Die Funktionalisierung von Raumfahrt in Jules Vernes „Von der Erde zum Mond“


Hausarbeit, 2009
19 Seiten, Note: 1,0

Leseprobe

Gliederung:

1. Einleitung

2. Historischer Kontext
2.1 USA
2.2 Frankreich
2.3 Geopolitische Lage und internationale Beziehungen

3. Nation und nationale Stereotypen im Text
3.1 USA
3.2 Frankreich
3.3 USA vs. Frankreich

4. Weitere Funktionalisierungen von Raumfahrt
4.1 Die Funktion von Raumfahrt als Unternehmung
4.2 Der Mond
4.3 Raumfahrt und Bellizismus/Fortschrittsdenken
4.4 Vulgarisation von Wissen
4.5 Topologie/Topographie

5. Fazit

6. Bibliographie

1. Einleitung

Mit seinen Romanen „Von der Erde bis zum Mond“ und „Reise um den Mond“ gilt Jules Verne seit den 1860ern als Erfinder eines neuen Genres und „Vorläufer aller `Science- Fiction`-Schriftsteller“[1]. Der naturwissenschaftlich-phantastische Roman findet in diesen beiden Texten seinen Ursprung - die Reihe an Schriftstellern und auch Wissenschaftlern, die sich von Vernes Texten und den darin enthaltenen Ideen inspirieren ließen, ist lang[2]. Betrachtet man den Roman „Von der Erde bis zum Mond“, der heute noch als verblüffend genaue, fast visionäre Vorwegnahme des ersten bemannten Mondfluges durch die NASA 1965 gilt, erkennt man jedoch eine Funktionalisierung der Raumfahrt, die mit Science- Fiction oder Phantastik als reiner Unterhaltungsliteratur nur noch peripher zu tun hat. „ Raumfahrt, sei sie nun in der jeweiligen Kultur technisch schon durchf ü hrbar oder noch nicht, wird in der Regel funktionalisiert, um eigene Kulturtechniken oder kulturelle Vorstellungen zu verbreiten.[3] Für diese These ist der vorliegende Text ein Paradebeispiel. Diese Hausarbeit beschäftigt sich also mit der Frage, welche Funktion Raumfahrt im Text erfüllt und wie diese konstruiert und strukturiert wird. Hierzu muss, vereinfacht ausgedrückt, geklärt werden, wer genau warum auf den Mond fliegen möchte, welche Eigenschaften der Text mit diesen Protagonisten verknüpft und welche Rolle Raumfahrt für sie spielt.

Dabei sollen einige spezifische Theorien als Grundlage der Untersuchung dienen. Wichtig ist die Untersuchung der (räumlichen) Ordnung der dargestellten Welt (siehe vornehmlich 4.1. und 4.4)[4] sowie natürlich die generelle Theorie der Funktion bzw. Funktionalisierung eines Elementes oder Paradigmas, in diesem Fall der Raumfahrt.[5] Eine Klärung des historischen Kontextes und natürlich des damit zusammenhängenden kulturellen Wissens (wie von Titzmann etabliert[6] ) geschieht nach der Annahme, dass Kommunikation und damit Literatur „nicht im luftleeren Raum statt“[7] findet, eine Eruierung der Historizität des Textes obligatorisch für eine umfassende Interpretation der Funktionalisierungen ist.[8] Auf

Grund der teilweise direkten Bezugnahme bzw. der mindestens impliziten Rekurrierung auf reale historische Ereignisse soll also in einem ersten Schritt der historische Kontext mit dem zugehörigen kulturellen Wissen geklärt werden, damit die oben genannten Fragestellungen am Text abgearbeitet werden können.

Es wird schnell evident werden, dass hauptsächlich interkulturelle Zusammenhänge und Stereotypen vor der Folie einer Fahrt zum Mond dargestellt werden, der Text Raumfahrt also funktionalisiert, um bestimmte kulturelle Vorstellungen, die man wiederum nur im historischen Kontext verstehen kann, zu transportieren.

2. Historischer Kontext und kulturelles Wissen

„ Viele Menschen, die staunend die immer raschere Entwicklung von Wissenschaft und Technik verfolgten, meinten, angesteckt vom Fortschrittsglauben ihrer Epoche, nun m ü sse auch das gr öß te Abenteuer der Menschheit gewagt und unternommen werden: der Flug zum Mond und zu den Sternen. “[9]

Der Franzose Jules Verne veröffentlicht „De la terre a la lune“ 1865, also genau zum Ende des von 1861 bis 1865 dauernden amerikanischen Bürgerkriegs. Dessen Ausgang und die darauf folgende Nachkriegsentwicklung in den USA nimmt Verne in seiner Fiktion vorweg und geht damit von einem Friedensschluss aus, der gewisse militaristische Kreise beschäftigungslos zurücklässt. Diese Schicht von anachronistischen amerikanischen Militaristen liefert ihm ein hinreichend realistisches Protagonistenarsenal. Der reale historische Kontext, der Verne zu dieser Fiktion veranlasste, soll in drei Schritten geklärt werden, da er für die Einordnung der vom Text gesetzten nationalen Stereotypen nötig ist und das kulturelle Wissen sowie politische Bewusstsein des Autors bzw. und seines Publikums determiniert.

2.1 USA

Die Vereinigten Staaten von Amerika, wie wir sie heute kennen, formten sich erst in der zu behandelnden Epoche Mitte des 19. Jahrhunderts. Für den amerikanischen Nationalismus ist diese Zeit eine bestimmende, nehmen hier doch einige Entwicklungen ihren Anfang, die das Schicksal Amerikas in den nächsten Jahrhunderten bestimmen sollten.

Nach Jahrzehnten massiver territorialer Ausdehnung und einem beeindruckenden Bevölkerung- und Wirtschaftswachstum bis 1850[10], sowie der äußerst erfolgreichen Industrialisierung vor allem des Nordens[11] entwickelte sich das Bewusstsein eines prädestinierten amerikanischen Nationalschicksals, welches erstmal 1840 als „ Manifest Destiny[12] formuliert wurde. Amerika galt (und gilt seitdem) als das Land der unbegrenzten Möglichkeiten, als fruchtbarster Boden für Fortschritt und Glücksstreben. Legitimiert durch sozial-darwinistische Argumentationen und unterstützt von immensem technischen Fortschritt (wie z. B. der Erfindung des Repetiergewehrs, welches zynischerweise beim Genozid an Hunderttausenden Indianern zum Einsatz kam und die radikale Siedlungsexpansion erst ermöglichte) macht die territoriale Erweiterung weder vor den Ureinwohnern der nordamerikanischen Kontinents noch angrenzenden Staaten wie Mexiko (siehe 2.3) halt. 1861 jedoch brach der amerikanische Bürgerkrieg (auch Sezessionskrieg genannt) aus, der Nord- und Südstaaten gegeneinander in den Krieg ziehen ließ und bis 1865 andauern sollte.

„In technischer und strategischer Hinsicht leitete der Bürgerkrieg ein neues Zeitalter ein.“[13] Hatte schon die Weltausstellung 1851 in London die ersten maschinell produzierten Fertigprodukte (u.a. auch Waffen) aus den USA gesehen, erlebte die amerikanische Bevölkerung nun einen totalen Krieg, der durchaus nach einem „Prinzip der verbrannten Erde“ geführt wurde. Technik und ihre militärische Anwendung spielte dabei eine große Rolle, wurden doch Dampfschiffe und schwere Artillerie in ungeahntem Maße eingesetzt, und nicht wenige Historiker sehen die technische Überlegenheit des Nordens als einen Hauptgrund für seinen militärischen Erfolg.

Eine Nation, die einen solchen Krieg über sich selbst entfacht, ihn mit aller Härte führt und dies auch noch aus einer nationalen Perspektive heraus als legitim und förderlich ansieht, musste im kriegsgebeutelten, zu dieser Zeit vornehmlich diplomatisch denkenden und handelnden Europa als zutiefst bellizistisch angesehen werden.

Einen spezifisch amerikanischen, starrsinnigen und doch gleichzeitig progressiven Militarismus, mit dem sich die Amerikaner von Europa abgrenzten, sieht auch Leonhard:

„Die Kriege des Landes markierten hier den Durchbruch zu einer Epoche, in der sich die Errungenschaften der Zivilisation voll entfalten konnten. Die Abgrenzung gegenüber den europäischen Entwicklungen blieb auch hier ein Leitmotiv“.[14] So sei der amerikanische Nationsentwurf aus dem kognitiven Abstand zum Kriegsereignis erwachsen. Die Belege für eine Stilisierung von Krieg und Militär zu Motiven von nationaler Identitätskonstruktion sind zahlreich - stellvertretend sei hier eine Wahlkampfaussage des Präsidenten und Generals Sacharin genannt: „We are emphatically a nation of soldiers (...).“[15]

Das kulturelle Wissen dieser Zeit kannte also ein Amerika, das mit aller Härte und Leidenschaft in den Krieg zog - sei es auch ein Bürgerkrieg, und das seine enormen technischen Kapazitäten nicht zuletzt auch in den Dienst eines Militarismus stellte, der bei anderen Nationen wahrscheinlich eine spezielle Mischung aus Bewunderung und Verachtung bewirkte. Sein Expansionsdrang, den es mit unerbittlicher Härte gegen andere und sich selbst auslebte, beeindruckte die in dieser Ära eher nationalstatisch denkenden Europäer.

2.2 Frankreich

Das Mutterland Vernes erlebte Mitte des 19. Jahrhunderts seine so genannte „3. Republik“: Louis Napoleon, ein Neffe des legendären Napoleon Bonaparte I., ließ sich 1848 nach diversen revolutionären Umtrieben zum Präsidenten wählen. Diese Regierung wurde 1870 auch von den USA anerkannt. Seine Außenpolitik gilt, genauso wie sein Charakter, als äußerst widersprüchlich. Einerseits setzte er auf Ruhm und territoriale Expansion der Grande Nation, andererseits vertrat er das Selbstbestimmungsrecht souveräner Nationen.[16] Er galt als Opportunist und Konspirateur, der seine außenpolitische Ziele rasch änderte und hinter den Kulissen und den Rücken seiner Außenminister an ihrer Verwirklichung arbeitete.

Ein Beispiel für die inkonsistente und erfolglose Militärgeschichte Napoleons III. liefert die französische Intervention in Mexiko 1861. Napoleon fürchtete unter anderem den amerikanischen Expansionswillen nach Süden und wollte mit Hilfe eines starken Mexikos ein neues französisches Weltreich aufbauen.[17]

Jedoch endete 1865 der amerikanische Bürgerkrieg, und die wiedererstarkten USA beendeten durch militärischen und diplomatischen Druck das französische Abenteuer und die Herrschaft des von Napoleon eingesetzten österreichischen Erzherzogs Maximilian in Mexiko schon 1967.

Abgesehen von diesem und ähnlichen, europäischen Mißerfolgen, herrschte in der französischen Gesellschaft zwar weiter die Idee der militärischen „Glorie“[18], und der Philosoph Pierre Joseph Proudhon beispielsweise zeigte sich als Anhänger einer „Sinnlehre des Krieges als Paradigma des menschlichen Fortschritts überhaupt.[19] “ Jedoch erstarkten auch Sichtweisen, die die Überwindung dieses „Esprit militaires“ durch den industriellen Fortschritt propagierten und die „historisch verpflichtende Rolle der französischen Nation“ auch antimilitaristisch deuten konnte.[20]

Die wachsende innenpolitische Opposition gegen Napoleon III. in den 1860ern Jahren und die auch durch außenpolitische Abenteuer wie die Mexiko-Intervention vorangetriebene Legitimationskrise des quasi-monarchistischen regime autoritaire führten immer mehr zu antibellizistischen Haltungen, die Krieg auch als undemokratisch ablehnten, denn „il n´y a pas d´esprit militaire en société démocratique(...)“.[21]

Die intellektuelle Schicht Frankreichs war also gespalten, was Militarismus anging, in Blick auf Amerika (und vor allem seinen Bellizismus) jedoch sicherlich eher misstrauisch bzw. negativ eingestellt. Die wechselhafte (Militär-)Geschichte Frankreichs und die erstarkenden anti-militaristischen Tendenzen können eine eher kriegsskeptische Haltung vermuten lassen.

[...]


[1] Zeithammer 1969: 13.

[2] Vgl. zu den geistigen „Nachfolgern“ Vernes auch Edinger 2005: 44 f.

[3] Aus der Beschreibung des Proseminars.

[4] Krah 2006: 296 ff.

[5] Krah 2006: 49 f.

[6] Krah 2006: 223 ff.

[7] Krah 2006: 213.

[8] Vgl. Für kulturelles Wissen und historische Kontextualisierung Krah 2006: 213 ff.

[9] Zeithammer 1969: 13.

[10] Vgl. Baumgart 1999: 462 ff.

[11] Heideking 2003: 197.

[12] Baumgart 1999: 465 ff.

[13] Vgl. Zur Entwicklung Amerikas in dieser Zeit weiterführend Baumgart 1999: 480 ff.

[14] Leonhard: 486.

[15] Leonhard: 494.

[16] Baumgrat 1999: 202 ff.

[17] Vgl. Weiterführend zum Mexiko-Krieg Baumgrat 1999: 438 ff.

[18] Leonhard: 530 f.

[19] Leonhard: 536.

[20] Leonhard: 533.

[21] Leonhard: 543.

Ende der Leseprobe aus 19 Seiten

Details

Titel
Die Funktionalisierung von Raumfahrt in Jules Vernes „Von der Erde zum Mond“
Hochschule
Universität Passau  (Lehrstuhl für Neuere Deutsche Literaturwissenschaft)
Veranstaltung
Proseminar "Mediale Konstruktionen von Raumfahrt"
Note
1,0
Autor
Jahr
2009
Seiten
19
Katalognummer
V139564
ISBN (eBook)
9783640490301
Dateigröße
469 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Jules Verne, Raumfahrt, Funktionalisierung, Literaturwissenschaft
Arbeit zitieren
Friedemann Karig (Autor), 2009, Die Funktionalisierung von Raumfahrt in Jules Vernes „Von der Erde zum Mond“, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/139564

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