Soziologen und Beratung - Stellenwert und Dimensionen soziologischer Beratung im berufssoziologischen Kontext


Hausarbeit (Hauptseminar), 2003

32 Seiten, Note: 2,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Vorwort

I. Einleitung
1.1 Was ist Beratung?
Exkurs: Handlungslogik soziologischer Berufspraxis
1.2 Wozu Beratung?

II. Hauptteil
2.1 Definitionselemente von Beratung
2.2 Typologisierung des Beratungsbegriffs
2.3 weitere Beratungsqualifikationen
2.4 Was ist soziologische Beratung?
2.5 Was ist unter der „soziologischen Perspektive“ zu verstehen?

III. Resümee
3.1 Elemente der „soziologischen Perspektive“
3.2 Versuch einer begrifflichen Annäherung

Literatur

Vorwort

Gegenstand dieser Arbeit ist „Beratung“ und die Bedeutung von Beratung im Kontext der „Soziologie als Beruf“. Dabei liegt der Fokus aber auf der begrifflichen Annäherung an die Thematik der „soziologischen Beratung“. Es soll der Versuch einer theoretischen Konzeption und Zergliederung des in der Soziologie sehr weitläufig verwendeten Begriffs Beratung unternommen werden, da „Soziologen heute alles (was sie tun) als Beratung begreifen“.[1] Dies soll vom Standpunkt einer berufssoziologischen Perspektive aus geschehen.

Beratung ist als ein „soziales Phänomen“[2] auch ein Thema soziologischer Gesellschaftstheorie. Die Beratung hat sich durch den gesellschaftlichen Wandel, der mit zunehmender Differenzierung und funktionaler Spezialisierung von Wissen sowie einem Zuwachs an individueller Freiheit einhergeht, in modernen Gesellschaften etabliert. Und zwar in einem derart vielfältigen Maße, dass kaum noch zu überblicken ist was alles als „Beratung“ verstanden werden kann. Sei es als theoretisches Konstrukt in der soziologischen Theorie oder in konkreten Praxisbezügen der heutigen Arbeitswelt.

Beratung dient heute als Träger vielschichtiger latenter und manifester Funktionen wie z. B. die Vermittlung von „Wissen“[3] und „sozialer Rationalität“[4] von einem System ins andere. Weitere Beispiele sind die Unterstützung bei rationalen Entscheidungen, Integrationsförderung, Verantwortungsabsicherung und Handlungslegitimation. Beratung hilft somit die Aufrechterhaltung der Gesellschaftsordnung zu sichern.

Die Problematik ist schnell erkannt, wenn man bedenkt, dass sich die Liste der obigen Beispiele (fast) beliebig verlängern ließe. Daher scheint heute eine neue Systematisierung bzw. Strukturierung des Beratungsbegriffs in der Soziologie als einer wissenschaftlichen Disziplin angetan. Komplizierter wird dies noch durch die Tatsache, dass Beratung heute für Soziologen ein bedeutendes Arbeitsfeld darstellt. Immerhin, so stellte Annette von Alemann in einer neuen, sehr aktuellen Studie fest, geben etwa 12 % der (befragten) Soziologen an in der Beratung tätig zu sein.[5]

I. Einleitung

1.1 Was ist Beratung?

Zunächst einmal kann Beratung ganz allgemein als Bindeglied zwischen Wissenschaft und Praxis verstanden werden. Es handelt sich damit um eine Vermittlerrolle. Beratung ist also eine Form der Vermittlung von Wissen zwischen Wissenschaft und Gesellschaft. Die Frage, die wir uns stellen sollten ist wie, in welcher Form und unter welchen Bedingungen (sozial-) wissenschaftliches Wissen aus der Wissenschaft in die Praxis fließen kann. M. a. W. wie in der Forschung gewonnene Erkenntnisse in der Praxis verwendet werden können. Das Phänomen der Beratung wird hier also als Phänomen der Wissensverwendung gesehen. Dies kann entweder in einer trivialisierten Form oder in einer Eins zu Eins-Verwendung[6] geschehen. Die uns interessierenden Fragestellungen umfassen also:

- In welchen gesellschaftlichen Problembereichen üben Soziologen Beratung aus?
- Können sie in ihrem Beruf soziologisches Wissen verwenden?
- Welche besonderen Merkmale und Probleme hat die Beratung, die sie ausüben?
- Welche Qualifikationen benötigen sie für den Beratungsberuf?

Dies kann hier aber nicht als eine empirische Studie vom Standpunkt der realen Berufs- und Arbeitssituation von Soziologen durchexerziert werden. Es geht an dieser Stelle vielmehr darum allgemeine Elemente von Beratung herauszuarbeiten.

Des Weiteren soll die Frage nach einem spezifisch (berufs)-soziologischen Beratungsverständnis geklärt werden, wozu auch auf spezielle soziologische Qualifikationen im Beratungskontext eingegangen wird.

Dies wird uns zu einer möglichen Typisierung des Beratungskomplex und einer neuen begriffs-theoretischen Annäherung an den Beratungsbegriff führen. Die „Beratung“ ist hier ja auch als ein theoretisches Konstrukt im Zusammenhang mit der „Soziologie als Beruf“ zu sehen. „Soziologie als Beruf“ umfasst die Ebenen „Angewandte Soziologie“, „(soziologische) Supervision“, „(soziologische) Beratung“ und „(soziologische) Intervention“.[7]

Exkurs: Handlungslogik soziologischer Berufspraxis

(Bezug zum Seminar als Kontext dieser Arbeit)

Das Hauptseminar „Soziologie als Beruf“ zielte auf eine Klärung dessen ab, was es heißt, „Soziologie als (außerwissenschaftlichen) Beruf“ zu betreiben. Dies geschah in drei Schritten, denen einige grundlegende Überlegungen vorangestellt wurden. Zunächst ging es darum zu klären wie es zur Soziologie als Beruf in den heutigen Formen und im heutigen Verständnis gekommen ist. Dies geschah in Anlehnung an den berühmten Vortrag Max Webers Soziologie als Beruf.

Er verstand dies aber noch im ursprünglichen Wortsinn. Heute würde man wohl sagen: Soziologie als Berufung. Das Verständnis Soziologie als praktische berufliche Tätigkeit umzusetzen entwickelte sich erst nach und nach. Hier ist der Beruf dann als reale Berufspraxis zu verstehen, was uns zur zweiten Überlegung führte: Die Rekonstruktion der Karrieregestalt berufstätiger Soziologen (Karrierelogik) sowie ihre Stellung im Beruf und in der Organisation von Beschäftigung (Organisationslogik). Im dritten Teil des Seminars ging es schließlich um die Analyse der Struktur beruflichen soziologischen Handelns (Handlungslogik).

Ziel des dritten Teiles war es, mit Hilfe einer idealtypischen Kasuistik soziologischer Berufspraxis die oftmals diffus bleibenden Begrifflichkeiten Angewandte Soziologie, Supervision, Klinische Soziologie, Beratung und Intervention einer typologischen Klärung zuzuführen. Dazu wurden sie auch den verschiedenen soziologischen Theorietraditionen und Begrifflichkeiten zugeordnet: Die Supervision der kritischen Theorie und der Aufklärung als (Wieder-)Herstellung unverzerrter Kommunikation. Die Beratung der Kölner Schule und dessen Favorisierung der Zweckrationalität. Die Intervention der Systemtheorie als Aufklärung über die Komplexität und Eigenlogik sozialer Systeme.

Diese Arbeit widmet sich dem Entwurf einer idealtypischen Kasuistik von Beratung und soziologischer Beratung um das diffuse Verständnis (berufs)-soziologischer Beratung näher zu spezifizieren. Ausgangspunkt ist dabei ein Beratungsbegriff, dessen Verständnis analog zu Webers Konzeption von sozialem Handeln als Zerlegung nach Mitteln und Zwecken arbeitet.

Was Beratung ist, erschließt sich dabei als ein sehr diffuses Feld in das auf praxisbezogener Ebene „alles mögliche was Soziologen im Beruf tun“ (außer der Tätigkeit an einer Universität) mit einfließt. Dies macht eine theoretische, analytische Eingrenzung und die definitorische, begriffliche Abgrenzung zu den anderen gerade genannten Ebenen sehr schwierig, aber genau deswegen umso nötiger!

Im Folgenden soll also versucht werden von dem diffusen Verständnis von Beratung zu einem enger umrissenen Beratungsbegriff zu kommen. Dazu muss aber erst ein Überblick über das „Phänomen Beratung“, als eine Art „Durchmusterung“ dessen was alles als Beratung verstanden wird, erfolgen!

1.2 Wozu Beratung?

Gehen wir zunächst näher auf die Frage ein:

„Wozu brauchen wir Beratung eigentlich?“

Die Differenzierung der Gesellschaft und die funktionale Spezialisierung sozialer Handlungsfelder haben zu neuen Formen spezialisierten Wissens und spezialisierter Wissenssysteme geführt, die sich als Fachdisziplinen etabliert haben. Das Wissen ist nicht mehr von einem zentralen Standort aus zu überblicken[8], sondern muss durch Kommunikation über die Grenzen der Wissenschaftsdisziplinen hinweg vermittelt werden. Probleme ergeben sich bei der Organisation und Integration von Fachwissen in konkreten Anwendungsbezügen sowie bei der Vermittlung von Wissen an Nichtexperten.

Es werden Vermittler benötigt, die Wissen von einem gesellschaftlichen Handlungssystem in ein anderes vermitteln – dies sollen Berater leisten! Vermittlungssysteme in Form von intersystemischen Kommunikationszusammenhängen werden zum „zentralen integrativen Moment der Moderne“.[9]

Auch auf der Mikroebene wird die Welt mit zunehmender Differenzierung der Gesellschaft für den Einzelnen unüberschaubar, zugleich gilt aber, dass die „Anforderungen an rationales Problemlösungsverhalten steigen“.[10]

Gleichzeitig wird das Alltagswissen prekär; Pluralismus und Multikulturalismus führen zum Verlust von allgemein gültigen Traditionen.[11] Durch den Zuwachs von individueller Freiheit wird das Alltagshandeln riskanter; viele Alltagssituationen sind ohne Beratung kaum noch lösbar.[12] Entscheidungen müssen nicht nur in Politik und Wirtschaftsleben, sondern auch im Alltag abgesichert werden und rational sein.

D. h. der rationale Einsatz von eigenen Ressourcen und Interessen und die Vermeidung von Folgeproblemen aus möglichen Entscheidungen werden nicht nur von Institutionen oder Organisationen sondern auch vom Einzelnen gefordert. Sich beraten zu lassen gilt heute als „vernünftig“.

Soziologisch gesehen steht Beratung also im Zusammenhang mit dem Modell der rationalen Entscheidung !.

In dieses Modell fließen Überlegungen von Ursache-Wirkungs-Verkettungen sozialen Handelns und der Rationalitätsgedanke einer Zerlegung sozialen Handelns nach Mittel und Zwecken – wie von Max Weber beschrieben – mit ein.

Beratung arbeitet also analog zum Modell der rationalen Entscheidung mit Entscheidungskriterien bzw. Problemdefinition, Entscheidungsmöglichkeiten bzw. Problemlösungshypothesen, situationsbezogenen Randbedingungen, Entscheidungsregeln oder Entscheidungsstrategien.

Ebenen von Beratung sind Person, Gruppe oder Organisation. Dabei werden aber nicht die Organisationen selbst beraten, sondern in ihnen Personen und Gruppen. Die Ebenen überlappen sich in der Praxis, weswegen Beratung auch immer die Auswirkungen auf die anderen Ebenen berücksichtigen muss.

Beratung kann so im allgemeinsten Sinne auch als Interaktion zwischen diesen Ebenen, also als Interaktion zwischen Personen und/ oder Gruppen, verstanden werden. Dies ist die allgemeinste Definition von Beratung. Somit stellt Beratung als einer Form von Interaktion zwischen Menschen auch ein Kernelement der Gesellschaft dar.

Beratung dient der Lösung von Problemen durch Kommunikation und Interaktion und leistet einen Transfer notwendiger Informationen und Selektionen von einem System in ein anderes.

Beratung bedeutet aber nicht nur Transfer, sondern auch „kommunikativ gesteuerte Interventionen in Handlungsfelder, in denen unterschiedliche Logiken und Relevanzgesichtspunkte aufeinander treffen“.[13]

[...]


[1] Zitiert nach: Prof. Constans Seyfarth; Hauptseminar: Soziologie als Beruf; Institut für Soziologie, Eberhard – Karls – Universität Tübingen; Wintersemester 2002 / 2003.

[2] Ebd.

[3] Im Sinne als von der Gesellschaft über Generationen tradiertes ‚Sediment’ von Wissen.

[4] Im Sinne als von Soziologen strukturiertes, aufgearbeitetes und eben ‚rationalisiertes’ Wissen (von Soziologen „verbessertes Wissen“).

[5] Vgl. Alemann, Annette von, Soziologen als Berater. Eine empirische Untersuchung zur Professionalisierung der Soziologie; Leske & Budrich, Opladen 2002.

[6] Die Trivialisierungsthese und der Bergriff Eins zu Eins-Verwendung stammen aus der Verwendungsforschung. Dabei gibt es zwei große, einander wiedersprechende Ausrichtungen: Die eine Position geht davon aus, dass sozialwissenschaftliches Wissen in trivialisierter Form, d. h. als soziologische Perspektive, in die Praxis vermittelt wird. Sozialwissenschaftliche Erkenntnisse werden also „alltagsverständlich“ weitergegeben. Dabei kann es aber seine sozialwissenschaftliche Identität – um nicht zu sagen: seine Qualität – verlieren (vgl. u. a. Beck und Bonß 1985, 1989).
Die andere Position nimmt an, dass diese „Trivialisierung“ nur auf die alltägliche Verwendung soziologischen Wissens zutrifft und institutionelle Akteure (Institutionen und Organisationen) sehr wohl soziologisches Wissen in reiner Form als Daten und Ergebnisse zur Kenntnis nehmen und nachfragen (vgl. z. B. Ronge 1985, 1989). Inzwischen hat sich eine Art mittlere Position herausgebildet, die annimmt, dass beide Verwendungsarten nebeneinander bestehen und das soziologisches Wissen je nach Verwendungssituation entweder eins zu eins verwendet oder trivialisiert wird.

[7] Der Zusammenhang dieser Begriffe ergibt sich nur aus einem Verständnis dessen was im Seminar insgesamt thematisiert wurde. Dies kann aus dem folgenden Exkurs, der den Kontext dieser Arbeit bildet, ersehen werden.

[8] Vgl. Bell, Daniel, 1979: Die nachindustrielle Gesellschaft. Reinbek bei Hamburg: Rowohlt.

[9] Vgl. Münch, Richard, 1991: Dialektik der Kommunikationsgesellschaft. Frankfurt a. M.: Suhrkamp.;

Münch, Richard, 1995: Dynamik der Kommunikationsgesellschaft. Frankfurt a. M.: Suhrkamp.

[10] Dewe, Bernd, 1996: Beratende Rekonstruktion. Zu einer Theorie unmittelbarer Kommunikation zwischen Soziologen und Praktikern. In: Heine von Alemann und Anette Vogel (Hrsg.), Soziologische Beratung. Opladen: Leske + Budrich, S. 38-55.

[11] Beck, Ulrich, 1986: Risikogesellschaft. Auf dem Weg in eine andere Moderne. Frankfurt a. M.: Suhrkamp.

[12] Man denke z. B. an den Abschluss einer Lebensversicherung, oder einfach nur an den Kauf eines gebrauchten Autos. Fast immer versuchen wir uns heute durch Beratung (Freunde, Finanzberater, usw.) selbst darin zu bestätigen, dass in einer bestimmten Situation die beste Handlungsalternative bzw. die beste Entscheidung getroffen wird.

[13] Nach: Lange 1996, S. 225.

Ende der Leseprobe aus 32 Seiten

Details

Titel
Soziologen und Beratung - Stellenwert und Dimensionen soziologischer Beratung im berufssoziologischen Kontext
Hochschule
Eberhard-Karls-Universität Tübingen  (Institut für Soziologie)
Veranstaltung
Hauptseminar: Soziologie als Beruf
Note
2,0
Autor
Jahr
2003
Seiten
32
Katalognummer
V13954
ISBN (eBook)
9783638194730
ISBN (Buch)
9783638691369
Dateigröße
554 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Schöne Haupt-Seminararbeit mit 32 Seiten, über 41.000 Zeichen (ohne Leerzeichen), gutes Literaturverzeichnis! Taugt auch als Z.P.-Arbeit!
Schlagworte
Soziologen, Beratung, Stellenwert, Dimensionen, Kontext, Hauptseminar, Soziologie, Beruf
Arbeit zitieren
Mag. Dominic Vaas (Autor), 2003, Soziologen und Beratung - Stellenwert und Dimensionen soziologischer Beratung im berufssoziologischen Kontext, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/13954

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