Ist das Faustbuch von 1587 ein Lehrbuch in protestantischer Theologie? Diese Arbeit argumentiert, dass dem Leser anhand der Faustgeschichte die Luthersche Rechtfertigungslehre vermittelt werden soll. Die Forschung hat bereits gezeigt, dass der Herausgeber der "Historia von D. Johann Fausten", Johann Spies, seine Druckerpresse in den Dienst fanatischer, orthodox-lutherischer Schriften stellte und normalerweise keine Belletristik veröffentlichte.
Anhand der textnahen Analyse einiger zentraler Abschnitte der "Historia" zeigt die Arbeit, dass sich zentrale Konzepte der lutherschen Rechtfertigungslehre (Sola Scriptura, Sola Fide, Sola Gratia, Solus Christus, Priesteramt aller Gläubigen, Konzept der "Judasreue", Teufelskonzeption) im Faustbuch wiederfinden. Zudem nimmt die Arbeit in den Blick, welche sprachlichen und gestalterischen Mittel benutzt werden, um sie dem Leser zu vermitteln.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Exkurs: Luthers Rechtfertigungslehre
2.1. Werkgerechtigkeit vs. Glaubensgerechtigkeit
2.2. Sola Scriptura und Priesteramt aller Gläubigen
2.3. Der Teufel und Luthers Rechtfertigungslehre
3. Analyse: Rechtfertigungsfrage im Faustbuch
3.1. Nachbar vs. Mephistophiles
3.2. Fausts Ende
4. Schlussfolgerungen
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht, inwiefern das „Faustbuch“ von 1587 als literarisches Lehrstück fungiert, das die lutherische Rechtfertigungslehre vermittelt und somit eine didaktische Funktion innerhalb des konfessionellen Kontextes der Reformationszeit erfüllt.
- Analyse der lutherischen Grundsätze wie Sola Gratia, Sola Fide und Solus Christus.
- Gegenüberstellung von biblischer Argumentation und weltlicher "Klügelei" in den Bekehrungsversuchen.
- Untersuchung des Teufelsbildes als Verwirrer der wahren Lehre.
- Literarische und sprachliche Mittel zur Vermittlung theologischer Inhalte.
- Evaluierung der dramatischen Zuspitzung hinsichtlich des Scheiterns von Fausts erhoffter Erlösung.
Auszug aus dem Buch
3.1. Nachbar vs. Mephistophiles
Zunächst kommt in Kapitel 52 Fausts Nachbar zu ihm. Dieser ist ein älterer Mann und Arzt, also ein respektiertes Mitglied der Gemeinde. Er fordert Faust auf „Gott vmb Verzeihung [zu bitten] vmb Christi willen“ und „bey Gott vmb Gnad vnd verzeihung [anzusuchen]“, denn „es ist noch nichts versaumpt“. Fausts Nachbar vertritt also die Ansicht, dass Fausts Rechtfertigung und die Rettung seiner Seele trotz seiner vielen schweren Sünden noch möglich sei. Alles was Faust dafür tun müsse, sei Gott um Verzeihung und Gnade zu bitten.
Der Nachbar untermauert seine Argumentation ausschließlich mit Verweisen auf und Zitaten aus der Bibel. Dabei nutzt er auch Bibelstellen aus dem alten Testament, bezieht diese aber direkt auf das Heilsversprechen durch Christi Kreuztod.
Die Rede des Nachbarn zeigt zunächst Wirkung: Faust gelobt den Aufforderungen des Nachbarn „so viel jhm müglich were / nachzukommen“. Doch kurz drauf erscheint ihm sein teuflischer, „böser Geist“ Mephistophiles, erschrickt ihn in dem er so tut, als wolle er ihm den Kopf umdrehen und versucht Faust zu überzeugen, dass Umkehr unmöglich sei. Mit einer Mischung aus körperlicher Drohung (Kopf umdrehen, „jme den garaus machen“, „jn zu stücken zerreissen“) und Beteuerungen eine Umkehr sei unmöglich, da Faust sich dem Teufel „versprochen“ habe und „es schon zuspat“ sei, versucht er erfolgreich Faust einzuschüchtern und ihn zu zwingen, einen zweiten Vertrag aufzusetzen, in dem Faust sich dem Teufel verschreiben soll. Das tut dieser auch im nächsten Kapitel.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Einführung in die Thematik des Faustbuchs als Dokument, das theologische Umbrüche der Reformationszeit im literarischen Kontext verhandelt.
2. Exkurs: Luthers Rechtfertigungslehre: Detaillierte Darstellung der reformatorischen Grundprinzipien des Glaubens als einziger Weg zur Rechtfertigung vor Gott.
2.1. Werkgerechtigkeit vs. Glaubensgerechtigkeit: Kontrastierung der Erlösung durch gute Werke mit der lutherischen Lehre der Gnade durch Glauben.
2.2. Sola Scriptura und Priesteramt aller Gläubigen: Erläuterung der Bedeutung der Heiligen Schrift als Autorität und der geistlichen Gleichheit aller Christen.
2.3. Der Teufel und Luthers Rechtfertigungslehre: Analyse der Rolle des Teufels als Verführer, der die reine Lehre durch menschliche Vernunft zu kontaminieren versucht.
3. Analyse: Rechtfertigungsfrage im Faustbuch: Übergang von der theoretischen fundierung zur praktischen Untersuchung der theologischen Motive in der Romanhandlung.
3.1. Nachbar vs. Mephistophiles: Analyse der dialektischen Gegenüberstellung von biblischer Verheißung und teuflischer Leugnung der Vergebung.
3.2. Fausts Ende: Untersuchung der finalen Momente Fausts und der dramatischen Zuspitzung der Frage nach seiner Errettung.
4. Schlussfolgerungen: Synthese der Ergebnisse, die das Faustbuch als bewusst gestaltetes protestantisches Lehrstück entlarven.
Schlüsselwörter
Rechtfertigungslehre, Luthertum, Faustbuch, Erlösung, Gnade, Werkgerechtigkeit, Glaubensgerechtigkeit, Mephistophiles, Reformation, Teufel, Biblische Autorität, Literaturgeschichte, Sola Fide, Menschenverstand, Didaktik
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht das Faustbuch von 1587 als theologisches Lehrstück, in dem die lutherische Rechtfertigungslehre narrativ umgesetzt und vermittelt wird.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Zentrale Felder sind die Auslegung der lutherischen Prinzipien (Sola Fide, Sola Gratia), die Rolle des Teufels als Verführer und die Frage nach der rettenden Kraft des Glaubens bei schwerer Sünde.
Was ist die Forschungsfrage der Untersuchung?
Die Kernfrage ist, ob und in welcher Weise das Faustbuch gezielt als literarisches Mittel eingesetzt wurde, um lutherische Lehrsätze beim zeitgenössischen Leser zu verankern.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit nutzt eine textanalytische Herangehensweise, indem sie Schlüsselstellen des Faustbuchs identifiziert und diese in den Kontext der zeitgenössischen lutherischen Theologie stellt.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil analysiert die konträren Positionen des Nachbarn (biblische Hoffnung) und des Mephistophiles (weltliche Vernunft) bei den Bekehrungsversuchen sowie Fausts Scheitern am Ende.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die wichtigsten Begriffe sind Rechtfertigungslehre, Luthertum, Faustbuch, Erlösung und der Gegensatz von Glaube und Werkgerechtigkeit.
Welche Bedeutung kommt dem Nachbarn im Text zu?
Der Nachbar dient als Repräsentant der „reinen“ protestantischen Lehre; er ist die Stimme, die Faust konsequent auf die Gnade Gottes und die Bibel verweist.
Warum bezeichnet der Autor Mephistophiles' Argumente als "Klügelei"?
Mephistophiles nutzt volkstümliche Sprichwörter und den "gesunden Menschenverstand", um die geistliche Wahrheit der Erlösung durch Glauben zu untergraben und so Verwirrung zu stiften.
Wird die Frage nach Fausts Errettung am Ende eindeutig beantwortet?
Nein, der Autor lässt offen, ob Faust tatsächlich verdammt wird, stuft dies jedoch als das wahrscheinlichste Szenario ein, da Faust den entscheidenden Schritt des Glaubens verweigert.
- Arbeit zitieren
- R. Beckmann (Autor:in), 2022, Die "Historia von D. Johann Fausten". Ein literarisches Lehrstück der lutherschen Rechtfertigungslehre?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1395329