Containment: Die Eindämmungspolitik George F. Kennans 1945-1950


Hausarbeit (Hauptseminar), 2001
23 Seiten, Note: sehr gut minus

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Grundlagen der Containment-Politik im historischen Kontext
1.1 Definition
1.2 Überlegungen zu einer amerikanischen Sowjetpolitik 1945/46
1.2.1 Die Ausgangslage am Ende des Zweiten Weltkrieges
1.2.2 Überlegungen zu einer amerikanischen Sowjetpolitik
1.3 George F. Kennans Analyse der amerikanisch-sowjetischen Beziehungen
1.3.1 Das „long telegram“ (1946)
1.3.2 „The Sources of Soviet Conduct“ (1947)
1.4 Reaktionen auf Kennans Thesen
1.4.1 Der Clifford-Report
1.4.2 Der Bericht des Joint Strategic Survey Committee

2. Die Implementation der Containment-Politik
2.1 Implementation in Westeuropa: Truman-Doktrin, Gründung der NATO und Etablierung Westdeutschlands
2.2 Implementation im kommunistischen Einflußbereich
2.3 Implementation im Fernen Osten
2.4 Militärstrategische Überlegungen zur Implementation

3. Kritische Würdigung der Containment-Politik

Bibliographie

1. Grundlagen der „Containment“-Politik im historischen Kontext

1.1 Definition

Der Begriff containment bezeichnet im weitesten Wortsinne die amerikanische Strategie, die Ausweitung des kommunistischen Einfluß in der Welt nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs einzudämmen:

In its most general form, containment denotes the American effort, by military, political, and economic means, to resist communist expansion throughout the world.1

Der Begriff geht zurück auf den amerikanischen Diplomaten und Rußlandexperten George F. Kennan, der allerdings seine reichlich unpräzise Definition der „Eindämmung“ in dem Artikel „The Sources of Soviet Conduct“ in der Zeitschrift Foreign Affairs (Juli 1947) später revidierte. Als Begriff ging „containment“ zwar sehr schnell in das Vokabular amerikanischer Außenpolitik ein, was genau jedoch unter einer solchen Politik zu verstehen sei, wurde zunehmend zum Streitfall – nicht zuletzt Kennan selbst trug zu dieser Verwirrung mit seinen Veröffentlichungen bei und leugnete später die Urheberschaft für eine militärische Interpretation des Begriffs.

Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs stand die amerikanische Außenpolitik vor der Herausforderung, sich der veränderten Weltordnung zu stellen und die Position der Vereinigten Staaten in der Weltpolitik neu zu orten. Dabei kam es zu divergierenden Ansichten, wie die amerikanisch-sowjetischen Beziehungen nach dem Krieg aussehen würden. Vor diesem Hintergrund ist der enorme Einfluß zu sehen, den sowohl das „long telegram“ als auch der Artikel „The Sources of Soviet Conduct“ auf die amerikanische Außenpolitik gewinnen konnten.

1.2 Überlegungen zu einer amerikanischen Sowjetpolitik 1945/46

1.2.1 Die Ausgangslage am Ende des Zweiten Weltkrieges

Bereits während der Kriegskoalition hatten sich zwischen den USA und der Sowjetunion einige Probleme ergeben, die nach Kriegsende einer weiteren Zusammenarbeit abträglich waren. Dies betraf zunächst den „Lend Lease Act“ aus dem Jahre 1941, demzufolge die Vereinigten Staaten bei einer Bedrohung der inneren Sicherheit Güter an die Sowjetunion liefern durften. Diese Lieferungen wurden nach Kriegsende abrupt eingestellt, was die amerikanisch-sowjetischen Beziehungen belastete. Umgekehrt stand die Möglichkeit eines „Separatfriedens“ der Sowjetunion mit Deutschland im Raum. Stalin hoffte offenbar, die Verhandlungsposition der Sowjetunion zu verbessern. Zu Konflikten kam es auch im Zusammenhang mit der „Zweiten Front“, an der die Allierten in der Sowjetunion gegen die Wehrmacht nach Stalins Wunsch kämpfen sollten. Nachdem Großbritannien im August 1942 Stalin darüber informierte, daß eine Zweite Front nicht zustandekäme, gelang es der Sowjetunion unter enormen Verlusten schließlich selbst, die Invasion der Wehrmacht zu unterbinden und bis 1945 gen Berlin vorzurücken.

1.2.2 Überlegungen zu einer amerikanischen Sowjetpolitik

Die gemeinsamen Stabschefs sahen bereits Spannungen zwischen den Mitgliedern der Kriegskoalition voraus. In ihrer Formulierung der Ziele der US-Militärpolitik vom 19. September 1945 betonten die Stabschefs die veränderte geopolitische Lage, in der sich die USA sahen, und betonten die Wichtigkeit der Fortführung der Kriegskoalition:

In the last analysis the maintenance of such a world peace will depend upon mutual cooperation among Britain, Russia and the United States. The possibility of a breakdown in the relation between these major powers and the resulting necessity to exercise individual or collective self-defense requires, for our own preservation, that we be so prepared that if necessary we can maintain our security without immediate or substantial assistance from other nations.2

Diese realistische Einschätzung der „keinesfalls abwegigen Möglichkeit“, daß sich die Beziehungen der Mitglieder der Kriegskoalition verschlechtern könnten, stieß in mehreren Punkten auf Kritik im Department of State. In seiner Lagebestimmung der amerikanischen Außenpolitik am 27. Oktober 1945 hatte Truman bereits zwölf Punkte aufgeführt, an denen sich die US-Außenpolitik orientieren sollte. Neben der Verneinung territorialer Expansionsvorstellungen und der Bekräftigung des Selbstbestimmungsrechtes aller Völker, die „für die Selbstregierung geeignet sind“, enthielt diese Deklaration auch ein Bekenntnis zur Zusammenarbeit mit den übrigen Partnern der Kriegsallianz, um den geschlagenen Feindstaaten des Zweiten Weltkrieges den Weg zur Demokratisierung zu ebnen, sowie zu einer aktiven Rolle der USA im Rahmen der Vereinten Nationen:

By the combined and cooperative action of our war Allies, we shall help the defeated enemy states establish peaceful, democratic governments of their own free choice. And we shall try to attain a world in which Nazism, Fascism, and military aggression cannot exist.3

Das amerikanische Außenministerium detaillierte seine Kritik an den Vorstellungen der militärischen Befehlshaber in einer Replik vom 16. November 1945. Ausgehend von den Vorstellungen Trumans wurde hervorgehoben, daß sowohl die Rolle der USA in den besiegten Staaten Deutschland und Japan als auch die friedensschaffende Rolle, die die USA im Rahmen der Vereinten Nationen zu spielen gedachte, einer nach wie vor starken militärischen Präsenz bedürfe. Kritik wurde auch an den antizipierten Konflikten mit den Partnern der Kriegskoalition geübt:

It is believed that the analysis of our military needs postulated on a breakdown in peaceful relations among Britain, Russia and the United States receives undue emphasis... It is given more space than that based on the continuance of peaceful relations. This disproportion should be corrected.4

Es ist unübersehbar, daß die militärischen Entscheidungsträger, was eine zukünftige Zusammenarbeit mit der Sowjetunion betraf, offenkundig zu einer weniger optimistischen Position neigten als Truman und sein Kabinett. Nicht zuletzt ist auch die Befürchtung ersichtlich, das Department of State werde in seinen diplomatischen Wirkungsmöglichkeiten durch militärische Entscheidungen eingeschränkt. Generell werden die Möglichkeiten, die Sicherheit der Vereinigten Staaten, ihrer assoziierten Territorien und der westlichen Hemisphäre zu gewährleisten, umso positiver einge- schätzt, desto mehr es gelingt, das Netz der Alliierten möglichst eng zu knüpfen, vor allem durch die Vereinten Nationen, denen Truman eine entscheidende Rolle bei der Sicherung des Weltfriedens beimaß. Gegen Ende des Jahres 1945 besaßen die politischen und militärischen Enstcheidungsträger in Washington also noch keinen Konsens über den weiteren Verlauf insbesondere der amerikanischsowjetischen Beziehungen. Dies sollte sich durch die Berichte ändern, die vom amerikanischen Gesandten in Moskau, George F. Kennan, Anfang 1946 übermittelt wurden und Wegbereiter einer Strategie werden sollten, die als „Containment“ Eingang in die Geschichtsbücher gefunden hat.

1.3 George F. Kennans Analyse der amerikanisch-sowjetischen Beziehungen

1.3.1 Das „long telegram“ (1946)

Die weitere Entwicklung amerikanisch-sowjetischer Beziehungen wurde in entscheidender Weise von dem berühmten „long telegram“ beeinflußt, das der amerikanische Geschäftsträger in Moskau, George F. Kennan, am 22. Februar 1946 an das US-Außenministerium übermittelte und das über ein Jahr später in den einfluß- reichen, zunächst anonym verfaßten Artikel „The Sources of Soviet Conduct“ mündete.

Zu diesem Zeitpunkt – 1946 – zeichnete sich der Antagonismus zwischen den USA und der Sowjetunion immer deutlicher ab. Ein Indikator für die wachsenden Spannungen zwischen beiden Staaten war der Umgang mit der Atombombe. Insbesondere von sowjetischer Seite wurde das Schlagwort der „atomaren Diplomatie“ ins Spiel gebracht. Auch deutete sich bereits an, daß die Sowjetunion dazu überging, gezielt prokommunistische Kräfte in anderen Ländern zu unterstützen.

Im Grunde werden mit diesem Dokument bereits wichtige Eigenschaften der amerikanischen Außenpolitik im Kalten Krieg definiert. Kennans Argumentation fußt im wesentlichen auf machtpsychologischen Einschätzungen. Die sowjetische Feindseligkeit gegenüber der westlichen Welt führt er auf ein tief sitzendes Unsicherheitsempfinden der sowjetischen Führer zurück, das zum Teil auf historische Erfahrungen zurückgeht (der mangelnde geographische Schutz mache die Sowjetunion potentiell anfällig für Invasion), zum Teil auf Verschwörungstheorien, die bolschewistische Führer im Untergrund entwickelt hatten:

At bottom of Kremlin’s neurotic view of world affairs is traditional and instinctive Russian sense of insecurity. Originally, this was insecurity of a peaceful agricultural people trying to live on vast exposed plain in neighborhood of fierce nomadis peoples. To this was added, as Russia came into contact with economically advanced West, fear of more competent, more powerful, more highly organized societies in that area. But this latter type of insecurity was one which afflicted rather Russian rulers than Russian people; for Russian rulers have invariably sensed that their rule was relatively archaic in form, fragile and artificial in its psychological foundation, unable to stand comparison or contact with political systems of Western countries. For this reason they have always feared foreign penetration, feared direct contact between Western world and their own, feared what would happen if Russians learned truth about world without or if foreigners learned truth about world within. And they have learned to seek security only in patient but deadly struggle for total destruction of rival power, never in compacts and compromises with it.5

Kennan glaubt nicht, daß die UdSSR ihre Ziele in einem Krieg erreichen will; wahrscheinlicher ist für ihn die Möglichkeit, daß die Sowjetunion auf eine Eroberung durch psychologische Mittel abzielt, v.a. in Westeuropa und Japan, wo kommunistische Kräfte die kapitalistischen Systeme umstürzen sollen. Es geht bei der "Containment"-Politik also v.a. darum, die sowjet. Dominanz von Europa und Asien zu verhindern.

Kennan faßt die Ziele der Sowjetunion wie folgt zusammen – ein Bild, das die Fortführung der Kriegskoalition als Utopie erscheinen läßt:

In summary, we have here a political force committed fanatically to the belief that with US there can be no permanent modus vivendi, that it is desirable and necessary that the internal harmony of our society be disrupted, our traditional way of life be destroyed, the international authority of our state be broken., if Soviet power is to be secure.6

Kennan läßt seiner Analyse der sowjetischen Politik auch praktische Handlungsanweisungen folgen. Dabei betont er ausdrücklich, daß seiner Auffassung nach die USA das Problem auch ohne größere militärische Konflikte lösen könnten. Er befürwortet eine Abschreckungsstrategie, wenn er argumentiert, daß die Sowjetunion weniger der Logik des Verstandes, sondern vielmehr der der Gewalt anhängt: „if the adversary has sufficient force and makes clear his readiness to use it, he rarely has to do so.

[...]


1 Bernstein, Barton J., "Containment." In Alexander De Conde (ed.), Encyclopedia of American Foreign Policy: Studies of the Principal Movements and Ideas (New York: Charles Scribner's Sons, 1978), S. 191.

2 Thomas H. Etzold und John Lewis Gaddis (Hrsg.): Containment: Documents on American Policy and Strategy, 1945-1950 (New York: Columbia University Press, 1978), 40.

3 Henry Steele Commager (Hrsg.), Documents of American History (New York, Meredith, 71963), II, 503.

4 Etzold und Gaddis, Containment (Anm. 2), a.a.O., 47.

5 Ibid., 53f.

6 Ibid., 61.

Ende der Leseprobe aus 23 Seiten

Details

Titel
Containment: Die Eindämmungspolitik George F. Kennans 1945-1950
Hochschule
Ruhr-Universität Bochum  (Historisches Seminar)
Note
sehr gut minus
Autor
Jahr
2001
Seiten
23
Katalognummer
V13962
ISBN (eBook)
9783638194815
Dateigröße
475 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Containment, Eindämmungspolitik, George, Kennans
Arbeit zitieren
Karsten Runge (Autor), 2001, Containment: Die Eindämmungspolitik George F. Kennans 1945-1950, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/13962

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