Viele Junggermanisten dieser Jahre konnten die geschmäcklerische Altherrenmentalität der werkimmanenten Methode nicht mehr ausstehen und versuchten nach dem Germanistentag 1966, der von vielen westdeutschen Zeitungen mit aufsehensregenden Schlagzeilen als das Ende einer zwanzigjährigen Vertuschungsphase kommentiert wurde, endlich offen über die beschämende Vergangenheit ihres Faches zu reden. Als erstes suchten die Reformer die „braunen“ Aufsätze der führenden Ordinarien hervor, welche diese nach dem Krieg in ihren Schriftverzeichnissen meist weggelassen hatten. Trotz der schweren Konfrontationen war die Macht dieser Ordinarien so groß, dass keiner aufgrund dieser Enthüllungen zur Rechenschaft gezogen wurde oder gar Berufsverbot erhielt. Dennoch etablierte sich zuerst außerhalb, dann jedoch auch innerhalb der germanistischen Institute das lebhafte Interesse an einer neuen, den Faschismus nicht einfach ausblendenden, sondern kritisch überwindenden Methodenlehre, damit die Germanistik endlich eine politisch und gesellschaftlich vorwärtsweisende Ausrichtung wiedererhalten würde.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung: Die Ausgangslage der Germanistik nach 1945
2. Die Krise der fünfziger Jahre und die methodische Erstarrung
3. Politische Zäsuren und der Ruf nach Reformen
4. Der Mannheimer Germanistentag 1962 und die wachsende Kritik
5. Der Germanistentag 1966: Aufarbeitung und Konfrontation
6. Positionen der Reformer: Lämmert und Conrady
7. Reaktionen der Altordinarien und das Ende der Vertuschungsphase
Zielsetzung und thematische Schwerpunkte
Das Ziel der vorliegenden Arbeit ist es, den Prozess der kritischen Aufarbeitung der NS-Vergangenheit innerhalb der westdeutschen Germanistik zu analysieren und den Wendepunkt darzustellen, der durch den Germanistentag 1966 markiert wurde.
- Die Entwicklung der Germanistik von der Nachkriegszeit bis in die 1960er Jahre.
- Methodische Wandlungen: Von der werkimmanenten Interpretation zur gesellschaftskritischen Analyse.
- Der Einfluss politischer Ereignisse (z. B. Eichmann-Prozess, Spiegel-Affäre) auf das akademische Klima.
- Die Rolle der „jüngeren Germanisten“ bei der Aufdeckung verdrängter NS-Vergangenheiten führender Professoren.
- Die Auseinandersetzung um die inhaltliche Neuausrichtung des Fachs nach 1966.
Auszug aus dem Buch
Die Konservativen unter den Germanistikprofessoren
Die Konservativen unter den Germanistikprofessoren, die nach Jahren des Vertuschens und dann eines neugewonnenen Selbstvertrauens plötzlich besorgt waren, dass auch in ihrer NS-Vergangenheit herumgewühlt würde, hatten das Gefühl, dass man einer möglichen Kritik der Liberalen mit einer neuen Strategie entgegentreten müsse. Aus diesem Grund sprachen sich führende Vertreter dieser Schichten für eine „Rückkehr zum Philologischen“ – als dem eigentlichen Handwerk der Germanistik – aus, worunter sie vor allem Editionsfragen, gattungspoetische Gesichtspunkte sowie ästhetische Wertfragen verstanden. Daher galt ihr vielberufener „Dienst am Wort“ weiterhin den klassischen und romantischen Meisterwerken, während sie der „Moderne“ nach wie vor möglichst dem Wege gingen, um sich nicht auf ideologische Entscheidungsfragen einlassen zu müssen.
Doch die zum liberalen Reformkurs neigenden Intellektuellen und Wissenschaftler empfanden solche Stimmen als unzeitgemäß und ausgesprochen hochmütig. Ihr Ideal war vor allem Umgestaltung des westdeutschen Bildungssystems im Sinne großzügiger Schul und Hochschulreformen, um endlich jene im Grundgesetz dieses Staates anvisierte Demokratisierung im Erziehungswesen durchzuführen. Denn in den fünfziger Jahren war dies immer zugunsten elitärer Gesichtspunkte zurückgedrängt worden. Der Anteil der Abiturienten wuchs sehr langsam und es waren immer nur Kinder aus finanziell bessergestellten Familien. Den Reformen ging es nicht nur um soziale Gerechtigkeit, sondern auch um eine wesentlich zeitgemäßere Bildung, die sich nicht in die frühbürgerlichen Reservate des „Klassischen“ zurückzieht und sich satt dessen an dem orientiert, was ihnen als die westliche „Moderne“ erschien.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Ausgangslage der Germanistik nach 1945: Beschreibt die zähflüssige Abkehr von der ideologischen Voreingenommenheit der NS-Zeit und die Dominanz der werkimmanenten Interpretation.
2. Die Krise der fünfziger Jahre und die methodische Erstarrung: Erläutert das Festhalten an konservativen Strukturen und den Ausschluss gesellschaftlicher Einflussfaktoren in der literaturwissenschaftlichen Lehre.
3. Politische Zäsuren und der Ruf nach Reformen: Analysiert den Einfluss gesellschaftlicher Ereignisse wie die Spiegel-Affäre auf den Wunsch nach einer tiefergehenden Vergangenheitsbewältigung.
4. Der Mannheimer Germanistentag 1962 und die wachsende Kritik: Dokumentiert den Beginn der innerfachlichen Diskussion über das Verhältnis von Literaturgeschichte und Interpretation.
5. Der Germanistentag 1966: Aufarbeitung und Konfrontation: Beschreibt den zentralen Wendepunkt, an dem die Verstrickung prominenter Germanisten in die NS-Zeit offen thematisiert wurde.
6. Positionen der Reformer: Lämmert und Conrady: Detailliert die Forderungen der jüngeren Germanisten nach einer kritischen und gesellschaftsorientierten Fachausrichtung.
7. Reaktionen der Altordinarien und das Ende der Vertuschungsphase: Fasst den Widerstand der etablierten Professorenschaft sowie die langfristige Etablierung einer neuen Methodenlehre zusammen.
Schlüsselwörter
Germanistik, Nationalsozialismus, Vergangenheitsbewältigung, Germanistentag 1966, werkimmanente Interpretation, Literaturgeschichte, Hochschulreform, kritische Öffentlichkeit, NS-Vergangenheit, Fachgeschichte, Bildungsreform, deutsche Literatur, Nachkriegszeit, Ideologiekritik, Reformbewegung.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht die kritische Aufarbeitung der NS-Vergangenheit innerhalb der westdeutschen Germanistik und den damit verbundenen methodischen und strukturellen Wandel in den 1960er Jahren.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Im Mittelpunkt stehen die Auseinandersetzung mit der NS-Geschichte des Fachs, die Kritik an konservativen Lehrmethoden und die Forderung nach einer Demokratisierung und Modernisierung der Germanistik.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist es, den Wendepunkt darzustellen, an dem sich die Disziplin – maßgeblich durch den Germanistentag 1966 – von der „Vertuschungsphase“ der Nachkriegsjahre löste.
Welche wissenschaftliche Methode wurde verwendet?
Die Arbeit basiert auf einer historischen Analyse, die fachgeschichtliche Dokumente, Tagungsprotokolle und zeitgenössische Publikationen auswertet.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil behandelt den Gegensatz zwischen konservativen Altordinarien und einer reformerischen jüngeren Generation sowie die konkrete Debatte über die Rolle der Germanistik im „Dritten Reich“.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit wird durch Begriffe wie Vergangenheitsbewältigung, Germanistentag 1966, Literaturwissenschaft, NS-Vergangenheit und Hochschulreform charakterisiert.
Warum war der Germanistentag 1966 von so großer Bedeutung?
Er gilt als Ende einer zwanzigjährigen Vertuschungsphase, da hier erstmals führende Germanisten öffentlich mit der NS-Vergangenheit des Fachs und seiner Vertreter konfrontiert wurden.
Welche Rolle spielten die sogenannten "Altordinarien"?
Sie vertraten oft ein konservatives, am „Dienst am Wort“ orientiertes Ideal, das dazu diente, sich einer kritischen Auseinandersetzung mit der NS-Vergangenheit und ideologischen Fragen zu entziehen.
Wie reagierten konservative Vertreter auf die Kritik?
Die Reaktion reichte von einer „Rückkehr zum Philologischen“ über eine defensive Haltung gegenüber liberalen Reformern bis hin zu direkten Angriffen gegen das „abrupte Abbrechen“ der germanistischen Tradition.
Was forderten Reformer wie Karl Otto Conrady und Eberhard Lämmert?
Sie forderten eine Rückführung der Germanistik auf eine unprätentiöse Fachdisziplin, die sich der historischen Aufklärung verpflichtet fühlt und die NS-Verstrickungen nicht länger ausblendet.
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- Anezka Misonová (Author), 2008, Ende einer zwanzigjährigen Vertuschungsphase, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/139610