Bei der Erforschung der Raketentechnik für den militärischen Einsatz im Nationalsozialismus haben zahlreiche Ingenieure in Schlüsselpositionen mitgewirkt. Es ist ihnen nach 1945 in den meisten Fällen gelungen, ihre Verbindung zum Nationalsozialismus zu verwischen und den „konkreten militärischen Grund für die Einrichtung von Peenemünde“ zu vernebeln. Und so wird das aufwendigste Militärprojekt der Nationalsozialisten im Nachhinein sehr unterschiedlich gedeutet: Die Rakete der Nazis kann als erster Vorstoß des Menschen in den Weltraum betrachtet werden. Ihr Ziel war jedoch, die Niederlage des Nationalsozialismus im Zweiten Weltkrieg abzuwenden und den Sieg des NS-Regimes herbeizuführen. Die Rakete spielte unbestritten eine große Rolle in der nationalsozialistischen Durchhaltepropaganda und kostete Tausenden das Leben. Es ist eine makabere Ironie, dass mehr Menschen bei der Herstellung der V2 ums Leben kamen als bei ihrem militärischen Einsatz.
Inhaltsverzeichnis
I. Einleitung
II. Der „Mythos Peenemünde“ nach 1945
1. Unpolitische „Superingenieure“ unterm Hakenkreuz
2. Ingenieure als Widerständler in den Klauen der SS
3. Ziel war immer die zivile Raumfahrt
4. Die Ingenieure hatten nichts mit Zwangsarbeitern zu tun
5. Überlegenheit deutscher Technik
III. Motivation und Entstehung der Mythen
1. Zwischen unkritischer Rezeption und absichtlicher Manipulation
2. Entschuldungsstrategien und behauptete Distanz zum Nationalsozialismus
3. Gründe für den Erfolg von Entschuldungsstrategien
4. Transzendierung von Technik
5. Selbstmobilisierung für den Nationalsozialismus als Chance zur Selbstverwirklichung
IV. Widerlegung der Mythen
1. Unpolitische „Superingenieure“ unterm Hakenkreuz
2. Ingenieure als Widerständler in den Klauen der SS
3. Ziel war immer die zivile Raumfahrt
4. Die Ingenieure hatten nichts mit Zwangsarbeitern und zu tun
5. Überlegenheit deutscher Technik
V. Fazit
Zielsetzung & Themen
Diese Arbeit analysiert kritisch die Mythenbildung um die nationalsozialistische Raketenforschung nach 1945 und legt dar, wie es den beteiligten Akteuren gelang, ihre historische Verantwortung für das NS-Regime und den Einsatz von Zwangsarbeit zu verschleiern.
- Dekonstruktion von Entschuldungsmythen (z.B. "unpolitische Superingenieure")
- Untersuchung der psychologischen und politischen Motive hinter der Mythenbildung
- Analyse der Rolle von Zwangsarbeit bei der Raketenfertigung
- Bewertung des Einflusses der Mondlandung und des Kalten Krieges auf die Geschichtsklitterung
Auszug aus dem Buch
1. Unpolitische „Superingenieure“ unterm Hakenkreuz
Der wohl wichtigste Aspekt des „Mythos Peenemünde“ besteht in der behaupteten politisch wertfreien oder gar den Nationalsozialismus ablehnenden Einstellung der Raketeningenieure.
Mit der Weltanschauung und den Organisationen des Nationalsozialismus haben die „alten Peenemünder“ demnach nichts zu tun.
Albert Speer schwärmt in seinen „Erinnerungen“ vom „Kreis unpolitischer junger Wissenschaftler und Erfinder“ in Peenemünde, die sich, weit abgelegen von der Politik, am Rande des Reiches mit der Entwicklung „utopisch anmutender Ideen“ befassen. Auch Dieter Huzel, der selbst in Peenemünde gearbeitet hat, streicht in seiner Autobiographie heraus, dass „fast nie irgendwelche NS-Parteiuniformen und Parteiabzeichen sichtbar oder überhaupt irgendwelche Anzeichen von Parteitätigkeit wahrnehmbar waren.“
Einige Biographen von Brauns bemühen sich auch, seine Karriere in NSDAP und SS zu verschweigen oder herunterzuspielen und von Braun sogar als Oppositionellen darzustellen: So erklärt Stuhlinger sehr ausführlich, dass Himmler von Braun die Mitgliedschaft in der SS aufgedrängt und dass dieser dann seine SS-Uniform sehr schnell „stillschweigend in einem Schrank verschwinden“ lassen habe. Ein Großteil der Apologetenliteratur verschweigt die enge Bindung von Brauns an das NS-System durch seine Mitgliedschaft in NSDAP und SS sogar völlig. Und Dornberger kommt zum Ergebnis, dass den unpolitischen Forschern in Peenemünde keine Wahl blieb, als „ihre Arbeit in den Dienst des Krieges zu stellen.“
Zusammenfassung der Kapitel
I. Einleitung: Die Einleitung beleuchtet die problematische Ehrung von Raketeningenieuren des "Dritten Reichs" und führt in die Fragestellung ein, wie diese nach 1945 ihre Verbindung zum Nationalsozialismus vernebelten.
II. Der „Mythos Peenemünde“ nach 1945: Dieses Kapitel skizziert die wesentlichen Mythen wie die angebliche Unpolitizität der Ingenieure, ihren Widerstand und den vermeintlichen Fokus auf zivile Raumfahrt.
III. Motivation und Entstehung der Mythen: Es wird analysiert, warum Entschuldungsstrategien erfolgreich waren und welche Rolle dabei der Kalte Krieg sowie die technokratische Ideologie spielten.
IV. Widerlegung der Mythen: Dieses Kapitel stellt den Mythen historische Fakten gegenüber, wie etwa die aktive Mitgliedschaft in NS-Organisationen und die bewusste Entscheidung für die Waffenentwicklung.
V. Fazit: Das Fazit fasst zusammen, dass die Mythenbildung bis heute dazu beiträgt, die wissenschaftlich-technische Elite des Nationalsozialismus als moralisch unbelastet erscheinen zu lassen.
Schlüsselwörter
Peenemünde, Wernher von Braun, Nationalsozialismus, V2-Rakete, Mythenbildung, Entschuldungsstrategien, Raketentechnik, Zwangsarbeit, NS-Rüstungsprojekt, Apologetenliteratur, technokratische Ideologie, Geschichtsschreibung, Geschichte des Zweiten Weltkriegs, Raumfahrt.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht, wie Akteure der nationalsozialistischen Raketenforschung nach 1945 durch die Verbreitung spezifischer Mythen ihre Verstrickung in das NS-Regime und ihre Verantwortung für Zwangsarbeit verschleierten.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Im Zentrum stehen die Entschuldungsrhetorik der "alten Peenemünder", die Rolle der Technikbegeisterung während der NS-Zeit und die kritische Auseinandersetzung mit biografischen Darstellungen von Raketenpionieren.
Was ist das primäre Ziel der Arbeit?
Das Ziel ist die Dekonstruktion der Mythen um die Peenemünder Forschung, um ein realistisches Bild der wissenschaftlich-technischen Elite im Nationalsozialismus zu zeichnen.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit nutzt eine historisch-kritische Analyse von Biografien, zeitgenössischen Dokumenten und der sogenannten Apologetenliteratur, um die Behauptungen der Ingenieure gegen den Forschungsstand zu prüfen.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Darstellung der Mythen (z.B. Widerstand, zivile Raumfahrt), deren psychologische und politische Ursachen sowie deren systematische Widerlegung durch historische Belege.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind unter anderem Peenemünde, Wernher von Braun, V2, Entschuldungsstrategien, Zwangsarbeit und technokratische Ideologie.
Warum wurde die V2 nach 1945 häufig als „ziviles Raumfahrtprojekt“ umgedeutet?
Durch die Erfolge der USA im Wettlauf ins All und die Mondlandung konnten die Akteure die Raketenentwicklung im Nachhinein als "ersten Schritt" in die zivile Raumfahrt umdefinieren, um die militärische Terrorfunktion der Waffe zu überdecken.
Welche Rolle spielte die SS bei der Rekrutierung von Zwangsarbeitern?
Die Ingenieure forderten aktiv Zwangsarbeiter bei der SS an, um den Arbeitskräftemangel in der Rüstungsindustrie auszugleichen, wobei die SS die Verwaltung und Vernichtung der Häftlinge übernahm.
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- Konrad Gähler (Author), 2009, Die Mythenbildung um die nationalsozialistische Raketenforschung nach dem Zweiten Weltkrieg, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/139639