Zu "Warum Männer nicht zuhören und Frauen nicht einparken können"

Schemata Skripte und mentale Modelle; Enstehung, Änderung und Repräsentation


Hausarbeit (Hauptseminar), 2002
24 Seiten, Note: 1.0 (sehr gut)

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Begriffsklärung
2.1 Eigenschaften von Schemata
2.2 „Begriffslandkarte“

3. Entstehung von Schemata
3.1 Lerntheoretische Modelle?
3.1.1 Basis für Schemata oder „Was wird gelernt“
3.1.2 Abstraktionstheorie vs. Exemplartheorie
3.2 Angeboren?
3.2.1 Biologischer Determinismus
3.2.2 Biologische Dominanz

4. Änderung von Schemata
4.1 Assimilation, Akkommodation & Kontrast
4.2 Buchhaltermodell / Bekehrungsmodell / Substitutionsmodell
4.3 Empirische Evidenz der „Klassiker“
4.4 Assimilations- und Kontrasteffekte im Inklusions-Exklusions-Model

5. Repräsentation
5.1 Das Gehirn – wie und wo werden Schemata gespeichert
5.1.1 Neokortisches vs. Hippokampales System – Macrae & Bodenhausen
5.1.2 emotionales vs. rationales System – Massey
5.2 Klassische Annahmen über die Repräsentation von Wissen im Gedächtnis

6. Das Mode-Modell

7. Schlussbemerkung

8. Literatur

1. Einleitung

„Warum Männer nicht zuhören und Frauen nicht einparken können.“ Diese Fragen werden in dieser Arbeit nicht beantwortet werden. Nichtsdestotrotz beschreiben sie den Gegenstand der Arbeit einigermaßen genau. Da Männer anscheinend doch (manchmal) zuhören und Frauen die härtesten Autorallyes der Welt gewinnen, handelt es sich offensichtlich um Stereotype. Allgemeiner gesagt um „Typologien von Ereignissen oder Eigenschaften in Kategorien“ (Esser 2000: 202), also ganz allgemein um Schemata.

Stereotype und somit Schemata über Personen oder kategoriale Informationsverarbeitung sind seit längerem zentrale Forschungsgebiete der kognitiven Psychologie und der Sozial­psychologie.[1] Auch in der Soziologie werden ähnliche Konzepte, teilweise unter anderen Namen, beschrieben. Der „Cement of Society“ (Esser 2000: 209), die „Strukturen der Lebenswelt“ bei Schütz, die „Alltagshandeln“ erst möglich machen (nach Esser 1991: 93f.; 1993: 13; 2000: 206) oder Goffmans „Interaction Rituals“, welche die „... countless patterns and natural sequences of behavior ...“ (Goffman 1967: 2) beschreiben, können im Kern auf Schemata oder schematische Wissensbestände bzw. Verarbeitung zurückgeführt werden. Je nach Fachrichtung und Autor werden ganz unterschiedliche Bezeichnungen herangezogen, die teilweise sinnvolle Unterscheidungen repräsentieren, teilweise aber fast exakt das gleiche Konzept formulieren. Auch wenn diese Arbeit keinen Vergleich zwischen verschiedenen „Arten“ von Schemata beinhalten soll, muss dennoch der Gegenstand beschrieben und sinnvoll definiert werden – dies geschieht in 2 Begriffklärung.

Das eigentliche Ziel der Arbeit ist es, die klassischen und neueren Modellvorstellungen und Theorien zur Entstehung von Schemata und ihrer Veränderung gegenüberzustellen (siehe Abschnitt 3 Entstehung und 4 Veränderung). Normalerweise wird davon ausgegangen, dass Schemata „ ... resistent gegenüber Veränderungen seien ...“ (Schwarz 1985: 284) und „ ... im Laufe konkreter Erfahrungen ... “ (ebenda: 285) gelernt werden. Natürlich gibt es aber auch Evidenz dafür, dass Schemata sich ändern. Ebenso gibt es Hinweise auf bereits angeborene schematische Wissensbestände und das Erlernen von Schemata wird ebenfalls kontrovers diskutiert.

Im Endeffekt läuft die Frage nach Entstehung und Veränderung darauf hinaus, wie schematische Wissensbestände im Gehirn repräsentiert werden. Auch hier existieren kontroverse Sichtweisen. Ihnen widmet sich Abschnitt 5 Repräsentation.

In Abschnitt 6 Das Mode Modell wird in Kürze eine Theorie vorgestellt, die sozusagen die Verbindung zwischen der eher psychologisch orientierter Schematheorie und der eher an Handlungen und deren (aggregierten) Folgen orientierten Soziologie herstellt. Genauer gesagt werden Vorhersagen über die konkreten Auswirkungen von schematischen Wissensbeständen auf das Handeln gemacht.

2. Begriffsklärung

Die Begriffsklärung scheint bei diesem Thema sehr wichtig. Es sollen die zentralen Eigenschaften von Schemata, die für diese Arbeit angenommen werden, kurz dargestellt. Dann wird die Vielzahl von verschiedenen Begriffen für annähernd das gleiche Konzept, die von verschiedenen Autoren verwendet werden, in einer Art Begriffslandkarte kurz dargestellt.

2.1 Eigenschaften von Schemata

Nach Augoustinous & Walker (1995: 32) stammt die Schema Theorie zu großen Teilen aus der „mainstream cognitive science“. Ein Schema lässt sich demnach wie folgt definieren:

„A schema is conceptualized as a mental structure which contains general expectations and knowledge of the world. This may include general expectations about people, social roles, events and how to behave in certain situations. Schema theory suggests that we use such mental structures to select and process incoming information from the social environment.“
(Augoustinous & Walker 1995: 32; Hervorhebungen nicht im Original)

Folgende zentrale Eigenschaften können aus dieser Definition abgeleitet werden (vergleiche auch Stocké 2002: 67): Es handelt sich bei Schemata um generelle, also allgemeine sich auf verschiedene Gegenstände (Menschen, Ereignisse, Situationen) beziehende, Erwartungen und Wissensbestände. Sie haben normativen Charakter („...how to behave...“) und wirken sich auf das Verhalten aus („... in certain situations ...“).

Damit lassen sich Schemata in das Seminar „Institutionen” einordnen. Nach Esser (2000) werden Institutionen wie folgt definiert:

Eine Institution sei – ganz knapp und allgemein gesagt - eine Erwartung über die Einhaltung bestimmter Regeln, die verbindliche Geltung beanspruchen.
(Esser 2000: 2)

Somit sind Schemata als eine Form von Institutionen zu sehen. Der Unterschied besteht in der „... milden Form der Institutionalisierung.“ (Esser 2000: 201). Sie beanspruchen also nicht in dem Maße Geltung wie zum Beispiel eine 5%-Klausel.

Die konkrete Bedeutung von Schemata für das Handeln und den Annahmen, wie die Definition der Situation durch schematisches Wissen beeinflusst wird, werden in Abschnitt 6 Das Mode-Modell vorgestellt.

An dieser Stelle soll aber noch ein „Widerspruch“ (gefunden bei Esser 2000: 303ff.) näher erläutert werden: Schemata wird eine hohe „Bindekraft“ zugesprochen. Sobald sie aktiviert sind, ist der Akteur in ihnen gefangen (vgl. Esser 2000: 203, 207). Auch für Skripte – eine spezifischer Schematyp wie in 2.2 „Begriffslandkarte“ noch dargelegt werden wird (siehe unten) – wird ein ähnlicher Automatismus angenommen. Die Aktivierung findet automatisch, ohne Nachdenken statt und ist sogar „durch die Auslösung tiefer Emotionen unterstützt“ (Esser 2000: 208). Ein Schema wird also aktiviert und läuft danach automatisch ab, ohne Nachdenken. Hierbei wird auch der Begriff „commitment“ – Verpflichtung – ins Spiel gebracht (ebenda: 208). Diese Annahmen decken sich mit den üblichen Annahmen der Sozialpsychologie. Hier wird davon ausgegangen, dass schematische Wissensbestände eine effiziente schnelle Verarbeitung ermöglichen ohne viel Aufmerksamkeit zu beanspruchen (vgl. zum Beispiel Schwarz 1985: 279). Bei Fiske & Taylor (1984: 99) findet sich sogar die Formulierung „... impact of schemas (...) that is mostly preconscious ...“. Der Einfluss von Schemas ist also weitgehend unbewusst.

Der Wiederspruch: Einige Seiten später im Unterkapitel „Die Wahl des Drehbuches“ (vgl. Esser 2000: 210f.) wird dieser automatische Prozess aufgeteilt und zwar erstens in die unwillkürliche kognitive Aktivierung des sozialen Drehbuches. Die Aktivierung führt aber zweitens nicht automatisch zum Handeln. Dazu muss erst in das Skript eingetreten werden. Und dieser Eintritt findet dann – auf einmal – nicht mehr automatisch statt, sondern rational nach dem höchsten erwarteten Nutzen?

„Dieser Schritt stellt einen besonderen Akt der Entscheidung dar, bei dem es ganz ohne Zweifel um ‚ Problemlösung’ geht“

„Es werden solche sozialen Regeln, Drehbücher, Sinnwelten und Situations-Definitionen gewählt, die die höchste ‚Bedeutung’ für den Akteur haben. Und das ist nichts anderes als das höchste EU-Gewicht...“
(Esser 2000: 211; Hervorhebungen nicht im Original)

Dieser an dieser Stelle nicht sehr ausführlich beschriebene und zum Teil widersprüchlich formulierte[2] zweistufige Prozess wird deutlicher, wenn man das Modell des Framings einer Situation (MdFS, Esser 2001: 259ff.), auf das am Ende des Abschnittes verwiesen wird, genauer betrachtet. Hier findet sich der Hinweis, dass die angesprochene Wert-Er­wart­ungs­theorie (EU-Gewicht, s.o.) nur formal einer rationalen Handlungstheorie entspricht, substanziell aber nicht davon ausgeht, dass „Akteure irgendwie ‚bewußt’ kalkulieren oder ‚perfekt’ informiert sein müssen ...“ (Esser 2001: 269).

Nichts desto trotz wird eine Entscheidung fällig und diese findet nicht automatisch, wenn auch nicht rational – wie zuerst vermutet – statt. Bei weiterer Betrachtung des Modells der Frame Selektion (auf dessen Vorstellung hier aus Platzgründen verzichtet wird[3] ) wird der „zweistufige“ Prozess noch unverständlicher. Es wird davon ausgegangen, dass die Anwendung von Schemata zum Typus des reflexhaften Handelns führt. Hier wird von automatischer Frame- (gemeint ist die Selektion des Bezugsrahmens) und Skript- (gemeint ist eine Handlungssequenz) Selektion ausgegangen. Also auch hier wird keine Entscheidung im zweiten Schritt – sei sie nun in irgend einer Form rational oder nicht – postuliert.

Die Lösung dieses Widerspruches könnte darin liegen, dass hier die Definition der Situation als schemabasierte Selektion gemeint ist und die Auswahl der Handlungsalternative dann als nicht mehr schemabasiert angenommen wird.

2.2 „Begriffslandkarte“

Die kurze Übersicht über die wichtigsten Unterformen bzw. Arten von Schemata stützt sich hier insbesondere auf folgende Autoren: Augoustinous & Walker (1995: 36ff.), Schwarz (1985: 272ff.) und Esser (2000: 199ff.). Es werden je nach Inhalt und Anwendungsgegenstand verschieden Schematypen unterschieden.

Am bekanntesten sind wohl Schemata über Personen. Sie sind vor allem in der Sozialpsychologie Untersuchungsgegenstand. Es wird zwischen konkreten Schemata über Personen, Schemata über Personengruppen (oder auch Stereotype) und dem Wissen über Personeneigenschaften unterschieden. Ein weiterer Typus der sich in die Klasse der Personenschemata einordnen lässt, sind Schemata über das Selbst. Personenschemata unterscheiden sich von Ereignisschemata durch ihren relativ geringen Grad an innerer Struktur. Professoren werden zum Beispiel bestimmte Eigenschaften zugeschrieben, die aber lose nebeneinander stehen und nicht zeitlich verbunden sind.

Schemata über Ereignisse oder auch soziale Drehbücher – nach Abelson (1967) auch Skripte genannt - sind eine weitere gut untersuchte Form von Schemata. Ihre Besonderheit ist in der zeitlich und räumlich Ordnung zu sehen. Das am meisten zitierte Ereignisschemata: das „Restaurantskript“ gibt zum Beispiel eine klare zeitliche Struktur vor: Bestellen – Essen - Zahlen.

In dieser Arbeit sollen aber generelle Aussagen über den Erwerb, die Veränderung und die Repräsentation von Schemata gemacht werden. Aus diesem Grund werden hier die Unterschiede zwischen verschiedenen Schematypen kurz erläutert. Der Rest der Ausführungen bezieht sich auf Schemata im Allgemeinen, auch wenn bei Beispielen und Theorien die vom jeweiligen Autor verwendeten Begriffe genutzt werden (Schemata, Frame, Prototypen, Kategorien).

3. Entstehung von Schemata

Woher kommen Schemata? Werden sie als kulturelles Wissen im Sozialisationsprozess gelernt (siehe Abschnitt 3.1) oder sind schematische Wissensbestände bereits angeboren und werden einfach nur noch durch spezifische Situationen aktiviert (siehe Abschnitt 3.2).

3.1 Lerntheoretische Modelle?

Es wird generell davon ausgegangen, dass Schemata durch direkte oder indirekte Erfahrung mit der sozialen Umwelt gelernt bzw. erworben werden (Augoustinos & Walker 1995: 51). Über den Prozess an sich ist wenig bekannt; es werden aber hypothetische Prozesse des Schemaerwerbes beschrieben. Rumelhart & Norman (1978, nach Augoustinos & Walker 1995) gehen zum Beispiel davon aus, dass drei Prozesse vorliegen: erstens der „Zuwachs“, in dem Gedächtnisspuren geformt und gespeichert werden. Zweitens die „Optimierung“, in dem existierende Schemas verfeinert werden und zwar dadurch, dass sie besser an Erfahrungen angepasst werden. Als letzten Schritt nennen sie die „Umstrukturierung“, die neue Schemata mittels musterhafter Generalisierung erzeugt.

3.1.1 Basis für Schemata oder „Was wird gelernt“

Hier sind zwei konkurrierende Hypothesen zu nennen. Die „kernel of truth“-Hypothese nimmt an, dass die Grundlage für Schemata wahre Unterschiede in der Verteilung bestimmter Eigenschaften auf verschiedene Kategorien sind. Eine Gegenhypothese ist das Konzept der „Illusorischen Korrelation“; hier wird davon ausgegangen, dass es auch ohne reale Unterschiede zu Kategorisierungen kommen kann.

Bei der Entstehung von Geschlechtsstereotypen wird zum Beispiel angenommen, dass kleine Geschlechtsunterschiede (zum Beispiel im Zuhören oder den Einparkfähigkeiten) durch die kontrastierenden gesellschaftlichen Rollen (die von Männern) und Frauen eingenommen werden) in der Vorstellung übertrieben werden. In diesem eher rollentheoretischen Ansatz wird also ein wahrer Kern durch eine illusorische Korrelation übertrieben.

[...]


[1] Dies zeigt sich auch darin, dass ziemlich jede Bibliographie, jedes Hand- oder Lehrbuch der kognitiven Psychologie bzw. der Sozialpsychologie ein Kapitel über „Categorial Processing“, Schemata oder eben stereotype Wahrnehmung enthält (zumindest alle hier zitierten).

[2] Gemeint ist die unklare Benutzung von „Skript“ und „Sozialem Drehbuch“. Auf Seite 202 wird es als gleich eingeführt; auf Seite 210 offensichtlich als zwei verschiedene Konzepte: „Der erste ist die oben bereits behandelte kognitive Aktivierung des sozialen Drehbuches. Aktiviert werden die Skripte, die auf der Grundlage der in einer Situation erkennbaren Objekte und Symbole für den Akteur ‚verständlich’ (...) sind“ (Esser 2000: 202ff.) Ein Drehbuch wird also automatisch aktiviert, danach wird zielgerichtet ein Skript ausgewählt. Verwirrend – auf den ersten Blick.

[3] Es ist aus der Vorlesung bekannt, bzw. kann in Esser Band 6: Sinn und Kultur, Kapitel 7 „Die Selektion des Bezugsrahmens“ nachgelesen werden.

Ende der Leseprobe aus 24 Seiten

Details

Titel
Zu "Warum Männer nicht zuhören und Frauen nicht einparken können"
Untertitel
Schemata Skripte und mentale Modelle; Enstehung, Änderung und Repräsentation
Hochschule
Universität Mannheim  (FB Soziologie)
Veranstaltung
Institutionen
Note
1.0 (sehr gut)
Autor
Jahr
2002
Seiten
24
Katalognummer
V13966
ISBN (eBook)
9783638194853
ISBN (Buch)
9783656898962
Dateigröße
565 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Warum, Männer, Frauen, Institutionen
Arbeit zitieren
Christian Hunkler (Autor), 2002, Zu "Warum Männer nicht zuhören und Frauen nicht einparken können", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/13966

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