Gleichsetzung der Weltarmut von Singer mit einem ertrinkenden Kind werden die Hungerleidenden in Ostbengalen im Einzelnen und Menschen in Armut im Ganzen als passive Empfänger der Gerechtigkeit präsentiert. Der Sturz des Kindes in den Teich suggeriert, dass die Betroffenen durch einen Unfall, durch ein unglückliches Missgeschick in die missliche Lage geraten sind, sodass sie nun hilflos auf Rettung von außen hoffen müssen. Einzig eine erwachsene Person kann das ertrinkende Kind noch retten. In der Allegorie steht diese erwachsene Person für die „entwickelten“ reichen Industrienationen, welche moralisch dazu verpflichtet seien, das Kind aus dem Teich zu retten. Der Umstand und die Frage, wie das Kind in diese missliche Lage geraten ist, spielt bei Singer dagegen keine Rolle. Das Selbstverschulden des Kindes wird vorausgesetzt.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Einleitung exponiert die eurozentrische Froschperspektive der zeitgenössischen Philosophie und umreißt das Ziel der Arbeit, durch transkulturelles Philosophieren den Provinzialismus in der Gerechtigkeitstheorie zu hinterfragen.
2. Globale Gerechtigkeit bei Peter Singer: Die Pflicht den Armen zu helfen: Dieses Kapitel analysiert Singers Allegorie des Kindes im Teich kritisch und arbeitet die mit seinem Ansatz verbundene epistemische Objektivierung heraus.
3. Odera Oruka und das Recht auf ein menschliches Minimum: Hier wird Odera Orukas Philosophieverständnis eingeführt und sein Konzept eines universellen Rechts auf ein menschliches Minimum als Gegenentwurf zur bloßen Wohltätigkeitsrhetorik diskutiert.
4. Fazit: Das Fazit fasst zusammen, dass die Integration afrikanischer Perspektiven wie jener von Odera Oruka maßgeblich dazu beiträgt, den globalen Gerechtigkeitsdiskurs zu diversifizieren und gerechter zu gestalten.
Schlüsselwörter
Globale Gerechtigkeit, Peter Singer, Odera Oruka, Transkulturelle Philosophie, Provinzialismus, Epistemic objectification, Menschenrechte, Entwicklungshilfe, Eurozentrismus, Menschliches Minimum, Subsistenz, Globale Ungerechtigkeit, Postkolonialismus, Interkulturalität, Diskursive Inklusion.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundlegend?
Die Arbeit untersucht kritisch die eurozentrische Ausrichtung aktueller Gerechtigkeitstheorien und schlägt transkulturelles Philosophieren als Methode vor, um diesen Provinzialismus zu überwinden.
Welche zentralen Themenfelder werden behandelt?
Die zentralen Felder umfassen die globale Armutsdebatte, die moralische Verpflichtung zur Hilfe, die Kritik eurozentrischer Ansätze sowie die philosophischen Beiträge aus dem globalen Süden.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Die zentrale Forschungsfrage lautet: Inwiefern kann transkulturelles Philosophieren den gerechtigkeitstheoretischen Provinzialismus überwinden?
Welche wissenschaftliche Methode verwendet die Arbeit?
Es wird eine komparative und kritische Analyse angewandt, die Peter Singers utilitaristisch geprägte Hilfsrhetorik mit Odera Orukas rechtstheoretischem Ansatz konfrontiert.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Im Hauptteil wird zunächst die Froschperspektive der westlichen Philosophie dekonstruiert, danach werden Singers "Kind im Teich"-Allegorie analysiert und abschließend Orukas Konzept des Rechts auf ein menschliches Minimum als Alternative dargelegt.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Publikation?
Zu den prägenden Begriffen gehören Globale Gerechtigkeit, Epistemic Objectification, Menschliches Minimum und transkulturelles Philosophieren.
Inwieweit spielt der Begriff der "epistemic objectification" bei Miranda Fricker eine Rolle?
Der Begriff dient als analytisches Werkzeug, um aufzuzeigen, wie Singers Ansatz die von Armut betroffenen Menschen ihrer Stimme beraubt und sie als passive Empfänger statt als handelnde Subjekte porträtiert.
Wie unterscheidet sich Oruka in seiner Argumentation von Singer?
Während Singer Hilfsleistungen primär als moralische Pflicht auf Basis von Wohltätigkeit begreift, leitet Oruka eine institutionell verankerte Verpflichtung aus dem universellen Recht auf Selbsterhaltung ab.
- Arbeit zitieren
- Bela Selzer (Autor:in), 2023, Globale Gerechtigkeit bei Singer und Oruka. Kann transkulturelles Philosophieren den gerechtigkeitstheoretischen Provinzialismus überwinden?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1395237